Prinz Pi — Hintergründe und Informationen zum Album "Gib dem Affen Zucker"
Prinz Pi ist ein Rapper, dessen Themen mediale Verdummung, Paranoia, aber auch Kindheitserinnerungen und verstrahlte Zukunftsvisionen umfassen. Rapper sind Grossmäuler. So auch Prinz Pi: "Die Guten sterben jung, die Besten sterben nie, die Allerbesten bilden einen Fanclub für Pi." Oje, denkt man da, schon wieder einer von diesen selbsternannten Hip-Hop-Helden, die ihre Minderwertigkeitskomplexe mit reflexhaftem Geprotze übertünchen. Doch bei Pi hat der Grössenwahn Methode: Mit ironischem Augenzwinkern hinterm Kassengestell reimte sich der 29-Jährige mit zwei Dutzend Releases zum "besten deutschen Themen-Rapper" (Eigenlob) empor.
Ein treffenderes, wohl für alle Ewigkeiten in den Rap-Stein gemeißeltes Sample hätten Prinz Pi und Biztram wortwörtlich nicht als Einstieg in diesen Tonträger wählen können: "It", also die Platte, ist "still", also wie bisher, "bigger", sprich umfangreicher als das, was man gemeinhin unter Hip Hop versteht. In Spiegelschrift wird's noch klarer: Der landläufige Hip Hop-Film ist schlichtweg zu kleinformatig, um das hier vernünftig einzufangen. "It's still bigger than Hip Hop."
Zum Einstieg in die unendlich wirkenden Weiten des Pi-Backkatalogs ist die Scheibe allerdings nur bedingt geeignet. Dem Prinzen-Œuvre nahestehende Fans, die sich ihre Meinung sowieso selbst bilden, gegen eine weitere jedoch nichts einzuwenden haben, biete ich Folgendes an: Mit "Neopunk" schlägt der alte Hase einen Haken, den man angesichts seines anhaltenden Dauerfeuer-Outputs erstmal wegstecken muss. Dass seine Releases die Amygdala nicht ab Sekunde eins in Partyalarm versetzen, ist seit "Keine Liebe" bekannt - ein echter Pi braucht seine Zeit.
Das beginnt schon vor dem Hören: Gemessen am Vorgänger, der noch mit einem ultraaufwändigen, formvollendeten und mit den Songs korrelierendem Artwork daherkam, wirkt die monochromatisch grelle Neonaufmachung der Scheibe zwar neuartig, allerdings auch schwer abgespeckt. Die magere Bebilderung und nicht abgedruckten Lyrics im schwachbrüstigen Achtseiter verstärken diesen Eindruck noch. Die magere Bebilderung und nicht abgedruckten Lyrics im schwachbrüstigen Achtseiter verstärken diesen Eindruck noch.
Während der ersten Höreinheiten macht sich Ambivalenz breit: Etwa die Hälfte der Tracks frisst die Livebrühe mit der Suppenkeule. Die Frage ist, wie viel Salz eine musikalische Weiterentwicklung verträgt. Betrachtet man "Gib Dem Affen Zucker" als kalorienarmen Vorgeschmack und das ebenfalls vorab veröffentlichte "Schädelficken" als deftigen Appetizer, serviert er einem mit "Schlag Die Faust" und "Mein Blut" nun die Maggiwürfel quasi direkt ins Maul. Das schmeckt nicht jedem. Diese noisigen 5000-Volt-Magenhaken, kredenzt im Dialog mit fetten Brazz-Gitarren, muss man erst mal verdauen. Kulinarisch gesprochen: Echte Sodbrenner.
Lesen Sie auch: Tortenrezept: Der Kleine Prinz
Die ausgewachsene Gastritis vereiteln dann allerdings Geniestreiche wie das relaxt klimpernde "2030", das orientalische "Schläferstündchen" und das großartige "Aschenbecher", das gar das Interesse des redaktionsinternen Jazz-Aficionados auf sich zog. In Zeiten schablonenhafter "Lean Back"-Redundanz gibt sich der Prinz betont laid back. Hier perfektionieren der Rapper und sein Produzent das Prinzip Prinz Pi: Ganz im Stil der Schweizer Uhrmacherkunst fusionieren Aussage, Flow und Beats zu mehr als der Summe der Teile.
Da sind sie, die Tracks, die "vom Style her auch auf Donnerwetter drauf sein könnten" und die Biztram dem Prinzen in Form beatgesäumter Instrumental-Roben auf den Leib maßschneidert. Ob die Namenswahl Zufall oder Absicht war, weiß ich nicht, aber was auf "Donnerwetter" mit "Der Rand" begonnen wurde, findet in der bassbefeuerten Drill-Instruktion "Spring!" seine inoffizielle Fortsetzung. Die Vermutung liegt nun nahe, dass sich "Bevor Ich Aufschlage" thematisch da einreiht. Tut es aber ganz und gar nicht: Was einem hier wiederum herzklopfend entgegenhallt, klingt, als hätte ein ausgedienter Autobahnraser mit Wohnsitz in einer Tropfsteinhöhle zum Zweck der Selbstreflexion eine Standspur vertont. Das ist kein Conscious Rap mehr, das ist Subconscious Rap. Hip Hop-Hypnose.
