Ab wann gilt Blutzucker als zu niedrig — Symptome und Ursachen der Hypoglykämie
Sprechen Ärzt:innen von Hypoglykämie (kurz manchmal auch Hypo), meinen sie damit eine Unterzuckerung. Dabei fällt der Blutzuckerspiegel von Betroffenen deutlich unter die Normwerte. Die Angaben erfolgen meist in 2 Einheiten: Milligramm pro Deziliter (mg/dl) und Millimol pro Liter (mmol/l).
Eine feste Grenze, ab der die Anzeichen auftreten, gibt es nicht. Gemäß der Definition der Amerikanischen Diabetes Gesellschaft (ADA) liegt eine Unterzuckerung bei Werten unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) vor. Bei einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) liegt der Blutzuckerspiegel unter 3,3 mmol/l (60 mg/dl). Blutzuckerkonzentrationen von unter 40 mg/dl (2,2 mmol/l) sind ein eindeutiger Indikator für eine Hypoglykämie, vorausgesetzt die Messung ist mit einer laborgenauen Methodik durchgeführt worden.
Wie und wann treten Symptome auf?
Die Anzeichen einer Unterzuckerung sind vielfältig. Sie treten weder in einer bestimmten Reihenfolge auf noch kommen immer alle vor. Auch ab welchem Blutzuckerspiegel welche Beschwerden einsetzen, unterscheidet sich von Person zu Person. Manche Menschen entwickeln Symptome bei etwas höheren Spiegeln, vor allem, wenn der Blutzuckerspiegel rapide abfällt, andere wiederum haben keine Symptome, bis der Blutzuckerspiegel noch viel weiter abgefallen ist.
Typische frühe (adrenerge) Symptome sind: Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, Nervosität und Heißhunger. Diese Symptome entstehen durch die Ausschüttung von Adrenalin und anderen Stresshormonen. Bei schwerer Unterzuckerung treten neuroglykopenische Symptome auf, darunter Verwirrtheit, Konzentrationsstörungen, undeutliche Sprache, verschwommenes Sehen, Krampfanfälle und Koma.
Besonders ausgeprägte Beschwerden treten meist dann auf, wenn die Blutzuckerwerte rasch abfallen, d.h. mit mehr als 1 mg/dl (0,06 mmol/l) pro Minute, wohingegen langsam absinkende Werte auch unter 40 mg/dl (2,2 mmol/l) „symptomlos“ bleiben können. Manchmal kündigt sich eine Unterzuckerung auch lediglich durch ein flaues Gefühl im Magen an. Gefährlich ist es, wenn der Körper keinen Alarm schlägt: Man spricht dann von einer Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung.
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Warum ist ein zu niedriger Blutzucker gefährlich?
Sehr niedrige Blutzuckerspiegel können die Funktion vieler Organsysteme beeinträchtigen. Vor allem das Gehirn reagiert empfindlich auf niedrige Blutzuckerspiegel, denn Zucker ist seine wichtigste Energiequelle. Wenn der Blutzuckerspiegel zu niedrig ist, erhält das Gehirn nicht ausreichend Nährstoffe, was zu Verwirrung, Krampfanfällen oder Bewusstseinsverlust führt. Eine schwere und länger dauernde Unterzuckerung kann das Gehirn dauerhaft schädigen.
Ursachen der Hypoglykämie
Unterzuckerung (Hypoglykämie) wird häufig durch die Medikamente ausgelöst, die den Diabetes kontrollieren sollen. Bei Menschen mit Diabetes kommt eine Hypo häufig als Nebenwirkung der Therapie vor. Ist im Verhältnis zur Insulinmenge zu wenig Zucker im Blutkreislauf vorhanden, fällt der Blutzuckerspiegel rapide ab. Zu viel Insulin trägt dazu bei, dass der Körper den über die Nahrung aufgenommenen Zucker schneller als sonst verwertet und der Blutzucker damit zu niedrig ist. Dieser Mechanismus ist bei Personen, die bei Diabetes Insulin bekommen oder bestimmte Tabletten einnehmen, häufig beeinträchtigt.
