Marmelade — Schokolade — Liedtext: Herkunft, Varianten und Bedeutung
Das vorliegende Material versammelt Fragmente eines Soldatenliedes und volksnaher Spottverse, die im Ersten Weltkrieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit zirkulierten. In dieser Analyse rekonstruieren wir Ursprung, Textzeugen, typische Motive (Hunger, Verhöhnung, Kameradschaft) sowie die Überlieferung und Variationsbreite anhand der erhaltenen Strophen und Einträge.
Textbestandteile und wiederkehrende Motive
Aus dem Manuskript und der Soldatenlieder-Sammlung (DVA A 107029 - 1914-1918) gehen mehrere wiederkehrende Motive hervor, die für Militär- und Frontlieder jener Zeit typisch sind:
- Hunger und Essenssehnsucht: Zahlreiche Refrains bestehen aus Aufzählungen kulinarischer Objekte: „Hunger Hunger Hunger Hunger Marmelade, Karbonade Eisbein Schnitzel Blumenkohl Salat“. Diese Aufzählungen können als lakonische Klage über Mangel und zugleich als Trostphantasie verstanden werden.
- Spott und Satire: Zeilen wie „Marmelade, Marmelade Ist der einz´ge Frass im ganzen Staate ´s ist zum Schrei´n“ drücken ironische Überhöhung eines Mangels aus und dienen als satirischer Kommentar zur Lage hinter der Front.
- Kameradschaft und militärische Identität: Verse wie „Ja, ja, ja, wir sind schneidig wir sind stets auf dem Knie / Hoch lebe unser Hauptmann Hoch’s Bataillon“ zeigen den Spannungsbogen zwischen militärischem Stolz und humorvoller Selbstironie.
- Parodie patriotischer Lieder: Teile wie „Tralla lera, tiralla lala lera!“ und Aufforderungen zum „Bauen am Lichtgebäude“ fügen traditionelle, hymnische Motive hinzu, die hier ins Lächerliche oder spielerisch Gebrachte umgedeutet werden.
Ausgewählte Textfragmente (zitierte Originalsätze)
Die folgenden Abschnitte wurden unverändert aus dem überlieferten Material entnommen und zeigen die Textpalette dieses Liedes:
- „Der Adler steigt in kühnem Flug jum heidi heida Und Anschiss gab´s bei uns genug!“
- „Ja, ja, ja, wir sind schneidig wir sind stets auf dem Knie Hoch lebe unser Hauptmann Hoch’s Bataillon Prestnie.“
- „Die Gans die ist ein guter Braten jumheidi, heida, Die Graupen sind für den Soldaten Ja, ja, ja, wir sind schneidig….“
- „Hunger Hunger Hunger Hunger Marmelade, Karbonade Eisbein Schnitzel Blumenkohl Salat“
- „O Erdbeertorte O Kuchenkrümel o warme Würstchen mit Salat“
- „Marmelade, Marmelade Ist der einz´ge Frass im ganzen Staate ´s ist zum Schrei´n, ´s ist ein Malör ´s gibt ja wirklich keine, keine Butter mehr“
- „Sprung auf, und in das Leben Ihr lieben Kameraden Wir wollen wie die Reben In Sonnengluten baden Tralla lera, tiralla lala lera!“
- „Des Morgenrotes Strahlen Erfüllen uns mit Freude. Zerbrecht des Dunkels Schalen! Baut mit am Lichtgebäude! Tralla lera, tiralla lala lera!“
- „Zerreißt des Spießers Ruhe Mit gellenden Fanfaren! Tourjours, toujours travailler! Nix wie marmelade !“
- „Ein Freund teilte mir mit, dass man in der Gegend von Lens häufig von den kleinen Franzosen den Spottvers hört, wenn die Soldaten vom Schanzen kommen.“ - Eingesandt von stud.jur.“
- „Wenn ich des Morgens früh aufsteh simserimsimsimsim. Ich dann gleich zur Küche geh simserimsimsim Hol ich mir ein halbes Brot truderiederallala.“
Herkunft und Kontext
Die Sammlung, aus der die Zitate stammen (DVA A 107029 - Soldatenlieder-Sammlung 1914-1918), deutet auf eine Entstehung und Verbreitung während des Ersten Weltkriegs hin. Solche Lieder kursierten unter einfachen Soldaten, wurden mündlich weitergegeben und oft parodistisch abgeändert. Hinweise im Material zeigen regionalen Austausch: „Ein Freund teilte mir mit, dass man in der Gegend von Lens häufig von den kleinen Franzosen den Spottvers hört“ - das belegt Grenz- und Frontkontakte als Quelle gegenseitiger Überlieferung und Persiflage.
Sozialer und psychologischer Hintergrund
Frontlieder erfüllten mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie stärkten die Moral, boten Ventil für Frustration (insbesondere Hunger und Kummer über schlechte Versorgung) und ermöglichten durch Humor eine Anpassung an belastende Verhältnisse. Die wiederholte Nennung von Speisen und das spielerische Lob der „Marmelade“ sind typische Mechanismen, Alltägliches zur Identitätsstiftung umzudeuten - eine Resignation, die zugleich tröstliche Gemeinschaft stiftet.
