Dürfen Pferde Zucker fressen?

Wenn wir von Zucker sprechen, so meinen wir in der Regel die Zuckerarten, die im Dünndarm direkt durch die Darmwand aufgenommen werden können. Zucker ist ein wichtiger Energielieferant für Pferde und zählt zur Stoffklasse der Kohlenhydrate.

Wie entsteht Zucker im Futter?

Alle in der Fütterung vorkommenden Zucker, ob im Raufutter, Kraftfutter oder Zusätzen, stammen aus natürlichen Quellen. Zucker entsteht in Pflanzen bei dem Prozess, den man Photosynthese nennt. Hierbei wird die im Sonnenlicht enthaltene Energie in Form von chemischer Energie gebunden. Dafür benötigt die Pflanze neben dem grünen Blattfarbstoff Chlorophyll noch Kohlendioxid (CO2) und Wasser (H2O). Die Kohlenstoffatome des CO2 werden mit Hilfe der Sonnenenergie aneinander gekettet und zu einem Ring geformt, dessen Enden mit Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H) abgesättigt werden. Übrig bleibt Sauerstoff, der als O2 in die Atmosphäre abgegeben wird.

Bei diesem Prozess entstehen unterschiedliche Formen von Zucker: Fructose (Fruchtzucker), Glucose (Dextrose, Traubenzucker) oder Saccharose (Disaccharid). Aus diesen Zuckerbausteinen kann die Pflanze dann Polymere aufbauen. Dazu gehören die Strukturkohlenhydrate wie Pektin, Cellulose, Hemicellulose und Lignin, die sie für das Wachstum benötigt. Aber auch Speicherkohlenhydrate werden daraus gebildet wie der Kurzzeitspeicher Fruktan oder der Langzeitspeicher Stärke.

Illustration Photosynthese und Zuckerbildung in Pflanzen

Welche Zucker- und Kohlenhydrattypen gibt es?

  • Monosaccharide: Einfachzucker wie Glukose und Fruktose.
  • Disaccharide: Zweifachzucker wie Saccharose (Industriezucker) und Laktose (Milchzucker).
  • Polysaccharide: Mehrfachzucker wie Stärke und Rohfasern (Cellulose, Hemicellulose, Pektin, Lignin).

Zucker, Stärke und Glukose sind alles Formen von Kohlenhydraten. Zucker: Dies sind einfache Kohlenhydrate wie Fruktose (Fruchtzucker) und Glukose. Stärke: Stärke ist ein komplexes Kohlenhydrat, das aus langen Ketten von Glukosemolekülen besteht. Glukose: Glukose ist der wichtigste Brennstoff für unseren Körper. Es ist ein kleineres Molekül, das aus Stärke freigesetzt und als Blutzucker durch den Körper transportiert wird.

Wo wird welcher Zucker im Futter gefunden?

Zucker findet sich auch im Raufutter, während Stärke insbesondere im Getreide zu finden ist. Heu ist mit durchschnittlich 10 % keineswegs zuckerfrei, liegt damit aber immer noch deutlich unter dem Hafer mit einem Anteil von ca. 40 % Zucker und Stärke. Hafer, Gerste und Mais enthalten bis zu 40, 50 und 65 Prozent Stärke. Diese Getreidearten sind häufige Zutaten für Pferdekraftfutter.

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Der Zucker in Melasse stammt aus der Zuckerrübe, ist also auch direkten pflanzlichen Ursprungs. Er wird in den Blättern der Rübe produziert und in der Wurzel als Speicher eingelagert. Zuckerrüben als Futtersorte mit wenig Zucker? Pavo SpeediBeet besteht allerdings aus entzuckerten Zuckerrübenschnitzel ohne Zusatzstoffe, also auch ohne Melasse. Es enthält nur 5% Zucker und viele gesunde Ballaststoffe wie Pektin.

Verdauung: Dünndarm vs. Dickdarm

Die Verdauung von Nicht-Struktur-Kohlenhydraten erfolgt bei einer ausgewogenen Ernährung bei Pferden überwiegend im Dünndarm. Die leicht verdaulichen Nicht-Struktur-Kohlenhydrate werden im Magen und Dünndarm bearbeitet. Struktur-Kohlenhydrate selbst passieren den Magen und Dünndarm weitgehend unverändert und werden erst im Dickdarm durch Mikroorganismen verdaut.

