Psychologie der Partnersuche und Beziehungswünsche
Dating-Apps haben Milliardenressourcen zur Verfügung. Sie könnten ohne Weiteres eine unabhängige psychologische Institution beauftragen, eine repräsentative Studie zur Effektivität von Dating-Apps aus psychologischer Sicht durchzuführen. Leider fehlt uns aber bemerkenswerterweise die eine entscheidende Studie, die es uns ermöglichen würde, zu verstehen, wie effektiv diese Dating-Apps tatsächlich sind: eine repräsentative Stichprobe an Partnersuchenden, die über einen Zeitraum von 20 Jahren bei ihrer Nutzung der Dating-Apps und auch dem Verlauf ihrer gefundenen partnerschaftlichen Beziehungen begleitet wurden.
Dating-Apps sind in ihrer Struktur und auch in ihren Abrechnungsmechanismen darauf angelegt, die Nutzer:innen in der App zu halten. Sie sind nicht darauf optimiert, dauerhaft tragfähige partnerschaftliche Beziehungen zu vermitteln. Vielmehr werden systematisch attraktiv wirkende Profile einer großen Anzahl an Nutzer:innen als Belohnungsreize vorgeschlagen, sodass immer wieder die Hoffnung auf den Kontakt zu einem aktiven Profil vermittelt wird. Das kann bis hin zu hunderttausend- oder millionenfachen Vorschlägen derselben Person an andere Personen gehen.
Kurzfristige Belohnungen, Suchtmechanismen und Verhaltensänderungen
Tatsächlich beruht das System der Dating-Apps auf kurzfristigen Belohnungsreizen, die neurophysiologisch durch Dopamin-Ausschüttungen vermittelt werden. Profile mit attraktiven Fotos wirken als Reize, die uns euphorisieren. Kommt die Leere, kompensieren wir diese mit erneuter Dating-Aktivität. Psychologische Befunde weisen insofern darauf hin, dass Dating-Apps auch auf Suchtmechanismen beruhen. Befinden wir uns in einem Spielemodus, ist die Chance gering, dass wir uns ernsthaft auf eine Beziehungsentstehung einlassen können.
Dating-Apps sind so aufgebaut, dass typischerweise Auswahlentscheidungen innerhalb von Sekunden und vorwiegend am Aussehen orientiert getätigt werden. Tatsächlich können wir als Menschen jedoch aus Bildern fast keine Informationen über die Persönlichkeit der Person entnehmen, auch wenn wir uns das manchmal einbilden. Zudem führt der Fokus auf das Bild zu Tendenzen, verfälschte und geschönte Bilder einzustellen. Das Aussehen korreliert darüber hinaus nicht mit dem Ausmaß, mit dem wir in einer Beziehung miteinander glücklich werden können.
Auswahlparadox, Alternativen und Entscheidungsqualität
Psychologische Studien zeigen ebenfalls, dass allein die Vorstellung von Alternativen - also das Wissen, es gibt weitere Profile - dazu führt, dass bei Teilnehmenden am Online-Dating ihre Bindungsbereitschaft sinkt. Allein zu wissen, es gibt weitere, führt also dazu, dass Nutzer:innen beim Online-Dating selbst ihre Bindungsbereitschaft als reduziert wahrnehmen. Studien im Bereich der Konsumentenforschung belegen eindrücklich, dass die Erhöhung der Anzahl an Alternativen zu immer schlechteren und oberflächlicheren Entscheidungen führt.
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Bei wachsender Alternativenanzahl verschlechtern sich unsere Auswahlentscheidungen, da wir so gezwungen werden, immer mehr auf oberflächliche und verkürzende Entscheidungsstrategien zurückzugreifen. Grund ist einfach, dass unsere menschliche Informationsverarbeitungskapazität für reflektierte Entscheidungen begrenzt ist. Wenn wir nun mit Profilen überflutet werden, müssen wir zu immer einfacheren und oberflächlicheren Auswahlkriterien greifen. Wir können die Profile nicht mehr ernsthaft betrachten.
Wer beim Online-Dating Vorschlagslisten durchscrollt und blitzschnell nach Foto auswählt, findet selten eine Beziehung. Erfolgreich sind diejenigen, die jeden Vorschlag ernstnehmen und in Kontakt treten, um bestehende Gemeinsamkeiten und eine mögliche Beziehung auszuloten. Ein Viertel der befragten Mitglieder hatten den Vorschlag ihres jetzigen Partners zunächst nicht für interessant befunden. Dezidiert angezogen von dem Vorschlag war nur die Hälfte der befragten Mitglieder. In allen Fällen entwickelte sich aber eine partnerschaftliche Beziehung.
