Geschichte und Bedeutung des Tortenwurfs ins Gesicht

Als Tortenwurf bezeichnet man den Wurf einer Torte ins Gesicht eines Menschen mit dem Ziel, das Opfer der Lächerlichkeit preiszugeben. Bei solchen Tortenwürfen ist zwischen einem in Slapstick-Komödien verwendeten so genannten „Tortengag“ und einem politischen „Tortenattentat“ bzw. einer „Tortung“ zu unterscheiden. Wirft eine größere Anzahl an Leuten gleichzeitig mit Torten, wird dies als „Tortenschlacht“ bezeichnet.

Das Phänomen ist ausschließlich in Ländern bzw. Regionen verbreitet, in denen weder Nahrungsmittelknappheit noch Hunger präsent sind. Der Tortenwurf sei erst in einer „Überflussgesellschaft“ möglich geworden, denn in Zeiten von Lebensmittelknappheit habe es keine derartige Verschwendung von Lebensmitteln geben können. Diese Protestform zeichne sich laut dem Protest- und Bewegungsforscher Dieter Rucht durch die Provokation einer möglichst bildgewaltigen Reaktion der Schadenfreude beim Publikum aus - wobei die angegriffene Person durch die Torte eine „ironische Gabe“ erhalte.

Filmgeschichte und kulturelle Wurzeln

Tortenwürfe in Gesichter wurden von der frühen Stummfilmzeit bis weit in die Epoche des Tonfilms hinein als regelmäßiges und damals auch effektives Element filmischen Slapsticks eingesetzt, unter anderen in den Werken der Marx Brothers, von Stan Laurel und Oliver Hardy sowie später auch von Jerry Lewis. Als erste filmische Verarbeitung des Tortengags gilt der Film „Mr. Flip“ mit Ben Turpin. Im Film „Die Schlacht des Jahrhunderts“ von 1927 mit Stan Laurel und Oliver Hardy wurde eine bis dahin beispiellose Tortenschlacht dargestellt, bei der für die Dreharbeiten 3000 Torten hergestellt wurden.

Auch im Varieté des 19. Jahrhunderts sind gelegentlich Torten geworfen worden, und das Motiv mit seiner vorgeblichen Komik war dem Publikum auch von Wurfbuden auf Jahrmärkten bekannt. Im Lauf der Jahre wurde dieses Motiv so stark beansprucht, dass Rezipienten den Tortenwurf als klischeeartiges Stilmittel juvenilen Brachialhumors wahrzunehmen lernten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ziehen Filmemacher Tortenwürfe daher praktisch nur noch als Hommage oder als eine Art ironisches Bekenntnis zur eigenen künstlerischen Anspruchslosigkeit heran.

Stummfilm-Slapstick: Tortenwurf-Szene

Vom Slapstick zur politischen Aktion: Tortung als Protestform

Unter „Tortenattentat“ oder „Tortung“ versteht man einen Akt handgreiflicher Aktionskunst oder handgreiflichen politischen Protest, bei dem eine Person des öffentlichen Lebens mit einer Torte beworfen wird oder diese ins Gesicht gedrückt bekommt. Das Wort „Tortung“ ist allerdings hauptsächlich in Österreich gebräuchlich. Die französische Sprache kennt die Begriffe „entarteur“ und „entartiste“ für den Urheber eines Tortenattentats. Im Englischen wird „pieing“ verwendet.

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Tortenwürfe als Mittel der Bloßstellung von Menschen sind bereits für die 1960er Jahre dokumentiert. Für Deutschland ist die Torte als politisches Kampfmittel bis zum Jahr 1968 zurückverfolgbar: Damals hielt sich Fritz Teufel anlässlich der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) in Hannover auf und wollte mit Kommilitonen ein Café besuchen. Der Besitzer des Cafés verweigerte ihnen jedoch den Eintritt. Er rief die Polizei, die Unerwünschten stahlen die Auslage des Cafés, die aus zahlreichen Torten bestand, und verwendeten sie als Wurfgeschosse.

Der erste einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordene politisch motivierte Tortenwurf war der des belgischen Komikers Noël Godin gegen die französische Schriftstellerin und Filmregisseurin Marguerite Duras 1969. Der Medienerfolg seiner Aktion ermutigte Godin dazu, die Tortung zu seinem künstlerischen Markenzeichen machen. Godins bisher häufigstes Ziel war der Philosoph und Jetsetter Bernard-Henri Lévy. Mit einer Mehrfachtortung des Softwaremagnaten Bill Gates erlangte eine von Godin angeführte Tortergruppe 1998 schließlich internationale Bekanntheit.

