Antwerpener Hand Schokolade: Geschichte und Bedeutung

Wer durch Antwerpen schlendert, wird schon bald vor dem Schaufenster einer der unzähligen Chocolaterien stehen bleiben und einen Blick auf das süße Schlaraffenland werfen. Neben den berühmten belgischen Pralinen und anderen verführerischen Schokoladen- und Nougatkreationen sieht man dort auch eine lokale Spezialität, die sogenannten »Antwerpse Handjes«. Ursprünglich waren die Antwerpener Händchen ein Feingebäck, seit den 1970er-Jahren werden sie auch aus Schokolade hergestellt.

Mythos von Antigoon und Brabo: Ursprung der Form

Die Schokoladenstückchen nehmen, so die Werbung, Bezug auf eine Gründungslegende der Stadt Antwerpen. Der zufolge wachte einst zur Römerzeit ein mächtiger Riese namens Druon Antigoon über den Fluss Schelde: Jeder Fischer oder Händler, der über das Wasser wollte, musste Wegzoll entrichten. Wer sich weigerte, dem hackte der garstige Riese die Hand ab und warf sie in den Fluss. Ein mutiger römischer Soldat namens Silvio Brabo forderte den Giganten zum Kampf heraus und besiegte ihn. Als Zeichen des Sieges schlug er ihm seinerseits eine Hand ab und warf diese in die Schelde (der Brabo-Brunnen auf dem Groten Markt stellt genau diesen dramatischen Wurf dar). An der Stelle jenes mythischen Kampfes entstand Antwerpen, dessen Name nach einer gut erfundenen, aber falschen Etymologie von »(h)ant werpen« = »Hand werfen« kommen soll.

Brabo-Brunnen auf dem Groten Markt

Vom Keks zur Schokolade: Entwicklung der Antwerpener Hände

Im Jahr 1934 veranstaltete die Vereinigung der Antwerpener Konditormeister auf Anregung von Jos Hakker einen Wettbewerb, um Antwerpen eine kulinarische Spezialität zu schenken. Jos Hakker selbst gewann daraufhin den ersten Preis mit seinem Keks 'Antwerpener Hände'. Die Form bezieht sich auf die mittelalterliche Legende über die Gründung von Antwerpen: Der Riese Antigoon verlangte einen Wegzoll über die Schelde, bis Brabo, ein römischer Soldat, ihn besiegte, indem er ihm die Hand abhackte. In der Folgezeit begann die Hafenstadt Antwerpen dank des freien Handels zu florieren.

Mit dem neuen Gebäck wollten die Antwerpener Konditormeister 1934 ihre berufliche Liebe und Großzügigkeit gegenüber den Besuchern Antwerpens zum Ausdruck bringen. Möglicherweise gaben auch die Wirtschaftskrise und die Notwendigkeit einer neuen Einnahmequelle den Anstoß für die Erfindung des neuen Kekses. Der eigentliche Verkauf der Kekse begann mit einiger Verzögerung, da man auf das Ergebnis des Designwettbewerbs für die Geschenkbox wartete. Der Siegerentwurf zeigte nicht nur die typische Form der Hand, sondern auch eine Reihe von charakteristischen Ansichten von Antwerpen. Am Samstag, dem 15. Dezember 1934, brachten die Konditormeister das Gebäck tatsächlich auf den Markt.

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte entwickelte sich die Form der kleinen Hand weiter. Das Gebäck wurde fester und schmaler. Die Mandelblättchen wurden auf das Handgelenk beschränkt. Auch die Schachteln und Tüten erfuhren einige Metamorphosen. Im Jahr 1971 kamen die sogenannten "Caraques" hinzu, Hände aus Vollmilchschokolade. Auf Wunsch der Syndicale Union pour la Bâtisserie, la Confiserie, la Chocolat et la Chocolat de l'Enseignement entwirft die Firma Gartner daraufhin eine handförmige Praline mit Pralinen- oder Kaffeefüllung. 1982 schließlich kreierte der Chocolatier René Goossens eine Schokoladenversion mit einer Marzipanfüllung, die mit dem Antwerpener Likör Elixir d'Anvers versetzt wurde.

