Herkunft und Gewinnung von Zucker
Zucker ist ein süß schmeckendes, kristallines Lebensmittel, das hauptsächlich aus Saccharose besteht. Besonders Haushaltszucker ist die gebräuchliche Bezeichnung für diese organische Verbindung, ein Disaccharid, das aus zwei Einfachzuckern - Glucose (Traubenzucker) und Fructose (Fruchtzucker) - besteht. Zucker wird aus verschiedenen pflanzlichen Quellen gewonnen, wobei Zuckerrohr (Saccharum officinarum) und Zuckerrübe (Beta vulgaris subsp. vulgaris) die wichtigsten sind.
Ursprung des Zuckerrohrs und erste Verwendung
Das Zuckerrohr stammt ursprünglich aus Neuguinea, wo es bereits seit 8000 v. Chr. angebaut wurde. Die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen zur Zuckerraffinierung stammen aus Indien und sind auf etwa 100 n. Chr. datiert. Bis 650 n. Chr. verbreitete sich das Wissen um die Zuckerproduktion in der arabischen Welt, wo Zucker zum Kochen und zur Herstellung essbarer Kunst, wie etwa Marzipan-Dekorationen, verwendet wurde.
Von den Arabern gelangte Zucker in das mediterrane Europa, jedoch war die Zuckerherstellung dort zunächst unbekannt. Bis ins 13. Jahrhundert blieb Zucker ein Luxusgut, das nur den reichsten Menschen zugänglich war. Erst im 15. Jahrhundert begannen europäische Kolonisten mit dem Anbau von Zuckerrohr in tropischen Kolonien. Bis ins 18. Jahrhundert blieb Rohrzucker das dominierende Süßungsmittel, bis Andrea Margraff 1747 in Preußen entdeckte, dass man Saccharose auch aus Zuckerrüben gewinnen kann.
Zuckerproduktion aus Zuckerrohr
Das Zuckerrohr ist ein ausdauerndes Gras, das 3 bis 4 Meter hoch wächst und in tropischen oder subtropischen Regionen mit mindestens 60 cm jährlichem Regen gedeiht. Um das Zuckerrohr zu vermehren, werden oft vegetative Methoden angewandt, indem Halme in kleine Stücke geschnitten und in den Boden vergraben werden. Ein reifer Zuckerrohrstamm enthält etwa 11-16 % Ballaststoffe, 12-16 % löslichen Zucker und der Rest ist hauptsächlich Wasser. Im Durchschnitt werden pro Hektar 60-70 Tonnen Zuckerrohr produziert.
Nach der Ernte wird das Zuckerrohr zur Weiterverarbeitung in Fabriken gebracht, ausgepresst und der Saft aufgekocht, um Wasser zu verdampfen und Zuckerkristalle zu gewinnen. Diese Kristalle werden in Zentrifugen von Verunreinigungen getrennt, anschließend getrocknet und verpackt. Die größten Rohrzuckerproduzenten weltweit sind Brasilien und Indien, aber auch andere Länder mit tropischem Klima bauen Zuckerrohr an.
Lesen Sie auch: Auf den Spuren des Trüffels: Eine Reise zu seinen Anbaugebieten
Zuckerproduktion aus Zuckerrüben
In Europa und Russland wird Zucker überwiegend aus Zuckerrüben gewonnen. Auch in den Vereinigten Staaten, China und einigen afrikanischen Ländern gewinnt man Zucker sowohl aus Zuckerrohr als auch aus Zuckerrüben. Die Zuckerrübe ist eine krautartige Pflanze mit einer weißen, kegelförmigen Wurzel, in der der produzierte Zucker gespeichert wird.
Die Wurzel besteht zu etwa 20 % aus löslichem Zucker, circa 5 % aus Fruchtfleisch, während der Rest aus Wasser besteht. Zuckerrüben benötigen ein gemäßigtes Klima mit etwa 460 mm Niederschlag pro Jahr und humusreiche Böden.
Nach der Ernte werden die Rüben gereinigt, in kleine Stücke zerkleinert und in Extraktionstürmen mit heißem Wasser behandelt, wodurch der Zucker in Lösung geht. Dieser Rohsaft wird gereinigt, verdampft, um Wasser zu entfernen, und schließlich kristallisiert. Der Kristallisationsprozess ähnelt dem beim Zuckerrohr.
