Der Diebstahl des goldenen Leibniz-Keks: Eine Geschichte von Erpressung, Medienrummel und einem Keks, der die Welt bewegte

Der Diebstahl des goldenen Leibniz-Keks vom Firmensitz des Bahlsen-Konzerns in Hannover im Jahr 2013 entwickelte sich zu einem der vergnüglichsten Kriminalfälle der deutschen Geschichte. Was als rätselhaftes Verschwinden eines goldenen Wahrzeichens begann, entwickelte sich zu einer Geschichte über Erpressung, Medienrummel und die clevere Reaktion eines Unternehmens im Social Web.

Der verschwundene Keks und ein Erpresserbrief vom Krümelmonster

Anfang Januar 2013 bemerkte eine Mitarbeiterin des Keksherstellers Bahlsen, dass das Firmenwahrzeichen, ein vergoldeter Messing-Keks, nicht mehr an seinem Platz an der Fassade des Stammhauses in der Podbielskistraße hing. Der Keks, der seit 100 Jahren zwischen zwei sogenannten Brezelmännern in etwa fünf Metern Höhe befestigt war, war spurlos verschwunden. Das Unternehmen alarmierte die Polizei, und die Ermittlungen begannen.

Wenig später ging bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (HAZ) ein Erpresserbrief ein, der mit "Krümelmonster" unterzeichnet war. Der Brief enthielt ein Foto, auf dem eine Person im blauen Krümelmonster-Kostüm in einen großen goldenen Leibniz-Keks biss. In dem aus aufgeklebten Buchstaben zusammengesetzten Bekennerschreiben forderte der Erpresser von Bahlsen, alle Stationen im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover mit Leibniz-Keksen zu versorgen und die ausgesetzte Belohnung von 1.000 Euro an das Tierheim Krähenwinkel in Langenhagen zu spenden. "Und das ist ernst", stand in der Botschaft, die zugleich mit einer Drohung verbunden war: Sollten die Forderungen nicht erfüllt werden, werde der Keks bei "Oskar in der Mülltonne" landen.

Ein Fall für die Medien: Der Keks wird international

Der Diebstahl des goldenen Leibniz-Keks entwickelte sich schnell zu einem Fall für die Medien. Fernsehsender aus halb Europa lichteten die von ihrer tragenden Rolle entlasteten Kekshalter ab, und das Originalkrümelmonster aus der Sesamstraße meldete sich aus New York, beteuerte seine Unschuld und bot sogar an, bei der Suche nach dem diebisch veranlagten Doppelgänger zu helfen. Hannover, in Deutschland gern geschmäht als langweiligste Landeshauptstadt, genoss jeden Krümel der Berichterstattung.

Der geklaute Keks schaffte spielend, woran Deutschlands führender Kekskonzern bei seinen Produkten bis heute hart arbeiten muss: Er wurde international.

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Bahlsens Reaktion: Ein Gegenangebot im Social Web

Zunächst wollte Unternehmens-Chef Werner M. Bahlsen auf die Forderung des Erpressers nicht eingehen. "Wir lassen uns nicht erpressen", sagte er auf einer Pressekonferenz in Hannover. Er appellierte an die Keks-Entführer, das Wahrzeichen der Firma zurückzugeben.

Doch dann lenkte Bahlsen ein und kündigte an, 52.000 Packungen Leibniz Kekse an 52 soziale Einrichtungen zu spenden, sobald der Keks wieder zurückgebracht wird. Dieses Gegenangebot wurde via Facebook unterbreitet und sorgte im Social Web für einen Anstieg des Gesprächsaufkommens über Bahlsen. Viele Nutzer waren der Meinung, dass es sich um eine PR-Aktion von Bahlsen handelte.

Die Rückkehr des Kekses und die Folgen

Anfang Februar tauchte ein vergoldeter Keks vor der Leibniz Universität Hannover auf und hing der Sachsenross-Statue um den Hals. Der Keks war echt. Kurz darauf war der Keks wieder an seinem angestammten Platz an der Fassade des Bahlsen-Stammhauses.

Die Polizei setzte ihre Ermittlungen fort, doch wer der Erpresser war, blieb unklar. Die Staatsanwaltschaft Hannover ließ später zwei Tatvorwürfe gegen die mutmaßlichen Entführer fallen und minimierte den Tatvorwurf auf Nötigung und Sachbeschädigung. Schließlich wurde die Akte geschlossen, da es keine Ermittlungsansätze mehr gab.

Bahlsen seinerseits hatte nie Strafanzeige erstattet: "Uns kam es nur darauf an, unseren Keks zurück zu bekommen", sagte Firmenchef Werner M. Bahlsen.

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War alles nur ein PR-Gag?

Obwohl aus den zahlreichen polizeilichen Aktivitäten während und nach dem Keks-Klau hervorgeht, dass es sich wirklich um eine Straftat und keinen PR-Gag handelte, hielt sich hartnäckig der Verdacht, dass das Unternehmen den Keksklau selbst inszeniert habe. Werner Bahlsen wehrte sich jedoch energisch gegen diesen Verdacht: "Unser Marketing hatte viele Ideen, was sich daraus noch alles machen ließe. Aber das habe ich gestoppt", sagte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Der Keks als Marketinginstrument

So oder so: Für Bahlsen zahlte sich "Krümelgate" (Der mutmaßliche Dieb gab sich nur im Outfit des Krümelmonsters aus der Sesamstraße zu erkennen) quasi ungewollt dennoch aus: Wie die Agentur Landau Media Monitoring errechnete, entsprachen die Artikel aus der Berichterstattung zum Bahlsener Keks-Klau einem Mediawert von mindestens 1,7 Millionen Euro. Demgegenüber standen die knapp 40.000 Euro, die Bahlsen für seine Keks-Spende locker machte.

Der Diebstahl des goldenen Leibniz-Kekses zeigte, wie sich Geschichten viral im Netz verbreiten und dabei vor allem Social Media eine tragende Rolle spielt.

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