Die Geschichte und Tradition der Schokoladenhersteller in Hannover

Hannover ist weit mehr als nur Landeshauptstadt: Die Stadt steht für kulinarische Tradition, außergewöhnliche Unternehmensgeschichten und ihre ganz eigene Schokoladenkultur. Insbesondere die Schokoladenhersteller Sprengel und Güse prägten Generationen, festigten den Ruf der Region und leben vielfältig in Erinnerung und Genuss bis in die Gegenwart fort.

Die süße Erfolgsgeschichte Hannovers begann 1851 in Hamburg-Harburg, als Carl August Bernhard Sprengel gemeinsam mit seinem Bruder Otto und dem Kompagnon Heinrich Brandes die Dampf-Chocoladen-Fabrik B. Sprengel & Co. gründete. Nur zwei Jahre später siedelte die Firma nach Hannover über - ein Schritt, der die Stadt für rund 150 Jahre zum Zentrum herausragender Schokoladenproduktion machen sollte.

Historisches Foto der Sprengel-Fabrik

Aufstieg eines Traditionsunternehmens: Vom Hoflieferanten zum Markenzeichen

Die ab 1853 in Hannover ansässige „B. Sprengel & Co. Fabrication von Chocolade, Bonbons u. Conditoreiwaren“ ist ein Musterbeispiel für Aufstieg und Niedergang eines hannoverschen Traditionsunternehmens. Bereits 1893 erhielt die Firma das begehrte Prädikat „Hof-Chocolade-Fabrikant“. Beliefert wurden der Königshof an der Leine und später sogar der Hof in Berlin.

Zum Markenzeichen wurde der Bienenkorb, der am 19.07.1898 zum Patent angemeldet wurde. Mit der Schaffung von Pralinen, Schokoladentafeln, Bonbons und Dragées entwickelte sich Sprengel zu einem der bedeutendsten Schokoladenproduzenten Deutschlands. Der Markenname „Die echte Sprengel“ stand - ob in Vollmilch, Zartbitter, Edel Nougat oder den legendären Erfrischungsstäbchen mit Orangen- oder Zitronensirup - für Qualität und Genuss in vielen Haushalten.

Meilensteine der Sprengel-Firmengeschichte

  • 1851: Gründung als Dampf-Chocoladen-Fabrik in Harburg.
  • 1853: Umzug nach Hannover.
  • 1855: Eröffnung des ersten Ladengeschäfts in der Georgstraße 24.
  • 1893: Erhalt des Prädikats „Hof-Chocolade-Fabrikant“.
  • 1931: Verlagerung des Fokus auf Pralinengeschäft.
  • 1967: Einstieg von Nabisco, später Übergang zu Stollwerck.
  • 1980: Schließung des Sprengel-Stammwerks in der Nordstadt.
  • 2001: Letzte Produktion in Hannover-Vinnhorst endet.
Zeitleiste der Sprengel-Geschichte

Arbeitsleben und soziales Engagement

Der Aufstieg Sprengels war immer auch mit dem Engagement für die Belegschaft verbunden. Das familiengeführte Unternehmen zeichnete sich besonders durch soziale Einrichtungen wie Werkswohnungen, Betriebskrankenkasse, Werkskindergarten und Werksküche sowie die Zahlung von Weihnachtsgeldern und Gratifikationen aus. „Wir haben malocht wie verrückt“, beschreibt ein ehemaliger Mitarbeiter seine 60-Stunden-Woche in den dreißiger Jahren. Am Anfang wurden Schokolade und Pralinen mit Pferdewagen ausgeliefert, bis moderne Maschinen die Arbeit und den Vertrieb revolutionierten.

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Mit der Wirtschaftsgeschichte Hannovers ist der Firmenname so eng verknüpft wie die Traditionsmarken „Hanomag“, „Appel“ oder „Bahlsen“. Sprengel bleibt für viele Schokoladenfreunde ein Inbegriff von Güte und Qualität.