Matches, Monetarisierung und Spielcharakter
Den womöglich tiefsten Einfluss auf unser Verhalten und Erleben haben aber die sogenannten Matches, die ebenfalls eine Erfindung der Apps, sowie die mit ihnen verbundenen Kaufangebote, die die Chancen steigern sollen, weitere Matches zu erhalten. Auf diesem Mechanismus beruht bei vielen Dating-Apps die gesamte Ökonomie. Ein Match bedeutet, dass sich beide interessieren, sich einander kennenzulernen - würde man jedenfalls denken. Aber das ist ein Irrtum. Matches sind in Wirklichkeit die am stärksten wirkenden Belohnungsreize und der größte Anreiz, bei der App zu bleiben. Nur sehr selten treten zwei Matches tatsächlich miteinander in Kontakt, und auch diese Kontakte bestehen meist nur aus Kurznachrichten. Die meisten Matches bleiben einfach in der Matchliste.
So kommt es zu einer grundlegenden Verschiebung: Nutzer:innen setzen sich zunehmend das Ziel, die Anzahl ihrer Matches zu maximieren, während das eigentliche Ziel der Partnerfindung weiter in den Hintergrund rückt. Indem Dating-Apps die Monetarisierung an diese Matches binden, verwandeln sie die Partnersuche endgültig in ein virtuelles Spiel.
Negative Phänomene und Risiken: Ghosting, Scamming, Burnout
Hinzu kommen Phänomene wie Gaslighting, Breadcrumbing, Ghosting und Love Scamming. Diese Phänomene betreffen nicht ausschließlich Dating-Apps, sondern alle sozialen Netzwerke. Wo wir innerhalb von zwei Minuten loslegen können, tun dies nicht nur Menschen, die Beziehungen suchen, und auch nicht nur solche, die chatten oder sich ablenken wollen, sondern ebenso Menschen, die erpressen, manipulieren und ausbeuten wollen.
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Einzelne sowie international organisierte kriminelle Banden nutzen Dating-Apps systematisch, um Nutzer:innen Liebe vorzutäuschen und sie in dem Moment auszunutzen, in dem sie verletzlich sind. Es handelt sich um ein Milliardengeschäft. Dabei geht es nicht nur um abgepresste Geldzahlungen, sondern auch um Einbindung in Drogenhandel, Geldwäsche und weitere kriminelle Strukturen.
Das „Zu-viel-Werden“ ist mittlerweile ein Thema der Psychologie. Zunehmend erscheinen Studien zu Dating-Burnout. All diese oben geschilderten Effekte hinterlassen bei Nutzer:innen im Laufe der Zeit deutliche Spuren. Eingebunden in eine suchtförmige Struktur, anderer Wege der Partnersuche beraubt und gleichzeitig immer wieder enttäuscht und verletzt, nehmen Nutzer:innen ihre Tätigkeit in Dating-Apps zunehmend als Zeitverschwendung wahr, vergleichbar mit chronischer Arbeitsüberlastung. Dieser Dating-Burnout ist psychologisch jedoch zugleich eine Chance, sich aus dem Spiel zu befreien und wieder zu echter Beziehung und Bindung zu gelangen.
Motive der Nutzer:innen und psychologische Anpassungen
Psychologische Studien zeigen zudem, dass bei den Dating-Apps Nutzer:innen mit sehr unterschiedlichen Motiven vertreten sind. Das Motiv Beziehungsfindung ist nur eines der Motive unter vielen. Auf einer Skala von 1-5 erreicht es nur einen Mittelwert von drei. Erlebnisorientierung, Trendorientierung, aber auch rein erotische Motive und Selbstbestätigung sind relevant. Andere wollen sich von Beziehungsschmerzen ablenken oder ihre Expartner:innen vergessen.
Viele Nutzer:innen haben selbst das Gefühl, dass die Systeme nicht in ihrem Interesse laufen. Psychologische Studien zeigen, dass sie daher eigene Theorien entwickeln, wie sie die Systeme austricksen können. Es handelt sich hierbei jedoch um individuelle Theorien, die tatsächlich kaum einen Bezug zur komplett intransparenten Realität aufweisen.
