Lebkuchenhaus, Märchen und Hänsel und Gretel: Bedeutung, Bildung und Perspektiven

Durch einen Glücksfall bescherte uns die Post eine riesige Schachtel und auf die Frage hin, was wir denn daraus basteln könnten, antworteten die Kinder: „Da brauchen wir doch nix mehr draus zu basteln. Schau doch, das ist ja schon ein Haus!“, und schnell waren die ersten beiden Kinder in der Schachtel verschwunden. „Aber wir brauchen eine Tür!“, rief eines der Kinder aus der Schachtel heraus. „Ja, und Fenster!“, meinte ein anderes, das sich außerhalb der Schachtel befand. Und so entwickelte sich ein spannendes Projekt, welches wir hier vorstellen möchten. Spannend für alle Beteiligten ist es, wenn der Anstoß zu einem Projekt vonseiten der Kinder kommt, sie also die Initiativzündung geben. Das Geniale an einem Projekt ist, dass im Optimalfall alle Bildungsbereiche durchdrungen werden. Von den Kindern initiiert und inspiriert, machten wir uns sogleich mit einem relativ ungefährlichen Buttermesser ans Werk. Zuerst sägten wir in Gemeinschaftsarbeit den „Boden“ des Hauses weg und von dort aus eine Türe in eine der Seitenwände hinein. Die kleinen vierteiligen Fensterchen schnitt ein Erwachsener mit einem Stanley-Messer aus den Hauswänden. Für das Dach wurde ein flacher Karton mit einem Falz in der Mitte mit Klebestreifen an der ersten Schachtel fixiert. In einen langen schmalen Quader schnitten wir von einer Seite im Winkel des Daches ein Dreieck hinein und fixierten diesen wieder mit Klebeband oben an der mittleren Dachkante. „Hey, das schaut ja aus wie ein Lebkuchenhaus - so braun“, stellte eines der Kinder fest und eine Idee war geboren. Aus weiteren Schachteln und Kartons schnitten wir rechteckige „Lebkuchen“ aus, die wir mit verschiedensten kleinen Gegenständen verzierten und anmalten. Über mehrere Tage hinweg wurde das Lebkuchenhaus bestückt. Jedes Kind konnte Ideen einbringen, was noch alles unser Lebkuchenhaus zieren könnte und sie beklebten es mit Sticksern, bemalten es großflächig, überklebten wieder, ergänzten Kekse und Brezen aus Salzteig usw. Wir schufen uns außerdem unseren eigenen Märchenwald mithilfe einer selbst gebauten Waldeffekt-Lampe. Hierzu steckten wir die gedrehten Zweige einer Korkenzieherhasel in zwei Kartonscheiben, um die Äste in eine aufrechte Position zu bringen. Um klare Schattenumrisse der Zweige an die Wände zu projizieren, sodass diese wie verzweigte Bäume eines geheimnisvollen Waldes wirken, ist eine sehr starke kleine Lichtquelle notwendig. Ist die Lichtquelle nicht punktuell und fokussiert genug, ergeben sich subtile unklare Schattenwürfe der einzelnen Äste. Das sähe dann nicht wie ein Wald aus. Unsere Lampe jedoch zauberte mystische Schatten an die Wände. Zudem vertieften wir uns gemeinsam mit den Kindern, in das Märchen von Hänsel und Gretel, indem wir es künstlerisch auf vielseitige Art und Weise bearbeiteten, es im japanischen Kamishibai-Theater spielten und als Theaterstück aufführten. Selbst die Mathematik machte nicht Halt vor dem Märchenwald: Wir setzten uns mit der Menge 4 auseinander und zeichneten den Grundriss des Hexenhauses mit Filzstiften nach. Räumliche Vorstellungs- und Verstehensprozesse wurden angeregt. Wir fragten uns schon im Vorfeld, gemeinsam mit den Kindern: Finden am Grundriss denn gleich viele Kinder Platz wie im Haus? Auch legten wir den Grundriss des Lebkuchenhauses; dies geschah natürlich mit, von der Hexe ausgeborgten, lila Edelsteinen. Viele der mathematischen Vorläuferfertigkeiten wurden so unbewusst immer wieder trainiert. Die Kinder befassten sich mit eindeutigen Zuordnungen bei einer zu zählenden Menge zu einem eindeutigen Zahlwort (nämlich „Vier“). Immer wieder setzten sich die Kin der mit der Zahl Vier auseinander, indem sie in repetitiver Weise wieder und wieder vier Mandeln zuerst auf einen Lebkuchenkeks aus Karton legten und diese dann festklebten (später dann echte Mandeln und Kirschen auf einen Keks aus Teig). Das Lebkuchenhaus steht noch heute und wird in sporadischen Abständen immer wieder von den Kindern als Ort zum Verkriechen, Verstecken und Spielen genutzt. Die Dunkelheit und das Verborgensein in dem kleinen Häuschen hat seinen ganz besonderen Reiz.