Die meisten Fälle von Unterzuckerung treten bei Diabetikern auf und werden durch Insulin oder andere Medikamente verursacht (besonders Sulfonylharnstoffe und Glinide). Hypoglykämie tritt häufiger auf, wenn man besonders darum bemüht ist, den Blutzuckerspiegel auf einem so normalen Niveau wie möglich zu halten, oder wenn Betroffene, die Insulin nehmen, ihren Blutzuckerspiegel nicht oft genug kontrollieren.
Weitere auslösende Faktoren sind:
- Zu wenig Kohlenhydrate gegessen, z. B. ausgelassene Mahlzeiten
- Vermehrte oder ungewohnte körperliche Aktivität
- Alkoholkonsum, vor allem am Abend
- Einnahme anderer Medikamente (z. B. Pentamidin, Chinin)
- Verbesserte Insulinaufnahme bei Wärme oder nach Gewichtsabnahme
Nüchtern-Hypoglykämien treten mehr als sechs Stunden nach Nahrungszufuhr auf, z.B. nach starker körperlicher Anstrengung oder auch nach Alkoholgenuss am Vorabend. Bei ansonsten gesunden Menschen ist es unwahrscheinlich, dass längeres Fasten und verlängerte anstrengende körperliche Betätigung zu Unterzuckerung führt. Es gibt jedoch mehrere Erkrankungen oder Zustände, bei denen der Körper nach einer Zeit ohne Nahrung den erforderlichen Blutzuckerspiegel nicht aufrechterhalten kann (Nüchternhypoglykämie), z. B. schwere Lebererkrankungen, chronische Nierenkrankheit, hormonelle Störungen wie Nebenniereninsuffizienz oder seltene Tumoren wie Insulinome.
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Reaktive (postprandiale) Hypoglykämie
Reaktive Hypoglykämien treten zwei bis fünf Stunden nach Nahrungszufuhr auf. Sie können nach sehr kohlenhydratreichen Mahlzeiten oder nach bestimmten bariatrischen Operationen (z. B. Magenbypass) auftreten, wenn Zucker sehr schnell verwertet wird und es zu einer übermäßigen Insulinproduktion kommt. Späte reaktive Unterzuckerungen ca. drei oder vier Stunden nach Nahrungszufuhr, insbesondere nach kohlenhydrat- oder glukosereicher Nahrung, können ein Frühzeichen für einen späteren Diabetes sein.
Diagnose
Die Diagnose basiert auf dem Vorfinden von niedrigen Blutzuckerspiegeln, während Symptome auftreten. Bei bekannten Diabetikern kann ein Arzt eine Unterzuckerung vermuten, wenn die Symptome beschrieben werden. Die Diagnose kann bestätigt werden, wenn niedrige Blutzuckerspiegel gemessen werden, während Symptome auftreten. Manchmal sind bei Menschen ohne Diabetes weitergehende Tests nötig, etwa Messungen des Blutzuckers nach nächtlichem Fasten oder während eines überwachten Fastens.
Bei dem Verdacht auf ein Insulinom können Messungen der Insulinspiegel im Blut während des Fastens (manchmal bis zu 72 Stunden lang) nötig werden. Messungen von Insulin bzw. seiner Hormonvorstufen unter genormten Bedingungen oder auch spezieller Antikörper sind essentiell für die Diagnosestellung und das weitere Vorgehen. Mit diesen Messungen ist auch die Abgrenzung gegenüber versehentlicher oder absichtlicher Zufuhr von Blutzuckersenkenden Tabletten oder Insulin möglich.
Erste Hilfe und akute Behandlung
Bei einer Unterzuckerung sollten Menschen mit Diabetes sofort Kohlenhydrate zu sich nehmen, die schnell ins Blut gehen. Die Symptome einer Unterzuckerung werden durch den Verzehr oder Erhalt von Zucker in jeglicher Form behandelt. Bei niedrigen Blutzuckerwerten eignen sich zuckerhaltige Getränke wie Fruchtsaft oder Limonade. Auch Traubenzucker-Plättchen, Gummibärchen oder eine reife Banane wirken schnell und lassen den Blutzucker wieder steigen. Fetthaltige Nahrungsmittel, zum Beispiel Schokolade, eignen sich bei einer Unterzuckerung als Erstmaßnahme nicht, da der hohe Fettgehalt die Wirkung der Kohlenhydrate verlangsamt.
