Kakao ohne Kinderarbeit: Hintergründe, Probleme und Zertifizierungen

Rund 5,5 Millionen Bäuer*innen bauen Kakao an und die Nachfrage nach Kakao und Schokolade steigt. Nachrichten über Kinderarbeit auf Kakaoplantagen in Westafrika bewegten vor Jahren große Hersteller, Programme gegen Kinderarbeit durchzuführen. Bei allem Engagement: Bisher scheinen sie wirkungslos geblieben zu sein. Die Datenlage ist eindeutig - jeder weiß, dass Kinderarbeit im Kakaoanbau weit verbreitet ist. In der Elfenbeinküste und Ghana arbeiten laut einer neuen Studie des Instituts NORC der Universität Chicago heute zehn Prozent mehr Kinder als 2015. 1,48 Millionen Mädchen und Jungen bauen Kakao an und ernten die Bohnen.

Kakaobauern auf Feld, Kinder tragen Säcke

Warum Kinderarbeit im Kakaoanbau existiert

Armut und Kinderarbeit hängen unmittelbar miteinander zusammen: Weil die Kakaobäuerinnen und -bauern sich keine bezahlten Erntehelfer*innen leisten können, sind sie gezwungen, auf die kostenlose Arbeitskraft ihrer Kinder zurückzugreifen. Die Eltern finden nur für wenige Tage Arbeit und müssen oft einen so hohen Akkord erfüllen, dass Kinder mitarbeiten müssen. Die meisten von ihnen verdienen weniger als 2 US Dollar am Tag und liegen damit nur 10 Cent über der Grenze zur absoluten Armut, wie sie die UN definiert. Kleinbäuer*innen und Plantagenarbeiter*innen gehören weltweit zu den Ärmsten und leben trotz harter Arbeit nur knapp über der Grenze zur absoluten Armut.

Die Ursachen für ausbeuterische Kinderarbeit sind meist strukturell bedingt: zu niedrige Löhne der arbeitenden Eltern, zu niedrige Produktpreise, Gewinnmaximierung als oberstes Ziel der aufkaufenden Firmen auch bei hohen Weltmarktpreisen z.B. für Kakao. Die Bauern produzieren weniger und verkaufen zu einem Bruchteil des Weltmarktpreises. In Elfenbeinküste und Ghana legen staatliche Regulierungsbehörden den Erzeugerpreis fest; im Jahr 2024 lag dieser Preis bei weniger als der Hälfte des Weltmarktes.

Gefährdungen für Kinder

Die Kinder verrichten gefährliche Arbeiten mit der Machete, tragen schwere Lasten und sind gefährlichen Pestiziden ausgesetzt. Kinder versprühen gefährliche Pestizide auf Kakaopflanzen. Kinder ernten mit scharfen Macheten die Bohnen, Kinder schaffen die Bohnen in schweren Säcke von den Plantagen - rund 1,5 Millionen Kinder arbeiten bis heute unter ausbeuterischen Bedingungen auf den Kakaoplantagen in Westafrika. Doch damit nicht genug: 10.000 Kinder sind außerdem Opfer von Kinderhandel und Sklaverei. Viele der Kinder werden aus den Nachbarländern Mali und Burkina Faso nach Côte d'Ivoire verschleppt und dort zur Arbeit auf Kakaoplantagen gezwungen.

Ausmaß, Trends und Transparenz

Westafrika produziert derzeit über 70 % des weltweiten Kakaos. Doch dies hat verheerende Folgen. In den letzten 60 Jahren hat Elfenbeinküste 94 % seiner Wälder verloren, Ghana 80 %. Ein Drittel dieser Zerstörung diente dem Anlegen von Kakaofarmen. Das Kongobecken ist jetzt bedroht. Der Kakaoanbau treibt die Entwaldung im Kongobecken siebenmal schneller voran als andere Nutzpflanzen.

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Die Transparenz verbessert sich. Im Jahr 2023 teilten nur 45 % der Unternehmen Daten zur Kinderarbeit. Bis 2025 stieg diese Zahl auf 82 %. In diesem Jahr haben 94 % der großen Unternehmen Daten zur Kinderarbeit gemeldet. Der Trend ist eindeutig: Die Transparenz nimmt zu, und damit auch die Rechenschaftspflicht. Aber es gibt noch viel zu tun. Die Rückverfolgbarkeit hat sich weiter und schneller als je zuvor entwickelt, angetrieben durch Vorschriften.

