Nachtisch: dumm und dämlich essen — Bedeutung, Herkunft und kulinarische Geschichten

Nicht nur das Auge isst mit. Allein die Bezeichnung von Speisen auf Menükarten oder in Rezeptbüchern lassen das Gehirn bestimmte Geschmackserwartungen, aber auch wüste Assoziationsketten formen. Dabei kommt so manches Zerrbild zutage, denn nicht immer ist Nomen omen.

Bedeutung der Wendung „sich dumm und dämlich (essen/verdienen/zahlen)“

umgangssprachlich, verstärkend bezogen auf eine Handlung, Tätigkeit sehr viel; extrem, unerträglich lang oder intensiv (und oft vergeblich). Beispiele: »Da läuft man sich dumm und dämlich«, kritisiert die Kundin […]. In den großen Märkten sucht man sich doch dumm und dämlich […].

● spezieller, umgangssprachlich, verstärkend bezogen auf Handlungen, bei denen Gelbeträge eingenommen oder ausgegeben werden, deren Höhe als übertrieben, unangemessen oder unmoralisch empfunden wird sehr, extrem, unermesslich viel. Kollokationen: sich dumm und dämlich verdienen, sich dumm und dämlich zahlen. Beispiele: Haben Apotheken sich [zu Beginn der Corona-Pandemie] »dumm und dämlich« an FFP2‑Masken verdient? Dass die Polizei […] an dieser Stelle blitzt, ist für ihn [einen Anwohner] reinste Abzockerei. »Die kassieren sich hier dumm und dämlich.«

Sprache und Alltag: woher kommt das Bild?

Sie lesen (in der Summe mit der Berliner Fassung) gerade die 828. Folge dieser Sprachkolumne. Die „Deutschstunden“ werden bei den Leserinnen und Lesern des Abendblatts offenbar so beachtet und bei einigen dienstags sogar mit Spannung erwartet, dass sich im Laufe der Jahre eine umfangreiche Korrespondenz ergeben hat. Diese Resonanz freut mich, ehrt mich, und manches Lob beschämt mich sogar ein wenig. Allerdings muss ich zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass ich Autor bin, aber keine Sprachauskunft.

Und doch gibt es Anfragen, die fern jeglicher Aktualität liegen, die mich aber quasi als Schiedsrichter fordern, weil sich ein Ehepaar, eine Familie oder ein Stammtisch über eine Sprachfrage in die Haare geraten ist. So ein Streit, bei dem es vielleicht nur um einen einzelnen Buchstaben geht, kann so heftig werden, dass schnellstens Hilfe gewährt werden muss.

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Nachtisch oder Nachttisch? Ein klassischer Bedeutungsstreit

Ein Großelternpaar konnte sich nicht einigen, ob das Wort „Nachttisch“ bzw. „Nachtisch“ mit einem oder mit zwei „t“ geschrieben werden müsse. Großvater hatte im Rechtschreibduden „Nachtisch“ gefunden, Großmutter einige Spalten weiter in demselben Buch aber „Nachttisch“. Wie denn nun? Ich musste bei der Frage schmunzeln, und ich hoffe, Sie schmunzeln auch und fühlen sich nicht auf das Grundschulniveau heruntergeholt. Natürlich hätte es nicht „das Wort“ heißen dürfen, sondern „die Wörter\". Plural! Wir haben es mit zwei völlig unterschiedlichen Hauptwörtern zu tun.

Der Nachttisch ist sprachlich eine Zusammensetzung aus der „Nacht“ mit dem „Tisch“ und bedeutet ein kleines Schränkchen neben dem Bett. Der Nachtisch mit einem „t“ enthält die zeitliche Präposition „nach“ und bezeichnet die Nachspeise zum Schluss, die nach dem eigentlichen Mahl gereicht wird. Oft handelt es sich um eine Süßspeise, um Pudding, Eis, Obst oder um Käse.

Warum gibt es überhaupt Nachtisch? Kulturgeschichte und Physiologie

Schon seit der Antike werden als Abschluss eines Essens Süßspeisen gereicht, das hat sich dann in der bürgerlichen Küche als Nachtisch erhalten. Die Nachspeise wurde von den Römern erfunden, sie rundet das gelungene Essen in Gesellschaft ab. Bei den Römern waren es oft Nüsse und Honig oder süße Gebäcke, die man am Ende eines Essens quasi als Nachspeise auftischte. Diese sollten einen angenehmen Geschmack im Mund erzeugen und die Tischgespräche versüßen.