Dem Elektrohype werden beide wiederum ausdrücklich in Stücken wie "Nerdhymne" und "Spür Die Wut" gerecht. Während ersteres eine der schwächsten Nummern des Albums abgibt - zu holprig, zu nölend, zu C64 - ist letzteres ein peitschend treibender Synthiebanger: Hand von der Maus und Faust in die Luft! Faust wieder runter und ran an den Joypad!, lautet indes die indirekte Botschaft von "Affen An Die Macht", dessen eigentliche Message aufgrund grandiosen Ohrwurmcharakters samt Mario-Kart-Reminiszenz fast ein bisschen untergeht. "Let'se gooo!"
Neopunk ist auf schwarzes Polycarbonat gepresstes Zirkeltraining: Auf die Knie fallen, in die Luft springen, hie und da eine Augenbraue kritisch hochziehen, pogen, bis einer heult und dann von vorne. Die inhaltliche Genetik der Songs bleibt dabei grundsätzlich unangetastet: Story, Sozialkritik und Party, die nur so klingt als ob. Beat-Chirurg Biztram mischt indes mithilfe des Defibrillators den DNA-Pool kreativ, manchmal etwas exzentrisch, aber immer stark elektrisch auf.
So gesehen ein Quantensprung: Was beim Erstkontakt nach einem Lichtjahre messenden Paradigmenwechsel im Pi'schen Universum klingt, stellt sich nach einigen Platten-Umrundungen doch eher als minimaler, aber schwer beschreibbarer Zustandswechsel auf hohem Niveau heraus. Anders gesagt: Niemand außer den per se-Hatern hatte von Prinz Pi Unbrauchbares erwartet. Viele dürften an der partiellen Neuartigkeit des Materials allerdings eine Weile zu beißen haben. Neueinsteigern sei an dieser Stelle ein zeitlich früherer Zugang in die Prinzen-Matrix empfohlen.
Lesen Sie auch: Zeitreise in die 80er mit Choco Prinz
Tracklist
| Nummer | Titel |
|---|---|
| 1 | Super Seiajin feat. DJ Craft |
| 2 | 8 Bit Untergrund |
| 3 | Gib dem Affen Zucker |
| 4 | Kann es sein |
| 5 | Nerdhymne |
| 6 | Schlag die Faust feat. Casper |
| 7 | Affen an die Macht |
| 8 | Schläferstündchen |
| 9 | 2030 |
| 10 | Aschenbecher |
| 11 | Mein Blut feat. Bina Kolada |
| 12 | Bevor ich aufschlage |
| 13 | Schädelficken feat. Biztram |
| 14 | Spür die Wut |
| 15 | Wir bleiben immer Anti feat. Biztram |
| 16 | Spring! |
| 17 | Ein bizchen mehr feat. DJ Craft |
| 18 | Wir werden nie erwachsen feat. Frauenarzt (Bonus) |
| 19 | 1 Leben lang (Bonus) |
| 20 | Der Angsthasentwist feat. Jonarama (Bonus) |
| 21 | Sieben Sünden feat. (Bonus) |
Tipps zum Hörzugang
- Neueinsteigern sei an dieser Stelle ein zeitlich früherer Zugang in die Prinzen-Matrix empfohlen.
- Dem Prinzen-Œuvre nahestehende Fans, die sich ihre Meinung sowieso selbst bilden, gegen eine weitere jedoch nichts einzuwenden haben, biete ich Folgendes an: Mit "Neopunk" schlägt der alte Hase einen Haken, den man angesichts seines anhaltenden Dauerfeuer-Outputs erstmal wegstecken muss.
- Betrachtet man "Gib Dem Affen Zucker" als kalorienarmen Vorgeschmack und das ebenfalls vorab veröffentlichte "Schädelficken" als deftigen Appetizer, serviert er einem mit "Schlag Die Faust" und "Mein Blut" nun die Maggiwürfel quasi direkt ins Maul.
Viele Details dieses Albums polarisierten bereits vor dem ersten Track; die Platte polarisierte schon vor dem ersten Track. Dass der Berliner teils übers Ziel hinausschießt, stört wenig - schon gar nicht auf seinem neuen Album "Neo Punk". Stand: 27.10.2008, 14:36 Uhr
Lesen Sie auch: Bayerische Prinz Heinrich Torte
tags: #Prinz #Pi #Gib #dem #Affen #Zucker


