ARD-Mediathek: „Schmutzige Schokolade“ – Hintergründe zur Kinderarbeit in der Kakaoindustrie
Schokolade gilt vielen Verbrauchern als Genuss ohne schlechtes Gewissen: Auf den Seiten vieler Hersteller prangen Siegel für Nachhaltigkeit und fairen Handel. Ein Fernsehteam von WDR und NDR reist an die Elfenbeinküste und deckt jedoch erschreckende Zustände auf: Zahlreiche Kinder schuften dort unter erbärmlichen Bedingungen.
Was zeigt die Dokumentation?
Mit seinem Film „Schmutzige Schokolade“ machte der dänische Filmemacher Miki Mistrati schon 2010 darauf aufmerksam, dass in vielen afrikanischen Ländern die Kinderarbeit boomt. Im Jahr 2010 wurde der Dokumentarfilm „Schmutzige Schokolade“ des dänischen Journalisten Miki Mistrati erstmals im deutschen Fernsehen gezeigt. Gestern strahlte die ARD die Fortsetzung dieser Dokumentation aus, in der Mistrati sich von den Fortschritten der Branche im Kampf gegen die Kinderarbeit überzeugen wollte.
Der Anblick vor Ort ist oft ernüchternd, so wie hier in dieser Schule, in der die Kinder noch immer in einem bröckelnden Lehmgebäude unterrichtet werden. Das Schulgebäude, so erfahren die TV-Zuschauer, wurde zwar angefangen, kam aber über den Rohbau nicht hinaus. An anderer Stelle standen Rohbauten, die einmal eine Schule werden sollten, an denen aber schon seit Jahren nicht mehr gearbeitet wurde.
Ein Fernsehteam von WDR und NDR reist an die Elfenbeinküste und deckt erschreckende Zustände auf: Zahlreiche Kinder schuften dort unter erbärmlichen Bedingungen. "Wenn wir mal Fleisch essen, dann sind es Ratten", erzählt die 13-jährige Marcellin. Sie arbeitet wie viele andere Kinder auf den Kakaoplantagen in Côte d'Ivoire, dem größten Kakaoproduzenten der Welt. Schätzungen zufolge sind rund 1,5 Millionen Kinder unter solch prekären Umständen allein in der Elfenbeinküste tätig. Viele von ihnen stammen aus noch ärmeren Ländern wie Mali oder Burkina Faso.
Welche Recherchen und Resultate präsentierte Mistrati in der Fortsetzung?
Für die ARD ist der Filmemacher nun wieder nach Afrika gereist. In seinem Film „Schmutzige Schokolade II“ recherchiert Miki Mistrati gemeinsam mit einem Journalisten aus der Elfenbeinküste, was aus den Hilfsprojekten geworden ist. Die Ergebnisse sind ernüchternd, Mistrati und sein Kollege Ange Aboa fanden nach eigenen Angaben kein einziges funktionierendes Projekt.
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Schon der erste Besuch einer Plantage offenbarte die Wirkungslosigkeit von Zertifikaten: Während am Eingang das Logo der Organisation UTZ-Certified hing, die sich unter anderem gegen den Einsatz von Kindern auf den Plantagen einsetzt, war der erste Arbeiter, der dem Filmteam über den Weg lief, ein 15-jähriger Junge - und es sollte nicht der Einzige bleiben. An anderer Stelle ist er auf einer Plantage in Ghana, auf der auch ein Junge mit der gefährlichen Machete hantiert.
Als der Filmemacher mit den Jugendlichen spricht, erfährt er zudem, dass offenbar auch das System des Kinderhandels noch immer in Gang ist: Etliche der Kinder, die auf dieser Plantage in Ghana arbeiten, stammen aus dem weit entfernten Burkina Faso. Die Dokumentation zeigte schuftende Kinder in der Hand von Menschenhändlern auf den Kakaoplantagen im Westen Afrikas.
Reaktionen der Industrie und Siegelorganisationen
Die meisten Konzerne stützen ihre Bemühungen auf solche Zertifizierungsorganisationen. Nachdem Filmemacher Michael Höft mehrere Fälle von Kinderarbeit auf Kakaoplantagen für einen WDR-Film im Jahr 2023 dokumentiert hat, konfrontiert er Rainforest Alliance mit den Ergebnissen. Die Organisation gibt zu, dass sie zwar gegen Kinderarbeit kämpfe, nicht aber garantieren könne, dass Produkte mit ihrem Siegel frei von Kinderarbeit sind. Man bemühe sich aber.
Überall die gleichen Reaktionen: Damit sind wir nicht einverstanden, so soll es nicht sein, das haben wir nicht gewusst. „Leider gelingt es dem Film nicht, weder die komplexe Realität des Kakaoanbaus noch die erreichten Fortschritte angemessen darzustellen“, heißt es in einer Stellungnahme des Lebensmittelkonzerns Nestle. Deren zuständiger Generaldirektor José Lopez empfing Mistrati zu einem Interview, in dem er mit den Filmaufnahmen konfrontiert wurde.
Der Filmemacher konfrontiert auch die Firma Lindt & Sprüngli mit den Ergebnissen seiner Recherche. Geht es den Kakaobauern dieses Programmes wirklich besser oder sind die Informationen des Schokoladengiganten reine PR?