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Antwerpener Handjes: klassische Keks- und Schokoformen

Kommerzialisierung, Schutz und Anerkennung

Sechs Bäcker der Antwerpener Niederlassung der Königlichen Vereinigung der Konditormeister Belgiens beschlossen im August 1956, die 'Antwerpener Hände' wieder auf den Markt zu bringen. Sie ließen sich das Rezept aus Mehl, Zucker, Butter, Eiern und Mandeln sowie die Form, den Namen und die Verpackung patentieren. Nur Antwerpener Bäcker, die eine Lizenzgebühr zahlten und sich an strenge Bedingungen hielten, durften das Gebäck danach wieder verkaufen.

Im Jahr 2005 führten das Fremdenverkehrsamt der Stadt Antwerpen, das industrielle Schokoladenunternehmen Andes (aus Puurs bei Antwerpen) und die Syndicale Unie gemeinsam eine elegante Neugestaltung der Verpackung ein. Seitdem ist die Unterscheidung zwischen industriellen und handwerklichen Keksen für die Verbraucher weniger sichtbar. Ein mehrsprachiges Infoblatt über die Legende von Brabo und Antigoon wurde den Schachteln ebenfalls beigefügt.

Etwa zur gleichen Zeit wurde auf Betreiben der neuen gemeinnützigen Organisation 'Streekproducten Provincie Antwerpen' ein Antrag bei VLAM (Flämisches Zentrum für Agrar- und Fischereimarketing) auf Anerkennung von 'Antwerpener Hände' als flämisches Regionalprodukt gestellt. Diese Anerkennung erfolgte im Mai 2006. Zur Feier des Tages verteilten die Bäcker erneut Kekse auf der Meir. Im Jahr 2008 hat VLAM auch die 'Antwerpener Hände' mit Schokolade, das "Caraque", und die 'Antwerpener Hände' aus Schokolade mit Elixir d'Anvers-Füllung des Chocolatiers Goossens als Antwerpener Regionalprodukt anerkannt.

Die Biographie des Erfinders: Jos Hakker und seine Familie

Wer war Jos Hakker, der 1934 Mitglied des Vorstands der Antwerpener Bäckermeister war und den Keks erfand? Jos Hakker wurde am 28. Mai 1887 in Amsterdam geboren. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1889 wurden die Kinder in einem Waisenhaus untergebracht und Jos wuchs dort mit seinen beiden Brüdern auf. Die Auswahl an Studienmöglichkeiten war dort recht begrenzt, und Jos machte eine Ausbildung als Konditor und Zuckerbäcker.

Nach Abschluss der Ausbildung zog Jos nach Antwerpen, wo entfernte Verwandte lebten, die Familie Simons-Kahn, die eine Bäckerei besaß. Dort konnte er im Geschäft arbeiten und lernte auch seine zukünftige Frau Rachel Simons kennen, die aus den Niederlanden zu einem Familienbesuch nach Antwerpen kam. Die beiden heirateten und eröffneten ihre eigene Konditorei in der Provinciestraat. Sie hatten einen Sohn, Simon Hakker, der am 7. September 1912 in Antwerpen geboren wurde.

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Die Hakkers hatten viel Kontakt zu ihren nichtjüdischen Nachbarn: der nichtjüdische Metzger von gegenüber, der holländische Fischhändler, das Ehepaar aus dem Lebensmittelladen. Die Nachbarn waren untereinander Freunde und Kunden. Außerdem engagierte sich Jos Hakker stark in der Sozialistischen Partei, der er nach seiner Ankunft in Belgien im Jahr 1903 beitrat. Ab 1912 war er Vorstandsmitglied und ab 1918 Vorsitzender der Sozialistischen Partei des sechsten und siebten Distrikts von Antwerpen. Hakker kümmerte sich auch um die Verpflegung der Stadt und war somit sehr engagiert und in die Stadt integriert.

Verfolgung im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau

Im Mai 1940 flohen der Sohn Simon Hakker und seine Verlobte Phyllis Wach mit Phyllis' Eltern nach Frankreich, wie auch andere Juden. Simon und Phyllis und Phyllis' Mutter kehrten nach der Verhaftung nach Antwerpen zurück, flohen aber im August 1942 erneut. Sie nahmen auch drei jüdische Kinder aus der Nachbarschaft mit. Sie erreichten nach einer schwierigen Reise die Schweizer Grenze und überlebten den Krieg.

