Ketogene Ernährung bei Krebs: Wirksamkeit, Studien und Empfehlungen

Die ketogene Ernährung ist eine extrem kohlenhydratarme, fett- und eiweißreiche Ernährungsform, die vor allem in den letzten Jahren in Zusammenhang mit der Prävention und Therapie von Krebserkrankungen diskutiert wurde. Sie basiert auf dem Konzept, durch den Verzicht auf Zucker und Kohlenhydrate die Versorgung von Krebszellen mit Energie zu erschweren und dadurch ihr Wachstum zu hemmen. Viele Krebspatienten stellen sich nach ihrer Diagnose die Frage: „Kann ich mit meiner Ernährung etwas gegen den Krebs tun?“ Die Ernährung hat tatsächlich eine Auswirkung auf den Krankheitsverlauf und kann die Therapie unterstützen sowie den Behandlungserfolg erhöhen. Doch welche Ernährung bei Krebs ist empfehlenswert und gibt es wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit der ketogenen Diät?

Biochemische Grundlagen: Der Warburg-Effekt

Viele Krebsdiäten basieren auf dem sogenannten Warburg-Effekt. Dieser zeigt, dass Tumorzellen für ihren Stoffwechsel keinen Sauerstoff benötigen wie bei einem normalen Verbrennungs-Stoffwechsel, sondern betreiben einen Vergärungs-Stoffwechsel. Für diese Energiegewinnung benötigen sie große Mengen an Kohlenhydraten, insbesondere Glukose. Tumorzellen verstoffwechseln Zucker nahezu ohne Sauerstoff (anaerobe Glykolyse) und nehmen bis zu 20-30-mal mehr Glucose auf als gesunde Zellen. Endprodukt dieser anaeroben Glykolyse ist Laktat, das Schutzfunktionen für die Tumorzellen ausübt. Der Stoffwechsel der Krebszellen verändert sich zudem zu ihren Gunsten, unter anderem durch Insulinresistenz und beschleunigten Proteinabbau.

Schema des Warburg-Effekts und Vergleich Stoffwechsel gesunder vs. Krebszellen

Ketogene Ernährung als Konzept

Auf dem Warburg-Effekt basiert das Konzept der ketogenen Diät: Sie streicht Kohlenhydrate und Zucker konsequent aus dem Speiseplan und setzt auf eine Ernährung mit viel Fett und Eiweiß. Bei einer extrem fettreichen, kohlenhydratarmen Ernährung bilden sich sogenannte Ketonkörper, die in hohen Konzentrationen die Glucoseaufnahme und -verwertung der Krebszellen hemmen und das Absterben der malignen Zellen bewirken könnten. Gleichzeitig verhindert die ketogene Ernährung den Eiweißabbau und damit den gefürchteten Muskelabbau (Wasting) bei Krebspatienten sowie das Auftreten von Insulinspitzen - Insulin und IGF1 gelten als Wachstumsförderer von Tumorzellen.

Zusammensetzung der ketogenen Diät bei Krebs

  • Ca. 10 Gramm Kohlenhydrate pro 1000 kcal
  • 70-75 Prozent der Kalorien als Fett, bevorzugt Omega-3-Fettsäuren (Leinöl, Fischöl)
  • 20-30 Prozent als mittelkettige Fette (MCT)
  • 21 Prozent der Kalorien als Protein
  • Geringe Mengen langkettige Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischen Index
Infografik Nährstoffzusammensetzung ketogene Diät bei Krebs

Wissenschaftliche Studienlage: Heterogenität und Grenzen

Zu ketogenen und kohlenhydratarmen Diäten liegen eine Reihe von Zell- und Tierexperimenten vor, die Ergebnisse sind jedoch heterogen. In einigen Experimenten konnte das Tumorwachstum verlangsamt werden, in anderen entwickelten sich stammzellartige Veränderungen und ein beschleunigtes Wachstum der Tumorzellen. Einzelbeobachtungen geben Anlass zur Hoffnung, dass diese Ernährungsform das Fortschreiten einer Tumorerkrankung aufhalten oder zumindest verlangsamen könnte. Beispielsweise wurde in Tierversuchen an Mäusen das Tumorwachstum bei Magenkrebs verlangsamt. An der Universität Würzburg wurde eine Studie mit Brustkrebspatientinnen durchgeführt, die an der Universität-Frauenklinik Mannheim fortgesetzt wird. Langzeitergebnisse einer solchen ketogenen Diät als Krebstherapie liegen allerdings bis heute nicht vor.