Noël Godin und die „entartage“: Tortungen gegen Prominente

Moderne politische Tortungen: Motive und Wirkung

Warum werden PolitikerInnen Opfer von Lebensmittelattentaten? Die Hintergründe aktueller Tortenwürfe liegen oft in der öffentlichen Aushandlung politischer Themen, etwa der Flüchtlingspolitik. Die Verwendung des Tortenwurfs als politische Protestform kann in Deutschland als unkonventionelle Partizipationsform politischer Gewalt (gegen Personen) eingeordnet werden. Seine besondere Dynamik im Vergleich zu anderen Protestformen gewinnt er durch den vermehrten Einsatz von sozialen Medien beim symbolisch-körperlichen Angriff, der die PolitikerInnen in aller Öffentlichkeit bloßstellt.

Folgt man Ruchts Ansicht, können solche Attacken als hochgradig massenwirksam bezeichnet werden: Sie werden oft von einem Projektblog bzw. einem Flugblatt flankiert und erzielen durch das Echo der Bilder in Massenmedien und Social Media eine breite Wirkung. Das Thema der Flüchtlingskrise trägt neben der Wahl der Protestform zu dieser Wirkung bei - auch wenn die Tortungen überwiegend scharf verurteilt worden sind.

Beispiele aus jüngerer Zeit

Im Kontext der gegenwärtigen Flüchtlingskrise sind PolitikerInnen erneut Opfer von Tortenattentaten (auch „Tortungen“ genannt) geworden: So trafen die AfD-Funktionäre Beatrix von Storch und Albrecht Glaeser am 28. Februar 2016 in Kassel zwei Sahnetorten, während die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, am 28. Mai 2016 auf dem Magdeburger Bundesparteitag mit einer Schokoladentorte beworfen wurde. Die AfD-Politikerin war im Februar von einem als Clown verkleideten Mann mit einer Torte beworfen worden.

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Kurz nach Beginn des Linken-Parteitags in Magdeburg ist es zu einem Eklat gekommen. Fraktions-Chefin Sahra Wagenknecht ist mit einer Torte beworfen worden. Ein junger Mann drängte sich laut Augenzeugen vor die erste Reihe, in der Wagenknecht saß, und warf ihr eine braune Cremetorte direkt ins Gesicht. Wagenknecht beugte sich voller Tortenreste im gesamten Gesicht leicht nach vorne. Die danebensitzende Parteichefin Katja Kipping und Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch schirmten Wagenknecht umgehend ab. Bartsch begleitete sie durch einen Seitenausgang aus der Halle. Dort sammelte sich Wagenknecht erst einmal und entfernte die gröbsten Spuren.

Die Tortenwerfer haben sich als „antifaschistische Initiative Torten für Menschenfeinde“ bekannt. In ausgeteilten Flugblättern heißt es, Wagenknecht und die AfD-Politikerin Beatrix von Storch teilten nicht nur die Torte ins Gesicht. In dem Flugblatt wird Wagenknecht vorgeworfen, sie sei wie die AfD bemüht, den "Volkszorn" in politische Forderungen zu übersetzen. Zwischen AfD und Linken gebe es einen "nationalen Konsens".

Magdeburg: Szene nach dem Tortenwurf gegen Sahra Wagenknecht

Die Parteispitze verurteilte den Angriff scharf. Gewalt sei kein Mittel der Auseinandersetzung, sagte Riexinger. Bartsch nannte die Attacke "asozial", "hinterhältig" und "dumm". Die Linke reagiert mit Entrüstung: Parteichefin Katja Kipping nannte sie einen „Angriff auf uns alle“. Sachsens Grünen-Chef Jürgen Kasek sagte hingegen, der Aufschrei zeige, dass der Tortenwerfer „ins Schwarze getroffen“ habe.

Rechtliche Einordnung und Konsequenzen

Rechtlich gesehen stellt ein erfolgreicher Tortenwurf eine Beleidigung dar. Bei einem Tortenwurf trifft die Beleidigung mit einer unmittelbar auf den Körper gerichteten Einwirkung zusammen („tätliche Beleidigung“). Somit liegt häufig - aber nicht notwendig - eine Körperverletzung vor, die in Tateinheit zur Beleidigung steht. Ein weiteres mögliches Delikt könnte der Hausfriedensbruch sein.

