Alles auf Zucker – Handlung, Hintergründe und Bedeutung der Netflix-Komödie
Den Anzug ohne Krawatte, das Hemd zerknittert, oben offen, das Gesicht zerschlagen, aber die Zigarette locker im Mundwinkel und das Billardqueue geschmeidig zwischen den Fingern: das ist Jaeckie Zucker. Ein halbseidener Zocker und Berliner Lebenskünstler, dessen Spezialität darin besteht, den Hals aus der Schlinge zu ziehen. „Alles auf Zucker!“ beschreibt voller Witz und Ironie den temporeichen Hürdenlauf seines Helden Jaeckie Zucker. In seinem Leben läuft überhaupt nichts rund: Der ehemals erfolgreiche DDR-Sportreporter ist einer der großen Verlierer des Mauerfalls und hält sich nun mit Billard spielen und Buchhalterjobs in ostalgischen Freudenhäusern gerade so über Wasser. Die Komödie steht im Zeichen des skurrilen und turbulenten Alltags eines deutsch-jüdischen Familienclans mitten in Berlin.
Handlung: Familienchaos, Erbe und jüdische Kultur
Als das Telegramm seines Bruders Samuel eintrifft, steckt Jaeckie mitten im Schlamassel: Er hat sich verzockt, ist bös verprügelt worden, seine Frau Marlene hat ihn rausgeschmissen und will die Scheidung; sein Sohn Thomas, Filialleiter einer Bank, hetzt ihm den Gerichtsvollzieher auf den Hals. Einziges Licht am Horizont: ein hochdotiertes Billardturnier, das Jaeckie zu gewinnen hofft. Doch ausgerechnet jetzt reist sein Bruder mit Frau und Kindern an - die Familie soll sich zur Beerdigung der verstorbenen Mutter versammeln. Ihr letzter Wille war es, auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee begraben zu werden und durch das Testament sollen die beiden seit 40 Jahren zerstrittenen Brüder nur als Erben eingesetzt werden, wenn sie sich aussprechen und wieder zueinander finden.
Die strengen jüdischen Gesetze sorgen für reichlich Durcheinander. Da verzweifelt Marlene schon mal an den vielen jüdischen Vorgaben und scheitert kläglich mit ihrem Schnellkursus im Koscher-Sein. Eifrig wird der Kühlschrank in „milchig“ und „fleischig“ unterteilt, um einen streng koscheren Haushalt vorzuspielen, und nachts werden heimlich die Gebote studiert, die Jaeckie so vertraut sind wie chinesische Vokabeln. Die Einhaltung der Gebote obliegt natürlich einem waschechten Rabbi während der Schiva, der siebentägigen Totenwache im Hause Zucker.
| Figur | Merkmale | Entwicklung |
|---|---|---|
| Jaeckie Zucker | Zocker, Lebenskünstler, atheistischer Jude | Versucht, familiäre Konflikte und jüdische Traditionen zu meistern |
| Samuel Zuckermann | Orthodoxer Jude, Kapitalismus des Westens | Muss sich mit Jaeckie versöhnen, lernt Kompromisse |
| Marlene | Jaeckies resolute Ehefrau | Verzweifelt an den jüdischen Gesetzen, steht aber zum Zusammenhalt |
Witz, Ironie und Situationskomik
Levy und Co-Autor Holger Franke schöpfen das gängige Komödienreservoir weitreichend aus - ganz gelassen und routiniert. Das Herzstück des Films ist fraglos Jaeckie Zucker, famos verkörpert von Henry Hübchen. Ein charismatischer Antiheld, der alles und alle um sich herum verblassen lässt. Die anderen Rollen sind stark besetzt und gut gespielt, jedoch schwach geschrieben: Eindimensionale Figuren, die sich kaum entwickeln und wenn, dann abrupt. Die Charaktere sind bloss Vehikel für muntere Dialoge und gutgelaunte Situationskomik.
Die Komödie mäandriert leidlich amüsant zwischen klugen Szenen mit religiöser Thematik und trivialer Albernheit. Am gelungensten sind stets die amüsanten Szenen mit jüdischer Tradition: Marlene, die sich verzweifelt mit den jüdischen Traditionen bekannt macht, oder Jaeckies Enkelin Sarah, die ihren Onkel mit „Ach sie sind Onkel Ajatola“ an der Tür begrüßt. Die Kugel des Lebens braucht manchmal eben nur einen kleinen Anstoß um wieder an Fahrt aufzunehmen.
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Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz von "Alles auf Zucker"
Daniel Levy gelingt es, das Spektrum jüdischer Themen im deutschen Film zu erweitern und das Leben der Juden im Hier und Jetzt frei von Berührungsängsten darzustellen. Der Film nimmt jüdisches Leben und die Ost-West-Konflikte auf humorvolle, spielerische Weise auf und zeigt, dass es zu einer Aussprache nie zu spät ist. Die Musik ist von jüdischem Klezmer inspiriert und unterstreicht die ausgelassene Stimmung, mal augenzwinkernd, mal plump, nur nie zu kompliziert - genauso wie Jaeckie «berlinert»: für alle leicht verständlich.
Die Anregung zur Umsetzung des Stoffes bekam Regisseur Daniel Levy von Paul Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, welcher forderte, das jüdische Leben auch einmal außerhalb der Historie zu zeigen. „Endlich lacht man mit, nicht über uns“, bemerkte Spiegel über die jüdische Filmkomödie „Alles auf Zucker“. Gerade darin zeigt sich Levys größte Errungenschaft: Es gelingt ihm, jüdische Themen ohne ernsten Tonfall im deutschen Kino zu etablieren und zu zeigen, dass Komödien auch schwierige Themen pointiert behandeln können.
Erfolg, Preise und Kritik
„Alles auf Zucker“, ein Film, der eigentlich für das Fernsehen produziert worden war, dann aber doch seinen Weg ins Kino fand und über eine Dreiviertelmillion Zuschauer verbuchen konnte, war der große Gewinner bei der Verleihung des 55. Deutschen Filmpreises. Mit sechs goldenen Lolas in den Kategorien „Beste Musik“, „Beste Kostüme“, „Beste Regie“, „Bestes Drehbuch“, „Bester Hauptdarsteller“ und „Bester Spielfilm“ wurde die Komödie ausgezeichnet. Das empfanden auch die mehr als eine Million Kinobesucher, die Alles auf Zucker! zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme im Jahr 2005 machten.
Die Fernsehbestimmung des Films ist allerdings jederzeit sichtbar: Das grobe und kontrastarme Bild lässt kein echtes Kinofeeling aufkommen. Die Beziehungsgeflechte der Kinder des ungleichen Bruderpaares wirken überaus konstruiert und unnötig. Dennoch ist „Alles auf Zucker“ trotz nicht zu übersehender Schwächen eine kurzweilige, nette Komödie, die das Leben der Juden in Deutschland unverkrampft darstellt und in seinen brillanten Momenten an die Tradition britischer Sozialkomödien erinnert.
Stab und Produktion
- Regie: Daniel Levy
- Redaktion: Barbara Buhl
- Kamera: Charly F. Koschnick
- Schnitt: Elena Bromund
- Musik: Niki Reiser
- Szenenbild: Christian M. Goldbeck
- Kostümbild: Lucie Bates
- Casting: Risa Kes
- Herstellungsleitung: Marcos Kantis
Als Wegbereiter für neue jüdische Einflüsse im deutschen Kino sollte man den Film jedenfalls im Auge behalten.
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