Hänsel und Gretel: Märchenwelten, Perspektiven und didaktische Bezüge

Mag. Dipl. Päd. Claudia Haas ist ausgebildete Grundschullehrerin, studierte Psychologie und ist derzeit Dozentin mit Schwerpunkt Ästhetische Bildung sowie Institutsleiterin an der Pädagogischen Hochschule Tirol. Mag. Dipl. Päd. Patrizia Bartl ist ausgebildete Grundschullehrerin, Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin und derzeit Dozentin am Institut für Elementar- und Primarpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Tirol. Appelt, Hedwig: Die sagenhafte Welt von Tausendundeine Nacht. Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. Krajewski, Kristin: Vorhersage von Rechenschwäche in der Grundschule. Ihnen hat dieser Beitrag zum Thema „Hänsel, Gretel und das Lebkuchenhaus - Die Welt der Märchen“ gefallen? Weitere Tipps, Wissenswertes und Ideen finden Sie in unserer klein&groß.

Im Märchen sind die Rollen klar verteilt - in der Oper kann man sie mischen - an diesem Abend geht es fast durcheinander, denn Hänsel ist eine Frau und ein Tenor singt die Hexe. Das RSB spielt Humperdincks Weihnachtsoper. Es ist das bekannte Märchen von den Kindern, die bei der Knusperhexe landen, das Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" zugrunde liegt. Und weil das Haus dieser bösen Person aus Lebkuchen besteht, gilt die Vertonung der alten Geschichte, die die Gebrüder Grimm aufgeschrieben haben, als Werk zur Einstimmung auf den Heiligen Abend. Das Libretto für seine Oper "Hänsel und Gretel" ließ sich Engelbert Humperdinck von seiner eigenen Schwester Adelheid Wette verfassen - ein Textbuch in rührender Schlichtheit endstand - und man kann spekulieren, ob Engelbert und Adelheid Ähnliches erleben mussten wie die beiden Kinderhelden der Märchenoper. Grundmotiv dieses Musiktheaters ist der Glaube an den Sieg des Guten über das Böse, ganz wie im Märchen der Gebrüder Grimm.

Bei den Grimms werden Hänsel und Gretel aus ökonomischen Gründen in die Ungewissheit entlassen - das empfand die Librettistin als störend. Adelheid Wette hat diese vermeintliche Gefühlskälte der Eltern gemildert mit einem geschickten dramaturgischen Trick: Die Mutter kommt übermüdet heim, ärgert sich über die Kinder, die nicht nur gearbeitet, sondern auch gespielt haben, und stößt dabei den Krug mit wertvoller Milch um. Aus nicht eingestandener Wut über eigenes Versagen schickt sie die Kinder fort. In seine Märchenoper flicht Humperdinck viele Lieder im Volkston ein, manche arrangiert, manche neu komponiert, von denen einige erst später zu Volksliedern werden sollten wie der berühmte "Abendsegen". In der treffsicheren Einfachheit ist Humperdincks Oper der komplette Gegenentwurf zur erdrückenden Schwere der Opern Richard Wagners. PfadnavigationHomeWelt PrintDebatteKopfnotenLebkuchen, politisch korrekt: Hänsel und Gretel