Psycholog:innen legen nahe, dass Dating-Apps dazu verführen, das eigentliche Ziel der Partnersuche durch andere Ziele zu ersetzen, die sich auf Unterhaltung, Ablenkung, virtuelles Chatten, erotische Fantasien, Selbstbestätigung und nicht verbindliche Kontakte beziehen. Vielen Nutzer:innen wird dies jedoch nicht einmal bewusst.
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Wirkung auf Partnerfindung und gesellschaftliche Folgen
Die Vervielfachung der Kontaktoptionen durch die modernen Dating-Apps seit Jahren geht mit wachsenden Single-Raten in allen Industrieländern einher. Während die Kontaktoptionen durch Dating-Apps explodierten, sind die Single-Raten in den entsprechenden Ländern kontinuierlich gestiegen. Der Soziologe Zygmunt Bauman sprach von Liquid Love, sich verflüssigenden Beziehungen, die austauschbar werden. Dating-Apps bergen die Gefahr, dass eben solche Beziehungen entstehen.
Dating-Apps haben nach psychologischen Befunden andere Wege der Partnersuche zunehmend verdrängt. Partnersuche an dritten Orten, Partnersuche über Freundeskreise und Familie, Vereine, Religionsgemeinschaften oder Arbeitsplätze hat an Bedeutung verloren. Ein Grund hierfür ist, dass es so einfach ist, eine App anzuschalten. Menschen sitzen in Cafés. Was tun sie? Sie blicken auf ihre Smartphones, selbst wenn sie gemeinsam am Tisch sitzen. Damit sinken aber unsere Chancen, an dritten Orten eine Beziehung zu finden.
Was funktioniert: Psychologische Empfehlungen für erfolgreiche Partnersuche
Sagen Sie Ja zu Partnersuche und Beziehung: Wenn dies Ja noch nicht ausgesprochen ist, ist die Partnersuche oft halbherzig und Aufwände werden vermieden. Je klarer sich Partnersuchende ihren Beziehungswunsch machen, desto eher sind sie für eine effektive Partnersuche bereit.
Überwinden Sie Hemmungen und Selbstzweifel: Hemmungen und Selbstzweifel können die Partnersuche blockieren. Partnersuchende, die glauben, sie seien nicht attraktiv oder nicht liebenswert, neigen zu einem passiven Dating-Verhalten. Sie vermitteln dem Gegenüber ihr negatives Selbstbild, was so als selbsterfüllende negative Prophezeiung wirkt.
Lassen Sie los von vorherigen Beziehungen: Wer sich nicht klar von alten Beziehungen abgrenzt, hat keinen Raum für Neues und landet oft in der gleichen Situation wie zuvor. Wer sich aber ablöst, kann einen neuen Menschen in sein Leben lassen.
Investieren Sie Zeit und Geduld: Partnerschaft soll dauerhaft halten und ist einer der wichtigsten Faktoren im Lebensglück. Hierfür lohnt sich auch eine längere Suche. Online-Partnersuche kann schnell gehen, manchmal dauert sie aber auch einige Jahre. Wer dabei bleibt, trifft eines Tages auf den passenden Menschen. Wer verfrüht aufgibt, bleibt partnerlos. Ganz wichtig ist die Geduld.
Denk über dich und deine Suchkriterien nach: Oft lassen wir uns von alten Mustern leiten und landen am Ende immer wieder bei den gleichen Problemen. Das Rezept hiergegen lautet, die Partnersuche zum Anlass zu nehmen, über sich selbst und die eigenen Suchkriterien nachzudenken. So wird Veränderung möglich.
Setzen Sie Schwerpunkte, wo sie wichtig sind: Wer sich in unzähligen Anforderungen verzettelt, gelangt bei der Online-Partnersuche selten zum Erfolg. Zum Erfolg gelangt, wer von oberflächlichen Kleinigkeiten Abstand nehmen kann und stattdessen zentrale Werthaltungen in den Vordergrund der Suche stellt.
Kommunizieren Sie offen und authentisch: Dauerhaftes Partnerglück kann nur entstehen, wenn die Beteiligten authentisch, offen und ehrlich sind. Verstellung führt nur zu kurzfristigen Scheinerfolgen.
Nehmen Sie Vorschläge ernst und treten Sie in Kontakt: Erfolgreich sind diejenigen, die jeden Vorschlag ernstnehmen und in Kontakt treten, um bestehende Gemeinsamkeiten und eine mögliche Beziehung auszuloten. Erfolgreiche Paare berichten, dass sie bei Internet-Kontakten oft nicht sofort vom ersten Vorschlag angezogen waren; in mehreren Fällen entwickelte sich aber dennoch eine partnerschaftliche Beziehung.
