Einfluss von Zucker auf aggressives Verhalten: Was wissenschaftliche Studien wirklich zeigen

Immer wieder hört man am Spielplatz die Klage, Kinder seien durch Zuckerkonsum viel aggressiver. Aber ist das wirklich so? Die Antwort auf diese Frage hängt sehr davon ab, was genau man unter »macht aggressiv« versteht.

Keine seriöse Studie ließ den Schluss zu, dass Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) oder Hyperaktivität dadurch ausgelöst werden. In mehreren Studien ist untersucht worden, wie Kinder auf unterschiedliche Mengen an Zucker reagieren. Zahlreiche Studien konnten keinen Zusammenhang zwischen Hyperaktivität bei Kindern und Zuckerkonsum herstellen. Ein Risikofaktor für ADHS ist der Zuckerkonsum von Kindern zwar nicht.

Infografik: Überblick über Studienergebnisse zu Zucker, Hyperaktivität und Aggression

Zucker, Hyperaktivität und die Wahrnehmung der Eltern

Wenn Kinder zu viele Süßigkeiten naschen und dazu vielleicht noch eine zuckerreiche Limonade trinken, neigen sie aus Sicht vieler Eltern zu extremer Hyperaktivität. Umgangssprachlich ist dann auch vom Zuckerschock die Rede. Trotz der klaren Studienlage würden wahrscheinlich viele Eltern widersprechen und betonen, dass ihre Kinder sehr wohl hyperaktiv werden, sobald sie Zucker essen.

Eine weitere Studie hat gezeigt, dass es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung kommt, wenn Eltern glaubten, ihr Kind habe ein zuckerhaltiges Getränk konsumiert. Sie stuften das Verhalten ihrer Sprösslinge als hyperaktiv ein - selbst wenn das Getränk gar keinen Zucker enthielt. Manchen wurde erzählt, ihr Kind hätte besonders viele Süßigkeiten gegessen. Ebendiese Eltern beurteilten im Anschluss auch das Verhalten ihres Nachwuchses als auffällig hyperaktiv - obwohl ihre Kinder das selbe zu essen bekamen wie alle anderen.

Besondere Situationen und Zusatzstoffe

Womöglich werden auch nur falsche Rückschlüsse gezogen. Die meisten Kinder konsumieren vor allem dann etwas mehr Zucker als üblich, wenn es einen konkreten Anlass gibt. So gibt es beispielsweise auf einer Geburtstagsfeier häufig neben Limonade und Kuchen auch noch eine Menge Süßigkeiten. Dass die Kinder dann tatsächlich etwas aufgedrehter sind, liegt aber womöglich weniger an der Ernährung als an der aufregenden Situation.

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Obwohl es keinen Zusammenhang mit Zucker gibt, stehen Süßigkeiten nach wie vor in Verdacht, Hyperaktivität zu fördern. Dies liegt an den enthaltenen Farb- und Konservierungsstoffen. Ausserdem gibt es Hinweise, dass Zusatzstoffe, wie teilweise der Zucker selbst, Hyperaktivität fördern können. Die Studienlage dazu ist einigermaßen dünn, es gibt aber Anhaltspunkte, dass manche der entsprechenden Stoffe tatsächlich das Verhalten beeinflussen - und womöglich sogar ADHS fördern könnten.

Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum in der Kindheit und Gewalt im Erwachsenenalter

Neu ist aber: Kinder, die jeden Tag Schokolade und andere Süssigkeiten essen, scheinen als Erwachsene eher gewalttätig zu werden. Jedenfalls deutet das Ergebnis einer von der Cardiff University durchgeführten Untersuchung darauf hin. Psychologen der Universität von Cardiff stellten fest, dass Erwachsene häufiger gewalttätig waren, die in frühen Jahren so gut wie täglich Süßes bekommen hatten.

Die Forscher um Simon Moore analysierten statistische Kenndaten von 17 500 Teilnehmern aus einer 1970 in Großbritannien gestarteten Langzeitstudie. Die Wissenschaftler untersuchten das Sozialverhalten ihrer Probanden im Alter von 34 Jahren und blickten dann zurück auf deren Essgewohnheiten als Zehnjährige. Das Ergebnis: 69 Prozent der als „gewalttätig“ Eingestuften hatten als Kinder beinahe täglich Schokolade, Bonbons oder Vergleichbares konsumiert. In der Vergleichsgruppe der 34-Jährigen, die als „nicht gewalttätig“ eingestuft worden waren, hatten sich hingegen lediglich 42 Prozent als Kinder derart süß ernährt.