Jos Hakker selbst war bis zum Sommer 1942 nicht sonderlich beunruhigt, auch nicht, als das Tragen des Judensterns auferlegt wurde, was er als besonders stigmatisierend bezeichnete: "Obwohl meine Familie nie als Juden lebte und die meisten Leute nicht einmal ahnten, dass wir Juden waren, wurden wir dennoch verpflichtet, den Stern zu tragen, mit allen Nachteilen, die damit verbunden waren. Ich persönlich habe diesen Stern fast nie getragen." Zwei deutliche Warnungen machten Jos Hakker den Ernst der Lage bewusst: die erste große Razzia gegen Juden in Antwerpen, die in der Nacht vom 15. auf den 16. August 1942 in seinem Viertel stattfand, und die Warnung eines ehemaligen Klassenkameraden seines Sohnes Simon Hakker am 22. September 1942.

Jos ließ seine todkranke Frau am 16. August 1942 in das St. Erasmus-Krankenhaus einliefern. Nach dem Tod seiner Frau am 29. Oktober 1942 floh er aus Antwerpen. Er versuchte, heimlich in die Schweiz zu gelangen, um zu seinem Sohn und seiner Schwiegertochter zu gelangen. Seine "Passeurs", die Kontakte, die ihm bei der Flucht helfen sollten, waren jedoch Kollaborateure des Devisenschutzkommandos: Hakker war verraten worden und wurde verhaftet. Nach zwei Wochen Haft im Gefängnis Begijnenstraat in Antwerpen wurde er am 13. November 1942 in die Dossin-Kaserne in Mechelen eingeliefert.

Am 15. Januar 1943 verlassen der Transport XVIII und der Transport XIX die Dossin-Kaserne. Jos Hakker, der unter der Nummer 247 registriert ist, besteigt den Deportationszug mit 1.623 anderen Personen in Richtung Auschwitz-Birkenau. Siebenundsechzig von ihnen gelang es, aus dem Waggon der dritten Klasse zu springen, darunter auch Jos Hakker. Hakker überlebte den Rest des Krieges im französischsprachigen Belgien und schloss sich dem Lütticher Widerstand an. Unmittelbar nach der Befreiung Belgiens veröffentlichte er seinen Augenzeugenbericht "Die geheime Kaserne Dossin - Deportationslager der Juden".

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Bald nach der Befreiung kehrte Jos Hakker nach Antwerpen zurück. Jos' Sohn Simon, seine Schwiegertochter und seine beiden Enkelinnen, die er noch nicht kennengelernt hatte, kehrten erst im Sommer 1945 zurück. Gemeinsam eröffneten sie am 17. September 1945 ihre Konditorei in der Provinciestraat wieder. Das war nicht selbstverständlich: bis auf einige wenige Artikel war alles aus der früheren Bäckerei verschwunden. Außerdem war es nicht nur ein Neubeginn, sondern auch eine jahrelange finanzielle Herausforderung, da so viele Vermögenswerte während des Krieges verloren gegangen waren und zudem eine Entschädigung an die Schweiz für den Aufenthalt während des Krieges gezahlt werden musste.

Konditorei Hakker nach dem Krieg, Provinciestraat

Kulturelle Bedeutung, Kritik und Kontext

Die 'Antwerpener Hände' entwickelten sich zu einem beliebten Produkt für den Tourismusmarkt. Ab den 1950er Jahren wurde der Verkauf des Kekses ein echter Erfolg. Das Gebäck wurde auch zunehmend als Antwerpener Kulturgut betrachtet. Gleichzeitig wurde die Geschichte des Kekses und seines Erfinders immer weniger bekannt.

Entrückt ins ferne Reich der Legenden und verniedlicht zu zarten Schokoladenhäppchen, scheint die grausame Tat der abgehackten Hand ihren Schrecken zu verlieren. Während Touristen in Antwerpen in der Regel auf den Brabo-Narrativ verwiesen werden, ist die Verbindung zur Kolonialgeschichte des Kongo kaum Gegenstand der städtischen Souvenir- und Erinnerungskultur.