Die Botschaft der Märchen bleibt: Die Schwachen überwinden die Starken. So sind Hänsel und Gretel die Helden, die zu Hause von einem glücklichen, verwitweten Vater empfangen werden. Für den Befreiungsakt bedarf es jedoch nicht diplomatischer Reden, sondern Gewalt. Die Hexe wird im eigenen Ofen verbrannt. Doch nicht einmal die Kinder finden einen Platz am politisch korrekten Hexen‑, pardon, Lebkuchenhaus unserer Zeit. Die Passage über Bauern, Inflation und Teuerung wird in historischen Kontexten diskutiert und zeigt, wie Märchen auch gesellschaftliche Krisen spiegeln können.

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Lebkuchenhaus-Infografik
Waldlicht-Schattenwurf-Illustration

Die Erzählung ist zudem reich an Varianten: Grimms Originalfassung, Bechsteins Deutsches Märchenbuch,Bezüge zu Pocci und Bezüge zu weiteren europäischen Versionen. Die Hexe fungiert als Ambivalenz von Gefahr und Verführung, Hänsel und Gretel entwickeln durch List und Kooperation Überlebensfähigkeit. Die Erzählung wird durch Bilder, Musik und Theater zu einem didaktischen Projekt, das neben Sprache auch mathematische, räumliche und künstlerische Kompetenzen anspricht.

Hänsel und Gretel - Humperdincks Oper: Ausschnitte und Hintergründe

Kernaspekte der Symbolik und Bildungsrelevanz

  • Lebkuchenhaus als Symbol für Verführung, Hunger und Versuchung.
  • Kieselsteine und Brotkrümel als Wegmarkierungen und Gedächtnisstützen.
  • Der Wald als Grenzerfahrung, Entwicklung von Selbstständigkeit und Vertrauen.
  • Die Hexe als Spiegelung von Angst, Macht und Moralisch‑Ethischer Prüfung.
  • Hänsel und Gretel als Bildungsanlass: Mathematik (Menge Vier), Geometrie (Grundriss), Theater (Kamishibai), Kunst (Verzierung) und Sprachkompetenz.

Hänsel und Gretel ist eines der bekanntesten deutschen Märchen (ATU 327A). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 15 (KHM 15). Dort schrieb sich der Titel ab der 2. Auflage Hänsel und Grethel. Ludwig Bechstein übernahm es nach Friedrich Wilhelm Gubitz in sein Deutsches Märchenbuch als Hänsel und Gretel (1857 Nr. 8, 1845 Nr. Hänsel und Gretel sind die Kinder eines armen Holzfällers, der mit ihnen und seiner Frau im Wald lebt. Als die Not zu groß wird, überredet sie ihren Mann, die beiden Kinder im Wald auszusetzen. Obwohl es ihm schwerfällt, führt der Holzfäller die Kinder am nächsten Tag in den Wald und lässt sie unter einem Vorwand alleine zurück. Doch Hänsel hat die Eltern belauscht und auf dem Weg in den Wald eine Spur aus kleinen weißen Steinen gelegt.

Im Verlauf der Geschichten werden unterschiedliche Versionen erzählt, die von der Stiefmutter bis zur Hexe reichen und verschiedene Enden kennen. Das Märchen zeigt eine Polarisierung von Gut und Böse, unterstützt durch Oppositionen: Innen- und Außenraum, Hunger und Mästung, Trennung und Wiedersehen. Die Kinder stoßen schließlich auf ein Haus aus Brot, Kuchen und Zucker, betreten es und begegnen einer bösen Hexe, die sie fängt. Gretel setzt sich mutig gegen die Hexe durch, befreit Hänsel und die beiden finden den Weg nach Hause, beladen mit Reichtümern.

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