Thomas Nagel: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? – Der Geschmack von Schokolade und das Problem des Bewusstseins
Thomas Nagel, geboren am 4. Juli 1937 in Belgrad, kam als Kind mit seinen Eltern 1939 in die Vereinigten Staaten und wuchs in New York auf. Er studierte an der Cornell University und promovierte später in Harvard, wobei er sich intensiv mit der Philosophie beschäftigte. Sein berühmtester Essay „What Is It Like to Be a Bat?“ („Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“) erschien 1974 und wurde in seine Essay-Sammlung „Mortal Questions“ aufgenommen. In dieser Arbeit analysiert Nagel die Grundprobleme der Philosophie des Geistes - insbesondere das sogenannte Leib-Seele-Problem, und damit eng verknüpft das phänomenale Bewusstsein beziehungsweise die Qualia.
Das Leib-Seele-Problem und die Besonderheit des Bewusstseins
Zu den Kernfragen der Philosophie des Geistes gehört das sogenannte Leib-Seele-Problem, das um das Verhältnis von Körper und Bewusstsein kreist. Lange Zeit verstand man Geistiges als substanziell eigene Sphäre, während heute der Materialismus vorherrscht: Bewusstsein sei lediglich Materie und ihre Interaktion. Genau diese materialistischen und reduktionistischen Tendenzen kritisiert Nagel in seinem berühmten Essay.
Lassen sich mentale/geistige Phänomene auf physische Vorgänge zurückführen? Die von Nagel kritisierte Reduktionsform in der Leib-Seele-Debatte ist die sogenannte Identitätstheorie, die durch zwei Kennzeichen beschrieben wird: Erstens ist jede mentale Eigenschaft identisch mit einer physischen Eigenschaft. Zweitens drückt jedes mentale Prädikat eigentlich eine physische Eigenschaft aus. Nagel räumt ein, dass diese Position oft von einer physikalistischen Grundposition ausgeht und er hält dagegen: „Keine der heute gängigen, in den letzten Jahren entwickelten reduktiven Analysen des Psychischen vermag es zu erfassen [....]“.
Bewusstsein und erlebte Subjektivität
Nagel definiert einen organismus als genau dann bewusst, „wenn es irgendwie ist, dieser Organismus zu sein - wenn es da etwas gibt, das sich für ihn so oder so anfühlt“. Es geht Nagel nicht darum, zu sagen, dass jegliches Bewusstseinserlebnis nur dem zugänglich wäre, der es hat - denn: „Es ist uns häufig möglich, eine andere Perspektive als unsere Eigenperspektive einzunehmen [...].“ Zwischenmenschlich können wir das oft erleben, zum Beispiel wenn wir Mitleid empfinden oder gemeinsam Freude teilen.
Aber im Kern bleibt eine Differenz: phänomenale Tatsachen sind und bleiben subjektiv in dem Sinne, dass sie aus einer je besonderen Perspektive heraus zugänglich sind.
Lesen Sie auch: Schritt-für-Schritt-Anleitung: Thomas Torte
Das Fledermaus-Beispiel - Die Unüberbrückbarkeit subjektiver Erfahrung
Nagel fragt: „Wie ist es für eine Fledermaus, eine Fledermaus zu sein?“ Weshalb sind Fledermäuse und ihr Erfassen der Umgebung durch Schallwellen für das Leib-Seele-Problem interessant? Nagel zieht die Echolokation von Fledermäusen heran, um für die irreduzible Subjektivität von bewusster Erfahrung zu argumentieren - dass also bewusste Erfahrung essenziell mit der spezifischen Perspektive des erfahrenden Subjekts verbunden ist. Durch die große Differenz zwischen dem Sinnesapparat des Menschen und dem der Fledermaus können wir uns das Innenleben dieses Tieres kaum vorstellen. Selbst wenn wir alles über Neurophysiologie und Verhalten wüssten, wissen wir nicht, „wie es ist, eine Fledermaus zu sein“.
Obwohl das Fledermaus-Radar klarerweise eine Form von Wahrnehmung ist, ist es in seinem Funktionieren keinem unserer Sinne ähnlich. Dasselbe gilt nicht nur zwischen Spezies - sogar zwischen einzelnen Menschen bleibt immer eine Differenz der Perspektive bestehen.
Grenzen der Objektivität: Subjektivität bleibt unersetzbar
Physikalische Tatsachen sind objektiv in dem Sinn, dass sie nicht mit einer bestimmten Perspektive verbunden sind. Sie sind von jedem Standpunkt aus beobachtbar. Die Tatsache, dass ein Organismus bewusste Erlebnisse hat, dass es sich irgendwie anfühlt, dieser Organismus zu sein, kann nicht aus einer objektiven Perspektive beschrieben werden. Die grob schematische Auffassung davon, wie es sich tatsächlich anfühlen mag, dieses oder jenes Tier zu sein, bleibt immer hinter der vollen Wahrheit zurück.
Nagel hält fest: „Solange wir darauf angewiesen sind, vom eigenen Fall aus zurückzuschließen, wenn wir uns vorstellen, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein, muss dieser Rückschluss notwendig hinter der vollen Wahrheit zurückbleiben.“ Das Problem der Subjektivität kann also nicht durch objektive Wissenschaft oder reduktive Ansätze gelöst werden.
