Die Geschichte und Bedeutung der Schokoladenkunstwerke von Dieter Roth
Dieter Roth (1930-1998) zählt zu den einflussreichsten und experimentellsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Name ist in der Kunstwelt untrennbar mit Werken verbunden, die aus vergänglichen, organischen Materialien bestehen und damit die Themen Verfall und Vergänglichkeit in der Kunst auf radikale und konsequente Weise aufgreifen. Besonders mit Schokolade als Werkstoff revolutionierte Roth das künstlerische Materialverständnis und entwickelte einen neuen Ansatz zur Prozesskunst. Dieser Beitrag widmet sich der Entstehung, Entwicklung und dem kunsthistorischen Kontext von Dieter Roths Schokoladenkunstwerken.
Dieter Roths experimentelle Annäherung an das Material Schokolade
Auf Mitte der 60er Jahre datiert Dirk Dobke, der führende Experte für Roth, des Künstlers ersten Einsatz von schokoladehaltigen Materialien. In dieser Phase erscheint Vergänglichkeit noch auf recht vergnügliche Weise. Die kleinen, knapp 20 Zentimeter hohen Figuren, denen er Vogelfutter beimischte, hatte er - auf einen Besenstiel gesteckt und mit einem Anflugbrett versehen - den Vögeln im Garten zum Verzehr dargeboten. Erstmals wurden die Türme 1971 in Daniel Spoerris Düsseldorfer Eat Art Galerie gezeigt. Während Roth zunächst nur Figuren aus Schokolade goss, ergänzte er die Gussformen der Selbstporträts und Löwenbüsten ab 1985 durch eine sphinxartige Mischform der beiden und begann mit verschiedenen Zuckersorten zu experimentieren.
Die Arbeit „Lauf der Welt“ aus dem Jahr 1970 ist ein zentrales Beispiel für Roths Mixed-Media-Werke. Sie zeigt einen Schokoladen-Osterhasen und einen Schokoladen-Weihnachtsmann, zusammen mit Alufolie und Karton, die zu einer Collage auf Papier zusammengefügt sind. Die Komposition ist in Plastik eingeschlossen, was nicht nur konserviert, sondern auch die zerfallende und fragile Natur der Materialien hervorhebt. So beginnt mit scheinbar harmlosen Pralinen und Schokoküssen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Verfall und der Fragilität von Materialität in der Kunst.
Der Selbstturm und das Löwenturm-Experiment
Unheimlich und doch vertraut wie eine aus der Zeit gefallene Erinnerungslandschaft, über der ein leicht säuerlicher Schokoladengeruch liegt, gibt sich der nahe beim Kunstmuseum Basel | Gegenwart gelegene Raum mit Dieter Roths „Selbstturm; Löwenturm“. In zwei selbsttragenden, schichtweise aufgebauten Gestellen stapeln sich aus Schokolade und Zucker gegossene Selbst- und Löwenporträts. Seither arbeitet das organische Material in Komplizenschaft mit dem Künstler stetig weiter: Es zersetzt sich, bröselt, entwickelt Geruchsemissionen, verändert Form und Farbe.
Die Schokoladenköpfe sind nach einem Prototypen entstanden, den Roth im Alter von 38 Jahren von sich selbst gemacht hat. Der Selbstturm ist zur größten Installation angewachsen und reicht durch einen Durchbruch in der Decke bis ins obere Stockwerk. Nach dem gleichen Prinzip ist auch noch ein „Löwenturm“ aus Schoko-Löwen und ein „Zuckerturm“ entstanden, in dem die Grundformen Löwe und die Selbstporträtbüste aus gefärbtem Zucker kombiniert werden. Dieter Roth beschrieb diesen Aufbau als Sinnbild der Natur: Die braune Schokolade symbolisierte für ihn die Erde, die farbigen Zuckerfiguren die Blumen und die hellblauen Zuckerfiguren zuoberst den Himmel.
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Symbolik und Konzept: Entropie, Verfall und Prozesskunst
Die Kunstwerke Roths schrecken nicht vor der Vergänglichkeit zurück - sie machen sie sichtbar und erfahrbar. Der Zerfallsprozess, sozusagen ein „work in progress“, ist auch an anderen Werken zu beobachten, wie an den hinter Glas gerahmten Wand- und Bodenpartien oder der süßen Katastrophe „Vom Rhein“, einer Landschaft aus gefärbtem Zucker und Spielzeug. Die Zuckergüsse kamen auf die alten, aus Schokolade gegossenen Schichten der Türme zu liegen. Wie das Leben, so Roths Überzeugung, muss auch die Kunst sein und sich, dem Rhythmus der Zeit ausgesetzt, fortwährend wandeln.