Je nach Schwere der Unterzuckerung sollten 10 bis 30 Gramm Kohlenhydrate eingenommen werden. Anschließend ist es wichtig, die Blutzuckerwerte engmaschig zu überprüfen, um einem möglichen erneuten Abfall entgegenzuwirken. Nach den schnell wirkenden Kohlenhydraten können zusätzlich noch langsam ins Blut übergehende Kohlenhydrate gegessen werden, etwa eine Scheibe Brot oder ein Müsliriegel.
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Gut zu wissen: Bei einer eindeutigen Unterzuckerung schnell etwas essen - erst im Anschluss den Blutzucker messen. Wer unsicher ist, ob es sich um eine Unterzuckerung handelt, kann den Blutzucker messen, um sicherzugehen.
Maßnahmen bei Bewusstlosigkeit
Bei Bewusstlosigkeit darf auf keinen Fall etwas in den Mund der Person eingeflößt werden. Es droht Erstickungsgefahr. Rufen Sie den Notdienst 112 an und drehen Sie die Person in die stabile Seitenlage. Der Notdienst kann eine Zuckerlösung (Glukose) in die Vene verabreichen, um die Blutzuckerwerte wieder zu stabilisieren.
Glukagon bei schwerer Hypoglykämie
Menschen mit Diabetes sollten stets ein Glukagon-Notfallset bei sich tragen. Damit können Angehörige schnell auf eine Hypo reagieren, indem sie 1 Milligramm des Insulingegenspielers unter die Haut spritzen (in Fett- oder Muskelgewebe). So steigt der Blutzuckerspiegel innerhalb von kurzer Zeit an. Tritt dadurch keine Besserung der Symptome auf, sollten Sie den Notruf 112 wählen. Glukagon regt die Leber an, große Glukosemengen freizusetzen. Es wird als Injektion oder durch einen Naseninhalator verabreicht und normalisiert die Blutglukose innerhalb von 5 bis 15 Minuten wieder auf ein ausreichendes Niveau.
Das Nasenspray kann auch bei verstopfter Nase eingesetzt werden und ist ab 4 Jahren anwendbar. Sobald die Person wieder bei Bewusstsein ist, sollte sie etwas Zuckerhaltiges aufnehmen, um eine wiederkehrende Unterzuckerung zu vermeiden. Tritt 10 Minuten nach Injektion keine Wirkung ein, muss ein Notdienst über eine Vene Glukose verabreichen.
Vorbeugung und Alltagsempfehlungen
Kontrollieren Sie regelmäßig Ihre Blutzuckerwerte mit einem Blutzuckermessgerät. Wer regelmäßige Selbstkontrollen der Blutzuckerwerte durchführt, erkennt häufig selbst, wenn eine Hypo auftritt. Moderne Diabetes-Technik kann außerdem dazu beitragen, dass es seltener zu kritischen Unterzuckerungen und damit auch zu Störungen der Hypoglykämie-Wahrnehmung kommt. Auch Systeme, die beim Erreichen eines kritischen Schwellenwerts Alarm schlagen, können die Häufigkeit von Hypoglykämien deutlich senken.
Zu den vorbeugenden Maßnahmen gehören:
- Regelmäßige Blutzuckerkontrollen und Führen eines Tagebuchs
- Immer schnell verwertbare Kohlenhydrate griffbereit haben (Traubenzucker, Saft)
- Anpassung der Insulin- oder Medikamentendosis nach Rücksprache mit dem Diabetes-Team
- Bei vermehrter Aktivität zusätzliche Kohlenhydrate einplanen
- Alkoholkonsum am Abend reduzieren oder vermeiden
- Nutzung eines CGM (kontinuierliche Glukosemessung) mit Alarmfunktion
Bei nächtlichen Unterzuckerungen können folgende Tipps helfen: Mit leicht erhöhten Blutzuckerwerten zu Bett gehen, langsam wirkende Kohlenhydrate zum Abendessen oder kurz vor dem Zubettgehen zu sich nehmen, erhöhte Blutzuckerwerte am Abend nur vorsichtig korrigieren, Sport am späten Abend vermeiden und gegebenenfalls die Insulindosis ändern (nach Rücksprache mit Ärzt:in).
