Die Ruinen des Grafen: Hintergrund und Geschichte

Bei meinem ersten Gang durch die Sonderausstellung „Modern Times“ wusste ich zuerst nicht, was mich dort erwarten könnte. Unter archäologischen Funden aus der Neuzeit konnte ich mir nicht wirklich etwas vorstellen. Umso überraschter war ich beim Anblick einer Champagnerflasche vom Meeresgrund der Ostsee, welche neben einem verbrannten Nusskuchen stand. Da ich selbst gerne backe, aber überhaupt kein Händchen fürs Kochen habe, fühlte ich mich diesem Kuchen direkt verbunden, auch ohne seine Geschichte zu kennen.

Der Fund: Eine Nusstorte als „Torten-Mumie“

Diese bemerkenswerte Entdeckung wurde von Archäologen im April 2021 bei Ausgrabungen in der Lübecker Altstadt gemacht. Im Rahmen von Bauarbeiten wurde bei einer Schachtsetzung archäologisches Material aus dem Zweiten Weltkrieg freigelegt. Der Fund einer „Torten-Mumie“ aus einer Zeit des Krieges erregte nicht nur in Deutschland, sondern auch international großes Interesse. Zu sehen ist eine rußgeschwärzte, aber noch gut erkennbare „Torten-Mumie“ mit einer Verzierung aus Zuckerguss. Der Rand ist mit Nusskrokant bedeckt. Teilweise ist sie in Wachspapier eingeschlagen.

3D-Druck der mumifizierten Torte aus der Alfstraße in Lübeck

Aufgrund der enormen Hitze und des dadurch entstehenden Flüssigkeitsverlusts schrumpfte der Kuchen um ein gutes Drittel seiner ursprünglichen Größe. Sie hat einen Durchmesser von ca. 22,5 cm bis 19 cm und ist 4-5 cm hoch. Zusammen mit der Nusstorte konnten die Archäologen auch das Porzellanservice mit Herzchenmuster und Schellackplatten bergen.

Analysen und Konservierung

Die Metabolomik (erforscht Stoffwechselprodukte und -eigenschaften von Zellen und Gewebe) konnte die Zusammensetzung der Torte bestimmen. Sie besteht aus 90% Kohlenstoff und enthält Spuren von Nüssen und Palmöl. Dank des hohen Zuckeranteils und des sauerstoffarmen Raums konnte die Torte bis heute bestehen. Die Torte stellt die Archäologie vor eine besondere Herausforderung. Das Konservieren der Torte ist schwierig, da sie sehr instabil ist und unter besonderen Bedingungen aufbewahrt werden muss.

Metabolomische Analyse: Zusammensetzung der Torte

Die Geschichte hinter dem Kuchen

Für Frank Timo Lange könnte die Torte ein Stück Familiengeschichte sein. Dagmar Hitze lebte 1942 in besagtem Haus. Wenige Wochen zuvor war ihr Mann verstorben und sie lebte nun allein. Wahrscheinlich wollte ihre Tochter mit Familie sonntags zu Besuch kommen. Es ist der Tag vor Palmsonntag und vermutlich hat Dagmar Hitze dazu eine Nusstorte gebacken. Eine echte Besonderheit, da Lebensmittel wie Butter, Zucker und Milch bereits zu Beginn des Krieges rationiert wurden. Der reich mit Zuckerguss und Krokant verzierte Kuchen bildet einen starken Kontrast dazu. Auch die schön hergerichtete Kaffeetafel lässt friedlichere Umstände vermuten. Es wurde das gute Porzellan mit Herzmotiven angerichtet und für ein stimmiges Ambiente durch Musik von Schellackplatten gesorgt. Der Plan schien es also gewesen zu sein, am Palmsonntag bei Kaffee und Kuchen Beethovens Mondscheinsonate op. 27 Nr.

