Pistazien-Schokolade-Trend: Vom Social-Media-Hype zur etablierten Premium-Zutat

Eine Schokolade aus Dubai, die mit Pistaziencreme und knusprigen Teigfäden gefüllt ist, hat sich in den sozialen Medien zu einem Statussymbol entwickelt. Was einst als exklusive Delikatesse begann, hat sich zu einem globalen Trend entwickelt, der die Nachfrage nach Pistazien weltweit in die Höhe treibt und gleichzeitig Fragen nach Nachhaltigkeit und Verbraucherschutz aufwirft.

Der Ursprung des Hypes: Eine Schokolade erobert die Welt

Die Geschichte der Dubai-Schokolade beginnt im Jahr 2022 in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sarah Hamouda, Gründerin der Manufaktur "Fix Dessert Chocolatier" in Dubai, entwickelte während ihrer Schwangerschaft eine besondere Kreation, als sie auf der Suche nach etwas war, das ihren Heißhunger stillen konnte. Sie experimentierte mit verschiedenen Kombinationen und kreierte schließlich eine Schokolade mit Pistaziencreme, Sesammus (Tahini) und feinen Teigfäden, die auch im türkischen Gebäck Baklava zu finden sind und wie Engelshaar aussehen.

Richtig bekannt wurde die Dubai-Schoki aber erst später. Food-Blogger teilten Videos der Süßigkeit in den sozialen Netzwerken, die millionenfach aufgerufen wurden und einen regelrechten Hype auslösten. "Es sieht so lecker aus, oh mein Gott.", oder: "Wer das nicht probiert - ihr macht was falsch.", hieß es in den Kommentaren.

Soziale Medien als Trendverstärker

"Der Hype um das Produkt wird angetrieben durch den starken Einfluss der sozialen Medien und die wachsende Sehnsucht bestimmter Konsumentengruppen nach exklusiven Genussmomenten und ihrer starken Trend-Orientierung", erklärt Tim Gensheimer, Markt- und Sozialforscher am SINUS-Institut. Der Fall der Dubai-Schokolade zeigt exemplarisch, wie soziale Medien heute Konsumtrends formen. "Ohne Social Media wäre dieser rasante Erfolg undenkbar", betont Gensheimer.

Ein hoher Preis steigert sogar das exklusive Erlebnis und verleiht dem Produkt zusätzlichen Status. Menschen stehen stundenlang Schlange, um eine Tafel Schokolade für 15 Euro zu bezahlen. Dieser Hype erinnert an frühere Food-Trends wie "Bubble Tea" oder "Cronut", die ebenfalls durch soziale Medien befeuert wurden.

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Die Dubai-Schokolade erobert den deutschen Markt

Im Herbst letzten Jahres sprangen Supermärkte und Discounter auf den Trend auf. Auch der Schokoladenhersteller Lindt lancierte Mitte November eine eigene Dubai-Schokolade für rund 15 Euro pro Tafel. Das führte zu langen Schlangen vor Filialen in Hamburg, Berlin oder Stuttgart. Mittlerweile gibt es sie sogar beim Discounter: Aldi, Lidl, Norma und Kaufland bieten Dubai-Schokolade an.

Schattenseiten des Pistazien-Booms

Der Hype um Dubai-Schokolade hat die Nachfrage nach Pistazien weltweit explodieren lassen. Doch der Anbau von Pistazien ist umweltschädlich: Hoher Wasserverbrauch, Monokulturen und lange Transportwege belasten die Umwelt massiv. Pistazienbäume gehören zu den durstigsten Nutzpflanzen der Welt. Für die Produktion eines einzigen Kilogramms Pistazien werden je nach Region zwischen 5.000 und 11.000 Liter Wasser benötigt. Besonders problematisch ist der Anbau in wasserarmen Regionen wie Kalifornien, das für rund 70 Prozent der weltweiten Pistazienproduktion verantwortlich ist.

Auch in Spanien, wo die Anbauflächen für Pistazien in den letzten zwölf Jahren drastisch ausgeweitet wurden, ist der Wasserbedarf ein riesiges Problem. Die intensive Produktion von Pistazien erfolgt meist in Monokulturen. Dadurch werden die Böden stark ausgelaugt, was die Abhängigkeit von chemischen Düngemitteln erhöht. Monokulturen erhöhen zudem das Risiko von Schädlingen und Krankheiten.

Nicht nur der Anbau, auch die Trocknung und Lagerung von Pistazien birgt Risiken. In einigen Anbauländern (z.B. dem Iran) werden Pistazien in der Sonne getrocknet. Auch wenn die kleinen Früchte nicht trocken genug gelagert werden, können sie von Schimmelpilzen befallen werden. Schimmelpilze können gefährliche Aflatoxine bilden: Aflatoxine sind giftig und können verschieden Krankheiten auslösen, Nieren und Leber schädigen, das Immunsystem beeinträchtigen und die Entstehung von Krebs begünstigen.