Rückverfolgbarkeit ist die Fähigkeit, eine Kakaobohne durch die Lieferkette bis zu ihrer Quelle zurückzuverfolgen. 84 % des EUDR-pflichtigen Volumens sind bis zur Bauerngruppe rückverfolgbar, 67 % bis zum einzelnen Bauern. Die Rückverfolgbarkeit bis zur Bauerngruppe stieg von 2025 bis 2026 um 8 %; die Rückverfolgbarkeit bis zum einzelnen Bauern stieg um 5 %.

Grafik: Rückverfolgbarkeit und Transparenz in der Kakaolieferkette

Wirtschaftliche Macht und Verantwortung

Mit großem Reichtum geht große Verantwortung einher. Die sechs größten Schokoladenmarken erwirtschaften zusammen über 226 Milliarden USD. Währenddessen beträgt das kombinierte BIP von Ghana und Elfenbeinküste, den beiden führenden Kakaoproduzenten, rund 155 Milliarden USD. Diese Unternehmen haben die Macht - und die Gewinne - echte Veränderungen voranzutreiben. Dennoch bleiben zu viele Bauern in Armut gefangen, während die Schokoladengiganten profitieren.

Zertifizierungen und Ansätze gegen Kinderarbeit

Der Faire Handel bietet Kaffee, Tee, Kakao und Schokolade. Fairer Handel unterstützt Kleinbäuer*innen und Plantagenarbeiter*innen, die sich an grundlegende Arbeitsrechte halten und soziale Sicherung gewähren. Höhere Preise und ein Aufschlag ermöglichen die Zahlung fairerer Löhne und den Aufbau wichtiger Infrastruktur, wie Gesundheitsstationen und Schulen. So wirkt der Faire Handel doppelt gegen Kinderarbeit. Eltern, die genug verdienen, müssen ihre Kinder nicht zur Arbeit schicken. Und die Kontrolleur*innen der Zertifizierungsorganisationen sorgen dafür, dass auch die Arbeitgeber*innen mitziehen und keine Kinder beschäftigen.

Zertifizierung / Ansatz Schwerpunkte Wirkung gegen Kinderarbeit
Fairtrade Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit, Mindestpreise, Prämien, soziale Projekte Stärkt Einkommen, finanziert Schulen und Gesundheitsinfrastruktur
GEPA / WFTO Unternehmensweites Fairtrade + WFTO-Prinzipien, höhere Auszahlung für Bauern Direkte Unterstützung, Bildungsprojekte, höhere Kakaozahlungen
Rainforest Alliance Ökologische und soziale Kriterien, Umweltschutz, Schulungen Verbesserung landwirtschaftlicher Praktiken; Mindestprämie erst seit 2022
Fairchain (z. B. Fairafric) Verarbeitung im Herkunftsland, lokale Wertschöpfung Schafft Arbeitsplätze vor Ort, höhere Prämien und Kontrolle

Fairtrade: Stärken und Grenzen

Fairtrade International, der größte internationale Fair Handels Verband, erreicht 1,66 Millionen Kleinbäuer*innen und Plantagenarbeiter*innen in 1.400 Produzentenorganisationen. Fairtrade steht für: Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit und Zwangsarbeit, Einhaltung der Kernarbeitsnormen (Vereinigungsfreiheit, Verhandlungsfreiheit), Arbeitsschutz und soziale Absicherung, Vorfinanzierung der Ernte und stabile Mindestpreise als Sicherheitsnetz gegen Preiseinbrüche, Zahlung einer Fairtrade-Prämie für ein Gemeinschaftsprojekt der Kooperative oder Arbeiter*innen sowie Förderung nachhaltiger Anbaupraktiken und Aufschlag für biologischen Anbau. Etwa 70 Prozent der fair gehandelten Kaffees, Tees und Schokoladen sind auch biologisch angebaut.

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Fairtrade verbietet Kinderarbeit und Abholzung, überprüft, dass Rechte von Arbeiter:innen eingehalten werden und zahlt wie die meisten Siegel den Bauern eine Prämie sowie einen Mindestpreis für eine Tonne Kakao. Der Mindestpreis liegt beim Fairtrade-Zertifikat derzeit bei 2.400 US-Dollar pro Tonne, die Prämie bei 240 Dollar. In Elfenbeinküste liegt der Mindestpreis bei 2.206 US-Dollar und die Prämie bei 221 US-Dollar pro Tonne. Der Mindestpreis schützt vor den schwankenden Preisen auf dem Weltmarkt, jedoch nicht vor Armut.