Seien Sie bereit für ein baldiges Treffen: Die Bereitschaft zum raschen Treffen ist ein wichtiger Erfolgsfaktor beim Online-Dating. Optimal ist ein zeitlicher Horizont von wenigen Tagen bis wenigen Wochen. Alles, was darüber hinausgeht, führt oft dazu, dass ein Kontakt steckenbleibt.
Sehen Sie Enttäuschungen als temporäre Hindernisse: Wer sich von negativen Erfahrungen abschrecken lässt, bleibt meistens partnerlos. Der richtige Zugang ist es, beim Online-Dating negative Erfahrungen als Barrieren auf dem Weg zum Ziel zu sehen, die aus dem Weg geräumt werden können.
Sympathie und Freundschaft sind ein guter Beginn: Aus Sympathie und Freundschaft kann sich Liebe entwickeln. Wer auf den großen Gefühlen pocht, bleibt häufiger Single.
Geben Sie Raum für zweite Bewertungen und ein schrittweises Kennenlernen: Manchmal ist alles sofort beim ersten Treffen klar, oft braucht es aber weitere Begegnungen, in denen vorherige Eindrücke durchaus noch korrigiert werden können. Wer solche zweiten Bewertungen zulässt, gelangt öfter zum Erfolg.
Ergreifen Sie die Chance, die sich Ihnen bietet: Erstaunlich oft fehlt in dem Moment der Mut, wo die Chance auf eine Beziehung da ist. Skrupel, Bedenken und Entschlusslosigkeit können die Beziehungsfindung jetzt noch verhindern. Partnersuchende sollten bereit sein, das Risiko einzugehen und sich für eine Beziehung zu entscheiden.
Entwickeln Sie beim Beziehungsaufbau gemeinsame Lebensmodelle: Die Herausarbeitung von gemeinsamen Lebensmodellen und Lebenszielen vertieft die Beziehungsbasis und erhöht das Beziehungsglück.
Praktische Verhaltensregeln
- Betrachte die Partnersuche nicht als einen Auswahlprozess aus vielen Profilen, sondern lasse Dich auf die einzelne Person ein, um die Entstehung von emotionaler Resonanz zu ermöglichen.
- Nutze den freien Text, um Dich ausführlich vorzustellen, sodass die andere Person mehr über Deine Person, Deine Lebensprinzipien, Deinen Lebensstil und Deine Vorstellungen von Beziehung erfährt.
- Mache Dir klar, dass das Foto nur einen geringen Informationswert hat.
- Glaube an die Liebe und sei offen für weitere Entfernungen: Die Durchschnittsentfernung erfolgreicher Paare betrug 200 km; Entfernung hindert nicht daran, eine glückliche und tragfähige Liebesbeziehung aufzubauen.
- Richte Dein Augenmerk auf die Passung der Werthaltungen, Lebensziele und Beziehungsvorstellungen.
- Verabrede Dich erneut, auch wenn es beim ersten Treffen nicht funkt und Du nicht verliebt bist.
- Denke noch einmal darüber nach, woran Deine vorherigen Beziehungen scheiterten, und suche gezielt nach Personen, die sich in relevanten Merkmalen unterscheiden.
- Bau Dir bereits als Single ein glückliches Leben auf; warte nicht mit Lebensglück und Sinn auf die Partnerfindung.
Evolutionspsychologische Perspektiven: Sex, Markt und Geschlechterdynamiken
Wie evolutionspsychologische Studien zeigen, ist Vertrauenswürdigkeit sehr gefragt, ebenso physische Attraktivität, körperliche Fitness, Geld, Erfolg sowie ein gewisser Status. Demnach handele es sich bei der Partnersuche um einen Kampf um sexuelle Ressourcen, und dieser könne auch noch nachwirken, wenn zwei sich verliebten und zusammenblieben. Baumeister definiert den „sexuellen Markt“ als ein komplexes kulturelles Phänomen, geprägt von vielen sozialen Ritualen, Täuschungen und Erwartungen, unterschiedlichsten Wünschen und Anforderungen an potenzielle Partner und wirtschaftlichen Interessen.