Die Praxis des Abhackens von Händen spielte jedoch in einer anderen historischen Realität eine grausame Rolle: King Leopold II of Belgium ruled over the Congo Free State from 1885 to 1908 in what became one of history’s most brutal colonial regimes, resulting in over 10 million people in the Congo dying, according to standard historical data. To maximize profits, Leopold’s regime imposed a harsh system of forced labor. Congolese villagers were forced to meet rubber quotas under the threat of extreme punishment. One of the most infamous atrocities was the practice of cutting off hands. Soldiers from the Force Publique, Leopold’s private colonial army, were required to account for every bullet they fired. To prove bullets weren’t wasted on hunting or rebellion, they were ordered to present severed hands as evidence of their killings. Millions of Congolese lives were lost due to execution, forced labor, disease, and starvation.

Historische Dokumentation: abgehackte Hände als Beweismittel im Kongo

Die severed hand symbolism im Kongo wurde damit zu einem blutigen, realen Verbrechen, das als Zwangsmaßnahme und Machtdemonstration diente. In Antwerpen hingegen wurden Hände lange als städtisches Symbol genutzt: Nach Angaben des Stadtarchivs wurden die Hände bereits im 16. Jahrhundert in die Wappen der Stadt Antwerpen aufgenommen. Dabei soll die rechte Hand das Privileg des Stapelns und Lagerns symbolisieren und die linke Hand die mautfreie Durchfahrt auf der westlichen Schelde-Mündung. Auch die Antwerpener Stadtbrauerei De Koninck nahm die Hände in ihr Logo auf, als sie 1833 gegründet wurde.

So sind die Antwerpener Händchen als Gebäck und Schokolade in Antwerpen präsent, während die koloniale Geschichte und die Opfer im Kongo in der städtischen Erinnerungslandschaft häufig marginalisiert oder ausgeblendet bleiben. Tourists in Antwerp are redirected repeatedly to the Brabo narrative; the city has no memorials dedicated to the Congolese murdered during colonial rule.

Erinnerung und neue Ansätze

Im Jahr 2019 veröffentlichte die Stadt Antwerpen im Rahmen des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg eine angepasste Version des Antwerpener Hände Pack. Darin wird neben der Geschichte von Brabo und Antigoon auch die Geschichte des Erfinders, Jos Hakker, hervorgehoben. Wir hoffen, dass diese vorübergehende Initiative weiterverfolgt wird. Denn gerade die Erinnerung an diese vielfältige Geschichte könnte die Bedeutung des Antwerpener Hände erhöhen.

Dokumentarfilm über Antwerpener Hände, Brabo-Legende und koloniale Kontroversen

Praktisches: Rezept und Servieridee

1934 kreierte der niederländisch-jüdische Bäcker Jos Hakker schließlich die Antwerpen Hände, ein krümelig-schmelziges Gebäck aus Mehl, Zucker, Butter, Eiern und Mandeln. Wer das Gebäck nachbacken möchte, benötigt nicht viele Zutaten, aber einen Handausstecher, denn die charakteristische Handform macht das Gebäck erst zu dem, was es ist. Die Antwerpen Hände sind knusprig, buttrig und mit dem feinen Mandelgeschmack einfach köstlich!

ZutatMenge
Mehl500 g
Butter (weich)350 g
Zucker250 g
Mandelblättchen50 g
Eier2

Die Zubereitung umfasst das schaumige Schlagen von Butter und Zucker, das Untermischen der Eigelbe, das Nach- und Nachzugaben des Mehls, mindestens 3 Stunden Ruhezeit im Kühlschrank, das Ausstechen in Handform und das Backen bei 170° C Umluft für etwa 12 Minuten pro Blech. Die Hände werden vor dem Backen mit Eiweiß bestrichen und mit Mandelblättchen verziert.

Fazit: Vielschichtige Symbolik eines süßen Souvenirs

Antwerpener Hand Schokolade und Gebäck sind heute beliebte Souvenirs, die auf eine lokale Legende und eine jahrzehntelange kulinarische Tradition verweisen. Zugleich zeigt die Debatte um die Symbolik der abgehackten Hand, wie unterschiedlich Bedeutungen je nach historischem Kontext sein können: von der Gründungsmythologie einer Stadt über die kommerzielle Vermarktung eines regionalen Produkts bis hin zur Erinnerung an reale, koloniale Verbrechen. Die Antwerpener Hände können so Anlass sein, nicht nur zu naschen, sondern auch nachzufragen, welche Geschichten mit einem Souvenir verbunden sind und welche Geschichten bisher kaum sichtbar bleiben.

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