Die Geschichte und Herstellung der Rosetto Mohr Schokolade (Sarotti)

Sarotti zählt zu den traditionsreichsten und bekanntesten Namen der deutschen Schokoladenindustrie. Über mehr als 150 Jahre prägte das Unternehmen nicht nur den Geschmack, sondern auch das Bild von Schokolade in ganz Deutschland und weit darüber hinaus. Besonders ikonisch wurde die Schokoladenmarke mit der Figur des „Sarotti-Mohrs“, die Werbung, Verpackungen und das Image des Unternehmens über Jahrzehnte bestimmte.

Historische Sarotti-Schokolade, Berliner Fabrik um 1900

Ursprung der Schokolade und Weg nach Europa

Die Kakaopflanze stammt ursprünglich aus Mexiko und dem tropischen Amerika und wurde in Mittel- und Südamerika schon früh kultiviert. Von den spanischen Kolonisatoren im 16. Jahrhundert nach Europa gebracht, verbreitete sich die Kakaobohne vermehrt im 18. Jahrhundert. Die Azteken hatten die Pflanze bereits verwendet für ein bitteres Getränk. Nachdem Kakao und Schokolade auch in Europa immer beliebter wurden, begannen die Kolonialmächte, die Pflanze in den tropischen Kolonien Afrikas anzubauen. Mit der zunehmenden Verbreitung von Schokolade als Nahrungsmittel gingen große geografische Verschiebungen des Kakaoanbaus einher.

Kakaopflanze, Ursprung und Verbreitung

Kakaoanbau und Kolonialismus

Vor 1900 kam Kakao hauptsächlich aus Venezuela, Ecuador und dem brasilianischen Amazonasgebiet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts dominierten der brasilianische Staat Bahia, Trinidad und die Dominikanische Republik den Kakaoanbau. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die portugiesische Inselkolonie São Tomé und Príncipe kurzzeitig zum weltgrößten Produzenten. 1911 übernahm die britische Kolonie Goldküste (Ghana) schließlich eine dauerhafte Führung.

Die wachsende Nachfrage nach Kakao in Europa brachte die Kolonialmächte dazu, verstärkt auch in Afrika Kakaoplantagen anzulegen. Die wirtschaftliche Entwicklung Sarottis, der Aufbau von Reichtum aus Kolonialwaren, ist nur ein mögliches Beispiel für die Ausbeutung der Kolonien des frühen 20. Jahrhunderts. Das geschah unter größtenteils menschenunwürdigen Bedingungen bis zur Versklavung.

Herkunftsland Hauptzeit der Kakaolieferung
Venezuela bis ca. 1900
Bahia/Brasilien 19. Jh.
São Tomé & Príncipe ca. 1900-1911
Ghana (Goldküste) ab 1911
Kakaoplantagen in Afrika, Kolonialzeit

Die Anfänge von Sarotti in Berlin

Am 16. September 1852 eröffnete Heinrich Ludwig Neumann mit seinem Sohn Louis die Confiseur-Waren-Handlung Felix & Sarotti an der Berliner Friedrichstraße. 1868 gründete der junge Stuttgarter Konditor Hugo Hoffmann einen Handwerksbetrieb zur Herstellung feiner Pralinen, Fondants und Fruchtpasteten in der Berliner Mohrenstraße 10. 1872 erwarb Hoffmann die Confiseur-Warenhandlung Felix & Sarotti und verlegte das Unternehmen an die Kreuzung Friedrichstraße / Mohrenstraße. Das Ladenlokal wurde an die damalige Mohrenstraße verlegt. Deren Name inspirierte vermutlich auch zur späteren Wahl des Mohren im Warenzeichen. Bereits Ende des ersten Jahres konnten zehn Arbeitskräfte beschäftigt werden.

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Historisches Berlin, Sarotti Laden in der Mohrenstraße

Der „Dampf-Chocoladenfabrikant“ Hoffmann erwarb 1872 die an der Kreuzung gelegene Confiseur-Warenhandlung und setzte die Herstellung von Schokoladen und Kakaopulver fort. Auch folgte die Übernahme des Namens „Sarotti“, bei dem es sich wahrscheinlich um eine wohlklingende Neuschöpfung handelt, um Exquisität und Exotik von Kakao und Schokoladen zu transportieren. Bald waren die Räumlichkeiten zu klein und das Unternehmen zog 1870 in einen Schuppen in der Dorotheenstraße 60. 1881 erwarb Hoffmann das Verkaufsgeschäft von Felix & Sarotti und setzte die Herstellung fort.