Frauen sind nach evolutionspsychologischer Vorstellung vor allem auf eine stabile Partnerschaft angewiesen, um ihren Reproduktionserfolg sicherzustellen; Männer hingegen auf möglichst häufige sexuelle Kontakte. Zunächst sei der Partnermarkt ein Markt wie andere auch, nämlich von Angebot und Nachfrage geprägt. Frauen auf Partnersuche bemühten sich, selbst attraktiver und besser zu sein als andere Frauen, um einen Wunschpartner auf sich aufmerksam zu machen. Dabei bieten sie laut Baumeister implizit auch Sex mit an. Eine Reihe von Studien liefere hierfür Evidenz.
Bei Männern gehe es darum, im Kampf um Ressourcen wie Geld, Erfolg und Anerkennung zu bestehen. Innerhalb von Teams und Gruppen bildeten sich Hierarchien, und die besten Teammitglieder würden von den anderen unterstützt, damit die Gruppe insgesamt erfolgreich sei. Und das verspreche auch dem einzelnen Mann mehr Erfolg.
Beide, Frauen und Männer, machen den Psychologen zufolge ihren Partnern zu Beginn einer Beziehung unbewusst ein Versprechen, nämlich dass sie jeweils die Erwartungen des anderen erfüllen würden. Männer demonstrierten ihrer Wunschkandidatin, dass sie bereit seien, ihre Ressourcen in die künftige Partnerschaft und Familie zu investieren, und erwarteten dafür von Frauen Sex. Allerdings könnten im Verlauf der Beziehung beim Sex die Erwartungen auseinanderdriften, vermuten die Forscher. Eine Reihe von Untersuchungen belegt laut Baumeister und seinen Kollegen, dass es in Langzeitbeziehungen häufiger Männer seien, die öfter Sex wollten als Frauen. So könne es beim Thema Sex zu Unzufriedenheit auf beiden Seiten kommen.
Präferenzen, Anpassung und Realitätsprüfung
Eine neue Studie von Forschern der Universität Göttingen zeigt, dass die frisch Verliebten offenbar ihre Erwartungen angepasst hatten, wenn der neue Partner ihren Vorstellungen nicht entsprach - dies relativ deutlich bei der Eigenschaft „Vitalität/Attraktivität“, zu der laut Definition auch Sexyness gehörte. Die Autoren vermuten, dass diese „Herabstufung“ der Erwartungen mit dem Ziel passiert, Stress zu vermeiden und Diskrepanzen zu verringern.
Die Forschungsergebnisse zeigen damit, dass Idealvorstellungen angepasst werden können und dass die tatsächliche Beziehungserfahrung die Präferenzen modifiziert: Die frisch Verliebten hatten ihre Erwartungen angepasst, wenn der neue Partner ihren Vorstellungen nicht entsprach.
Fehler und Mythen beim Online-Dating
Der größte Irrtum bei der Online-Partnersuche ist die Annahme „Viel hilft viel“. Diese Annahme zeigt eine enorme Verbreitung, löst aber ebenso viel Schaden aus. Tatsächlich geht die Vervielfachung der Kontaktoptionen durch die modernen Dating-Apps seit Jahren mit wachsenden Single-Raten in allen Industrieländern einher. Dabei wünscht sich nach wie vor die überwältigende Mehrheit aller Erwachsenen nichts so sehr wie eine feste Beziehung.
Gängige Mythen und Irrtümer, die den Erfolg verhindern können, sind unter anderem:
- Mein Dating-Profil ist wie eine Bewerbung, bei der ich mich positiv darstellen sollte: Studien zeigen, dass bereits geringe Tendenzen zur überzogenen positiven Selbstdarstellung mit anderen Teilnehmenden Ablehnung, Ärger und Kontaktabbruch auslösen können.
- Ich sehe sofort am Foto, ob mir jemand gefällt: Richtig ist, dass ein erster Attraktivitäts-Eindruck bereits in Sekunden entsteht. Richtig ist aber auch, dass sich dieser erste Eindruck bei weiterem Kennenlernen noch grundlegend verändern und sich sogar umkehren kann.
- Weite Entfernungen stehen einer glücklichen Beziehung entgegen: Studien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Fernbeziehungen im Verlauf genauso glücklich und stabil werden wie Beziehungen im Nahraum.
- Komplikationen im ersten Kontaktverlauf sind häufig und sagen nichts über die Chancen einer Beziehung aus: Eine Umfrage hat gezeigt, dass solche anfängliche Komplikationen bei vier von zehn der späteren Paaren aufgetreten sind.
