Shirley Jackson — Leben, Werk und Stil
Shirley Hardie Jackson wurde am 14. Dezember 1916 in San Francisco geboren und starb im Alter von 48 Jahren an einem Myokardinfarkt. Nach dem Schulbesuch studierte Shirley Jackson an der Syracuse University und schloss das Studium 1940 mit einem Bachelor of Arts (B.A.) ab. Shirley Jackson war seit 1940 mit Stanley Edgar Hyman verheiratet, einem Literaturkritiker und Dozenten am Bennington College, und hatte mit diesem vier Kinder.
Ihr literarisches Debüt gab sie 1943 mit der Kurzgeschichte After You, My Dear Alphonse in der Zeitschrift The New Yorker. In den folgenden Jahren erschienen regelmäßig weitere Kurzgeschichte in diesem Magazin sowie in den Frauenzeitschriften McCall’s, The Ladies’ Home Journal und Redbook, aber auch in The Saturday Evening Post und Harper’s Bazaar. Unter ihren Werken auf diesem Gebiet gehören Hangsaman (1951), The Bird’s Nest (1954), The Sundial (1958) und The Haunting of Hill House (1959, Spuk in Hill House).
Biografischer Hintergrund und persönliches Umfeld
Jackson wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs mit einem jüngeren Bruder in einem der wohlhabenden Vororte der Stadt auf. Ihre Eltern waren sehr konservativ eingestellt und ihre Mutter Geraldine Jackson kritisierte schon früh das Äußere ihrer Tochter. Insbesondere ihr Gewicht. Ebenso war es der Mutter ein Dorn im Auge, dass sich die Tochter so selten Mühe gab, sich hübsch herauszuputzen. Und so machte sich Geraldine Jackson auch ihrerseits keine Mühe, ihre Tochter zu schonen. Es dürfte kaum überraschen, dass sich die junge Shirley in diesem Umfeld äußerst unwohl fühlte.
Die jungen Jahre und die Beziehung zu ihrer Mutter prägten viele Motive ihres Schreibens: Häufig hatte sie das Gefühl, dass die ganze Gesellschaft grausam und dumm sei und Angst vor Menschen hätte, die anders wären als gewohnt. Viele haben Shirley Jacksons späteres Leben als Rebellion gegen ihr bürgerliches Elternhaus und ihre auf den äußeren Schein bedachte Mutter verstanden.
Jackson und ihr späterer Ehemann Stanley Edgar Hyman lernten sich während des Studiums an der Syracuse University kennen. Hyman war hochintelligent, ehrgeizig und ebenso arrogant wie kontrollsüchtig. Im Gegensatz zu Jacksons Familie war er jedoch ernsthaft an Shirleys literarischer Arbeit interessiert. Er war einer der ersten, die ihr kreatives Schaffen unterstützten. Allerdings beharrte Hyman darauf, mit anderen Frauen zu schlafen - sogar mehr als das: Er erzählte Shirley regelmäßig Details seiner Liaisons mit anderen Studentinnen.
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Bereits kurze Zeit darauf wurde Jackson schwanger. Das Paar bekam in den elf Jahren nach der Hochzeit vier Kinder. Damit einher gingen ständige Geldsorgen. Nach mehreren Umzügen ließ sich die Familie schließlich in Vermont nieder, wo Hyman in Bennington erneut eine Lehrstelle bekam. Im dörflichen North Bennington fühlten sich das liberale Paar jedoch nicht zu Hause. Misstrauische Kleinstädter, die allem Fremden gegenüber feindselig eingestellt waren, wurden nun vermehrt Thema in Jacksons Geschichten.
Hymans anfängliche Unterstützung für Jacksons literarische Arbeit wandelte sich langsam - sie wurde zum Zwang. Er drängte seine Ehefrau regelrecht dazu, mehr zu schreiben. Längst ging es dabei nicht mehr um die Förderung ihres Talents, sondern darum, dass die Schriftstellerin das Geld heranschaffen sollte, das er dann als Hausherr ausgeben konnte. Private Korrespondenz sah Hyman hingegen nicht gern: Einmal rechnete er seiner Frau vor, dass diese für jede geschriebene Seite eines Briefes an Freunde 40 Dollar verlieren würde.