Kritik und Irritationen

Der Hype um die Dubai-Schokolade ist nicht ohne Kritik geblieben. Das Augsburger Institut für Generationenforschung ermittelte in seiner Trendstudie, dass 60 Prozent der Befragten nicht nochmal Dubai Schokolade kaufen wollen. Markensoziologe Oliver Errichiello erkennt es daran, "dass sozusagen jede Tankstelle inzwischen Dubai-Schokolade anbietet." Ein Hype ist ja, wenn man sich auch mal das anschaut, was es eigentlich bedeutet, eine hysterische Nachricht. Und das führt dazu, und das ist ein konsumpsychologischer Hintergrund, dass wir erst einmal neugierig sind". Aber diese Neugierde ebbe auch schnell wieder ab.

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Negativschlagzeilen tun das Ihrige. So hat jüngst das Landgericht Köln dem Discounter Aldi Süd den Verkauf seiner Dubai-Schokolade in einer einstweiligen Verfügung untersagt. Ein Konkurrent hatte geklagt, Aldis "Dubai Handmade Chocolate" stamme gar nicht aus Dubai. Johannes Richard, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz aus Rostock, hält das Urteil für richtig. "Also in dieser Entscheidung des Landgerichts Köln ging es darum, dass dem Vertreiber untersagt wurde, nicht nur den Begriff Dubai-Schokolade, sondern auch 'the taste of Dubai' oder 'mit einem Hauch von Dubai'" zu verwenden. "Und wenn das nicht aus Dubai kommt, dann gibt es auch keinen Hauch von Dubai."

Ein weiterer Aufreger: Einige Hersteller haben die Zutaten auf den Packungen nicht vollumfänglich angegeben - schlecht für Allergiker - oder statt der deklarierten Kakaobutter Palmöl verwendet. In anderen Proben fanden Lebensmittelkontrolleure Verunreinigungen, zum Beispiel mit Farbstoffen. Auch in Sachsen sind Lebensmittelüberprüfungen geplant. Für Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg war ein Schimmelfund in den Pistazienprodukten keine Überraschung. "Das größte Problem in Bezug auf Gesundheit sind natürlich eine mögliche Belastung durch Salmonellen oder im Besonderen durch Mykotoxine, die von Schimmelpilzen produziert werden und die sehr gefährlich für Menschen sind. Es gibt extra Verordnungen, dass die Importeure die Proben zuerst untersuchen lassen müssen, damit Pistazien überhaupt nach Deutschland oder nach Europa eingeführt werden können." Denn die Schimmelpilze könnten zu Leberschäden führen oder ein höheres Risiko für Krebs ergeben.

Das Ende des Hypes?

Markensoziologe Oliver Errichiello meint: "Jetzt, wo ohnehin dieser Hype seinen Höhepunkt erreicht hatte, glaube ich, dass das vielleicht nochmal so der letzte Todesstoß ist für eine Neuigkeit, die ohnehin jetzt mehr oder weniger langsam ausläuft". Der Hersteller Lindt hat den Preis mittlerweile um ein Drittel reduziert. Vereinzelt gibt es noch Dubai-Schokoladen in Supermärkten und Discountern zu kaufen.

Entscheidend für die Nachhaltigkeit des Trends wird sein, ob das Geschmackserlebnis die hohen Erwartungen erfüllt. Die Dubai-Schokolade ist mehr als nur ein Süßigkeiten-Trend. Sie ist ein Spiegel unserer Zeit, in der soziale Medien Konsumverhalten diktieren und das Erlebnis oft wichtiger ist als das Produkt selbst.

Nachhaltige Alternativen und bewusster Konsum

Wer nicht auf Pistazien verzichten möchte, sollte besser nicht zu den Billigangeboten greifen, sondern beim Kauf auf Bio-Qualität und im Idealfall Pistazien von kleinbäuerlichen Betrieben achten. Diese setzen oft auf nachhaltigere Anbaumethoden. Nachhaltiger als Pistazien sind heimische Nüsse wie Haselnüsse, Maronen und Walnüsse sowie Samen wie Kürbiskerne, Sonnenblumenkerne und Leinsamen.

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Verbraucher sollten skeptischer sein, wenn wieder ein neuer Trend ausgerufen wird. Oft ist eine gute Vermarktung alles, etwa ein luxuriöser Preis, ein spezieller Verkaufsort oder vermeintliche Produkttests durch beliebte Personen, die erst das Interesse für Dinge wecken und das Gefühl vermitteln, Dinge sofort zu benötigen. Manchmal ist man besser beraten, nicht jeden Hype mitzumachen und sich stattdessen entspannt zurückzulehnen und einmal tief durchzuatmen.

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