Warum gibt es keine Sarotti Schokolade mehr?

Die Marke Sarotti war einst ein großer Name in der deutschen Schokoladenindustrie, ihre Spuren sind noch heute in Berlin zu finden. Aus Berlin kam vor und nach dem zweiten Weltkrieg einer der größten Schokoladenhersteller Deutschlands. Die Geschichte der Firma Sarotti begann 1852 in der Friedrichstraße, damals allerdings noch mit dem Verkauf von importierten Süßwaren. 1883 zog es den vormaligen Schokoladenladen aus der Friedrichstraße nach Kreuzberg, hier bekam es auch seinen Markennamen.

1882 eröffnete Sarotti die erste eigene Fabrik am Mehringdamm. Aufgrund des großen Erfolgs entstand ab 1911 eine neue Schokoladenfabrik am Teltowkanal in Tempelhof. Die ehemalige Sarotti-Schokoladenfabrik liegt direkt am Teltowkanal. Am Mehringdamm ist Sarotti groß geworden. Der Produktionsstandort wuchs am Fuße des Kreuzbergs bis 1913 auf eine Größe von mehr als 1.000 Mitarbeitern an. Auch wenn ein Teil der Fabrik noch in der Bauphase in den 1920er Jahren ausbrannte: In der Spitze arbeiteten hier rund 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Fassade der ehemaligen Sarotti-Fabrik am Teltowkanal

Von den ursprünglichen Bauten ist jedoch nach einem Brand im Jahr 1922 nur noch wenig erhalten. Der Architekt Bruno Buch plante den Neuaufbau der Fabrikanlage mit seiner gerasterten, modernen Fassade. Durch den automatisierten Betrieb produzierte Sarotti hier bis zu 300.000 Tafeln Schokolade täglich. Wöchentlich solle in den 1920er Jahren rund 1,5 Millionen Tafeln über die Fließbänder in der Teilestraße gegangen sein. Sarotti-Produkte wurden als edel vermarktet, hatten eine filigrane Prägung und behielten stets ihr "exotisches" Werbebild.

Rohstoffe, Kolonialismus und Produktionslinks

Die Belieferung mit Kakao erfolgte über den Teltowkanal, zum Beispiel aus Hamburg, wo viele Güter aus den damaligen deutschen Kolonien per Schiff ankamen. Denn Kakao war eine Kolonialware. Sarotti bezog den Rohstoff für die Schokoladenproduktion nach allem, was man weiß, zu einem erheblichen Teil aus Kamerun. Das Land war Anfang des 20. Jahrhunderts unter den deutschen Kolonien die mit dem höchsten Kakao-Export. Auszüge aus mehreren Kolonial-Handelsadressbüchern dieser Zeit dokumentieren, dass die "Sarotti Schokoladen- und Kakaoindustrie Aktiengesellschaft" aus Berlin unter anderem "Kamerun-Kakao" verwendete.

Die wirtschaftliche Entwicklung Sarottis, der Aufbau von Reichtum aus Kolonialwaren, ist nur ein mögliches Beispiel für die Ausbeutung der Kolonien des frühen 20. Jahrhunderts. Wegen der früheren Größe der Firma ist es ein verhältnismäßig gut dokumentiertes. Den Kakaobaum brachten erst die Europäer auf den afrikanischen Kontinent. Ursprünglich wuchs die Pflanze nur in Süd- und Mittelamerika. Die Spanier entdeckten sie nach ihrer blutigen Eroberung Mexikos. Nachdem Kakao und Schokolade auch in Europa immer beliebter wurden, begannen die Kolonialmächte, die Pflanze in den tropischen Kolonien Afrikas anzubauen. Das geschah unter größtenteils menschenunwürdigen Bedingungen bis zur Versklavung.

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Kontinuitäten in der NS-Zeit und danach

Auch in der NS-Zeit blieb Sarotti eine der führenden Schokoladen-Marken. Mutmaßlich aufgrund guter Verbindungen zum Nazi-Regime. Das legen Recherchen des Berliner "Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit" und ein firmeneigenes Fotoalbum, welches im Museen Tempelhof-Schöneberg zu sehen, ist nahe. Sarotti durfte selbst während des zweiten Weltkriegs weiter Süßwaren produzieren. Dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zufolge musste Sarotti 1941 zwar rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Rüstungsindustrie abgeben, bekam dafür aber Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und Tschechien.

Nach dem Krieg verlagerte sich der Hauptsitz schnell von Berlin ins Rheinland. In den 1960er Jahren begann dann der Niedergang Sarottis, als sich der Schokoladenmarkt wandelte und die Firma Trends verpasste. In einem kleinen Werk in Marienfelde wird aber noch immer Schokolade für Stollwerck produziert. Im Jahr 2025 ist Sarotti längst keine große Marke mehr in der Welt der Süßigkeiten. Und Berlin ist auch kein besonders wichtiger Ort mehr auf dem globalen Schokoladenmarkt.