Obwohl Jackson inzwischen die Hauptverdienerin war, hielt Hyman an seiner Rolle als Familienpatriarch fest. Die junge Jackson kocht, putzt die Wohnung, kauft Lebensmittel ein und kümmert sich um die Kinderschar. Hyman sitzt an seinem Schreibtisch und macht sich tiefschürfende Gedanken zu seinem geplanten Buch. Gelegentlich brüllt er nach seiner Frau, damit diese die Schreibtinte auffüllt. Mit der finanziellen Unabhängigkeit der Schriftstellerin geht somit trotzdem eine zunehmende Unfreiheit einher, die aus ihren gesundheitlichen Problemen resultiert.
Die Autorin beginnt, regelmäßig Psychopharmaka und Schlafmittel zu nehmen, darüber hinaus wird sie zu einer Trinkerin. Ende der 50er-Jahre entwickelt sie zudem eine Agoraphobie, die es ihr zusätzlich erschwert, das Haus zu verlassen. Im Alter von nur 48 Jahren stirbt Shirley Jackson schließlich an Herzversagen.
Genres, Themen und Stilmittel
Shirley Jackson schrieb in verschiedenen Genres: Zum einen konnte sie die Leichtigkeit und die Wirren des normalen häuslichen Lebens mit unvoreingenommener Heiterkeit beschreiben; zum anderen schrieb sie Gruselgeschichten, in denen an sich abnorme Verhaltensweisen als normal erscheinen. Jackson schrieb mehrere autobiographische Romane. Zwei Bücher handeln vom Leben ihrer Familie in North Bennington: Life Among the Savages (1953) und Raising Demons (1957). Diese leichten, komischen Bücher stehen im starken Kontrast zum düsteren Pessimismus ihrer anderen Werke.
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Kennzeichnend für viele der Horrorgeschichten Jacksons ist, dass das Grauen in ihnen nicht von außen kommt. Es dringt kein Vampir, kein kosmischer Schrecken und kein Monster in eine unschuldige Idylle ein. Vielmehr ruht das Grauen bereits in den Protagonisten, deren scheinbar gutbürgerliche Vergangenheit so manch dunklen Abgrund birgt. Die fiktiven Geschichten stellen eine Wahrnehmung des Unheimlichen dar, die aus Jacksons Studien der Sozialanthropologie und der Magie herrührte.
Andere Geschichten und Romane ähnlicher Art vermittelten den Eindruck, Shirley Jackson sei vom Grunde her eine Moralistin gewesen, die beschrieb, dass grauenvolles und lüsternes Verhalten nicht weit unter der Oberfläche derjenigen liege, die sich selbst als normal und anständig bezeichneten, und die Gesellschaft mit inquisitorischer Grausamkeit gegen Einzelne vorgehen könne, die sie als sonderbar ansehe. ‚She was a master of complexity of mood, an ironic explorer of the dark, conflicting inner tyrannies of the mind and soul, she left the flourishes -- or rather, directed them -- to the reader’s imagination.‘ („Sie war eine Meisterin der Verflechtung von Stimmungen, eine ironische Erforscherin der dunklen, widersprüchlichen inneren Tyranneien des Geistes und der Seele.)
Wiederkehrende Motive
- Das häusliche und scheinbar normale Leben, hinter dessen Oberfläche Unheimliches lauert.
- Isolation und das einsame Haus als Ort psychischer Verdichtung (Motiv in The Haunting of Hill House, We Have Always Lived in the Castle).
- Gesellschaftliche Ausgrenzung und die Macht der gemeinschaftlichen Ritualisierung (The Lottery).
- Die fragile Grenze zwischen Realität und Einbildung, Doppelbödigkeit und Mehrdeutigkeit.
- Frauen in ihren begrenzten sozialen Rollen, die um Handlungsspielräume ringen.