Geschichtliche Entwicklung der Zuckergewinnung
Die Herkunft des Wortes „Zucker“ führt zurück ins Altindische (Sanskrit śarkarā), von wo es über das Griechische und Lateinische ins Europäische gelangte. Die arabische Herrschaft trug zur Verbreitung des Wortes in mediterrane Sprachen bei. Die Perser entwickelten um 600 n. Chr. eine raffinierte Zuckergewinnungsmethode, die auch die Herstellung des sogenannten Zuckerhuts ermöglichte - ein kegelförmiger Block kristallisierten Zuckers, der bis ins 19. Jahrhundert eine wichtige Handelsform war.
Im 18. Jahrhundert entdeckte Andreas Sigismund Marggraf, dass Zuckerrüben den gleichen Zucker wie Zuckerrohr enthalten, und sein Schüler Franz Carl Achard etablierte daraufhin in Schlesien die erste industrielle Zuckerfabrik auf Rübenbasis. Ein Aufschwung der Rübenzuckerproduktion erfolgte insbesondere während der napoleonischen Kontinentalsperre, die die Zuckerzufuhr der Kolonien nach Europa unterband.
Lesen Sie auch: Waffeln: Eine historische Köstlichkeit
Jacob Christoph Rad erfand 1843 die Zuckerwürfelmaschine, nachdem seine Frau sich beim Zerkleinern eines Zuckerhuts verletzt hatte. Dies revolutionierte die Zuckerverwendung im Haushalt und machte Zuckerportionsgrößen handlicher.
Moderne Zuckergewinnung - vom Feld zur Fabrik
Zucker entsteht in der Natur vor allem in der Zuckerrübe durch Photosynthese, bei der Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid in Zucker umgewandelt und gespeichert werden. Die Rübe wiegt bei Ernte etwa 700 bis 1000 Gramm und enthält durchschnittlich 17-19 % Zucker. Der Anbau findet im Frühjahr statt, die Verarbeitung erfolgt in der sogenannten „Kampagne“ im Herbst und Winter, wenn die Rüben geerntet sind.
In der Zuckerfabrik wird die Rübe zunächst von Erde gereinigt und in kleine Schnitzel geschnitten. Diese gelangen in einen Extraktionsturm, in dem heißes Wasser im Gegenstrom den Zucker aus den Zellwänden löst - ein Verfahren namens Gegenstromextraktion. Der so gewonnene Rohsaft enthält neben Zucker auch Nichtzuckerstoffe, die mit Kalkmilch und Kohlensäure entfernt werden. Zurück bleibt der reine Dünnsaft.
Der Dünnsaft wird in Verdampfungsanlagen eingedickt, bis ein Sirup mit 65-70 % Zuckergehalt entsteht. Unter vermindertem Druck wird weiter Wasser bei niedrigen Temperaturen verdampft, um eine schonende Eindickung zu gewährleisten, ohne Karamellisierung. Durch Zugabe von Impfkristallen wird die Kristallisation des Zuckers eingeleitet.
Die Kristalle werden mit Hochtourenzentrifugen vom restlichen Sirup getrennt. Der verbliebene sirupartige Rest, die Melasse, enthält noch etwa 50 % Zucker, der mit herkömmlichen Techniken nicht weiter kristallisiert werden kann und oft für weitere Verwendungen, z. B. Alkoholherstellung, genutzt wird.
Lesen Sie auch: Der Ursprung der Dubai Schokolade
Raffination von Zucker
Der aus der ersten Kristallisation gewonnene Rohzucker wird in Raffinerien weiter gereinigt, um reinen, weißen Haushaltszucker zu gewinnen. Dieser Prozess umfasst mehrfaches Auflösen und erneutes Kristallisieren, um einen Saccharosegehalt von mindestens 99,96 % zu erreichen. So entsteht die bekannte Raffinade, die den höchsten Reinheitsgrad bei Kristallzucker bietet.
Vielfalt der Zuckerarten
Zucker wird in vielerlei Formen angeboten, die sich im Rohstoff, der Verarbeitung und der Zusammensetzung unterscheiden:
- Kristallzucker (Raffinade): Weißer Haushaltszucker, gereinigt und kristallisiert aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr.