Bericht und Interview zu klinischen Studien ketogener Diät bei Krebspatienten

Seit mehreren Jahren werden Menschen mit Krebs Diäten angeboten, die zu einem unterschiedlichen Ausmaß kohlenhydratarm sind. In der klinischen Forschung sind die Ergebnisse teils widersprüchlich: Manche Studien deuten auf einen positiven Effekt der Coy-Diät (eine Weiterentwicklung der ketogenen Diät mit Hemmung des Enzyms TKTL1) bei Krebs hin, andere widerlegen oder differenzieren dies. Die Deutsche Krebsgesellschaft warnt explizit vor einer ketogenen Ernährung als Anti-Krebs-Diät, da abgesehen von Tierversuchen bislang keine klinischen Studien vorliegen, die einen Nutzen dieser Ernährungsform eindeutig belegen.

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Empfohlene Ernährung nach neuesten Erkenntnissen

Die bestmögliche Ernährung bei Krebskranken soll energie-, fett- und proteinreich und gleichzeitig eher kohlenhydratarm sein. Die Qualität und Zusammensetzung der Fette ist dabei entscheidend: Omega-3-Fettsäuren (Lein-, Raps-, Walnussöl, fetter Fisch) hemmen das Tumorwachstum und verbessern den Ernährungszustand, während Omega-6-Fettsäuren (Sonnenblumenöl, Arachidonsäure im Fleisch) das Tumorwachstum eher stimulieren können. Die individuelle Anpassung an die persönliche Verfassung des Patienten (z.B. Appetitlosigkeit, Geschmacksempfindung) ist das oberste Ziel der Ernährungstherapie.

Komponente Empfehlung für Krebspatienten Wirkung
Fett Mindestens 50 % der Nicht-Eiweißkalorien, bevorzugt Omega-3 Hemmt Tumorwachstum, Entzündungshemmend
Protein Mind. 21 % der Kalorien Erhalt Muskeleiweiß, verhindert Muskelschwund
Kohlenhydrate Weniger als 50 % der Gesamtenergie, bevorzugt langkettige Senkung Insulinspitzen

Risiken und Nebenwirkungen der ketogenen Diät bei Krebs

Aus ernährungstechnischer Sicht ist die ketogene Diät nicht empfehlenswert, da die Auswahl der Lebensmittel eingeschränkt wird und diese Ernährungsform zu Fehlernährung und daraus resultierenden Befindlichkeitsstörungen führen kann. Die bisher publizierten Studien zeigen zudem einige Nebenwirkungen mit Relevanz für Krebspatienten, darunter: Übelkeit, Appetitmangel, Gewichtsverlust, Obstipation, Arteriosklerose, fehlendes Durstgefühl, Nierensteine, Pankreatitis, Dehydratation und Sedierung.

Für normal- und untergewichtige Patientinnen und Patienten ist eine ketogene Diät nicht zu empfehlen, da sie zu deutlichem Gewichtsverlust und einer möglichen Mangelernährung führen kann. Durch die eingeschränkte Auswahl an Lebensmitteln kann es zu einer Unterversorgung mit manchen Nährstoffen kommen. Besonders einseitige Krebsdiäten sind gefährlich und können, vor allem bei bereits bestehenden Ernährungsproblemen, zu einer Verschlechterung des Ernährungszustands beitragen.

Typische Nebenwirkungen ketogener Diät bei Krebs

Einzelne Lebensmittel und Krebs

Einzelne Lebensmittel, die Krebs „bekämpfen“ können, gibt es nicht. Lebensmittel wie Zucker, Schweinefleisch oder Tomaten sind auch nicht „giftig“ für Krebspatienten, auch wenn sich solche Mythen halten. Betroffene müssen solche Lebensmittel also nicht grundsätzlich meiden. Bei allen Ernährungsempfehlungen und möglichen Restriktionen hat aber die Lebensqualität des Patienten Vorrang. Wenn ein Patient Lust auf ein Stück Kuchen oder ein Eis hat, soll und kann er es mit Genuss und Freude verspeisen.

Frische und ausgewogene Ernährung als Basis bei Krebs

Andere Krebsdiäten im Vergleich: Coy- und Budwig-Diät

Coy-Diät

Auch die Krebsdiät nach Dr. Coy stützt sich auf den Warburg-Effekt. Im Gegensatz zur ketogenen Diät empfiehlt sie aber keine extrem kohlenhydratarme, sondern „nur“ eine kohlenhydratreduzierte Ernährung. Eine Besonderheit dieser Diät ist die Hemmung des TKTL1-gestützten Stoffwechsels der Krebszellen. In der Coy-Diät sind 1 g Kohlenhydrate pro kg Körpergewicht und Tag erlaubt. Bestimmte Nährstoffe und Substanzen werden vermehrt aufgenommen, um den Vergärungs-Stoffwechsel zu hemmen und den normalen Stoffwechsel zu aktivieren.