Weitere Labels und Modelle

Das Rainforest Alliance-Logo steht für nachhaltige Landwirtschaft und den Erhalt der Artenvielfalt. Der Rainforest Standard enthält ökologische und soziale Kriterien, darunter die Kernarbeitsnormen inklusive des Verbots von Kinderarbeit. Mindestpreise für den Kakao gibt es jedoch nicht, eine Mindestprämie wurde erst 2022 eingeführt. Sie ist mit 70 Dollar pro Tonne jedoch weit unter Fairtrade- oder GEPA-Standards.

Gepa legt die Messlatte höher und zahlt für eine Tonne Kakao plus Prämie mindestens 3.500 Dollar, also deutlich mehr als bei einer Fairtrade-Zertifizierung nötig. Das angestrebte Ziel von Gepa ist, Mischprodukte mit einem hundertprozentigen Fair-Anteil anzubieten. Fairafric verfolgt den Fairchain-Ansatz: Die Verarbeitung verbleibt im Herkunftsland, schafft lokale Jobs und zahlt höhere Prämien (z. B. 692 USD/Tonne Bio-Kakao; Dynamischer Agroforst: 842 USD/Tonne).

Siegelvielfalt: Fairtrade, Rainforest Alliance, Naturland

Maßnahmen jenseits von Zertifizierungen

Die führenden Unternehmen verbinden Erkennung mit Prävention - fallbasierte Beseitigung neben struktureller Arbeit an den Bedingungen, die Kinder überhaupt erst auf die Felder bringen: existenzsichernde Zahlung, Schulzugang, Geburtsurkundenregistrierung, Spargruppen für Frauen, alternative Erwachsenenarbeit in der Erntezeit. Die viel größere Gruppe verfügt nur über Erkennung.

Die Scorecard belohnt drei Dinge im Zusammenspiel: eine berechnete Benchmark dafür, was ein Landwirtschaftshaushalt verdienen muss, einen Mechanismus zur Zahlung, der genug Geld in die Taschen der Bauern bringt, und einen auf Einkaufspraxis ausgerichteten Ansatz, der beides dauerhaft macht. Eine Einkaufspraxis ist, wie ein Unternehmen tatsächlich einkauft: Vertragsbedingungen, Preisformel, Volumenverpflichtung, Dauer der Beziehung und wer das Preisrisiko trägt, wenn sich die Märkte bewegen.

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Agroforstwirtschaft als Lösung

Agroforstwirtschaft ist eine Win-Win-Situation. Sie kann mehr Kohlenstoff binden und so im Kampf gegen den Klimawandel helfen, die Bodengesundheit verbessern und Feuchtigkeit speichern, die biologische Vielfalt unterstützen und Lebensräume für Vögel, Insekten und andere Wildtiere schaffen sowie das Einkommen der Bauern diversifizieren, damit sie nicht ausschließlich vom Kakao abhängig sind. Monokultur-Kakaoanbau macht Betriebe anfällig für Dürren, Überschwemmungen und Schädlinge. Die Realität: Das ungenutzte Potenzial der Agroforstwirtschaft bleibt vielerorts groß.

Politik, Vorschriften und der Einfluss der EU

Die Entwaldungsverordnung der Europäischen Union (EUDR) verbietet den Verkauf von Kakao in Europa, der auf nach 2020 gerodeten Flächen angebaut wurde, und beginnt am 30. Dezember 2026 mit dem ersten Prüfzyklus. Vorschriften haben den Anteil des verifizierten entwaldungsfreien Kakaos auf 65 % der Versorgung angehoben. Vorschriften können Ergebnisse erzielen. Aber wir sind noch nicht am Ziel.

Die Messlatte hat sich von Richtlinien zu Belegen verschoben - von „Wir haben eine Verpflichtung" zu „Wir haben einen verifizierten Prozentsatz." Die Reaktion der Branche: 96% der teilnehmenden Unternehmen haben eine Entwaldungsrichtlinie, 90% verpflichten sich zu entwaldungsfreien Lieferketten. Dennoch stammen im Rahmen der Scorecard 2026 rund 35 % des Kakaos aus entwaldeten oder unbekannten Quellen.

Was kann Konsument*in tun?

Bessere Schokolade erkennst du zum Beispiel an Fairhandels-Siegeln wie etwa Fairtrade. Fair gehandelte Schokolade hat es weiterhin schwer. Trotzdem: Es ist besser, bei den Herstellern einzukaufen, die insgesamt hinter wirtschaftlicher Veränderung und fairer Produktion stehen, und nicht nur vereinzelt faire Produkte anbieten. Lieber weniger Schokolade kaufen - dafür solche, bei denen wirklich mehr Geld bei den Kakaobäuer:innen ankommt.

