Bill Gates, Investitionen in Schokolade und Nachhaltigkeit: Chancen, Kontroversen und Auswirkungen auf Landwirtschaft
Die Nachhaltigkeitsziele der Uno sind wichtig und richtig. Aber sie verzetteln sich zu sehr Wer die Welt verbessern will, muss sich klare Ziele setzen. Allerdings verlangt ein sorgfältiger Einsatz der knappen Ressourcen klare Prioritäten. In der Landwirtschaft dürften sich durch gezielte Massnahmen grosse Hebelwirkungen erreichen lassen. Bild: Indischer Bauer bei der Jute-Ernte im August 2023, Westbengalen. Piyal Adhikary / EPA
Weltweit gültige Ziele für nachhaltige Entwicklung zu formulieren, war eine hervorragende Idee. Die Sustainable Development Goals der Uno nahmen Gestalt an, indem die Vereinten Nationen zusammenkamen und sagten: „Das hier sind die grössten Probleme der Welt, und so werden wir den Fortschritt bei diesen Problemen messen.“ Zu den 17 Nachhaltigkeitszielen gehören die Versprechen, dem Hunger und der extremen Armut ein Ende zu setzen, den Klimawandel und das Versagen der Bildungssysteme in den Griff zu bekommen sowie Ungleichheit und Korruption zu verringern. Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen.NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan. Bitte passen Sie die Einstellungen an. Dieses Jahr ist Halbzeit zwischen 2016 und 2030, bis dahin sollen die Ziele erreicht werden. Obwohl die Vereinbarungen viel Gutes bewirkt haben, ist die Welt fast überall im Rückstand. Dies ist der richtige Zeitpunkt, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung einer Bewertung zu unterziehen.
Vor- und Nachteile konkreter Ziele
Beginnen wir mit etwas, das bereits sehr gut gelingt. Das Gute an den Nachhaltigkeitszielen ist, dass sie eine Einigung darüber erzwungen haben, worauf es ankommt und wie der Fortschritt gemessen werden kann. Regierungen, Stiftungen und andere Geldgeber haben sich verpflichtet, finanzielle Hilfe und andere Formen der Unterstützung für die Ärmsten der Welt zu leisten und sich dabei an den vereinbarten Zielen zu orientieren. Gemäss dem Motto: „Nur was gemessen wird, kann auch gemanagt werden.“
Das Problem ist aber: All die Global Goals sind zu viel des Guten. Die 17 Verpflichtungen werden von einer riesigen Anzahl von Zielvorgaben begleitet - 169, um genau zu sein. So viel gleichzeitig anzustreben, wäre nicht unbedingt ein Problem, wenn alles zugleich finanziert würde. Das ist aber nicht der Fall. Trotz den rekordverdächtigen Zusagen der Geldgeber wurde in einem Bericht kürzlich festgestellt, dass für den Rest dieses Jahrzehnts jedes Jahr mindestens 10 bis 15 Billionen Dollar fehlen - das entspricht in etwa den gesamten Steuereinnahmen aller Regierungen der Welt.
Dieses massive Defizit erfordert einen zweigleisigen Ansatz. Erstens: Wir müssen die Finanzierungslücke bestmöglich verkleinern. Die Geldgeber müssen ihre Zusagen zur Erreichung der Ziele einhalten und sogar übertreffen. Wenngleich die globale Auslandshilfe 2022 zum vierten Mal in Folge gestiegen ist, entfiel der grösste Teil dieses Anstiegs auf die Flüchtlings- und die humanitäre Hilfe, welche durch Russlands Krieg gegen die Ukraine erforderlich wurde. Die Entwicklungshilfe für die bedürftigsten Länder ging jedoch zurück. Viel Bedarf, knappe Mittel.
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Grosse Hebel mit kleinem Einsatz
Es gibt allerdings Ausnahmen. Frankreich, die Niederlande, die Vereinigten Staaten und China haben in letzter Zeit ihre Mittel für Gesundheitsmassnahmen in Ländern mit niedrigem Einkommen aufgestockt. Die Gates Foundation ist auf dem besten Weg, ihre Gesamtsumme bis 2026 um 50 Prozent zu erhöhen. Wir hoffen, dass andere Geldgeber diesem Beispiel folgen. Zweitens ist klar, dass Inflation und steigende Zinssätze Regierungen an ihre Grenzen bringen. Die traurige Realität ist, dass wir global nicht jedes Jahr 10 Billionen Dollar mehr aufbringen können. Wir müssen also die besten Investitionen ermitteln - jene, die mit den verfügbaren Mitteln den grössten Nutzen bringen.
