Bahlsen: Unternehmensgeschichte und Markenphilosophie „Wir lieben Kekse“
Die Bahlsen GmbH & Co. KG ist ein deutsches Familienunternehmen der Backwarenbranche mit Sitz in Hannover. Den Grundstein legte Hermann Bahlsen 1889, als er die Hannoversche Cakesfabrik übernahm und mit zehn Angestellten begann. Den „Leibniz-Butterkeks“ von Bahlsen kennt in Deutschland wohl fast jeder. 1889 begann die Erfolgsgeschichte des Volksgebäcks.
Gründung, Namensgebung und frühe Innovationen
Als 1911 um seine Fabrik herum ein Wohnviertel gebaut wird, errichtet Bahlsen ein Verwaltungsgebäude, das im Foyer einen modernen Musterladen beherbergt. Für den legendären Butterkeks stand der berühmte Hannoveraner Gottfried Wilhelm Leibniz Pate. Hermann Bahlsen wollte besondere Namen für seine Produkte. 1891 wurde der Leibnizkeks erfunden und 1894 auch in den USA hergestellt.
Hermann Bahlsen hat es als Unternehmer geschafft, doch er ist stets bemüht, sein Unternehmen weiter zu verbessern. Er nennt seine Firma "Hannoversche Cakesfabrik H. Bahlsen" - eine deutsche Bezeichnung für "cakes" gibt es damals noch nicht. Die Geschäfte laufen gut. "Er hat in England Rezepte gekauft und sich Mitarbeiter gesucht, die ihm Produkte entwickelt haben", erklärt Werner Michael Bahlsen den Erfolg seines Großvaters.
Aus Amerika übernahm er die Idee der luftdichten Verpackung. So machte er seine Kekse lange haltbar. 1904 kam die erste TET-Packung mit Leibniz-Cakes für 30 Pfennig auf den Markt. Die ägyptische Hieroglyphe ḏt (dschet, von Bahlsen „tet“ transkribiert) bedeutet „ewig dauernd“, ein Hinweis auf die durch Verpackung in Wachspapier noch gesteigerte Haltbarkeit des Dauergebäcks.
Marke, Design und Werbeinnovationen
Der Werbeslogan für Bahlsens Butterkekse lautete 1898: „Was ißt die Menschheit unterwegs?“ Die Reklamemarken, die Bahlsen in den Jahren 1912 bis 1914 herausgab, waren ein besonderes Element der Werbung. Es gab insgesamt acht Serien von Künstlermarken, die von verschiedenen Künstlern, wie Heinrich Vogeler oder Otto Obermeier, gestaltet wurden. Die Reklamemarken waren beliebte Sammelobjekte.
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Hauptperson und Erzähler der Bildergeschichte auf den Marken ist ein geflügelter Putto. Die Marken dieser Serie zeigen die erforderlichen Zutaten, den Herstellungs- und Verpackungsprozess und die weltweite Verbreitung des Produkts. Die Reklamemarken wurden den Kunden gegen Einsendung von Gutscheinen, die den Kekspackungen beigefügt waren, zugeschickt. Während des Ersten Weltkriegs gab Bahlsen insgesamt 64 Feldpostkarten heraus.
Zwischen 2014 und 2025 veränderte Bahlsen insgesamt drei Mal den Auftritt sowie die Verpackungsdesigns der Marke Bahlsen. 2002 entstand die Zwei-Marken-Strategie; neben dem bekannten Unternehmens-Logo wurden zwei neue Logos für die beiden Produktmarken Bahlsen und Leibniz entwickelt und eingeführt.
Architektur, Fabrikstandorte und Betriebsentwicklung
1911 entstanden rund um die ältere Fabrikanlage im hannoverschen Stadtteil List ein Verwaltungsgebäude an der Podbielskistraße sowie ein Fabrikationsgebäude an der Lister Straße. Im Verwaltungsgebäude gibt es neben dem Foyer den kleinen und den großen Sitzungssaal, die dekorativ im Jugendstil ausgestattet sind. Mehrfach tauchen an der prunkvoll gearbeiteten Natursteinfassade aus Langensalzaer Travertin die Darstellungen des Leibniz-Kekses auf. Heute werden am ursprünglichen Firmensitz keine Backwaren mehr produziert. Der große Gebäudekomplex ist renoviert und umgewandelt worden.
Die Hauptverwaltung zog 1974 in ein neues Bürogebäude an der Podbielskistraße Ecke Eulenkamp, das nach Plänen von Jörn Köhnke, Dieter Bahlo und Klaus Stosberg errichtet wurde. Es fiel durch seine Wabenarchitektur auf. Im Jahr 2000 wurde die Verwaltung wegen Asbestbelastung in den früheren Hauptsitz zurückverlegt. 1987 wurde die Produktion im Stammwerk Hannover aufgegeben und ins nahe Barsinghausen verlagert.