Wichtige Werke und ihre Wirkung
Die bekannteste und zugleich für viele Leser rätselhafteste Kurzgeschichte Jacksons ist The Lottery, die 1948 erstmals in The New Yorker veröffentlicht wurde. Diese düstere und unheimliche Geschichte, die mit einer ruhigen Note beginnt, beschreibt mit wachsender Spannung eine jährliche Dorflotterie, um ein rituelles Opfer für den Tod durch Steinigung zu erwählen. Der Spannung liegt besonders in der Auswahl des Namens der zu steinigenden Frau aus Papierschnipseln in einem schwarzen Kasten. Das Magazin bekam nach der Veröffentlichung hunderte von Leserbriefen, in denen fast ausnahmslos nach der Bedeutung der Kurzgeschichte gefragt wurde. Jackson selbst erhielt mehr als dreihundert solcher Briefe, unter ihnen seien nur dreizehn in einem freundlichen Ton gehaltene gewesen, die meisten von Freunden.
Der Roman The Haunting of Hill House (Spuk in Hill House) ist eines ihrer einflussreichsten Werke. In dem Roman lädt der Wissenschaftler Montague mehrere sorgsam ausgewählte Personen nach Hill House ein. Er möchte mit ihrer Hilfe die angeblich in dem Haus vorkommenden übernatürlichen Vorkommnisse ergründen. Eine der eingeladenen Personen ist Eleanor Vance. Wenn dann auf einmal in Hill House Stimmen und unheimliche Geräusche zu hören sind und die Räume sich zu ändern scheinen, dann ist dem Leser nicht klar: Ist nun wirklich dies Haus verflucht? Diese Doppelbödigkeit zeichnet mehrere Geschichten Jacksons aus. Und im Gegensatz zu vielen ihrer Schriftstellerkollegen erliegt sie nicht der Versuchung, diese Mehrdeutigkeit aufzulösen.
We Have Always Lived in the Castle (Wir haben schon immer im Schloss gelebt) erzählt die Geschichte der Familie Blackwood (Merricat und ihre Schwester Constance sowie deren Onkel Julian), die isoliert auf dem herrschaftlichen Anwesen der Familie lebt. Erzählt wird aus Sicht von Merricat, eine junge Frau mit kindlich-magischer Weltsicht, die als Erzählerin ebenso fasziniert wie irritiert. „Ich heiße Mary Katherine Blackwood. Ich bin achtzehn Jahre alt und lebe mit meiner Schwester Constance zusammen.“ Es ist ein Buch über die Macht der Ausgrenzung und die Frage, wer eigentlich das Monster ist: Die seltsamen Schwestern im Haus oder die „normalen“ Leute, die sie gaffend belagern?
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Autobiografische, komische Werke
Life Among the Savages (1953) und Raising Demons (1957) sind witzige und humorvolle fiktionalisierte Memoiren über ihr Leben mit vier Kindern. Die leichte, komische Tonlage dieser Bücher kontrastiert scharf mit dem dunklen Ton ihrer Horrorliteratur.
Rezeption, Wirkung und Nachwirkung
Als der New Yorker 1948 ihre Kurzgeschichte The Lottery veröffentlichte, waren viele Leser so entsetzt, dass sie ihre Abonnements kündigten und Hassbriefe sendeten. The Union of South Africa verbot die Veröffentlichung dieser Geschichte sogar. Inzwischen gilt sie als eine der berühmtesten Erzählungen Amerikas. Zu ihren Lebzeiten wurde Shirley Jackson trotz guter Verkaufszahlen lange Zeit von Kritikern belächelt. Aber nach ihrem Tod geriet sie für Jahrzehnte nahezu in Vergessenheit.
In den vergangenen Jahren hat Shirley Jackson in Amerika jedoch immens an Popularität gewonnen. Und nachdem lange Zeit die deutschen Übersetzungen ihrer Geschichten vergriffen waren, hat der FESTA-Verlag in den vergangenen Jahren mit Spuk in Hill House und Wir haben schon immer im Schloss gelebt gleich zwei Klassiker aus Jacksons Feder in deutschsprachiger Version neu veröffentlicht. The Haunting of Hill House wurde mehrmals verfilmt: Zum einen 1963 von Robert Wise unter dem Titel Bis das Blut gefriert mit Julie Harris und Claire Bloom, zum anderen 1999 von Jan de Bont unter dem Titel Das Geisterschloss mit Lili Taylor und Liam Neeson in den Hauptrollen.