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Der Luftangriff und seine Folgen

Dies verhinderte jedoch der Bombenangriff der Briten in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942. Als Reaktion auf die Bombenangriffe der Deutschen entschied die britische Führung, Luftangriffe auf dicht bebaute Stadtgebiete innerhalb Deutschlands durchzuführen. Das Ziel war es, die Bevölkerung zu destabilisieren und zu entmutigen. Dass dabei vor allem die zivile Bevölkerung getroffen wurde, nahm man in Kauf. Lübeck gilt dabei als Vorreiter für weitere Flächenbombardements. Alleine in dieser Nacht haben 234 Flugzeuge der Royal Air Force rund 400 Tonnen Sprengstoff über der Hansestadt abgeworfen. Beim Flächenbombardement der Altstadt wurden auch die Häuser der Alfstraße bis auf wenige Ausnahmen im Westen zerstört. Durch den Luftangriff scheinen Teile des Hauses, wie die Küche, aus dem Erdgeschoss in den Keller abgerutscht zu sein. Die durch das Feuer entstandenen Hitze hat die Torte verkohlen lassen. Es sind rund 320 Menschen bei dem Angriff gestorben.

Kartendarstellung: Bombenangriff auf Lübeck im März 1942

Bedeutung des Fundes

Der Fund dieser Torte ist mehr als nur eine archäologische Kuriosität. Die Bedeutung dieses Fundes geht weit über die Tatsache hinaus, dass es sich um eine gut erhaltene Torte handelt. Sie symbolisiert die Widerstandsfähigkeit der Menschen und der Stadt Lübeck. Trotz der Zerstörung und der Verluste hat die Stadt sich wiederaufgebaut und ihre Geschichte bewahrt. Der Fund dieser Torte ist mehr als nur eine archäologische Kuriosität. Dank des hohen Zuckeranteils und des sauerstoffarmen Raums konnte die Torte bis heute bestehen.

Archäologische Essensfunde im größeren Kontext

Archäologische Essensfunde bieten faszinierende Einblicke in vergangene Kulturen. Bereits in der Bronzezeit finden sich Fragmente von Grabbeigaben wie Brot oder die Knochen von Tieren, welche beigelegt wurden. Auch Reste von Getreide, wie es ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. angebaut wurde, werden immer wieder in Mahlsteinen gefunden. In Römerlagern wie Haltern am See entdeckten Archäologen verkohlte Getreidekörner, Tierknochen und importierte Lebensmittel wie Oliven, die den vielseitigen Speiseplan der Römer belegen. Ein besonderer Fund stammt allerdings aus dem in Italien gelegenen Pompeji, welches durch den Ausbruch des Vulkans Vesuv im Jahre 79 n. Chr. von einer meterdicken Ascheschicht bedeckt wurde. Darunter fanden sich konservierte Nahrungsmittel, ähnlich wie bei der Nusstorte aus Lübeck. Neben den üblichen Getreidefunden fanden sich auch Eier, Brote, Kuchen und Nüsse.

Vergleich: Konservierte Nahrungsmittel aus Pompeji und Lübeck

Mittelalterliche Burgen und Klöster offenbarten Überreste von Obst, Gartenfrüchten und Tierresten, die auf eine ausgewogene Ernährung hinweisen. Gefunden werden diese oft in Kloaken wie in der Stadtkirche Münster, welche organisches Material durch den darin entstehenden hohen pH-Wert konservieren. Eine große Hilfe bei der Rekonstruktion der Speisen sind auch die noch erhaltenen Kochbücher, welche in Klöstern oder alten Herrenhäusern gefunden werden. Funde aus der frühen Neuzeit, wie Kartoffeln, Mais und Eier zeigen den Einfluss neuer Nahrungsquellen auf die Ernährung und Kultur. Mit der Entdeckung Amerikas änderten sich auch die Essgewohnheiten der Menschen in Europa.

Beispiele archäologischer Essensfunde (Kurzüberblick)

Epoche Fundbeispiele Bedeutung
Bronzezeit Brotfragmente, Tierknochen Bestattungssitten, Ernährung
Römische Zeit Getreidekörner, Oliven, Fischsauce in Amphoren Handel, Speisevielfalt
Mittelalter Obstreste, Gartenfrüchte, Tierknochen Lebensmittelerhaltung, Ernährung
Frühe Neuzeit / Moderne Kartoffeln, Mais, konservierte Kuchen Kultureller Wandel, Alltagsleben

Die „Grafskie razvaliny“ - ein kultureller Bezug

Knusprige Meringue, zarte Schoko-Buttercreme und aromatische Walnüsse sind in der beliebten sowjetischen Torte „Grafskie razwaliny“ vereint. Sie schmeckt luftig, leicht, süß und ist optisch ein ausgefallener Hingucker auf jedem Kaffeetisch. „Grafskie razwaliny“ heißt aus dem Russischen übersetzt „Ruinen der gräflichen Burg“. Diesen Namen hat die Torte aufgrund ihrer Optik bekommen. Dabei handelt es sich bei der Torte „Grafskie razwaliny“ eher um ein Dessert. Denn sie enthält keine Tortenböden und sogar kein Mehl, genau wie die Baisertorte „Der Flug“. Berühmt wurde die Torte „Grafskie razwaliny“ in der Sowjetzeit. Sie gehörte damals zu einem beliebten hausgemachten Dessert, genau wie die Torte „Murawejnik“ und die Smetannik Torte „Mischka na sewere“.