Werbeikone, Symbolik und die Debatte um den "Sarotti-M"

Besonders an Sarotti ist aber vor allem die außergewöhnlich stark von kolonialen Klischees und rassistischen Bildern geprägte Werbung, die das Unternehmen bekannt machte. Die schon beschriebene Sarotti-Figur ist eines der bekanntesten Beispiele für die Art der Werbung mit der Kolonialwaren wie Kakao jahrzehntelang beworben wurden. Bis vor wenigen Jahren war hier auch noch die alte Werbefigur abgebildet, mit der Sarotti in den 1920er Jahren bekannt wurde: der "Sarotti-Mohr". Eine Schwarze Person, die in einem angeblich exotischen Outfit abgebildet, das an einen Diener erinnert.

Historische Werbemarke: Sarotti-Figur

Viele Menschen, die die Sarotti-Figur noch aus ihrer Kindheit kennen, verbinden sie noch heute mit sehr positiven Erinnerungen, sagt Johanna Strunge. Sie ist eine der Kuratorinnen der Ausstellung "Schokolonialismus" im Museum Tempelhof. "Die Figur ist der Freund und Wegbegleiter, der uns die Tafel Schokolade reicht, so die Erinnerung. Das liegt auch daran, dass nie aufgearbeitet wurde, dass das eben genau das Bild ist, was die Werbeindustrie Anfang des 20. Genau das soll unter anderem mit der Ausstellung geschehen. Die Aufarbeitung der regionalen Kolonialgeschichte wird vom Land Berlin gefördert. Die Ausstellung Schokolonialismus ist ein Teil davon."

Die Debatte um das kolonial-rassistische Symbol des „Sarotti-M‘s“ ist im Hintergrund immer vorhanden, im öffentlichen Diskus jedoch nicht sichtbar, da häufig kein Problembewusstsein über Alltags-/ Rassismus herrscht. Die gesellschaftliche Debatte rund um den Begriff „Mohr“ (im weiteren Verlauf als M-Wort bezeichnet, um den Rassismus des Wortes nicht stetig zu reproduzieren) entspinnt sich entlang zweier Argumentationslinien: Das M-Wort sei ein neutraler, harmloser Begriff und deren Verwendung, wie in „M-köpfe“ oder “M-Apotheke“, Teil des ‚Kulturguts‘ oder aber ein kolonial-rassistischer Begriff, der als Fremdzuschreibung schon immer mit der Abwertung ‚des Anderen‘ einhergehe.

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Öffentliche Kontroversen und lokale Fälle

Zwei Sarotti-Figuren über der Theke im Foyer des Mannheimer Kulturzentrums Capitol, welche die politische Korrektheit in Frage stellen, sind der Grund, weshalb die Diskussion erneut stärker in den öffentlichen Fokus gerückt ist. Bei einer Veranstaltung zum Thema Alltagsrassismus reagierten Gäste empört auf diese Dekoration, sodass eine Debatte über den Verbleib der Figuren entstand. Das Capitol ist eine Spielstätte, welche in den 20er Jahren als Lichtspielhaus errichtet wurde. Später wurde es zu einem Veranstaltungsort von Konzerten oder anderen Bühnenaufführungen.

Nach mehrmaligen Veranstaltungen mit 700 Teilnehmer_innen zum Thema „Kein Platz für Rassismus“ entschied sich das Kulturzentrum dazu, die Sarotti-M Embleme nicht zu entfernen. Dazu heißt es: „Ihre Haltung wird aber verändert. Sie soll zum Symbol für unseren Wunsch werden, mit unseren Gästen dauerhaft im Gespräch zu bleiben. […] Eine Irritation des Betrachters ist hier gewünscht und beabsichtigt, diese soll den Dialog anregen“. Kritiker_innen sehen in dieser Entscheidung eine falsche Herangehensweise an die Problematik und eine Reproduktion von Rassismus.

Ähnliche Debatten wie in Mannheim gab es auch in anderen Orten wie beispielsweise Frankfurt, wo der Ausländerbeirat gebeten hatte, zwei „M-Apotheken“ umbenennen zu lassen. Das Problem des Alltagsrassismus ist in Deutschland stets allgegenwärtig. Der Sarotti-M ist ein Beispiel für kritisch-reflexive Diskussionen über kolonial-rassistische Embleme. Die Debatte um kolonial-rassistische Symbole oder Begriffe ist noch lange nicht abgeschlossen.