Im Ursprung von Roths künstlerischer Auseinandersetzung mit Schokolade spielt auch Ironie eine zentrale Rolle: So trägt die erste serielle Schokoladenselbstporträts von 1968 den Titel „Portrait of the Artist as Vogelfutterbüste“ - eine ironische Anspielung auf den Künstlerroman von James Joyce, in dem Roth Vergänglichkeit und das Artistische humoristisch reflektiert. Die meisten Arbeiten Roths aus Schokolade sind in irgendeiner Form dem Vergehen, dem Zersetzen und dem Bröseln ausgesetzt, was den Werken einen eigenwilligen und einzigartigen Charakter verleiht.
Die Schimmelmuseum-Periode in Hamburg
In den 1970er-Jahren lernten sich der Hamburger Anwalt Philip Buse und Dieter Roth kennen. Ihre Freundschaft sollte fast dreißig Jahre dauern. Nach der Gründung der Dieter Roth Foundation wurde ein marodes Kutscherhaus mit schimmeligen Wänden in der Hamburger Abteistraße 57 zu Roths berühmtem „Schimmelmuseum“ und Schokoladenlabor. Von 1991 bis 1998 hat er hier gekocht, gebrodelt, experimentiert und gegossen. Im Schimmelmuseum hat Roth beinahe acht Jahre gekocht und kleine Kunstwerke aus Schokolade und Zucker gegossen und geformt. Dadurch ist eine einzigartige Atmosphäre entstanden, die auch ihren eigenen Geruch entwickelt hat.
Schokolade als künstlerisch-symbolisches Material
Von etwa 1968 bis 1970 nutzt Roth das Medium Schokolade als Bedeutungsträger in seinen druckgrafischen Werken, Papierbildern oder in Schokoladenplastiken von Gartenzwergen, Porträtbüsten und Löwenköpfen. Zwar inszeniert auch Joseph Beuys Anfang der 60er-Jahre kurzzeitig diesen Werkstoff in seiner Kunst, aber Roth misst der Schokolade eine andere Bedeutungsebene zu. Leicht formbar, ist sie für ihn eine ideale Ergänzung zu den Klassikern Sandstein, Marmor oder Bronze. Darüber hinaus reizt ihn der ephemere Charakter, denn Schokolade ist ein aktives, lebendiges Material und nur begrenzt haltbar. Sozusagen als work in progress beginnen pflanzliche und tierische Organismen es zu zersetzen.
Prägnant ist auch, wie Roth Zitate von Alltag und Konsumkultur sammelte: Gebrauchte Filtertüten, Obst und Gemüse, Gewürze, Joghurt, Brot, Käse oder Wurst dienten ihm als künstlerischer Werkstoff für seine vergänglichen Materialbilder. Etwa von 1960 bis 1975 entstehen zahlreiche Schimmelobjekte - ein Novum in der Kunstszene. Schimmel wird integrativer Bestandteil seiner Kunst.
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Materialität und konservatorische Herausforderung
Der Umgang mit organischen Materialien, allen voran Schokolade, stellt Restauratoren und Museen vor ungeahnte Herausforderungen. Kein Sammler möchte seine Wertanlage, auch wenn ihre Substanz vergänglich ist, mottenzerfressen von der Wand rieseln sehen. Doch wie lassen sich Schokolade, Brot und Mist vor dem Verfall bewahren? Trotz modernster Methoden bleibt die Erhaltung solcher Werke ein Paradox: Vergängliches vergangen sein zu lassen und trotzdem zu erneuern ist eine Gratwanderung.
| Werk | Hauptmaterial | Kunstthema | Konservatorische Maßnahmen |
|---|---|---|---|
| Lauf der Welt (1970) | Schokolade, Alufolie, Karton | Vergänglichkeit, Verfall | Einschluss in Plastik |
| Selbstturm / Löwenturm | Schokolade, Zucker | Selbstbild, Prozesskunst | Vitrinen, Klimakontrolle |
| Portrait of the Artist as Vogelfutterbüste | Schokolade, Vogelfutter | Ironie, Konsum, Verwertung | Installation im Freien |
Künstlerische Entwicklung und Rezeption
Ironisch, radikal und selbstkritisch reflektiert Roth das eigene Ich, sei es in seiner Plastik, Malerei und Druckgrafik oder in den Fotografien und Filmen. Auf der einen Seite demontiert er das eigene Individuum, auf der anderen Seite setzt er sich selbst als „Kunstwerk“ in Szene. Das Salzburger Museum zeigt neben den frühen Selbstbildnissen auch Arbeiten der 1970er-Jahre. Höhepunkt der Ausstellung ist die Videoinstallation „Solo Szenen“ aus den Jahren 1997 und 1998. Auf über 120 Bildschirmen flimmern sehr intime Szenen, die seinen desolaten Zustand während der Zeit der Alkohol-Abstinenz widerspiegeln.