Schokoladenproduktion - historische Maschinen

Krisen, Kriege und Innovationen: Die bewegten Jahrzehnte

Mit der rund 150-jährigen Unternehmensgeschichte hat Sprengel große Krisen und Kriege des 20. Jahrhunderts durchgemacht, die sich in der bewegten Firmenhistorie niedergeschlagen haben. Während des Zweiten Weltkriegs produzierte das Unternehmen als Heereslieferantin „Scho-ka-kola“ und Wehrmachtsschokolade, in Friedenszeiten erlebte es eine neue Blüte und avancierte nach 1945 zum Marktführer.

In den Wirtschaftswunderjahren nach Kriegsende wurde Sprengel zum Marktführer, 1967 beteiligte sich der US-amerikanische Lebensmittelkonzern Nabisco am Süßwarenhersteller aus Hannover, der 1979 vom Kölner Schokoladenkonkurrenten Stollwerck aufgekauft wurde. Die Jahre nach 1945 brachten mit Pralinen, Tafeln und legendären Erfrischungsstäbchen eine weitere Blütezeit.

Für die hannoversche Schokoladenfabrik Sprengel waren die seit 1924 hergestellten India-Pralinen ein Bestseller. Der Markenname und das exotische Werbemotiv sprachen zahlreiche Käufer an.

Werbemotive und historische Verpackungen

Sprengel - das Ende einer Ära und neue Wege

Bis 1980 produzierte der einst königliche Hoflieferant Sprengel in Hannover die weltbekannte süße 100 Gramm-Tafel mit dem Bienenkorb als Markenzeichen. Im Jahr darauf wird die Fabrik in der Nordstadt geschlossen, 2001 folgt das Werk im hannoverschen Stadtteil Vinnhorst. Das Werk im Stadtteil Vinnhorst hat im Sommer 2001 endgültig die Tore geschlossen.

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Nach dem Verkauf der Firma stiftete der letzte Inhaber Dr. Bernhard Sprengel „seiner“ Stadt das „Sprengel Museum“ für die internationale Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, das mittlerweile Weltruf genießt. Heute erinnert in Hannover noch ein Sprengel-Museum an den großen Schokoladen-Namen.

Ein Teil des Firmenarchivs stammt aus sieben Schenkungen aus dem Jahr 2016. Inhaltlich besteht der Bestand vorwiegend aus handschriftlich geführten Geschäfts- und Kassenbüchern, privaten Kassenbüchern, Eingangsrechnungen über Anschaffungen und Reparaturen von Maschinen sowie Instandhaltungsmaßnahmen. Viele dieser Zeitdokumente wurden durch ehemalige Mitarbeiter der Firma dem Stadtarchiv übergeben.

Hannovers Traditionshäuser und ihre Bedeutung für die Kultur

Beim Gedanken an Hannover denkt man an den Maschsee, König Ernst August und das Sprengel-Museum. Auch Traditionsmarken wie Bahlsen, Parlasca und die Holländische Kakao Stube haben in Hannover Wurzeln und tragen zur reichhaltigen Genuss-Kultur der Stadt bei. Die Schokoladenkultur spiegelt sich u. a. im Schokoladen Gourmet Festival wider, das Tradition und Gegenwart zusammenbringt.

Schokoladen Gourmet Festival Hannover

Die Linksalternative Nachgeschichte: Hausbesetzer, Kreativquartier und Wandel

Nach dem Verkauf 1980 standen die Gebäude auf dem stillgelegten Sprengel-Gelände lange leer und sollten abgerissen werden, um Platz für dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Diesen Plan durchkreuzten Hausbesetzer, die unter dem Motto „Wohnen und Arbeiten in alten Fabrikanlagen“ bereits neue Lebensmodelle verwirklichten. Die 16.000 Quadratmeter große Fabrik verwandelte sich mit kreativer Eigenleistung in Wohnraum, Ateliers, Werkstätten und Kneipen - zeitweise lebten hier bis zu 50 Menschen.

Künstler und Studenten schafften eine sehr kreative Stimmung auf dem Gelände, auch Pferde und Esel lebten eine Zeit lang hier. Straßenschlachten zwischen Punks, Jugendlichen und Polizei während der „Chaostage“ Anfang der Neunziger brachten bundesweite Aufmerksamkeit. Heute ist es ruhig und friedlich am ehemaligen Sprengel-Gelände; geblieben ist ein linksalternatives Wohnprojekt, in dem weiterhin rund 50 Menschen leben, davon zwei Drittel Frauen, von denen 90 Prozent berufstätig oder in Ausbildung sind.