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Typische Optik der Torte „Grafskie razwaliny“ (Ruinen-Optik)

Für die Torte „Grafskie razwaliny“ gibt es sehr viele verschiedene Rezepte, ähnlich wie für die Torte „Damskij kapriz“. Darüber hinaus existieren Rezepte mit Biskuit und Baiser, woraus ja die Torte „Wetka“ besteht. In manchen Rezepten wird der Biskuitboden als ganzes verwendet und darauf die kleinen Baisers geschichtet. Statt Walnusskerne gehen genauso andere Nüsse für die Torte „Grafskie razwaliny“, genau wie für die Kekse „Kastanien“. Bereite zum Beispiel eine größere Portion Schokoglasur zu und überziehe damit das Baiser-Dessert komplett. Butter und die Milch-Eigelb-Masse für die Creme müssen zimmerwarm sein und beide etwa die gleiche Temperatur haben. Hast du die Torte „Grafskie razwaliny“ nach diesem Rezept selber gemacht?

Praktische Rezeptanbindung: Nusstorte, Teig und Creme

Für den Teig: Ei, Zucker, Schmand und gesiebtes Mehl gut verrühren. Backsoda und Essig leicht miteinander verrühren. Dann den Teig gut mit der flüssigen Butter vermischen. Anstatt Backsoda und Essig kann man auch 1/2 TL Kaisernatron verwenden. Den Teig in drei Teile teilen. Einen Teil mit 250 g gestiftelten oder gehackten Mandeln, einen mit 4 EL Backkakao und einen mit 150 g gehackten Walnüssen mischen. Jeden Teig einzeln in einer mit Backpapier ausgelegten oder gefetteten Tortenform bei 180 °C Ober-/Unterhitze ca. 20 Minuten backen. Die Tortenform sollte nicht zu groß sein, etwa 26 cm Durchmesser reichen.

Nur muss bei uns immer mehr Creme rein, die variiere ich geschmackstechnisch auch immer noch. Aber danke für die Idee! Knusprige Meringue, zarte Schoko-Buttercreme und aromatische Walnüsse sind in der beliebten sowjetischen Torte "Grafskie razwaliny" vereint. Sie schmeckt luftig, leicht, süß und ist optisch ein ausgefallener Hingucker auf jedem Kaffeetisch.

Creme-Grundrezept (Anhaltspunkt)

Für die Creme: 1 Becher Schmand, 150 g Puderzucker oder Zucker. Schlage weiche Butter ca. Butter und die Milch-Eigelb-Masse für die Creme müssen zimmerwarm sein und beide etwa die gleiche Temperatur haben. Für die Creme 250 g Butter zimmerwarm, 200 ml Milch, Eigelb von 4 Eiern, 100 g Zucker, 15 g Kakaopulver, 1 Prise Vanille gemahlen.

Video: Die Torte aus den Trümmern - LWL-Museum für Archäologie und Kultur

Quellen und weiterführende Hinweise

  • Archäologen finden fast 80 Jahre alte Nusstorte in Lübeck. (09.09.2021). RTL NEWS.
  • Die Lübecker Archäologie entdeckt Torte als Zeitzeuge des Luftangriffs. (07.09.2021). Hansestadt Lübeck.
  • Renn, Lisa: Die Torte aus den Trümmern. Ein einzigartiger Fund aus einem Keller in der Alfstraße. LWL-Museum für Archäologie und Kultur YouTube.
  • Michael Lagers: Krokant verbrannt: die Lübecker Nusstorte, in: Modern Times. Archäologische Funde der Moderne und ihrer Geschichte. 2023.
  • Czeika, Sigrid: Alltagsgeschichten aus dem Abfall. Tierknochen und Pflanzenfunde als Reste mittelalterlicher Nahrung.
  • Wikipedia: Bundesarchiv, Bild 146-1980-121-20 / Appel, E.

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