- Puderzucker: Fein vermahlener Kristallzucker, oft zum Backen verwendet.
- Kandiszucker: Durch langsame Kristallisation gezüchteter Zucker in großen Kristallen.
- Rohrzucker: Zucker aus Zuckerrohrsaft, oft weniger raffiniert.
- Melasse: Dunkler Sirup, Nebenprodukt der Kristallisation, noch zuckerhaltig, dient zur Alkoholherstellung oder als Futtermittel.
- Flüssigzucker: Wasserlösung von Saccharose, häufig in der Nahrungsmittelindustrie verwendet.
- Gelierzucker: Zucker mit Zusatz von Pektin und Säuerungsmitteln, ideal zum Marmeladenkochen.
Weltweite Zuckerproduktion und Verbrauch
Weltweit werden etwa 80 % des Zuckers aus Zuckerrohr und circa 20 % aus Zuckerrüben gewonnen. Im Jahr 2018 betrug die Weltproduktion von Zuckerrohr etwa 1,907 Milliarden Tonnen, die von Zuckerrüben etwa 275 Millionen Tonnen. Die daraus resultierende Zuckerernte erreichte 2016 etwa 187 Millionen Tonnen Rohzucker. Europa und Russland sind bedeutende Zuckerrübenproduzenten, während Brasilien und Indien führend in der Zuckerrohrproduktion sind.
Die höchsten Pro-Kopf-Verbräuche können Länder wie Barbados mit 48,18 kg/Jahr oder Kiribati mit 47,45 kg/Jahr verzeichnen. In Österreich liegt der Pro-Kopf-Konsum bei etwa 38 kg und in Deutschland bei 34 kg pro Jahr.
Zuckerhandel und seine historischen Auswirkungen
Im Mittelalter wurde Zucker in Venedig als wichtiger Handelsartikel gehandelt, wo auch der erste Zuckerhut entstand. Ab dem 16. Jahrhundert verbreitete sich der Zuckeranbau in den Kolonien der europäischen Mächte, vor allem auf Plantagen in der Karibik und Südamerika, mit hoher Abhängigkeit von Sklavenarbeit. Der Zucker erlangte im transatlantischen Dreieckshandel große wirtschaftliche Bedeutung.
Nach dem Sklavenaufstand in Santo Domingo Ende des 18. Jahrhunderts erlitt die Zuckerindustrie dort einen schweren Rückschlag, was zu erheblichen Preisschwankungen auf dem Weltmarkt führte. Gleichzeitig trugen Entwicklungen wie die Entdeckung des Zuckers in der Zuckerrübe und die Errichtung erster Rübenzuckerfabriken dazu bei, die Zuckerproduktion in Europa unabhängiger von den Kolonien zu machen.
Ernährungsphysiologische Bedeutung und gesundheitliche Aspekte
Zucker hat einen Brennwert von 16,8 kJ (4,0 kcal) pro Gramm. Seine häufige und übermäßige Verwendung in der Ernährung wird mit verschiedenen Zivilisationskrankheiten in Verbindung gebracht, darunter Übergewicht, Diabetes mellitus, Karies, Krebs sowie Herz- und Gefäßkrankheiten.
Die Entstehung von Zahnkaries ist insbesondere auf die bakterielle Verarbeitung von Zucker in den Zahnbelägen zurückzuführen. Zudem gibt es Diskussionen über die Rolle von Zucker bei der Entstehung und dem Verlauf von Krebs, ebenso wie über den Zusammenhang von zuckerhaltiger Ernährung mit der Entwicklung von Diabetes und dem sogenannten Metabolischen Syndrom.
Internationale Gesundheitsorganisationen empfehlen, die Aufnahme von „freien Zuckern“ auf weniger als 10 % der täglich aufgenommenen Energie zu begrenzen, was etwa 40 bis 50 g Zucker pro Tag bei einer 2000 kcal Ernährung entspricht.
Diese komplexe Verbindung von Geschichte, Produktion und Nutzung zeigt, wie Zucker eine zentrale Rolle sowohl in Kultur als auch Wirtschaft und Gesundheit spielt.
tags: #herkunft #und #gewinnung #von #zucker


