Schoko-Weihnachtsmann: Umbenennung, Hintergründe und gesellschaftliche Debatte
Der Schoko-Weihnachtsmann gehört für viele Deutsche zur Advents- und Weihnachtszeit wie Plätzchen und Lichterketten. Doch immer wieder sorgen Diskussionen um seine Namensgebung für Aufregung und bieten Anlass für Falschmeldungen, Verschwörungsmythen und gesellschaftliche Debatten. In diesem Artikel beleuchten wir ausführlich die Hintergründe rund um die vermeintliche Umbenennung des Schoko-Weihnachtsmanns, die Rolle sozialer Netzwerke und die gesellschaftlichen Brüche, die sich an der süßen Hohlfigur entzünden.
Der Schoko-Weihnachtsmann: Tradition und Kontroverse
Die Deutschen lieben Hohlfiguren - die hiesige Süßwarenindustrie stellt jedes Jahr rund 140 Millionen Schokoladen-Weihnachtsmänner und Nikoläuse her. Der aufgemalte Bart ist meistens weiß, das Gewand rot - und damit für viele ein Symbol der (vor)weihnachtlichen Atmosphäre. Doch alle Jahre wieder tauchen neben den klassischen Nikoläusen und Weihnachtsmännern auch anders gestaltete Figuren auf, wie etwa das Zipfelmännchen oder Zipfelmenschen von Penny.
Das Zipfelmännchen ist dem typischen Schokoladen-Weihnachtsmann eigentlich ähnlich in Form und Größe, auch der Geschmack (Alpenvollmilchschokolade) dürfte identisch sein. Doch der aufgemalte Bart ist rot, nicht weiß und das Gewand ist blau, nicht rot. Der weihnachtliche Bezug fehlt. Und doch kommt das Männchen der Penny-Hausmarke Douceur alle Jahre wieder zur Vorweihnachtszeit in die Regale.
Die Penny-Aktion: Schoko-Zipfelmenschen und ihre Botschaft
Seit 2010 bietet Penny in der Winterzeit ganz besondere Schokomänner an. Mit sogenannten Zipfelmenschen will der Discounter für mehr Toleranz im Sport werben. In den vergangenen Jahren hat Penny mit den Kult-Schokomännern immer wieder für hitzige Diskussionen im Netz gesorgt. Denn um die Weihnachtszeit gibt es im Discounter neben den üblichen Schoko-Nikoläusen die sogenannten Zipfelmänner. In einer Verpackung mit Regenbogenfarben sollen sie für Solidarität und Toleranz gegenüber Homosexualität stehen.
Dieses Jahr heißt die Schokofigur „Zipfelmenschen“ und soll die Botschaft „Komm ins Team Love“ hinaustragen. Dieses politische Statement beziehe sich insbesondere auf den Sport. Die Umbenennung der Schokoladen-Hohlfigur zielt darauf ab, dass sich jeder mit der Botschaft der Zipfelmenschen identifizieren kann. Vor dem Hintergrund einer Fußballweltmeisterschaft in einem Land, in dem Homosexualität verboten ist, will Penny für Solidarität gegenüber allen Menschen werben.
Lesen Sie auch: Blechkuchen mit Kirschen
Kunden können sich mit dem Kauf eines Zipfelmenschen an der Aktion beteiligen. Denn von dem Verkaufspreis von 1,49 Euro pro Schokofigur spendet Penny 20 Cent an die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld für das Projekt „Fußball für Vielfalt“. Die Initiative setzt sich dafür ein, mehr Aufmerksamkeit für das Problem von Homofeindlichkeit im Sport zu schaffen und Vorurteile gegenüber zu abzubauen.
Traditionelle Schokoladen-Nikoläuse gibt es bei Penny weiterhin. Das Zipfelmännchen ersetzt nicht die Weihnachtsmann-Figuren.
Social Media, Gerüchte und rechte Agitation
In Zeiten, in denen soziale Netzwerke und Kommentarfunktionen im Internet Normalität sind, verwundert es trotzdem manchmal, wie viel Hass den scheinbar banalsten Dingen entgegenschlagen kann. Das ging auch dem Social-Media-Team der Supermarkt-Kette Penny so. "Schiebe, ich kaufe nur da, wo es Nikoläuse und Weihnachtsmänner gibt" - und weitaus Schlimmeres war in Kommentarspalten zu lesen.
Alle Jahre wieder tauchen rund um die Advents- und Weihnachtszeit Falschmeldungen und Verschwörungsmythen auf. So wird zum Beispiel in den sozialen Netzwerken vielfach ein Bild aus einem Discounter in Sachsen geteilt. Zu sehen sind weihnachtliche Schokoladenfiguren und ein Zettel mit der Aufschrift "Aktion - Kinder Schoko Hohlfigur". „Integration pur“ wurde dazu gepostet. Das Foto ist echt, aber die Deutung ist falsch. Der Begriff „Weihnachtsmann“ wurde nicht abgeschafft.
| Jahr | Falschmeldung | Realität |
|---|---|---|
| 2017 | Weihnachtsstern als „Liebesstern“ umbenannt | Beides sind unterschiedliche Pflanzenarten |
| 2018 | Grüne fordern „Zipfelmützenmann“ statt Nikolaus | Nie gefordert, Gerücht |
| 2022 | Schokofigur als „Jahresendfigur“ im Netto-Markt | Label stammt nicht von Netto; Lindt verkauft den „Weihnachtsmann“ weiterhin |
Die Rolle von Falschmeldungen
Solche Narrative eignen sich besonders gut für die Verbreitung von Falschmeldungen, da sie mit starken Emotionen und einer Vielzahl von Traditionen verbunden sind, erklärt Janine Patz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena. "Dass besonders Weihnachten instrumentalisiert wird, liegt auch daran, dass mit dem Thema bei einem enorm großen Bevölkerungsanteil Betroffenheit erzeugt werden kann." Ziel sei es, die Gesellschaft zu spalten, Feindbilder zu schüren und die Demokratie zu destabilisieren, indem politisch Verantwortungstragenden eine vermeintlich 'volksschädliche' Motivation für ihr Handeln unterstellt wird.