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Die Studienlage zur Wirksamkeit der Coy-Diät bzw. ketogenen Ernährung ist nicht eindeutig. Im Alltag lässt sich die Coy-Diät allerdings nicht allzu leicht umsetzen. Patienten müssen nicht nur ihre Kohlenhydrataufnahme stark reduzieren, zudem müssen sie auf ihre Nährstoffversorgung achten, um Mangelernährung zu vermeiden. Weitere Forschung ist erforderlich, um einen Nutzen der Coy-Diät zu bestätigen oder zu widerlegen.

Budwig-Diät

Die Budwig-Diät verfolgt eine andere Strategie: Sie fokussiert auf eine fettreiche Ernährung mit gesunden Fetten (insbesondere Leinöl) und schwefelhaltigem Eiweiß (Quark). Zucker, raffinierte Öle, Transfette und weißes Mehl werden gemieden und durch gesunde Alternativen ersetzt. Die Wirkung der Öl-Eiweiß-Kost bei Krebs konnte bisher in Studien nicht belegt werden, zeigte aber in einer Tierversuch-Studie an Hennen mit Eierstockkrebs positive Tendenzen: Eine leinsamenreiche Diät konnte den Schweregrad der Erkrankung vermindern und die Überlebenschancen erhöhen.

Übersicht Budwig-Diät: Leinöl, Quark und gesunde Alternativen

Ernährung und Lebensqualität bei Krebs

Ein guter Ernährungszustand kann die Prognose erheblich verbessern, während ein Mangelzustand zum Abbruch notwendiger Therapien führen kann. Die Lebensqualität steht im Vordergrund: Geschmacksvorlieben, Appetit, Stimmung und das soziale Umfeld bestimmen die Lebensmittelauswahl - diese sollte individuell wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst werden. Informationen aus dem Internet sind hilfreich, können aber keine Beratung durch die Ärztin oder den Arzt ersetzen. Bei individuellen Fragen zur Ernährung lohnt es sich, spezialisierte Ernährungsberaterinnen und -berater zu konsultieren, um die Ernährung während der Krebserkrankung erfolgreich und ausgewogen zu gestalten.

Detaillierte Beratung Ernährungstherapie bei Krebs - Erfahrungsbericht

Spezielle Hinweise zu Ergänzungen und „Nutraceuticals“

Inzwischen gibt es Zusatznahrungen für onkologische und mangelernährte Patienten mit hohem Fett- und Proteingehalt, die in verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten werden. Wenn durch Appetitlosigkeit die wünschenswerte Menge an Fett, speziell Fischöl, nicht erreicht wird, können Fischölkapseln als Nahrungsergänzung hilfreich sein. Mit anderen Supplementen wie Vitaminen und Mineralien ist jedoch Vorsicht geboten, da eine Überdosierung schaden kann. Selen kann die Nebenwirkungen einer Chemotherapie reduzieren. Als „Nutraceuticals“ bezeichnete Lebensmittel wie Kohl, Zwiebeln, Knoblauch, Soja, fetter Fisch, Beeren, Kurkuma oder grüner Tee weisen krebshemmende sowie immunmodulierende Wirkungen auf und werden vermehrt in Studien untersucht.

Lebensmittel Wirkung
Kohl, Zwiebeln, Knoblauch Krebshemmend, immunmodulierend
Soja Unterstützt Standardtherapie
Fetter Fisch, Leinöl Omega-3-Fettsäuren, Entzündungshemmend
Beeren Antioxidantien
Kurkuma, grüner Tee Antitumoral
Nutraceuticals für Krebspatienten: Übersicht Krebshemmende Lebensmittel

Fazit und Expertenempfehlung

Obwohl die Theorie der ketogenen Diät bei Krebs auf biochemischen Grundlagen wie dem Warburg-Effekt basiert und in Zell- und Tierstudien teils vielversprechende Ergebnisse erzielt werden konnten, gibt es bislang keine klinischen Studien, die einen Nutzen oder die Wirksamkeit dieser Diät eindeutig belegen. Ketogene und extrem einseitige Diäten sind für unter- und normalgewichtige Krebspatienten nicht zu empfehlen, da sie Mangelernährung, Appetitverlust und weitere Nebenwirkungen verstärken können. Eine ausgewogene, fett- und proteinreiche und kohlenhydratreduzierte Ernährung, individuell angepasst und unter ärztlicher oder ernährungstherapeutischer Begleitung, scheint derzeit die beste Empfehlung zur Unterstützung der Krebstherapie zu sein.

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