Die Darmflora wandelt Fasern in Zucker und Fettsäuren um. Die Entstehung kurzkettiger Fettsäuren (Essigsäure, Propionat, Butyrat) dient als Energielieferant für die Mikroflora und die Darmwandzellen und wird über die Dickdarmwand aufgenommen und zur Energiegewinnung genutzt. Die Energieträger aus Strukturkohlenhydraten (Propionat, Butyrat, Acetat) haben keinen direkten Einfluss auf den Blutzuckerspiegel.

Im Gegensatz dazu werden in Pflanzen oder Melasse enthaltene Zucker und der aus Stärke im Dünndarm gewonnene Zucker direkt über die Dünndarmschleimhaut aufgenommen und gehen als Zucker ins Blut - lassen also den Blutzuckerspiegel ansteigen. Ein wichtiger Unterschied bleibt: Die schnell im Dünndarm aufgenommenen Zucker führen zu einem schnellen und hohen Anstieg des Blutzuckerspiegels, während die Zucker, die aus der Fermentation im Dickdarm stammen, ihre Wirkung auf den Blutzuckerspiegel langsam entfalten.

Schema Dünndarm- vs. Dickdarmverdauung bei Pferden

Welche Risiken entstehen bei zu viel Zucker oder Stärke?

Überschüssige Energie kann vom Körper gespeichert werden und diesem, je nach Speicherart, schneller oder langsamer wieder zur Verfügung gestellt werden. Zu viel Zucker und Stärke in der Fütterung wird besonders für Pferde mit Magenproblemen oder gestörtem Zuckerstoffwechsel (EMS, Cushing, PSSM) zum Problem. Doch auch bei gesunden Pferden wirkt sich zu viel Stärke negativ auf Leistungsfähigkeit und die Darmflora aus.

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Wenn die Stärke unverdaut in den Dickdarm gelangt, kann sie dort die Darmflora stören, was zu einer Übersäuerung führt (Azidose). Ein übermäßiger Zustrom von Stärke in den Blinddarm führt zu einer Umschichtung der Darmflora. Die Auswirkungen sind eine vermehrte Säure- und Gasbildung im Blinddarm! Dies kann zu Kotwasser, Durchfall, Koliken, Blähungen und langfristig zu Hufrehe führen.

Die maximale Aufnahmekapazität von Zucker und Stärke beim Pferd ist auf max. 1 g je kg Körpergewicht begrenzt. Gesunde Pferde kommen mit Stärke und Zucker zurecht, so lange nicht zu viel davon auf einmal gefüttert wird, d. h. die Verdauungskapazität des Dünndarms nicht überschritten wird. Daher sollten max. 300 g pro 100 kg Körpergewicht an Hafer oder getreidereichem Kraftfutter pro Mahlzeit gefüttert werden. Maximal heißt: Weniger ist besser.

Faustregeln zur Vermeidung von Problemen

  • Begrenze die Stärkemenge je Mahlzeit auf maximal 1 g Stärke/kg Körpergewicht.
  • Umgerechnet heißt das, eine Kraftfuttermahlzeit sollte auf maximal 300 g/100 kg Körpergewicht begrenzt werden (= max. 1,5 kg Kraftfutter/Mahlzeit für ein 500 kg Pferd).
  • Der Kot pH-Wert sollte nicht < 6,5 sein.

Ein wichtiger Aspekt sei noch erwähnt. Der Anteil an Stärke bzw. Kraftfutter beeinflusst durch die Änderung der Fermentationsprodukte (kurzkettige Fettsäuren) auch den Wasserfluss, der mit dem Nahrungsbrei vom Dünndarm in den Dickdarm gelangt. Je mehr Kraftfutter gefüttert wird, desto weniger Wasser gelangt in den Dickdarm. Zum anderen kann es die Funktionen der Darmwandzellen empfindlich stören, die den Austausch von Elektrolyten und Wasser zwischen Darminhalt und Blut regulieren. Besonders bei Sportpferden und Pferden, die schlecht trinken, kann die Folge eine Eintrocknung des Kotes (Verstopfungskolik) und eine Austrocknung des Körpers (Dehydratation) nach sich ziehen.