Messbare Erfolgsfaktoren: 17 Empfehlungen
Die Online-Dating-Plattform Gleichklang hat 17 Faktoren identifiziert, die zum Erfolg bei der Partnersuche führen. Identifiziert wurden diese Erfolgsfaktoren durch eine Untersuchung, bei der 500 Mitglieder der Plattform, die Partnerschaft gefunden hatten, in freien Texten beschrieben, was bei ihnen zum Erfolg führte. Die Texte wurden durch den Psychologen Dr. Guido F. Gebauer inhaltsanalytisch ausgewertet und 17 großen Kategorien zugewiesen. Hieraus hat Gebauer 17 Empfehlungen für ein erfolgreiches Online-Dating abgeleitet.
| Empfehlung | Kernbotschaft |
|---|---|
| Sagen Sie Ja zu Partnersuche und Beziehung | Klare Absicht erhöht Motivation und Engagement |
| Überwinden Sie Hemmungen | Selbstzweifel führen zu passivem Dating-Verhalten |
| Loslassen von alten Beziehungen | Raum für Neues schaffen |
| Vertrauen in die Online-Partnersuche | Vertrauen fördert Aktivität und Durchhaltevermögen |
| Investieren Sie Zeit und Geduld | Partnersuche kann Jahre dauern; Geduld zahlt sich aus |
| Denken Sie über Suchkriterien nach | Selbstreflexion ermöglicht Veränderung |
| Setzen Sie Schwerpunkte | Werthaltungen wichtiger als oberflächliche Kriterien |
| Kommunizieren Sie offen | Authentizität erhöht Chancen auf tragfähige Beziehung |
| Vorschläge ernstnehmen | Jeder Vorschlag kann Potenzial bergen |
| Schnelles Treffen | Kontakte sterben online oft ein; rasches Treffen fördert Beziehung |
| Enttäuschungen als temporär betrachten | Weitergehen statt resignieren |
| Sympathie als Beginn | Liebe kann aus Freundschaft entstehen |
| Raum für zweite Bewertungen | Erneute Treffen können Eindrücke korrigieren |
| Gelegenheiten ergreifen | Mut zum Risiko fördert Entscheidungsfindung |
| Gemeinsame Lebensmodelle entwickeln | Vertieft Bindung und Planung |
| Geduld und Fokus | Weniger Kontakte, mehr Tiefe |
| Selbstreflexion über frühere Beziehungen | Vermeidung wiederkehrender Muster |
Abschließende Hinweise zur Praxis
Partnerfindung ist ein seltenes Ereignis, welches aber dennoch bei den meisten Suchenden eines Tages eintritt. Entscheidend ist aber auch, wie diese Suchzeit genutzt wird. Partnerfindung tritt nicht durch viele Kontakte oder die Auswahl aus einer großen Anzahl aus Vorschlägen ein, sondern sie tritt allein dadurch ein, dass die Betreffenden sich auf ein vertiefendes Kennenlernen mit einzelnen Personen einlassen, um dem Entstehen von emotionaler Resonanz eine Chance zu geben.
Je einfacher wir Menschen machen, irgendwo einzutreten, desto eher tun sie es. Ein Profil bei einer Dating-App ist in zwei Minuten eröffnet, alles scheint zunächst kostenlos. Es gibt keinerlei Hürde, die Menschen überspringen müssten. Also melden sich viele an, denen es nicht um ernsthafte Beziehungen geht. Eine weitere psychologische Studie gelangt zu dem Ergebnis, dass bis zu zwei von drei Nutzer:innen bereits in einer Beziehung leben. Tinder behauptet, diese Zahlen seien falsch, benennt aber keine eigenen belastbaren Daten. Wenn jemand bei Tinder sucht, wird er oder sie sich offiziell eher als Single bezeichnen, um die Chancen auf virtuelle Kontakte zu verbessern.
Stellen wir ein Produkt her, können wir abends aufhören und am nächsten Morgen weitermachen. Partnerfindung entsteht aber nicht aus unseren vorherigen Kontaktbemühungen um andere. Da Beziehungen aber lange halten sollten, braucht das Ereignis auch nicht oft einzutreten, sondern es genügt, wenn es einmal eintritt. Damit ergibt sich eine entscheidende psychologische Anforderung: Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, dass wir eine Chance erkennen. Beides ist alles andere als trivial, insbesondere in der aktuellen Situation, dass die modernen Dating-Systeme weltweit geradezu darauf ausgerichtet sind, dass wir die Chancen weder erkennen noch ergreifen.
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