Lesen Sie auch: Einfaches Roulade Rezept
Tradition, Umbenennung und die Debatte um christliche Kultur
Gehen christliche Traditionen verloren, weil Menschen mit anderen Religionen in Deutschland leben? Besonders vor christlichen Feiertagen und Festen versuchen Webseiten im Netz immer wieder dieses Narrativ zu verbreiten. Die Weihnachts- und Empörungssaison fängt meist um den November herum an, wenn es auf St. Martin zugeht. Sobald es Herbst wird und die ersten Dekoartikel auftauchen, finden sich auch regelmäßig die ersten Unmutsbekundungen über eine angeblich um sich greifende “Islamisierung”. Das Problem dabei: relativ schnell stellen sich die Meldungen über angebliche Skandale als falsch, uralt oder schlicht frei erfunden heraus.
Noch absurder werden einige Debatten, wenn etwa behauptet wird, Supermärkte hätten alle Nikoläuse und Weihnachtsmänner aus Angst vor „Rassismus“ aus dem Sortiment genommen oder Produktnamen wie Weihnachtsbaum in „Wünschebaum“ und Weihnachtsstern in „Liebesstern“ umbenannt. Auch diese Behauptungen sind regelmäßig widerlegt worden.
Was ist dran an „Jahresendfigur“, „Liebesstern“ und anderen Umbenennungen?
Zu Bildfunden mit Schoko-Weihnachtsmännern mit dem Etikett „Jahresendfigur“ teilte Lindt auf Presseanfrage mit: „Wir bieten dieses Produkt als ‘Lindt Weihnachtsmann’ an. Der Lindt Weihnachtsmann ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil unseres Weihnachtssortiments und es ist nicht geplant, unseren beliebten Weihnachtsmann umzubenennen.“ Das ursprüngliche Bild lässt sich praktisch nicht mehr zuordnen. Allerdings meldet das Deutsche Technikmuseum, dass der Begriff „Jahresendfigur“ scherzhaft in der DDR benutzt wurde. Der MDR sagt gar, dass die Bezeichnung 1971 in einem Katalog der DDR-Werbeagentur DEWAG verwendet wurde.
Debatten gab es im November 2017 um eine Weihnachtsstern-Pflanze, die angeblich in „Liebesstern“ umbenannt wurde. Auch das war falsch, wie Mimikama damals recherchierte. Außerhalb der besorgten Blase sind Weihnachts- und Liebessterne unterschiedliche Pflanzen. Der Liebesstern, Euphorbia Princettia, ist eine neue Zuchtrichtung, wird in Frankreich gerne zum Muttertag verschenkt und ist dort unter dem Namen „Etoile d’amour“ bekannt. Mit dem Verkauf des klassischen roten Weihnachtsstern, Euphorbia Pulcherrima, hat das aber nicht mal etwas zu tun.
Falsche Umbenennungsvorwürfe in der Politik
Im November 2018 haben wir in einem Faktencheck erklärt, dass die Grünen entgegen anderer Behauptungen nie forderten, den Namen des Nikolaus in „Zipfelmützenmann” zu ändern. Kein Politiker hat bislang jemals gefordert, dass der Nikolaus demnächst Zipfelmützenmann genannt werden soll. Auch dieser Beitrag wurde tausendfach geteilt und oft kommentiert.
Lesen Sie auch: Schoko-Kokos-Kuchen für Genießer
Traditionelle Schokoladen-Nikoläuse gibt es weiterhin im Sortiment. Niemand muss vor dem Zipfelmännchen Angst haben, denn er ist nur eine Hohlfigur. Und vor dem Zipfelmützenmann braucht sich erst recht niemand zu fürchten: Den gibt es nämlich gar nicht.
Historischer Hintergrund: Woher kommt der Weihnachtsmann?
Der „Weihnachtsmann“ in seiner heutigen Form wurde wahrscheinlich zum ersten Mal in zwei Gedichten beschrieben. Beide erschienen in New York. Historisch geht er wahrscheinlich auf den heiligen Nikolaus zurück, einen Bischof aus Lykien, einer Gegend, die heute zur Türkei gehört. Popularisiert wurde der dicke, ältere Herr mit Rauschebart aber schließlich erst im 20. Jahrhundert. Aber soviel nur zur „jahrhundertealten europäischen Tradition“, die von rechtsaußen so gern bemüht wird.
Die Debatten über Symbolik, Umbenennungen und gesellschaftliche Werte rund um Schoko-Weihnachtsmänner und -Nikoläuse spiegeln größere gesellschaftliche Konflikte wider. Sie zeigen, wie sehr Traditionen, Identität und gesellschaftlicher Zusammenhalt an scheinbar einfachen Produkten festgemacht werden können.
tags: #Schoko #Weihnachtsmann #Umbenennung #Hintergründe