Zuckerstoffwechsel, Insulin und Krankheiten

Das Signal, welche Zellen Glukose benötigen, wird über das Hormon Insulin gegeben, welches vom Körper in entsprechenden Mengen produziert wird. Sobald größere Mengen an Glukose im Blut erscheinen, wird von den ß-Zellen der Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin ins Blut ausgeschüttet. Unter der Einwirkung von Insulin wird vermehrt Glukose aus dem Blut in die Körperzellen (insbesondere Muskel- und Leberzellen) aufgenommen und in Form von Glykogen gespeichert.

Durch z. B. Übergewicht kann der Zucker- und Insulinstoffwechsel gestört werden. Zunächst entwickeln die Pferde eine sog. Insulindysregulation. Weiterhin können die Pferde eine Insulin-Resistenz an den Insulin-Bindungsstellen der Zellen im Körpergewebe entwickeln. Dann muss noch mehr Insulin gebildet werden, um überhaupt noch eine Reaktion an der Zelle auszulösen. Als Folge dieser übermäßigen Insulinproduktion sind die Zellen nicht mehr sensibel auf den Botenstoff Insulin. Langfristig kann dies zu ernsten Erkrankungen wie dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) und Hufrehe sowie zu einer Diabetes-ähnlichen Stoffwechsellage führen.

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Grafik Insulinantwort gesunder vs. insulindysregulierter Pferde

Welche Futtermittel sind problematisch, welche sinnvoll?

Die typischen stärkereichen Futtermittel sind die Getreide. Hafer, Gerste und Mais enthalten hohe Stärkeanteile. Wenn Getreide durch Erhitzen (Extrusion) verarbeitet wird, wird die Stärke für Pferde besser verdaulich, aber ein Pferd kann immer nur eine begrenzte Menge davon verdauen. Wenn die Stärke unverdaut in den Dickdarm gelangt, kann sie dort die Darmflora stören.

Heu und auch überständiges Gras enthalten weniger Zuckerverbindungen als Frischgras. Aber auch im Heu ist Zucker enthalten. Ein Zuckergehalt von 10% im Heu ist keine Seltenheit und ist vor allem auch von der Grassorte abhängig. Das Pferd ist von Natur aus auf sehr niedrige Zuckergehalte im Grundfutter angepasst. Steppengräser enthalten in der Regel <4% Zuckergehalt, sodass Wildpferde im Wesentlichen auf die Energie aus den Strukturkohlenhydraten angewiesen sind. Leider hat sich durch Züchtung der Wiesenflora der Zuckergehalt erhöht: Deutsches Weidelgras kann bis zu 36% Zuckergehalt aufweisen!

Interessant ist daher, welche Futtermittel wie viel Zucker und Stärke enthalten. Heucobs, FibreNuggets, entzuckerte Zuckerrübenschnitzel (SpeediBeet, FibreBeet) oder zuckerarme, strukturreiche Mischungen sind Beispiele für geeignetere Futtermittel bei stoffwechselsensiblen Pferden. Pavo Care4Life ist geeignet für ... (Produktbeispiele zeigen Alternativen für zuckerempfindliche Pferde).

Praktische Empfehlungen für die Fütterung

  • Schaue nicht nur auf die Zusammensetzung des Kraftfutters, sondern lasse regelmäßig auch das Raufutter hinsichtlich des Zuckergehalts überprüfen.
  • Gib deinem Pferd vor dem Weidegang noch eine Portion Raufutter und begrenze den Weidegang in zuckerreichen Zeiten (früher Morgen, kühle Temperaturen nach sonnigen Tagen).
  • Verzichte auf zu große Kraftfuttermengen, vor allem bei Freizeitpferden: Passe Menge und Sorte an Leistung, Alter, Rasse und Gesundheitszustand an.
  • Leckerlis wie frisches Obst oder spezielle Pferdeleckerlis sind oft zuckerhaltig und sollten daher nur in geringen Mengen gefüttert werden.
  • Bei stoffwechselsensiblen Pferden (EMS, PSSM, Cushing) sind selbst kleine Mengen stärke- und zuckerreicher Futtermittel oft schon zu viel.
  • Raufutter sollte den Großteil der Ernährung ausmachen: Pferde benötigen durchschnittlich 1,5-2,0 % ihres Körpergewichts an Raufutter (Trockenmasse).
Erklärvideo: Zucker- und Stärkeverdauung beim Pferd

Wieviel Zucker ist im Tagesfutter?