Expansion, Diversifikation und internationaler Auftritt
1899 hatte das Unternehmen 300 Mitarbeiter, und 1905 fand die erste Fließbandproduktion in Europa statt. 1912 wurde die Firma in H. Bahlsens Keksfabrik umbenannt. Mitte der 50er-Jahre exportiert Bahlsen bereits in 74 Länder, Ende der 1960er-Jahre sind in dem Unternehmen weltweit 11.000 Mitarbeiter tätig.
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1963 wurde der Hersteller Feurich-Keks aus München übernommen. 1966 übernahm Bahlsen die Kuchenfabrik Brokat in Oldenburg. 1967 wurden Bahlsen of North America sowie Vertriebsgesellschaften für Luxemburg und den Niederlanden gegründet, 1969 folgte eine Vertriebsgesellschaft für Belgien. 1980 wurde die Austin Quality Foods Company in Cary (North Carolina) übernommen und damit die Produktion in den USA aufgenommen.
1994 übernahm Bahlsen den französischen Keks- und Kuchenproduzenten St Michel, den man 2006 wieder veräußerte. 1999 teilte sich die Bahlsen KG nach familiären Problemen in drei Sparten: süß (Bahlsen), salzig (Lorenz Bahlsen Snack-Gruppe) sowie Immobilien mit den weiteren Marken der Gruppe.
Familienführung, Managementwechsel und Unternehmenskultur
Von 1999 bis 2018 war Werner Michael Bahlsen alleiniger Gesellschafter und zugleich Geschäftsführer. Er ist heute Verwaltungsratsvorsitzender. Der seit 2020 tätige und für die Neuausrichtung zuständige CEO Phil Rumbol verließ 2022 das Unternehmen. Als Interimslösung übernahm ein Management-Team, dem auch die Tochter von Werner M. Bahlsen, Verena Bahlsen, angehörte. Alexander Kühnen übernahm zum 1. Januar 2023 die Position des CEO.
Als sie vor vier Jahren in Berlin das Unternehmensvehikel Hermann’s gründete, widmete Verena Bahlsen die Ideenschmiede ihrem Urgroßvater, dem Unternehmensgründer Hermann Bahlsen. Verena betont wiederholt die Notwendigkeit, neben dem bestehenden System ein neues System zu bauen, und sieht das Innovationsvehikel eher als Hybriden aus Traditionsunternehmen und Innovationsvehikel. Sie erklärt, dass man Produkte neu denken muss und dass Innovation mehr ist als Chiasamen auf alten Produkten.
Produkte, Qualität und Nachhaltigkeit
Die knusprigen Kekse von Bahlsen sind ideal für Besprechungen im Büro. Gut zu wissen: Die Kekse enthalten nur Rohstoffe aus nachhaltigem, kontrolliertem Vertragsanbau, UTZ zertifizierte Schokolade sowie 100 % KAT zertifizierte Eier und kommen ohne Zusatz von gehärteten Fetten, Farb- und Konservierungsstoffen aus. Die vier Frischepackungen enthalten jeweils die Klassiker wie Vollmilch, KEKS 'N CREM, PiCK UP! Minis, WAFFELETTEN Vollmilch, Leibniz MINIS CHOCO, Leibniz KUNTERBUNT und Leibniz BLACK 'N WHITE.
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Bahlsen produzierte 2020 ca. 130.000 Tonnen Gebäck. Auf dem deutschen Keksmarkt ist Bahlsen bis heute die Nummer eins. Mit dazu beitragen dürfte die Geschäftsstrategie, die Ware in Outlets und im Fabrikverkauf teilweise deutlich vergünstigt auf den Markt zu bringen.
Kontroversen, Aufarbeitung der NS-Zeit und Erinnerungskultur
Im Zuge der historischen Forschung wurde bekannt, dass ab 1940 mindestens 200 Zwangsarbeiter aus sieben Ländern im Bahlsen-Werk arbeiten mussten, vorwiegend Polinnen und Ukrainerinnen, die zwangsweise in Barackenlagern lebten. Diese waren aufgrund der damaligen Vorschriften u. a. bei der Bezahlung benachteiligt. Der Stundenlohn war ein drittel bis ein fünftel niedriger als der der deutschen Arbeiterinnen. Zwangsarbeiterinnen aus Polen mussten das stigmatisierende Polenabzeichen tragen, erhielten kleinere Lebensmittelrationen und eine schlechtere medizinische Versorgung. Sie waren in einem Barackenlager untergebracht und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.
Im Jahr 2019 wurde Kritik an Unternehmenserbin und Anteilseignerin Verena Bahlsen laut, nachdem sie sich in der Bild-Zeitung zu den Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg geäußert hatte. Recherchen ergaben, dass die Aussage über die Höhe der Zwangsarbeiter-Entlohnung falsch war. Auf die Kritik reagierte das Unternehmen mit einer Pressemeldung und beauftragte den Historiker Manfred Grieger mit einem unabhängigen Expertengremium, eine wissenschaftlich fundierte Unternehmensgeschichte unter anderem zur Zwangsarbeit bei Bahlsen zu verfassen. Die Studie von Hartmut Berghoff und Manfred Grieger wurde 2024 veröffentlicht.