1883 zog es den vormaligen Schokoladenladen aus der Friedrichstraße nach Kreuzberg, hier bekam es auch seinen Markennamen. Das Unternehmen führte ab 1881 die Firma „Deutsches Chocoladenhaus Hugo Hoffmann“ und lief so gut, dass die Produktion 1883 in größere Räumlichkeiten im Haus Belle-Alliance-Straße 81 (heute Mehringdamm) umzog, die sogenannten Sarotti-Höfe. Die Zahl der Angestellten stieg im Jahr 1889 auf 90 und im Jahr 1893 auf 162. Die Produktionsstätten wurden auf die Nachbargrundstücke erweitert.

Sarotti-Höfe, Berlin Kreuzberg

Expansion und Industrialisierung

Im Zuge der Industrialisierung wurden in der Herstellung nun auch Maschinen eingesetzt, die die Arbeitsprozesse beschleunigten. Zu Beginn der 1880er Jahre machte Raumnot und zunehmende industrielle Fertigung einen erneuten Umzug der florierenden Fabrikation notwendig. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Zahl der Angestellten und Arbeiter*innen auf 1.800 angewachsen - ein Großteil davon Frauen, die vor allem in der Pralinenherstellung tätig waren.

Ungeachtet der großen Ausdehnung des Kreuzberger Fabrikstandorts - 1904/1906 kamen noch die Nachbargrundstücke Belle-Alliance-Straße 82 und 83 hinzu - erwies dieser sich um 1910 endgültig als zu klein. Inzwischen war ein riesiger Fabrikneubau auf einem Areal von fast 50.000 Quadratmetern in der Teilestraße 12 bis 13 in Tempelhof entstanden, verkehrsgünstig am Teltowkanal und an der Eisenbahn gelegen.

Bis zu 3000 Mitarbeiter, heißt es, produzierten feine Schokoladenwaren, Pralinen, Kakao, Marzipanerzeugnisse und Fondants bis zu Likören.

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Industrielle Schokoladenproduktion, Berliner Werk um 1920

Beschaffung und Verarbeitung von Kakao

Woher genau Sarotti in seinen Anfängen den Kakao bezog, ist nicht belegt. Die Belieferung mit Kakao erfolgte über den Teltowkanal, zum Beispiel aus Hamburg, wo viele Güter aus den damaligen deutschen Kolonien per Schiff ankamen. Sarotti bezog den Rohstoff für die Schokoladenproduktion zu einem erheblichen Teil aus Kamerun. Das Land war Anfang des 20. Jahrhunderts unter den deutschen Kolonien die mit dem höchsten Kakao-Export.

Ab 1885 war Kamerun bis zur britischen und französischen Übernahme 1915/16 deutsche Kolonie. 1896 kam es zur Gründung der Kamerun-Kakao-Gesellschaft. Deren Aufgabe, die Vermarktung einer ‚Kolonialschokolade‘, scheiterte an der Notwendigkeit, Kakaobohnen unterschiedlicher Herkunft mischen zu müssen. Auszüge aus mehreren Kolonial-Handelsadressbüchern dieser Zeit dokumentieren, dass die "Sarotti Schokoladen- und Kakaoindustrie Aktiengesellschaft" aus Berlin unter anderem "Kamerun-Kakao" verwendete.

Kakaotransport nach Deutschland, Historische Aufnahme

Sarotti-Mohr: Werbung zwischen Exotik und Kritik

Um sich von der Masse der Schokoladen abzuheben, entstanden Markenprodukte und mit ihnen eine Werbeindustrie. 1908 engagierte Sarottis Unternehmensleitung den Grafiker Julius Gipkens für die Gestaltung von Verpackungen. Anlässlich des fünfzigjährigen Firmenjubiläums 1918 entwarf er ein neues Markenzeichen: drei Mohren mit Tablett, unter denen der Firmenname in blauer Schreibschrift prangte.

1922 wurden die drei Mohren auf einen reduziert und als Markenzeichen eingetragen. In der schwarzen Figur mit großem Kopf, kurzen Gliedmaßen und kindlichen Proportionen, bekleidet mit Schnabelschuhen, Pluderhose, bestickter Jacke und Turban, hatte Gipkens mehrere Stereotype miteinander verflochten. Abbildungen von Afrikanern, die oftmals zwar für ihre Exotik bewundert, aber auch immer als „Minderwertige“ und „Wilde“ gezeichnet wurden, waren in Kunst, Theater und Werbung für Kolonialwaren sehr beliebt.