Der Geschmack von Schokolade - Qualia und das Unerklärbare
Ein oft zitiertes Beispiel für das Problem der Qualia ist der Geschmack von Schokolade. Nagel schreibt: „Beißt man in eine Tafel Toblerone, so schmeckt es nach Schokolade. Die Schokolade schmilzt auf unserer Zunge und verursacht chemische Reaktionen in unseren Geschmackszellen; die Geschmackszellen senden elektrische Impulse durch die Nerven, die von unserer Zunge zu unserem Gehirn führen, und wenn diese Impulse das Gehirn erreichen, so erzeugen sie dort weitere physikalische Reaktionen; und schließlich empfinden wir den Geschmack von Schokolade.“
Lesen Sie auch: Thomas Koch's traditionelles Lebkuchen Rezept
Aber was ist der Geschmack selbst? Würde ein Wissenschaftler unsere Schädeldecke entfernen und in unser Gehirn hineinsehen, während wir den Schokoriegel essen, so würde er nichts weiter sehen als eine graue Masse von Nervenzellen. Es sieht so aus, als könnte er „den Geschmack von Schokolade“ in unserem Gehirn nicht finden, da unsere Empfindung des Geschmacks von Schokolade in unserem Geist auf eine Weise eingeschlossen ist, die sie für jeden anderen unzugänglich macht - auch wenn er unseren Schädel öffnet und in unser Gehirn blickt.
Selbst wenn ein Wissenschaftler unser Gehirn lecken würde, während wir von einem Schokoladenriegel kosten, würde ihm unser Gehirn vermutlich nicht nach Schokolade schmecken. Auch dann hätte er nur herausgefunden, dass sich kurioserweise mein Gehirn so verändert, dass es für andere Leute nach Schokolade schmeckt, wenn ich Schokolade esse. Aber niemals könnte er meine Empfindung, wie sie sich anfühlt, teilen.
Doppelaspekt-Theorie als Alternative zu Materialismus und Dualismus
Der Dualismus ist der Auffassung, dass Sie aus einem Körper plus einer Seele bestehen, und dass Ihr psychisches Leben sich in Ihrer Seele abspielt. Der Physikalismus behauptet, dass sich Ihr psychisches Leben aus physikalischen Prozessen zusammensetzt. Es gibt eine weitere mögliche Position: die sogenannte Doppelaspekt-Theorie. Sie besagt, dass Ihr Hineinbeißen in eine Tafel Schokolade in Ihrem Gehirn einen Zustand mit zwei Aspekten hervorruft: einen physikalischen Aspekt (die chemischen und elektrischen Reaktionen) und einen psychischen Aspekt (die Geschmacksempfindung).
| Theorie | Zentrale Annahme | Beispiel: Geschmack von Schokolade |
|---|---|---|
| Physikalismus | Bewusstsein ist vollständig auf physikalische Prozesse reduzierbar | Nur chemisch-elektrische Vorgänge entscheidend |
| Dualismus | Körper und Bewusstsein sind grundverschiedene Sphären | Geschmackserlebnis findet in einer „Seele“ statt |
| Doppelaspekt-Theorie | Ein Vorgang hat stets eine physische und eine psychische Seite | Der Geschmack ist untrennbar an neuronalen Prozess gekoppelt |
Unsere Erlebnisse sind auf eine andere Weise in unserem Geist, als die entsprechenden Gehirnprozesse physikalisch beobachtbar sind. Man kann unseren Schädel öffnen und ihn betrachten, aber nicht „das Erleben“ beobachten. Diese Differenz verweist auf die Eigengesetzlichkeit und Unerreichbarkeit subjektiver Erfahrung.
Grenzen der Forschung: Die Kontroverse um das harte Problem des Bewusstseins
Philosophen wie der Australier David Chalmers sprechen vom „harten Problem des Bewusstseins“ - gemeint ist das Erklären der Qualia, also des phänomenalen Bewusstseins. Mit solchen Argumenten wollen Philosophen wie Nagel und Chalmers letztlich zum Ausdruck bringen, dass wir subjektives Erleben nicht auf neuronale Prozesse im Gehirn reduzieren können.
Lesen Sie auch: Käsekuchen wie vom Designer
Bis heute ist in Philosophie und Neurowissenschaften umstritten, ob das Problem der Qualia in dieser Radikalität überhaupt besteht. Letztlich zeigt Nagels Fledermaus-Argument mit dem Beispiel des Schokoladengeschmacks, wie begrenzt unsere objektive Verständigung über subjektive Inhalte bleibt und dass es in der Welt zwei sehr verschiedene Arten von Vorgängen gibt: Vorgänge, die zur physikalischen Wirklichkeit gehören, und solche, die sich nur subjektiv erleben lassen.
Zusammenfassung
- Thomas Nagels Essay hinterfragt, ob Bewusstsein und subjektive Erfahrungen - wie das Schmecken von Schokolade oder das Erlebnis einer Fledermaus - vollständig auf physikalische Prozesse reduzierbar sind.
- Das Beispiel der Fledermaus unterstreicht die Unmöglichkeit, eine fremde Perspektive vollständig zu erfassen. Das berühmte Problem der Qualia ist damit eines der zentralen ungelösten Probleme der Philosophie des Geistes.
- Der Geschmack von Schokolade illustriert, wie subjektive Erlebnisse („wie es sich anfühlt“) nicht durch objektive Beschreibung erklärbar sind.
- Die Doppelaspekt-Theorie bietet einen Kompromiss zwischen Dualismus und Materialismus, bleibt aber an den Grenzen zwischen dem Beobachtbaren und dem Erlebbaren - ein zentrales Motiv der Bewusstseinsphilosophie.
tags: #Thomas #Nagel #Wie #ist #es, #eine