Von Experimentalkunst zum Gesamtkunstwerk
Dieter Roths Oeuvre umfasst Druckgrafiken, Zeichnungen, Gemälde, kinetische Objekte, Collagen, Assemblagen, Künstlerbücher sowie Schmuckstücke. Die Kunstwelt verbindet seinen Namen aber vor allen Dingen mit den Schokoladen- und Schimmelobjekten. Im Grunde war Roth ein rastloser Künstler, ein Workoholic in seiner Kunst und ein Nomade in seinem Lebensstil gewesen. Offene Atelierarchitekturen, ortsspezifische Installationen und kooperative Arbeitsweisen prägten besonders die späten Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens.
Im Allgemeinen weist das Spätwerk Roths viele autobiographische Züge auf, die sich neben seinen Filmprojekten auch in den Künstlerbüchern zeigen. Einige Exponate verweisen auf die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. In den 70er-Jahren knüpfte Roth Kontakte zu Arnulf Rainer, Stefan Wewerka oder Richard Hamilton und arbeitete mit André Thomkin und Daniel Spoerri zusammen. Werküberschreitend und multimedial sprengte Roth durch seine Experimente mit Schokolade und verderblichen Stoffen den traditionellen Kanon der Bildhauerkunst.
Chemie, Ethik und Konservierung: Das Dilemma der Vergänglichkeit
Im Zentrum der Diskussion um die Konservierung der Werke Roths steht der ethische Konflikt: Wieweit darf Kunst vor dem Verfall bewahrt werden, wenn der Zerfall Teil des Werkbegriffs ist? „Im Grunde sei jeder restauratorische Eingriff ein Paradox.“ So wie Schönheitsoperationen den Menschen keine ewige Jugend schenken, könne der Restaurator Kunst nicht für immer vor dem Verfall bewahren. Manche Schäden passen sogar zur künstlerischen Idee. Besonnene Restauratoren geben zu, dass Erhaltung um jeden Preis nicht immer im Sinne der künstlerischen Idee sei.
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Die immer weiter aufgeweichte Grenze zwischen Alltag, Konsum, Leben und Kunst zeigt sich besonders bei Dieter Roth. In der bildenden Kunst hat sich vor Roth kein Künstler derart intensiv mit diesem Material auseinandergesetzt, sodass seine Erfindung der Schokoladenkunstwerke einen Meilenstein im Verständnis von Prozess, Material und künstlerischer Idee darstellt.
Einflüsse und Wirkung auf die Gegenwartskunst
Seit Marcel Duchamp und dem Konzept des Readymade haben sich Auffassungen von Kunst beständig erweitert. Die Auseinandersetzung mit Endlichkeit und Künstlichkeit, die Roth mit Schimmel und Schokolade thematisiert, bleibt für Generationen von Kunstschaffenden und -rezipienten relevant. Zeit soll sichtbar werden, bzw. sein. Seit seinem Tod hat die Zerfalls-Komponente allerdings Oberhand gewonnen. Roth hat es so eingerichtet, dass es sich selbst weiter entwickeln kann. Eine endgültige Form schließt sein Werkbegriff kategorisch aus.
Dauer und Wandel als Prinzip
Die Geschichte und der Mythos um Roths Schokoladenkunstwerke wirken bis heute in Museen nach. Lebensmittel als Werkstoff sollen den Betrachter nicht in erster Linie schockieren, sondern zeigen das Kunstwerk in einem ständigen Prozess des Zerfalls, der unkalkulierbar ist. Dieser steht für die Erfahrung einer ganz neuen Wahrnehmung und die Erweiterung des kunsthistorischen Formkanons über die traditionelle Vergänglichkeit hinaus. Wenn Besucher heute die Dieter Roth Foundation in Hamburg oder internationale Ausstellungen besuchen, begegnen sie Werken, die im wahrsten Sinne des Wortes lebendig geblieben sind - und dabei Genuss, Ekel, Humor, Trauer und Vergänglichkeit in sich vereinen.
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