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Geldströme und Effektivität der Maßnahmen
Es sind nicht nur die Bilder, sondern auch die Zahlen, die den Zuschauer beim Schauen der Dokumentation betroffen machen. Laut den Recherchen des Filmteams machten die großen Schokoladenfirmen weltweit einen Umsatz von 134 Milliarden Euro. Für Hilfsprojekte in der Elfenbeinküste hingegen wurden nur 338.000 Euro ausgewiesen.
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Umsatz großer Schokoladenfirmen (weltweit) | 134 Milliarden Euro |
| Ausgewiesene Mittel für Hilfsprojekte in der Elfenbeinküste | 338.000 Euro |
| Geschätzte Kinder in prekären Arbeitsverhältnissen (Elfenbeinküste) | rund 1,5 Millionen |
Vor drei Jahren hat der Filmemacher Miki Mistrati aufgedeckt, dass auf vielen Kakao-Plantagen Kindersklaven arbeiten. Nach diesem Film hat die Schokoladenindustrie versprochen dieses Problem anzugehen. Die Industrie gelobte Besserung und bekräftigte ihre Null-Toleranz-Haltung gegenüber Kinderarbeit. Dennoch können Kakaobauern von ihrer Arbeit nicht leben, wie erst vor wenigen Wochen eine NGO-Studie belegte.
Technologische Ansätze und Rückverfolgbarkeit
Auch das wollte Mistrati genauer wissen und besuchte in Ghana ein Büro der Organisation Source Trust. Diese hat ein System eingerichtet, mit dem jeder Sack Kakaobohnen genau zurückverfolgt werden kann. Nach einigen Schwierigkeiten funktionierte ein test vor der Kamera, bei dem anhand eines Strichcodes auf der Schokolade deren Anbaubetrieb identifiziert werden konnte. Dennoch zeigte sich Mistrati skeptisch, ob so Kinderarbeit wirksam bekämpft werden kann.
Erfahrungsberichte und Alltag der Kinder
"Wenn wir mal Fleisch essen, dann sind es Ratten", erzählt die 13-jährige Marcellin. Sie arbeitet wie viele andere Kinder auf den Kakaoplantagen in Côte d'Ivoire. Manche der Firmen, die die Kakaoprodukte aus der Elfenbeinküste bezogen, versprachen Besserung. Sie wollten Schulen eröffnen, Krankenhäuser bauen und die Lage der Farmer vor Ort verbessern, damit die Kinder nicht mehr die gefährliche Arbeit mit den Macheten leisten müssen. Dennoch zeigten die Recherchen, dass viele dieser Versprechen nicht umgesetzt wurden.
Was sagen NGOs, Hersteller und Initiativen?
Nestle hat auf einen Bericht der Fair Labor Association (FLA) über die Anbaubedingungen in der Elfenbeinküste reagiert und einen eigenen Aktionsplan gegen Kinderarbeit entwickelt und veröffentlicht. „Wir konzentrieren unsere Anstrengungen auf Bereiche, auf die wir direkten Einfluss nehmen können“, heißt es bei Nestle. Bei Nestle ist man vom eigenen Aktionsplan überzeugt und wird jährlich über dessen Fortschritte berichten.
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Chocolats Halba setzt sich intensiv mit dem Thema Kinderarbeit auseinander und verbessert durch konkrete Projekte die Lebensbedingungen der Kakaobauern. In ihrem Agroforesting Projekt werden zusätzlich zu den Kakaopflanzen Edelholzbäume gepflanzt, überwacht von Pure Project, damit das Einkommen erhöht und die Quelle für Kinderarbeit abgestellt wird. Zusätzlich ist die Schokolade noch einmal fair trade zertifiziert.
Mediale Wirkung und politischer Druck
Den ersten, 2010 ausgestrahlten Teil der Dokumentation von Mistrati erregte großes Aufsehen: In mehr als 20 Ländern wurde der Film ausgestrahlt. Die Dokumentation sollte ihre Wirkung nicht verfehlen. Sein Fazit am Ende der Recherche: Nur durch den Druck der Verbraucher auf die Hersteller wird sich bei der Kakaoproduktion in Westafrika etwas ändern - wenn überhaupt. 1,6 Millionen Zuschauer schalteten gestern zu später Stunde ihre Fernsehgeräte ein. Viele davon wohl auch mit der Frage, ob sie an den Weihnachtstagen mit ruhigem Gewissen Schokolade essen können.
Hinweis zur Verfügbarkeit
Wenn du den Film ansehen möchtest, kannst du das derzeit noch in der ARD Mediathek. Die Dokumentation wurde am 17. Dezember zum ersten Mal im Deutschen Fernsehen gezeigt. Eine Wiederholung wurde angekündigt.
Wie kann als Verbraucher Einfluss genommen werden?
- Sorgfältige Prüfung von Zertifikaten und Informationsangeboten der Hersteller.
- Druck auf Hersteller durch Nachfrage nach Transparenz über Lieferketten und Mittelverwendung.
- Unterstützung von Projekten, die direkt die Lebensbedingungen der Farmer verbessern (z. B. Agroforst-Projekte, Fair-Trade-Initiativen).
- Bewusstsein, dass Rückverfolgbarkeitssysteme wie Strichcodes hilfreich sein können, aber keine vollständige Garantie gegen Kinderarbeit bieten.
Die Dokumentation zeigt: Trotz Versprechen und Zertifikaten bleibt die Lage vieler Kinder in den Kakaoanbaugebieten prekär. Die Frage, ob Schokolade ohne schlechtes Gewissen kaufbar ist, bleibt damit für viele Verbraucher aktuell und drängend.
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