Sarotti-Mohr: Entwicklung der Werbefigur

Der Sarotti-Mohr wurde zum Symbol von Exotik, aber auch ein Beispiel für kolonialrassistische Bildsprache. Ethnische Merkmale wurden karikiert und explizit herausgestellt und damit rassistisch codiert. Viele Verbraucher verbanden mit der Werbefigur positive Erinnerungen an ihre Kindheit, während Kritik an ihrer stereotypen Darstellung wuchs.

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In den 1960er Jahren wanderte der Sarotti-Mohr von der Mitte der Verpackung auf das Medaillon am Rande; in Fernsehspots wurde er zur populären Werbefigur, mit der die Marke bis in das 21. Jahrhundert verbunden wurde.

Die Geschichte des Sarotti-Mohrs

Von Kritik und Wandel: Der Sarotti-Magier

Ab den 1990er Jahren sah sich die Sarotti AG verstärkt mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Der M* verwandelte sich in einen mit Sternen jonglierenden Magier mit goldener Haut, der auf einer Mondsichel balanciert, und bleibt dabei dem Sarotti-Mohr doch zum Verwechseln ähnlich. 2004 wurden daher alle Produkte umfangreich neugestaltet, der Sarotti-Mohr wich dem Sarotti-Magier der Sinne.

Die Kleidung ist dieselbe wie früher, sodass jeder, der die alte, kolonialistisch-rassistische Sarotti-Figur kannte, zwangsläufig Assoziationen zu dieser herstellen wird. Noch 2022 war sie auf die Wand in den "Sarotti-Höfen" gemalt. Und sie tauchte über die Jahrzehnte auch immer wieder auf sogenannten "Nostalgie"-Editionen auf. Die schon beschriebene Sarotti-Figur ist eines der bekanntesten Beispiele für die Art der Werbung, mit der Kolonialwaren wie Kakao jahrzehntelang beworben wurden.

Sarotti-Magier Figur (ab 2004)

Herstellung der Sarotti-Schokolade

Das Sortiment reichte von feinen Schokoladenwaren, Pralinen, Kakao, Marzipanerzeugnissen und Fondants bis zu Likören. Wöchentlich sollen in den 1920er Jahren rund 1,5 Millionen Tafeln über die Fließbänder in der Teilestraße gegangen sein. In den 1960er Jahren begann dann der Niedergang Sarottis, als sich der Schokoladenmarkt wandelte und die Firma Trends verpasste.

1962 wurde im Produktionsstandort Hattersheim mit dem Bau einer der modernsten Schokoladenherstellungsanlagen Europas begonnen, die 1964 in Betrieb ging.

Heute existiert die bekannte Sarotti-Marke, seit 1998 im Besitz der Stollwerck GmbH (später Teil von Baronie), nur noch als Traditionsmarke. In einem kleinen Werk in Marienfelde wird aber noch immer Schokolade für Stollwerck produziert. „Wir produzieren als richtigen Sarotti-Artikel eine Flachtafel hier. 100 Gramm, in mehreren Variationen, Orange, Vollmilch und eine 85-prozentige Santo-Domingo."

Viele Menschen verbinden den Namen Sarotti weiterhin mit Träumen von fernen Ländern und dem Geschmack ihrer Kindheit.

Moderne Sarotti-Schokoladentafeln

Sarotti heute und Erinnerungskultur

Berlin, einst Schokoladenhauptstadt Deutschlands, ist heute kein bedeutender Standort mehr auf dem globalen Schokoladenmarkt. Die Spuren des Unternehmens sind aber immer noch in der Stadt zu finden: Die erhaltenen Sarotti-Höfe in Kreuzberg sind heute kreative Dienstleistungshöfe mit einem "Sarotti-Laden" für Touristen und einem Sarotti-Café.

Die Diskussionen rund um die Figur des Sarotti-Mohr und das koloniale Erbe der Marke werden bis heute geführt und sind Bestandteil von Ausstellungen wie "Schokolonialismus" im Museum Tempelhof.

Sarotti Café und Hof heute in Berlin

Quellen und Literaturhinweise

  • Gudermann, Rita: Der Sarotti-Mohr. Die bewegte Geschichte einer Werbefigur. Berlin: 2004. Ch. Links Verlag.
  • Higgs, Catherine: Chocolate Islands. Cocoa, Slavery, and Colonial Africa. Athens: 2012. Ohio University Press.
  • Ganz, Cornelia: Süße Versuchung. Die Schokoladenfabrik Sarotti. In: Kunstamt Kreuzberg (Hg.): Made in Kreuzberg. Produkte aus Handwerk und Industrie. Berlin: 1996.
  • Clerance-Smith, William Gervase: Cocoa and Chocolate, 1765-1914. London/New York: 2005.

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