Unternehmensreaktionen, Umgestaltung und Kritik

Anstatt eines Tabletts oder einer Fahne in der Hand greift die Figur, nun mit goldener Haut abgebildet, auf einer Mondsichel nach den Sternen. Die Marke Sarotti nutzt ihre alte Figur offiziell seit spätestens 2004 nicht mehr - zumindest nicht als Hauptlogo. Nach wiederholtem öffentlichen Druck wurde sie damals ersetzt durch einen "Sarotti-Magier", der allerdings immernoch wesentliche Merkmale der ursprünglichen Figur aufweist. Die Kleidung ist dieselbe wie früher, sodass jeder, der die alte, kolonialistisch-rassistische Sarotti-Figur kannte, zwangsläufig Assoziationen zu dieser herstellen wird. Noch 2022 war sie auf die Wand in den "Sarotti-Höfen" gemalt. Und sie tauchte über die Jahrzehnte auch immer wieder auf sogenannten "Nostalgie"-Editionen auf.

Die Firma Stollwerck und ihr Dachkonzern Baronie reagierten auf eine rbb-Anfrage zum Thema bislang nicht. Eine kolonial-rassistische Interpretation der Figur Sarottis weist der Produzent der Schokolade vehement zurück. Laut der Unternehmenssprecherin sei das M-Wort ein neutrales Wort und habe keine negative Konnotation. In einem Statement des Unternehmens heißt es weiterhin: „Aus unserer Sicht gibt es keine Veranlassung, die Marke Sarotti in diese fragwürdige Interpretation zu bringen.“

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Gegner_innen der Debatte um Sarotti kritisieren, dass es sich hierbei um eine krankhafte politische Korrektheit handelt, da das Firmenlogo der „Drei-M-Mischung“ bereits im Jahr 1918 bekannt gegeben wurde und mittlerweile einen Kultwert innehätte. Allerdings entstanden schon um die 21. Jahrhundertwende öffentlich-kritische Diskussionen gegenüber dem Markenzeichen, sodass es 2004 schließlich neu designt wurde.

Sprachwissenschaftliche und forschungsbasierte Perspektiven

Der Sprachwissenschaftler und Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) Henning Lobin bewertet den Begriff des M-Wortes jedoch anders. Seiner Meinung nach habe sich das Wort ab dem 19. Jahrhundert von einem neutralen, hin zu einem eher abwertend verwendeten Begriff entwickelt. Er sagt: „Das kann man zum einen daran erkennen, dass das Adjektiv, das in Textkorpora am häufigsten mit „Mohr“ kombiniert wird, „kohlpechrabenschwarz“ lautet, zum anderen an der Tatsache, dass es heute offensichtlich andere, neutralere Wörter zur Bezeichnung schwarzer Menschen gibt.“

Maria Ketzmerick, eine Konfliktforscherin aus Marburg, unterstreicht die Aussage Lobins. Ihrer Auffassung nach würden die betreffenden Menschen mit diesem Wort auf eine Art und Weise „verniedlicht“ oder „verkindlicht“ werden. Henning Lobin plädiert: „Die meisten Menschen wollen andere nicht beleidigen.

Interview zur Ausstellung "Schokolonialismus" und Diskussion um Sarotti

Warum die Marke heute kaum noch präsent ist

In den 1960er Jahren begann dann der Niedergang Sarottis, als sich der Schokoladenmarkt wandelte und die Firma Trends verpasste. Die wirtschaftliche Entwicklung Sarottis, der Aufbau von Reichtum aus Kolonialwaren, ist nur ein mögliches Beispiel für die Ausbeutung der Kolonien des frühen 20. Jahrhunderts. Wegen der früheren Größe der Firma ist es ein verhältnismäßig gut dokumentiertes. In einem kleinen Werk in Marienfelde wird aber noch immer Schokolade für Stollwerck produziert. Im Jahr 2025 ist Sarotti längst keine große Marke mehr in der Welt der Süßigkeiten. Und Berlin ist auch kein besonders wichtiger Ort mehr auf dem globalen Schokoladenmarkt.

Aspekt Erklärung
Herkunft Gegründet 1852, Fabriken in Kreuzberg und Tempelhof
Produktion Bis zu 300.000 Tafeln täglich, Wochenproduktion in Millionen
Rohstoff Kakao größtenteils aus Kamerun; Kolonialwaren
Symbolik Sarotti-Figur stark kolonial-rassistisch geprägt; Logo-Redesign 2004
Gegenwart Marke marginalisiert, Produktion in kleinem Werk für Stollwerck

Insgesamt lassen sich für das Verschwinden der sichtbaren Sarotti-Schokolade mehrere Ursachen festhalten: Marktveränderungen und strategische Fehlentscheidungen in den 1960er Jahren, Fortbestand als nur noch marginale Marke innerhalb größerer Konzernstrukturen, sowie die fortdauernde kontroverse Auseinandersetzung um die Werbebildsprache und Symbolik, die die Marke begleitet hat. Die Aufarbeitung der regionalen Kolonialgeschichte und öffentliche Debatten um Alltagsrassismus zeigen, dass die Verbindung von Produktgeschichte, Werbesymbolen und Kolonialvergangenheit weiterhin Einfluss auf die Wahrnehmung und den Fortbestand einer Marke haben kann.

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