Dazu bedarf es keines Rätselratens. Jahrzehntelange Forschung liefert die Daten, mit denen sich bestimmen lässt, was die besten Massnahmen sind. In einem kürzlich vom Copenhagen Consensus Center geleiteten Projekt haben Wirtschaftswissenschafter zwölf hocheffiziente Massnahmen ermittelt, die bei relativ geringen Kosten enorme Vorteile bringen («Best Things First», 2023). Große Hebel mit kleinem Einsatz. Sie fanden heraus, dass einfache Massnahmen bei der Geburt jedes Jahr das Leben von 1,2 Millionen Neugeborenen retten können, und das bei Kosten von weniger als 5 Milliarden Dollar jährlich. Zusätzliche 5,5 Milliarden Dollar jährlich für Agronomie in armen Ländern würden Bauern helfen, trotz Klimawandel erfolgreich zu produzieren und die Lebensmittelkosten zu senken - mit langfristigen Vorteilen im Wert von 184 Milliarden Dollar pro Jahr. Weitere Empfehlungen betreffen die Vorbeugung von Tuberkulose und Malaria, die Impfung von Kindern, die Verbesserung der Bildung und die Stärkung von Landbesitzrechten. Insgesamt ergab das Projekt, dass 12 Massnahmen bis 2030 mehr als vier Millionen Menschenleben pro Jahr retten und den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen jährlich 1,1 Billionen US-Dollar einbringen würden - bei Kosten von etwa 35 Milliarden Dollar pro Jahr.
Noch wichtiger als bestimmte Massnahmen ist jedoch die prinzipielle Herangehensweise. Erstens: Wir sollten die Ziele für nachhaltige Entwicklung weiterhin finanzieren, denn sie retten Leben und helfen Menschen, der extremen Armut zu entkommen. Wir müssen uns auf diejenigen Anstrengungen konzentrieren, die die grösste Wirkung erzeugen. Mit diesen Grundsätzen im Hinterkopf können wir dafür sorgen, dass die globalen Nachhaltigkeitsziele die grösstmöglichen Wohlfahrtsgewinne erreichen. Bill Gates ist Co-Vorsitzender der Bill & Melinda Gates Foundation. Björn Lomborg ist Präsident des Copenhagen Consensus. - Aus dem Englischen von David Lessmann
Wofür immer 10 bis 15 Billionen Dollar pro Jahr ausgegeben werden, muss man doch auf der anderen Hand auch große Summen verdienen können
Diejenigen, welche über die Projekte entscheiden, arbeiten selbstverständlich auf gemeinnütziger Basis, aber wenn Weizen gekauft wird oder Infrastruktur gebaut wird, kann sich ein Hedgefonds doch vorher entsprechend positionieren und damit einen guten Teil der gespendeten Beträge zurückholen. Entscheidend ist, dass alles zentral organisiert wird und diese Spekulationsgeschäfte wiederum der Stiftung zugute kommt. Ein Investitionsprogramm von der Größe aller Steuereinnahmen des Planeten, das ist eine zweite Weltwirtschaft, die hat eine enorme Macht.
- Gamechanger auf ihrem Gebiet: Bill Gates revolutionierte die Computerindustrie; Josef Zotter erfand aus Österreich heraus Schokolade neu und setzt Nachhaltigkeit an erste Stelle.
- Verschlossene Türen als Ansporn: Gates suchte nach Fehlern im System, Zotter lernte aus Rückschlägen und baute daraufhin seine Schokoladenmanufaktur.
- Beide in der Kategorie „Boomer“: Gates (1955), Zotter (1961) - und beide nutzten Chancen für nachhaltiges Handeln.