Diese Nachspeisen aus Zucker dienten nicht mehr der Ernährung, sie waren quasi die Kür der Köchinnen und Köche. Desserts und Zuckerkunstwerke auf der Tafel blieben jedoch lange auf die Höfe beschränkt, erst nach der Französischen Revolution kamen raffiniertere Süßspeisen auch auf bürgerliche Tische. Es begann die grosse Zeit der Zuckerbäcker, die ganz Europa mit handwerklich hochstehenden Süßspeisen und Desserts versorgten.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Dessertherstellung durch eine Industriefirma aus Bielefeld quasi revolutioniert. Nicht mehr handwerklich hergestellte Süßspeisen, sondern industriell vorgefertigte Produkte kamen auf den Tisch, erfunden von einem unternehmerischen Apotheker aus der deutschen Provinz, Dr. Oetker. Der Pudding von Dr. Oetker wurde zwar schon vor dem Zweiten Weltkrieg erfunden, aber seinen Siegeszug trat er erst in den 50er und 60er Jahren an. Pudding wurde damals zum Inbegriff von Dessert.

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Die Einteilung in Haupt- und Nachspeise ist kulturell geprägt und weniger allein physiologisch zu erklären. Der Magen „wälzt“ die Nahrung durch Peristaltik und vermengt sie; die Verdauung und Resorption findet größtenteils im Darm statt. Im Magen werden vor allem Proteine vorverdaut. Manche Menschen berichten, dass süße Speisen „durchrutschen“ oder nach einem Mahl einfach besser „mitteln“ - das Empfinden ist individuell: Manche essen den Nachtisch gern zuerst, andere heben ihn als Abschluss auf.

Friss dich dumm: Namensspiele und erotische Assoziationen in Süßspeisen

Das Zusammenspiel von Namen, Aussehen und Zutaten erzeugt oft bewusste oder unbewusste Assoziationen. Diese Verbindung von weiblichen Nabelformen, schmackigem Brandteig, Rosenblütenwasser und Granatapfel bei vielen Süßkramfreunden führt zu mehr oder weniger sinnlichen Bildern, mit denen das echte Leben natürlich nicht immer Schritt hält: Die Frauennabel werden mit den Fingern gegessen, was je nach Situation zu erotischen Momenten führen kann.

Dieses Friss dich dumm Dessert macht seinem Namen wirklich alle Ehre. Ich mache dieses Dessert besonders gern, wenn Gäste kommen oder ich spontan Lust auf etwas Süßes habe. Kein Backen, kein Stress, aber maximaler Genuss. Dieses Friss dich dumm Dessert macht seinem Namen wirklich alle Ehre.

Rezeptbeispiel: Frauennabel (Hanim göbegi) - Zutaten, Zubereitung und Serviervorschlag

Auf Krepp entfetten. Granatapfel mittig teilen und mit Löffel die Kerne auskratzen. Bällchen im Zuckerkaramell tränken, in großer Schale auf Walnusskernen betten und mit den warmen Granatapfelkernen belegen. In den arabischen Originalzubereitungen mit bis zu sechsfachen Zuckermengen im Vergleich zu unserem Rezept hätte kein Dessertwein eine Chance, denn die Speise sollte nie süßer schmecken als der Wein. Hier jedoch dominieren Karamell, Rosenwasser und Granatapfel, weswegen ein gut gemachter Muskatwein das Dessert wesentlich bereichern kann - wie zum Beispiel der edle portugiesische J.M. J.M. da Fonseca Moscatel de Setúbal Alambre DOC 20 Years z.B.

Butter in der Milch-Wasser-Mischung bei niedriger Temperatur in Topf zerlassen, langsam das Mehl mit Holzlöffel einrühren, bis sich der Teig vom Topfrand löst. 10 Min. neben dem Herd ruhen lassen. Handflächen einölen und aus dem Teig Kugeln von ca. 4 cm Durchmesser formen. Kugeln jeweils mittig tief mit dem Daumen eindrücken ("Nabel"). Kugeln bei 160 Grad in dem Öl frittieren (Tipp: erst eine Probekugel herstellen, aufbrechen und kontrollieren, ob der Teig gleichmäßig durch ist. Diese Frittierzeit dann auf alle anderen Kugeln anwenden).

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Frauennabel (Hanim göbegi) auf Walnusskernen mit Granatapfelkernen

Diese sagenumwobene Beerenfrucht des Granatbaumes, der in Afghanistan, Iran, Mittelasien, in den Mittelmeerländern und in Brasilien angebaut wird, endet wegen der großen Samenmenge meist als süß-säuerlicher Saft. Schade, denn im gesamten arabischen Raum ist der Granatapfel eine der beliebtesten Früchte in Desserts und süßen Snacks. Die Früchte sind mehrere Monate ohne Qualitätsverluste bei 0-5 Grad im Kühlschrank haltbar. Die Hauptsaison geht von September bis Dezember, der deutsche Markt wird überwiegend aus Spanien (die spanische Stadt und Provinz Granada ist nach dieser Frucht benannt), der Türkei, Israel und dem Iran beliefert.

Der stark gesüßte Sirup aus Granatapfelsaft findet als "Grenadine" in vielen Cocktails (z.B. "Tequila Sunrise") Verwendung, zum Kochen ist der dunkelrote, saure Sirup aus dem orientalischen Feinkostladen besser geeignet.