Das heisst, mit 1 kg Heu nimmt das Pferd 120 - 140 g Zucker auf. Rechnet man das hoch auf eine Tagesration und geht davon aus, dass das Pferd 10 kg Heu bekommt (500 kg Pferd, 2 kg Heu je 100 kg Körpergewicht), dann sprechen wir von 1.200 - 1.400 g Zucker, die in 24h aufgenommen werden. Wenn im Mineralfutter 2% Melasse beigefügt sind und das Pferd eine Tagesdosis von 100 g aufnimmt, sind das 2 g Zucker. Zum Vergleich: ein Zuckerwürfel hat 3 g.

Besondere Zuckerarten: Fruktan und Laktose

Fruktan gehört zu den langkettigen Kohlenhydraten und steht der Pflanze als kurzzeitiger Energiespeicher zur Verfügung. Der Gehalt in den Pflanzen ist in erster Linie von den Temperaturen, dem Pflanzenwachstum sowie den Lichtverhältnissen abhängig. Auch zu große Fruktanmengen gelangen unverdaut vom Dünndarm in den Dickdarm und können den empfindlichen Verdauungstrakt deines Pferdes durcheinanderbringen.

Die Zweifachzucker Laktose wird beim erwachsenen Pferd im Dünndarm gar nicht abgebaut, weil die Aktivität des spaltenden Enzyms, der Laktase, nur beim Saugfohlen vorhanden ist. Deshalb gerät beim Pferd auch die Laktose unverdaut in den Dickdarm und wird dort vom Mikrobiom fermentiert. Eingesetzt wird Laktose beispielsweise bei Pferden mit schweren Leberfunktionsstörungen oder Salmonellose (nur nach tierärztlicher Rücksprache!).

Was lautet die kurze Antwort?

Die kurze Antwort lautet „nein“, das ist nicht anders. Stärke wird vom Pferdekörper tatsächlich als Zucker betrachtet und ist daher eigentlich genauso kritisch wie Zucker. Physiologisch ist die Verarbeitung von Zucker aus Melasse und Zucker aus Heu genau dieselbe - der im Dünndarm aufgenommene Zucker muss aus dem Blut gefiltert und in Muskeln und Leber zwischengelagert werden. Im Optimalfall wird er in der Muskulatur dann durch Arbeit verbraucht, wenn nicht, dann kommt es - je nach Rasseprädisposition - zu einem unsauberen Abbau und Einlagerung im Bindegewebe (Lymphretention, Pseudo-EMS) oder zum Aufbau von Fettreserven (EMS).

Empfehlung: Balance und Kontrolle

Um deinem Pferd ein ausgewogenes, bedarfsgerechtes Verhältnis von Struktur- und Nicht-Struktur-Kohlenhydraten anbieten zu können, ist es wichtig, die genauen Mengen an Raufutter und Kraftfutter mit den jeweiligen Inhaltsstoffen zu kennen. Achte darauf, dass dein Pferd genügend Vitamine und Mineralien erhält. Das erreichst du am einfachsten mit Hilfe eines Balancerbrockens. Du benötigst Unterstützung bei der Bedarfsermittlung für dein Pferd? Die Pavo Fütterungsberatung hilft dir gern weiter.

FuttermittelZuckergehalt (g/kg)Stärke (g/kg)
Heu (zuckerreich)1200
Heu (zuckerarm)350
Hafer8400
Maiscobs (ganze Pflanze)90364
Heucobs10012
SpeediBeet (entzuckert)50 g / kg (ca. 5%)-

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