Gruppe Anteil mit fast täglichem Süßigkeitenkonsum in der Kindheit
Gewalttätige Erwachsene (34 J.) 69 %
Nicht gewalttätige Erwachsene (34 J.) 42 %

Der Zusammenhang blieb auch bestehen, als andere Faktoren wie beispielsweise die Erziehung oder das Verhalten der Eltern, der Ort, an dem sie aufgewachsen waren, eine mangelnde schulische Ausbildung nach dem 16. Lebensjahr oder der Besitz eines Autos als Erwachsener berücksichtigt wurden. Die Wissenschaftler vermuten, dass einige im Kindesalter nicht lernen, eine süße Belohnung manchmal erst abwarten zu müssen. „Ihre Unfähigkeit, eine Befriedigung abwarten zu können, könnte bei Betroffenen ein impulsiveres Verhalten erzeugen, das stark mit Kriminalität zusammenhängt“, sagte Moore. Das Team um Simon Moore vermutet als Ursache, dass diese Personen in ihrer Kindheit nie gelernt hätten, auf eine Belohnung zu warten. Sie wurden also, banal gesagt, zu sehr verwöhnt.

Video-Erklärung: Langzeitstudien zu frühem Süßigkeitenkonsum und Aggressionsrisiko

Kritische Einordnung der Ursache-Wirkungs-Frage

Damit ist schon angedeutet, dass ein Problem bei dieser schon seit Jahren geführten Diskussion (und auch in der aktuellen Untersuchung) eine ziemlich unklare Ursache-Wirkung-Relation ist. Andere Experten wie Alan Maryon-Davis von der UK Faculty of Public Health argumentieren, dass sogenannte schwierige Kinder oft automatisch mehr Süssigkeiten bekommen, weil ihre Eltern sie damit „ruhigstellen“ wollen. Denn einerseits kann gerade Saccharose viele Menschen unkonzentriert, unruhig und teilweise auch aggressiv machen. Andererseits ist der Konsum von Süssigkeiten bei den meisten Menschen der Versuch, auf diese Weise ein Defizit am wichtigen Gehirnbotenstoff Serotonin (kurzfristig) auszugleichen. Serotoninmangel macht nämlich aggressiv und unzufrieden.

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Biologische Mechanismen: Energie, Selbstkontrolle und Serotonin

Zucker ist zunächst mal einfach ein Energielieferant. Glukose und Fruktose feuern über ein paar biochemische Umwege die Zellen des Körpers und natürlich auch die im Gehirn an. Alles, was irgendwie Energie erfordert, sprich: anstrengt, geht dann im Prinzip leichter - zum Beispiel Sport oder konzentriertes Nachdenken, ja sogar die Selbstkontrolle. Psychologische Studien haben nämlich gezeigt, dass eine Extraportion Zucker Erwachsene im Schnitt sogar weniger aggressiv macht, weil sie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle stärkt. Sprich: Wer sich besser zusammenreißen kann, rastet nicht so leicht aus.

Nun ist das mit der Selbstkontrolle bei Kindern so eine Sache - wo eh nicht viel ist, kann auch durch Zucker nicht viel mehr dazukommen. Was Kinder betrifft, lässt sich in der Fachliteratur deshalb eigentlich weder eine aggressionshemmende noch -steigernde Wirkung von Zucker finden. Sehr wohl aber kann Süßes bei Kids mit einem Hang zur Unaufmerksamkeit dazu führen, dass sie kurzzeitig noch hibbeliger werden. Die machen Quatsch, rennen rum, sind hyperaktiv - aber sie hauen deshalb nicht gleich dem Nächsten mit der Schippe auf den Kopf.

Unterzuckerung und »Hangry«-Effekt

Übrigens kann auch das Gegenteil, nämlich akute Unterzuckerung, aggressiv machen. Weil man dann gefälligst was zwischen die Kiemen haben will! Columbus (dpa) - Schwierige Diskussionen und Auseinandersetzungen sollten Ehepaare nur gut gesättigt angehen. Einer Studie US-amerikanischer Forscher zufolge steigen die Aggressionen zwischen Partnern, wenn ihr Blutzuckerspiegel sinkt. Streit, Konflikte und vielleicht sogar häusliche Gewalt seien womöglich zum Teil Folge eines einfachen, aber oft übersehenen Zustandes: Hunger.