Hypoglykämie bei Menschen ohne Diabetes
Unterzuckerungen sind bei Nichtdiabetikern selten. Auch wenn kein Diabetes vorliegt, können im seltenen Fall niedrige Blutzuckerwerte zu den typischen Symptomen einer Unterzuckerung wie Zittern, Gesichtsblässe, Herzklopfen oder Hungerattacken führen. Möglich ist das zum Beispiel, wenn man vor dem Sport oder starker körperlicher Anstrengung mehrere Stunden nichts gegessen hat oder nach ausgiebigem Alkoholkonsum am Abend.
In den folgenden Situationen können auch Menschen ohne Diabetes Symptome einer Unterzuckerung spüren: während des Fastens, nach dem Konsum von Alkohol, während oder nach lang andauernden, anstrengenden Sporteinheiten oder nach dem Verzehr kohlenhydratreicher Mahlzeiten, die den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen lassen und eine hohe Insulinausschüttung verursachen. Treten Symptome einer Unterzuckerung bei Menschen ohne Diabetes häufiger auf, können andere Erkrankungen dahinterstehen (z. B. Unterernährung, Hormonmangel, Insulinom), und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Wann sollten Sie ärztliche Hilfe suchen?
Haben Sie nur die Vermutung, dass Sie unterzuckert sind und können bestehende Symptome nicht einordnen, hilft Ihre Hausarztpraxis weiter. Zwingend erforderlich ist ein Praxisbesuch, wenn Hypoglykämien wiederholt auftreten. Sprechen Sie bei erstmaligem Auftreten zum Beispiel zunächst mit Ihrer Hausärzt:in über mögliche Ursachen. Gegebenenfalls leitet er/sie Sie an eine:n Diabetolog:in oder Endokrinolog:in weiter. Alle seltenen Ursachen von Hypoglykämien einschließlich von Insulin produzierenden Tumoren erfordern die besondere Expertise des Hormon-Spezialisten.
Kommt es zu einer schweren Hypoglykämie, sind die Betroffenen auf fremde Hilfe angewiesen. Bei Bewusstlosigkeit ist umgehend ein:e Notärzt:in zu verständigen, da es sich um einen Notfall handelt. Bei wiederkehrenden Unterzuckerungen ist es wichtig, die Medikation zu überprüfen: Die Dosierungen von Medikamenten, die eine Unterzuckerung verursachen, müssen eventuell reduziert werden oder es muss nach anderen Ursachen geforscht werden.
| Blutzucker (mg/dl) | Blutzucker (mmol/l) | Bedeutung |
|---|---|---|
| > 140 | > 7,8 | postprandial normal / Hyperglykämie bei Diabetes |
| 70-140 | 3,9-7,8 | typischer Tagesbereich bei Gesunden |
| < 70 | < 3,9 | Definition Hypoglykämie (ADA) |
| < 60 | < 3,3 | Orientierungswert für Symptome |
| < 40 | < 2,2 | eindeutiger Indikator für Hypoglykämie (bei laborgenauer Messung) |
Bei Menschen, die bereits seit längerem an Diabetes leiden, können die Frühsymptome abgeschwächt sein. Schon bei den ersten Anzeichen einer Unterzuckerung sollten Betroffene oder Angehörige nicht zögern, gegenzusteuern. Bei typischen Symptomen sollte möglichst schnell gemessen werden. Ist das nicht sofort möglich, kann eine rasche Aufnahme von Kohlenhydraten erfolgen - Sicherheit geht vor.
Wer regelmäßig seinen Blutzucker kontrolliert, ein Notfallset mit Glukagon bereithält und sein Behandlungsteam informiert, kann das Risiko schwerer Unterzuckerungen deutlich reduzieren.
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