Keine Angst vor revolutionären Ideen: Konsequente Nachhaltigkeit und Umverteilung sind Anliegen beider. Gates unterstützt Initiativen zur Förderung nachhaltiger Energien und gründete The Giving Pledge. Zotter setzt sich für faire Anbaupraktiken und notleidende Kinder in Afrika ein. Im Umsatz zeigt sich allerdings, dass Microsoft deutlich mehr Umsatz macht als Zotter. Während Zotter rund 28,1 Millionen US-Dollar Umsatz (2019) meldet, erzielt Microsoft 143 Milliarden Dollar Umsatz.
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Schoko-Leckereien in allen Farben und Formen prägen Osternester. Mit rund 40 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion ist die Elfenbeinküste der größte Kakaoexporteur; 1,2 Millionen Tonnen werden dort jährlich produziert. Dennoch kämpft das Land mit Kinderarbeit. Die Weltkakaostiftung startete das Programm „Lebensgrundlage Kakao“, finanziert von Gates-Stiftung und 14 Schokoladenunternehmen, um die Lebensverhältnisse von ca. 75.000 ivorischen Kleinbauern bis 2014 zu verbessern. Zu den Mitgliedern gehören Lindt, Nestlé und Kraft Foods.
Gleichwohl bedeutet das nicht, dass alle Hersteller fair gehandelte Kakao liefern. In Deutschland führen Gepa, Tchibo und Krüger Produkte nach Fairtrade-Standards. Der Anteil Fairtrade-Schokolade am jährlichen Verbrauch liegt jedoch unter einem Prozent. Nestlé stellte in Großbritannien KitKat-Produktion auf Fairtrade-Vorgaben um. Verbraucher in Deutschland können trotzdem weiterhin Schokolade genießen - faire Optionen existieren, auch wenn der Umstieg nicht flächendeckend erfolgt.
Kritik am Rainforest Alliance-Siegel
In der Diskussion um Rainforest Alliance ist Kritik laut. Public Eye bemängelt, dass Standards vorwiegend Produzenten betreffen und nicht Abnehmer statt Mindestpreis und Vorfinanzierung gefordert wird. Oxfam prangert Arbeitsbedingungen auf zertifizierten Plantagen an. SECO unterstützt Zertifizierungen als Marktinstrument zum Erhalt der Tropenwälder, betont aber, dass Transparenz und Wirksamkeit geprüft bleiben müssen. Das Logo gilt in einigen Kreisen als potenziell problematisch, da Zertifizierungen oft als Greenwashing wahrgenommen werden. Rainforest Alliance erhält Spenden von Gates, doch existieren Bedenken zur Unabhängigkeit der Organisation.
Bezüglich mRNA-Impfstoffen in Lebensmitteln kursieren Gerüchte. Die Gates Foundation investiert in mRNA-Technologie; Forschung zeigt, dass Impfstoffe nicht ins Zellgenom gelangen und derzeit keine Aufnahme über Nahrung möglich ist. Es existieren Studien zu essbaren Plattformen, doch bis zur Marktreife vergehen Jahre. Transparente Informationsquellen bleiben wichtig, um Mythen zu entkräften und Verbrauchervertrauen zu wahren.
Abschließend lässt sich festhalten: Gates und Zotter stehen symbolisch für zwei Welten - Technologie und nachhaltige Landwirtschaft - beide mit Fokus auf Umverteilung, Bildung und Umwelt. Regionalität bietet Chancen: In Österreich könnten viele Produkte regional hergestellt werden, während globale Lieferketten weiterhin Herausforderungen mit sich bringen. Gier und Globalisierung treiben Transportwege voran, doch staatliche Maßnahmen können Anreize setzen, lokale Produktion zu stärken.
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Zusammenfassung der Kernthemen
- SDGs: Umfangreich, messbar, aber Finanzierung bleibt kritisch.
- Klimawandel, Gesundheit, Bildung: Priorisierte Hebel führen zu großen Wohlfahrtsgewinnen.
- Investitionen: Effektive Allokation statt Blinde-Finanzierung; zwölf Kernmaßnahmen mit hohem Nutzen.
- Rainforest Alliance: Nutzen und Kritik; Transparenz und Unabhängigkeit zentral.
- Bill Gates und Josef Zotter: Doppelperspektiven zu Nachhaltigkeit - Technologie vs. faire Landwirtschaft.
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