Die Forscher um Brad Bushman von der Ohio State University in Columbus hatten die Stärke der Aggressionen zwischen den Partnern mit Hilfe von Voodoo-Puppen ermittelt. Jeder Partner erhielt so eine Puppe, mit dem Hinweis, dass diese seinen Partner symbolisieren würde. Dazu bekamen sie 51 Nadeln. Insgesamt drei Wochen lang sollten die Teilnehmer nun Abend für Abend - unbeobachtet vom jeweiligen Partner - Nadeln in die Puppe bohren. Und zwar umso mehr, je ärgerlich sie auf ihren Partner waren. 107 verheiratete Paare hatten die Forscher zur Teilnahme an der Studie bewegt. Jeder Teilnehmer musste morgens vor dem Frühstück und abends vor dem Zubettgehen seinen Blutzuckerspiegel messen.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Je geringer der abendliche Blutzuckerspiegel der Probanden, desto mehr Nadeln rammten sie in ihren Puppen-Partner. Auch hier zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Zuckerspiegel am Abend und aggressivem Verhalten: Je niedriger der Blutzucker, je länger und wie laut dem Verlierer ein Gemisch lauter und unangenehmer Geräusche auf einen Kopfhörer vorgespielt werde. Die Forscher erklären den Zusammenhang mit einer verminderten Selbstkontrolle durch einen sinkenden Blutzuckerspiegel. Glucose sei eine Art Treibstoff für das Gehirn und für die Selbstkontrolle erforderlich. Studien hätten zum Beispiel gezeigt, dass mit einem niedrigen Glucose-Spiegel aggressive Impulse schlecht unterdrückt und Emotionen nur schwer gesteuert werden können. Im Englischen gibt es sogar ein Wort für die unerfreuliche Mischung von Hunger und Ärger: „Hangry“, eine Kombination aus hungry (hungrig) und angry (ärgerlich).

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Schema: Glukose, Selbstkontrolle und Aggressionsregulation

ADHS, Zucker und Essverhalten: differenzierte Befunde

In einer Studie wurde zwar ein Zusammenhang zwischen zuckerhaltigen Getränken und ADHS festgestellt, allerdings stellte der Konsum eher die Folge als die Ursache dar. ADHS geht häufig mit Heißhungeranfällen und der Binge-Eating-Störung einher. Eine Blutzuckermessung ermittelt die Konzentration von Zucker (Glucose) im Blut und hilft bei der Diagnose von Diabetes mellitus. Glucose ist ein bedeutsamer Energielieferant für den Körper, besonders wichtig für das Gehirn und die Nervenzellen.

Historische Hintergründe des Mythos

Der Mythos geht vermutlich zurück auf den amerikanischen Kinderarzt Benjamin Feingold, der in den frühen 1970er Jahren mit seiner "Feingold-Diät" einen großen Erfolg landete. Er stellte einen Zusammenhang zwischen dem hyperaktiven Verhalten von Kindern und deren Ernährung her. Würden die Kinder, so die Theorie, auf einige Inhaltsstoffe weitestgehend verzichten, würde sich auch ihr Verhalten normalisieren. Feingolds Lehren hatten jahrzehntelang einen großen Einfluss, wissenschaftlich haltbar sind seine Annahmen aber nicht.

Praktische Implikationen für Eltern und Betreuung

Es gibt viele Gründe, den Konsum von Süssigkeiten bei Kindern einzuschränken. Ein Zuviel davon erhöht das Risiko für Stoffwechselstörungen und Fettleibigkeit und schädigt die Zähne. Das wichtigste, was man über Zucker und Kinder wohl sagen muss, ist das: Die andauernde, gewohnheitsmäßige Zufuhr von Flüssigzucker in Form von Limo oder Cola hat ganz andere negative Folgen für den Nachwuchs. Sie macht vor allem dick und verdirbt den Sinn für gesundes Essen. Ein bisschen auf den Zuckernachschub zu achten, indem man leckeren Sprudel oder zumindest verdünnte Schorle anbietet und die Pausenbrotdose nicht mit Gummibärchen füllt, ist also keine schlechte Idee. Aber ein Eis muss schon mal drin sein.

Serotonin, Hormone und Ernährung

Viele Frauen spüren das übrigens monatlich am eigenen Leib. Denn das Hormon Estradiol unterstützt die Serotoninproduktion aus der in der Nahrung enthaltenen Aminosäure Tryptophan. Bei einem zyklusbedingten Abfall des Estradiols kann es entsprechend zu Serotoninmangel kommen. Ein anderer Grund für einen Serotoninmangel kann in einer unzureichenden Aufnahme der Vorstufe Tryptophan liegen. Tryptophan ist vor allem in proteinreichen Lebensmitteln enthalten. Serotoninmangel macht nämlich aggressiv und unzufrieden.

Warum Wahrnehmung und Kontext wichtig sind

Wenn uns oder Kinder etwas aggressiv macht, dann sind das etwa frustrierende Erfahrungen, aggressive Vorbilder oder … nervige Fragen von Erwachsenen. Ein simpler Kausalzusammenhang wie »Zucker macht Kinder aggressiv« besteht allerdings nicht. Wie alles in der Psychologie sind das nur statistische Durchschnittswerte: Kann also sein, muss aber nicht. Das Zuckerlevel ist da meist (Achtung, Wortspiel!) nicht so durchschlagend.

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