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Kreativquartier Sprengel-Gelände heute

Schokoladentradition in Hannover - das Beispiel Güse

Doch die Schokoladentradition lebt auch abseits von Sprengel fort. Die kugeligen Pralinen von Güse sind weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und werden seit 1921 in Hannovers einziger Trüffelmanufaktur von Hand gefertigt. Im Familienbetrieb in der Südstadt entstehen nach den Originalrezepturen des Firmengründers Emil Güse rund 60 verschiedene Sorten köstlicher Kakao-Kunstwerke - ein Prozess in acht präzisen Arbeitsschritten.

Arbeitsschritt Beschreibung
1 Beste Kuvertüre, Fondant, Butter und geheime Zutaten werden zum Trüffelkern vermengt.
2 Die Masse wird auf Bleche gestrichen und gekühlt.
3 Die harte Masse wird ausgerollt und in kleine Würfel geschnitten.
4 Die Würfel werden zu runden Trüffelkernen gerollt.
5 Die Trüffelkerne werden erneut gekühlt.
6 Erster Überzug mit Kuvertüre.
7 Nach weiterem Kühlen folgt ein zweiter Überzug.
8 Verzierung: Streifen, Punkte oder das Wälzen in Puderzucker/Kakaopulver.

Naschkatzen und Genießer wissen, dass eine Trüffel-Praline keinen echten Trüffel enthält. Sie verdankt ihren Namen und die Form dem berühmten Waldpilz. Die Trüffelmanufaktur Güse produziert bis heute von Hand und experimentiert sogar mit Kreationen in Zusammenarbeit mit regionalen Sterneköchen.

Manufaktur Güse - handgemachte Trüffelproduktion

Tradition im Wandel und Gegenwart: Das Schokoladen Gourmet Festival und neue Kreationen

Beim Festival geht es um das Wiederbeleben und Erleben des Schokoladen-Erbes durch edelste Schokoladen-Kultur. Neben Vorträgen, Demonstrationen wie dem traditionellen Conchieren und Schokotastings werden auch mutige Neuheiten entwickelt - zum Beispiel die preisgekrönte „Lüttje Lage-Schokolade“, die das typische hannoversche Bier-Korn-Getränk in Schokoladenform überträgt und bei den International Chocolate Awards 2014 und 2015 als beste gefüllte Schokolade in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet wurde.

Es ist wichtig, Traditionen fortzuführen, denn sie beinhaltet unsere Kultur. Genau darauf liegt der Fokus des Schokoladen Gourmet Festivals: Vergangenheit und Gegenwart durch Genuss und Innovation zu verbinden.

Lüttje Lage-Schokolade, Gewinner der International Chocolate Awards

Das Vermächtnis: Wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung

An Hannovers Traditionsfirma erinnern sich nicht nur die Genießer feiner Schokolade, sondern auch ehemalige Mitarbeiter mit Wehmut. Karl Scharf, der 45 Jahre bei Sprengel arbeitete, erinnert sich etwa: „Eine Tafel Schokolade war früher so viel wert wie zwei Stunden Arbeit.“ Die Veränderungen von Technik, Arbeitszeit, Lohn und Sozialleistungen spiegeln den grundlegenden Wandel wider, den das Unternehmen - und mit ihm die Stadt - durchlaufen haben.

Kristina Huttenlocher hat mit ihrem Buch „Sprengel. Die Geschichte der Schokoladenfabrik“ die Historie und Bedeutung des lokalen Unternehmens aufgearbeitet und dokumentiert. Die Präsentation dieses Buches im Sprengel-Kino, sowie zahlreiche Lesungen und Diskussionen, zeigen das ungebrochene Interesse der Öffentlichkeit an der einzigartigen Geschichte der hannoverschen Schokoladenmanufakturen.

Buchvorstellung „Sprengel. Die Geschichte der Schokoladenfabrik“
Historische Werbeanzeigen und Stadtansicht Hannovers

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