In der Schweiz gilt das Bewerfen einer Person mit einer Torte als Tätlichkeit und ist strafbar, falls Anzeige erstattet wird. Dabei muss der Tortenwurf für eine Bestrafung keinerlei beleidigenden Charakter haben. Der Tortenwerfer auf Ba-Wü-Innenminister Gall etwa musste 1.000 Euro Geldstrafe zahlen. Dazu kamen 1.300 Euro Schmerzensgeld für Galls Personenschützer, der sich beim Einschreiten verletzte. Eine Studentin, die im November eine Torte auf Beatrix von Storch warf, wählte statt Geldstrafe zwei Wochen Haft.

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Internationale Fälle und Variationen

Lebensmittelattentate gegen Politiker sind dabei nichts Neues: So traf es bereits hochrangige Politiker wie den Ex-Bundeskanzler Kohl 1991, 1996 und 2000 oder den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff 2011, jeweils mit Geschossen wie Eiern oder Windbeuteln. Michael O’Leary, Vorsitzender der Billigfluggesellschaft Ryanair, wurde getortet, Rupert Murdoch wurde 2011 mit einer Rasierschaumtorte beworfen, und der russische Regierungsgegner Alexej Nawalny wurde 2016 vor seinem Büro getortet.

In den USA gab es mit der „Biotic Baking Brigade“ eine eigene Vereinigung, in England prüfte eine Lebensmittelkette wegen wiederholter Attacken die Verletzungsgefahr ihrer Sahnetorten, und in Frankreich rühmt sich Noël Godin, in den letzten Jahrzehnten dutzende Politiker und Prominente getortet zu haben, darunter Bill Gates oder Nicolas Sarkozy.

Internationale Tortungs-Ikonen: Bill Gates und andere Opfer

Wirkungen, Kritik und Perspektiven

Die Wirkung von Tortungen beruht auf der Kombination aus öffentlicher Bloßstellung, medialer Verbreitung und symbolischer Dramaturgie. Sie erzeugen Bilder, die leicht viral gehen, und provozieren Debatten über Grenzen des politischen Protests. Dass diese Vorkommnisse ein Indiz für einen steigenden Respektverlust gegenüber PolitikerInnen darstellen, kann jedoch bezweifelt werden: Fehlender Respekt gegenüber PolitikerInnen ist kein neues Phänomen; jedoch tritt er infolge tagespolitischer Themen wie der Flüchtlingsthematik erneut und verstärkt hervor.

Was bedeuten diese Beispiele nun für die Eignung von Tortungen als einer politischen Protestform? Es konnte gezeigt werden, dass der Tortenwurf als politische Protestform einen vergleichsweise neuartigen Charakter besitzt. Seine besondere Dynamik gewinnt er durch das mediale Echo und die Bildstärke, die oft die beabsichtigte breite Wirkung der Aktivisten erzielt. Gleichwohl wurden Tortungen überwiegend scharf verurteilt, und rechtliche Konsequenzen für Täter sind möglich.

Tabelle: Auswahl bekannter Tortenattentate

Jahr / Fall Zielperson Kontext
1969 Marguerite Duras Erster medienwirksamer politischer Tortenwurf (Noël Godin)
1998 Bill Gates Mehrfachtortung durch Godin-Gruppe
2016 Feb. Beatrix von Storch AfD-Politikerin in Kassel, Aktion von Peng!
2016 Mai Sahra Wagenknecht Magdeburger Linken-Parteitag, Schokoladentorte ins Gesicht
2011 Christian Wulff Eierwurf / Lebensmittelattacke
Dokumentation: Geschichte des Tortenwurfs in Politik und Kultur

Die Debatte zeigt: Der Tortenwurf bleibt ein ambivalentes Phänomen an der Schnittstelle von Humor, Aktionismus und Gewalt. Als Protestform erzeugt er mediale Aufmerksamkeit und symbolische Bloßstellung, aber er ruft auch rechtliche und ethische Gegenreaktionen hervor. Ob als Teil einer politischen Strategie oder als isolierte Aktionskunst - die Geschichte des Tortenwurfs ist eng verknüpft mit gesellschaftlichen Konflikten, öffentlichen Diskursen und der Entwicklung moderner Protestkultur.

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