Michael Douglas’ Produktionsfirma Further Films sicherte sich 2009 die Rechte für eine Leinwandadaption von We Have Always Lived in the Castle. Die Verfilmung We Have Always Lived in the Castle unter der Regie von Stacie Passon wurde 2018 veröffentlicht. Das Drehbuch verfasste Mark Kruger mit der Unterstützung von Jacksons Sohn Laurence Hyman. Während die Familiengeschichte Life Among the Savages bereits 1954 in deutscher Übersetzung im Heinrich Droste Verlag unter dem Titel Nicht von schlechten Eltern erschien, wurden die fiktionalen Werke erst Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre ins Deutsche übersetzt und beim Diogenes Verlag veröffentlicht.
Einfluss auf andere Autoren
Shirley Jackson ist die »Queen of Horror«, die wichtigste Autorin unheimlicher Literatur und literarisches Vorbild für Stephen King, Neil Gaiman und andere moderne Autoren. In Kings Danse Macabre beschäftigt sich der Autor auch mit Shirley Jackson. Jacksons wiederkehrendes Motiv des einsamen und isolierten Hauses benutzt King am deutlichsten in Shining, aber auch in zahlreichen Kurzgeschichten. Jacksons The Lottery beeinflusste Kings Todesmarsch. In Der Anschlag muss der 17-jährige Frank Anicetti in der High School von Lisbon Falls Shirley Jacksons The Summer People lesen. Er wird von Jake Epping dazu motiviert, anders als sein Lehrer Mr. Jacksons The Lottery beeinflusste Kings Todesmarsch.
Interpretation und literarische Bedeutung
Viele Kritiker und Leser sehen in Jackson eine Autorin, die die dunklen Seiten des Alltäglichen freilegt: Die Einschränkung von Frauen oder ihre gezielte Ausgrenzung sind wesentliche Themen in Jacksons Erzählungen. Angesichts ihrer Biografie ist das wenig überraschend. In den 50er-Jahren waren Heim und Herd die Domäne der Frau. Der Kampf um Handlungsfreiheit ist ein regelmäßig wiederkehrendes Motiv bei Jackson. Ihre Protagonistinnen leiden fast immer unter Einschränkungen: entweder durch gesellschaftliche Konventionen oder durch die eigenen Ängste.
Für Rein A. Zondergold ist sie die bedeutendste amerikanische Erzählerin des Phantastischen. Und doch ist sie - besonders in Europa - lange Zeit weitgehend unbekannt geblieben. Ihre dunklen, brillanten Romane haben viele Autoren beeinflusst. The Haunting of Hill House und We Have Always Lived in the Castle sind ihre Meisterwerke. Es ist bedauerlich, dass die Autorin nach ihrem Tod über viele Jahrzehnte in Vergessenheit geriet. Anders als bei Stephen King sind die Verfilmungen ihrer Romane bis heute deutlich bekannter als die Autorin selbst.
Ausgewählte Bibliographie (Auswahl)
| Titel | Jahr / Anmerkung |
|---|---|
| After You, My Dear Alphonse | 1943 - Debüt, The New Yorker |
| The Lottery | 1948 - Kurzgeschichte, The New Yorker |
| Hangsaman | 1951 |
| The Bird’s Nest | 1954 |
| Life Among the Savages | 1953 - humoristische Memoiren |
| Raising Demons | 1957 - humoristische Memoiren |
| The Sundial | 1958 |
| The Haunting of Hill House | 1959 - Spuk in Hill House |
| We Have Always Lived in the Castle | 1962 |
Let Me Tell You (2015) war eine posthum herausgegebene Sammlung von Geschichten und Essays, deren Mehrheit nie zuvor veröffentlicht worden war. Laurence Jackson Hyman ist Herausgeber der Letters of Shirley Jackson. Ruth Franklin veröffentlichte die preisgekrönte Biografie „Shirley Jackson: A Rather Haunted Life“, die wichtige biografische Einsichten liefert.
Shirley Jacksons Werk lebt in ihrer Fähigkeit, Alltägliches und Normalität zu entlarven und die Leser mit der Mehrdeutigkeit des Unheimlichen zu konfrontieren. Ihre Geschichten fordern die Fiktion und die Moralvorstellungen ihrer Zeit heraus und haben so Generationen von Lesern und Schriftstellern beeinflusst.
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