Faire Schokolade richtig auswählen: Achte auf Fairtrade, GEPA / WFTO-Zertifizierungen, Naturland-Fair oder Fairafric (Fairchain). Schokolade sollte idealerweise Bio sein, weil Bio einen schonungsvolleren Umgang mit der Natur sicherstellt. Monoprodukte sind oft zu 100 % fair gehandelt; bei Mischprodukten schaue auf den angegebenen Fair-Anteil.

Kurzdokumentation: Kinderarbeit im Kakaoanbau und Fairtrade-Projekte

Praktische Hinweise beim Einkauf

  • Achte auf Siegel: Fairtrade, GEPA / WFTO, Naturland-Fair, Rainforest Alliance, Fairchain.
  • Bevorzuge Bio + Fair-Kombinationen, weil sie Umwelt- und Sozialstandards verbinden.
  • Unterstütze Hersteller, die transparent berichten und direkt mit Kooperativen arbeiten.
  • Informiere dich über Unternehmensberichte zur Rückverfolgbarkeit und zu existenzsichernden Einkommen.

Warum noch immer so viele Kinder arbeiten

Wir haben gelernt, Kinder auf Kakaofeldern zu finden. Wir haben nicht gelernt, dafür zu sorgen, dass ihre Familien sie nicht schicken müssen. Unternehmen können die Kinder benennen, die in ihrer Lieferkette arbeiten. Sie zahlen dennoch nicht den Preis für Kakao, der diese Kinder nach Hause oder in die Schule schicken würde. Das existenzsichernde Einkommen ist jetzt der am niedrigsten bewertete Abschnitt der Scorecard. Der Durchschnitt der 49 Unternehmen liegt bei 30,4 %.

Die ILO-Kernarbeitsnorm 182 von 1999 zum Verbot der schlimmsten Formen der Kinderarbeit fordert „unverzügliche Maßnahmen", die bis heute ausgeblieben sind. Auch freiwillige Selbstverpflichtungen haben die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Das Harkin-Engel-Protokoll von 2001 wurde nicht erreicht; das letzte Ziel, die Reduzierung von Kinderarbeit um 70 Prozent bis 2020, wurde nicht erfüllt.

Beispiele positiver Unternehmenspraxis

Einige Unternehmen zeigen, dass die Produktion auch ohne Kinderarbeit geht. Zum Beispiel der niederländische Hersteller Tony's Chocolonely, der beim Schoko-Check gut abschnitt. RITTER SPORT hat sein gesamtes Sortiment auf zertifiziert nachhaltigen Kakao umgestellt. Fairafric produziert komplett in Ghana, schafft Arbeitsplätze und zahlt höhere Prämien; GEPA zahlt überdurchschnittliche Kakao-Preise und finanziert Bildungsinfrastruktur.

Was Organisationen und Gewerkschaften fordern

Gewerkschaften und Betriebsräte haben ein europäisches Netzwerk für Nachhaltigkeit in der Kakao- und Schokoladenproduktion gegründet. „Es ist an der Zeit, dass Kinderarbeit und Kinderhandel in der Kakaoversorgungskette endgültig abgeschafft werden“, fordern Gewerkschafter*innen. Die Unternehmen der Süßwarenindustrie reagieren auf den wachsenden Markt für ökologisch hergestellte und fair gehandelte Waren, indem sie ihre Produkte zunehmend auch unter Siegeln wie Fair Trade, Rainforest Alliance oder UTZ anbieten.

Das Eintreten für gerechtere Produktions- und Handelsbedingungen auf der internationalen politischen Ebene ist eines der wichtigsten Anliegen im Fairen Handel und wird über die nationalen und internationalen Netzwerke des Fairen Handels geleistet.

Schulkinder in einer von Fairtrade finanzierten Schule

Wir haben es alle in der Hand, das Risiko ausbeuterischer Kinderarbeit zu senken. Fair kostet nicht die Welt, kann aber die Welt verändern. Höhere Rohkakao-Preise für die Menschen am Anfang der Lieferkette sind nötig - und das sollte es uns allen, Handel, Politik und Verbraucher*innen, wert sein. Die Klimakrise fordert ihren Tribut - und der geht bislang auf Kosten von Menschen im Kakao-Anbau und ihren Kindern. Es braucht jetzt ein Umdenken und Handeln, damit Kinder im Globalen Süden eine Zukunft haben.

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