Lesen Sie auch: Wie viele Kalorien hat mein Marmeladenbrot?
Formale Merkmale und melodische Hinweise
Der Text zeigt Merkmale populärer Soldatenlieder: eingängige Refrains („Hunger Hunger Hunger Hunger Marmelade…“), Repetitionen, lautmalerische Silben („simserimsimsimsim“, „truderiederallala“) und ein Wechsel von ernsten und scherzhaften Versen. Solche Silben und Refrains erleichterten das Merken und Singen in Gruppen. Die Struktur erlaubt leichte Variationen, was typische Überlieferungsprozesse erklärt: lokale Anpassungen, Hinzufügung neuer Strophen, Parodien anderer Lieder.
Varianten, Parodien und regionale Unterschiede
Das Material enthält Parodien bekannter patriotischer Formeln („Hoch lebe unser Hauptmann Hoch’s Bataillon“) und hymnische Bilder („Des Morgenrotes Strahlen Erfüllen uns mit Freude“), die ironisiert oder in andere Bedeutungsfelder verschoben werden. Regionalisierungen belegen Vermittlungsketten: Soldaten nahmen Elemente aus anderen Sprachen und benachbarten Kulturen auf, wie der Hinweis auf Spottverse der französischen Kinder nahe Lens zeigt.
Beispiel: Mischform aus Spott und Hymne
Der Wechsel von Zeilen über Essenssehnsucht zu hymnischen Aufforderungen („Baut mit am Lichtgebäude!“) ist charakteristisch für die Mischform: Das Lied bleibt sowohl subversiv als auch affirmativ, je nachdem, welche Passage vordergründig gesungen wird.
Tabelle: Wesentliche Textmotive und ihre Funktion
| Motiv | Beispiele aus dem Text | Funktion |
|---|---|---|
| Hunger / Essen | „Hunger Hunger… Marmelade, Karbonade Eisbein…“ | Klagestruktur, Trostfantasie, soziale Kritik |
| Spott / Satire | „Marmelade ist der einz´ge Frass… ist zum Schrei´n“ | Ironisierung staatlicher Versorgung, Ventil für Frustration |
| Kameradschaft | „Wir sind schneidig … Hoch lebe unser Hauptmann“ | Solidarisierung, kollektive Identität |
| Parodie patriotischer Motive | „Tralla lera… Des Morgenrotes Strahlen…“ | Umdeutung hymnischer Bilder, Humor |
Überlieferung und Quellenkritik
Die Quelle DVA A 107029 gibt glaubwürdige Zeugnisse mündlicher Traditionen wieder, jedoch sind genaue Herkunftsangaben oft unpräzise. Einsenderangaben („Eingesandt von stud.jur.“) oder Randnotizen („Ein Freund teilte mir mit…“) sind typisch für Sammlungen dieser Art, die auf freiwilligen Zuschriften beruhen. Daher ist bei der Rekonstruktion Vorsicht geboten: Textvarianten können regional stark voneinander abweichen und später eingefügte Strophen die ursprüngliche Aussage verändern.
Transmissionswege
Mündliche Weitergabe in Lazaretten, Schützengräben und Gefangenenlagern, sowie die Aufnahme in Soldatenlieder-Sammlungen ermöglichten die Verbreitung; zudem trugen Begegnungen mit Zivilbevölkerung und feindlichen Sängern (z. B. Kinderstrophen aus Frankreich) zur Hybridisierung bei.
Lesen Sie auch: Weihnachtsbäckerei: Walnussplätzchen
Bedeutung für die Kulturgeschichte
Lieder wie das hier dokumentierte Marmelade-Schokolade-Lied liefern Einblicke in Alltagskultur der Soldaten, zeigen adaptive Narrative angesichts sozialer Krise und sind wertvolle Quellen für die Erforschung populärer Mentalitäten während und nach großer Konflikte. Sie verdeutlichen, wie einfache Worte - „Marmelade“, „Hunger“, „Tralla lera“ - in kollektiven Kontexten zu symbolischen Knotenpunkten werden, an denen Frustration, Humor, Hoffnung und Identität verhandelt werden.
Forschungsperspektiven
- Textkritische Editionen könnten Varianten systematisch erfassen und chronologisch ordnen.
- Musikwissenschaftliche Rekonstruktionen der Melodien würden das singpraktische Verständnis verbessern.
- Sozialhistorische Studien zu Verbreitungswegen (Lazarette, Feldpost, lokale Volksfeste) würden Überlieferungsmuster klären.
Die dokumentierten Zeilen bleiben als lebendige Zeugnisse populärer Kultur erhalten: Sie sind zugleich humoristische Relikte und ernsthafte Indikatoren für Lebensbedingungen und Gefühlslagen der Zeit.
Lesen Sie auch: Inhaltsstoffe der Rewe Mini Marmelade detailliert erklärt
tags: #Marmelade #Schokolade #Lied #Text #Herkunft