Weitere kulinarische Kuriositäten: Namen und Geschichten

Selten ist der Fall so klar wie bei den Strangolapreti. Diese einfachen, aber extrem schmackhaften Klößchen aus altbackenem Weißbrot und Spinat bekamen ihren Namen von einem Priester in der süditalienischen Basilikata. Im späten Mittelalter trieb der Klerus Pacht und Steuern oft in der Form von Speisen ein. Ein besonders gefräßiger Priester konnte bei einer Bauersfrau nicht genug bekommen von diesen Bällchen, verschluckte sich daran und erstickte jämmerlich.

Während schon die Drohung "Besoffene Kapuziner" beim österreichischen Kaffeekränzchen Kinder und Alkoholabstinente klar und deutlich dazu verdammt, den gläubigen Genießern dabei zuzusehen, wie sie ihre Haselnussschnitten in einen schweren Glühweinsud dippen, sind Gerichte wie Franziskusputer, Ohnmächtiger Imam oder Nonnenfürzchen nicht so schnell zu erraten. Ebenfalls aus Brandteig - und wie sein christliches Schwesterchen wegen des hüftvergoldenden Frittierfettanteils ein echter Kampfstern Kalorika - wird der "hanim göbegi" hergestellt, der "Frauennabel". Dieses Dessert aus Brandteig bekommt durch das Eindrücken einer tiefen Mulde in das Teigbällchen einen "Nabel", der auch nach dem Frittieren bestehen bleibt und dessen erotische Anmutung durch Zugabe von Rosenblütenwasser und Granatapfelkernen gesteigert werden kann.

Servieren, vorbereiten und Genuss: praktische Hinweise

Kann man das Friss dich dumm Dessert vorbereiten? Ja, unbedingt. Das Dessert abgedeckt im Kühlschrank lagern. Dieses Friss dich dumm Dessert ist ein echter Seelentröster und absolut gelingsicher. Wenig Aufwand, einfache Zutaten und ein Geschmack, der süchtig macht.

Auf jeden Fall aber sorgt die Verbindung von weiblichen Nabelformen, schmackigem Brandteig, Rosenblütenwasser und Granatapfel bei vielen Süßkramfreunden für mehr oder weniger sinnliche Assoziationen. Die Frauennabel werden mit den Fingern gegessen, was je nach Situation zu erotischen Momenten führen kann.

Herstellung von Hanim Göbegi (Frauennabel) - Frittier- und Fülltechnik

Tipp zum Wein

In den arabischen Originalzubereitungen mit bis zu sechsfachen Zuckermengen im Vergleich zu unserem Rezept hätte kein Dessertwein eine Chance. Hier jedoch dominieren Karamell, Rosenwasser und Granatapfel, weswegen ein gut gemachter Muskatwein das Dessert wesentlich bereichern kann - wie zum Beispiel der edle portugiesische J.M. J.M. da Fonseca Moscatel de Setúbal Alambre DOC 20 Years.

Soziale und kulturelle Beobachtungen

Es ist erstaunlich wie damals der Nachtisch mit dem Geschlechterbild verquickt wurde. Die Frau band ihren Ehemann mit Süßem, das Kochen und vor allem die Befriedigung des Ehemannes mit Süßspeisen wurde zur Pflicht für Ehefrauen. Es war buchstäblich der Pudding der Frau und Mann zusammenhalten sollte.

Ich oute mich mal: ich esse den Nachtisch gerne als Vorspeise, weil sich bei mir nach etwas Süßem immer der Jieper auf etwas Herzhaftes einstellt. Geht natürlich nicht bei Menüs, aber wenn es ein Buffet gibt, hole ich mir gerne erst mal den Nachtisch. Die wenigsten, die noch Nachtisch haben wollen, möchten einfach eine süße Aprikose oder eine Traube, man verlangt meistens nach Sahne, Eis, Parfait usw., halt irgend etwas, das Fett enthält.

Aspekt Kurzbeschreibung
Wortbedeutung Umgangssprachliche Verstärkung: sehr viel / extrem (z. B. sich dumm und dämlich verdienen)
Nachtisch vs. Nachttisch Nachtisch = Nachspeise; Nachttisch = Möbelstück neben dem Bett
Kulturelle Herkunft Antike Wurzeln (Römer), Neuauflage im 18. Jh., Industrialisierung im 20. Jh.
Beispiele für anstößige Namen Strangolapreti, Franziskusputer, Nonnenfürzchen, Hanim göbegi (Frauennabel)
Praktischer Tipp Desserts oft gut vorzubereiten; Kombination mit passenden Dessertweinen möglich

Die Tücken der deutschen Sprache zeigen sich hier exemplarisch: Bedeutungswandel, Homonyme und idiomatische Verstärkungen prägen Alltag und Kulinarik gleichermaßen. Namen von Speisen erzählen Geschichten - manche makaber, manche sinnlich, viele einfach kulturell aufgeladen.

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