Nach Bekanntgabe der neuen Forschungsergebnisse räumte die Fabrikantenfamilie Bahlsen Versäumnisse im Umgang mit der NS-Zeit ein. Sie erklärte ihr Bedauern über die mangelnde Aufarbeitung und kündigte ein Engagement des Unternehmens zur Erinnerungskultur an. Dazu zählen eine Gedenktafel und eine Ausstellung mit Dokumenten aus der NS-Zeit in der Firmenzentrale an der Podbielskistraße. Bei Geschichtsprojekten der Käthe-Kollwitz-Schule zu den Bahlsen-Zwangsarbeiterinnen ist eine Kooperation geplant. Auf dem Schulgelände stand das Barackenlager der Zwangsarbeiterinnen.
Rückblick auf Krisen und Wiederaufbau
Am Ende des Zweiten Weltkriegs hat Hannover über 80 Bombenangriffe erlebt und ist eine Ruinenstadt. 60 Prozent der Fabrik und sämtliche Auslieferungslager sind zerstört. Bahlsen backt zunächst Brot, aber bereits 1945 laufen wieder Kekse vom Band. 1945 wurden die Fabriken und Distributionsstrukturen wieder aufgebaut. Zum ersten Mal nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Leibniz-Kekse wieder nach dem Original-Rezept produziert.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten bewährten sich Ideen wie die 1933 eingeführte Express-Blechdose mit einem Pfund Gebäck für eine Reichsmark, die zum Verkaufsschlager wurde. Nach der Krise der frühen 1920er-Jahre und dem Systemwechsel zeigte Bahlsen immer wieder Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft.
Meilensteine, Auszeichnungen und kulturelles Engagement
Der Leibniz-Keks erhielt auf der Weltausstellung in Chicago eine Goldmedaille. Bahlsen war ein bedeutender Förderer der zeitgenössischen Kunst; in der Kriegs- und Nachkriegszeit vergab Hermann Bahlsen Aufträge an Künstler zur Gestaltung von Dosen und Verpackungen. Zusammen mit Fritz Beindorff und August Sprengel gründete er 1916 die Kestner-Gesellschaft. Bahlsen integrierte Kunst und Gestaltung in die Markenführung und die Unternehmenskultur.
Struktur, Umsatz und heutige Position
Rund 2.500-2.800 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen weltweit. Bahlsen produzierte 2020 ca. 130.000 Tonnen Gebäck. Das Unternehmen hat sich vom Familienbetrieb zu einem international agierenden Keks-Imperium entwickelt und ist auf dem deutschen Keksmarkt bis heute führend. In der Unternehmensgeschichte spiegeln sich Familientradition, Markenkultur, Designbewusstsein und wiederkehrende Phasen der Umstrukturierung wider.
Tabelle: Ausgewählte Meilensteine
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1889 | Gründung der Hannoverschen Cakesfabrik H. Bahlsen |
| 1891 | Erfindung des Leibnizkeks |
| 1904 | Einführung der ersten TET-Packung |
| 1912-1914 | Reklamemarken von Künstlern (acht Serien) |
| 1933 | Introduktion der Express-Blechdose (Verkaufsschlager) |
| 1945 | Wiederaufnahme der Keksproduktion nach Kriegsschäden |
| 1960er-1970er | Internationale Expansion, zahlreiche Übernahmen |
| 1999 | Aufteilung in süß, salzig und Immobiliensparten |
| 2002 | Zwei-Marken-Strategie: neue Logos für Bahlsen und Leibniz |
| 2013 | Diebstahl des „goldenen Kekses“ - mediale Aufmerksamkeit |
| 2024 | Veröffentlichung der Studie zur Unternehmensgeschichte und Zwangsarbeit |
Markenphilosophie „Wir lieben Kekse“ und Zukunftsperspektiven
Die Markenphilosophie lässt sich in der Verbindung von Tradition, Produktqualität und dem Anspruch auf Innovationsfreude zusammenfassen. Verena Bahlsen betont die Notwendigkeit, Produkte in ihren Grundbausteinen neu zu denken und neben dem bestehenden Geschäft ein Innovationssystem aufzubauen. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Gesundheit gelten dabei als zentrale Handlungsfelder. Bahlsen setzt dabei auf Rohstoffe aus kontrolliertem Vertragsanbau, zertifizierte Schokolade und zertifizierte Eier und achtet auf Verzicht auf gehärtete Fette, Farb- und Konservierungsstoffe.
Für eine funktionierende Wirtschaft seien Fachkräfte, offener Handel in Europa und stabile Rahmenbedingungen wesentliche Voraussetzung, betonte Firmenchef Alexander Kühnen im Mai 2026 und warb für vermehrtes Engagement von Unternehmen für die Demokratie. Das Unternehmen positioniert sich damit als ein Akteur, der Tradition und gesellschaftliche Verantwortung verbinden will.
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