Georgine Kellermann: Marmelade Hintergrund – Biografie, Coming-out und gesellschaftlicher Wandel

Georgine Kellermann ist eine herausragende Journalistin und Aktivistin, deren Lebensweg und Geschichte ein Zeugnis für Mut, gesellschaftlichen Wandel und persönlichen Befreiung sind. Ihre Karriere, die Herausforderungen als trans Frau und ihr Engagement für Diversität und Gleichberechtigung machen sie zu einer wichtigen Stimme unserer Zeit.

Biografischer Hintergrund - Von Georg zu Georgine

Georgine Kellermann wurde im September 1957 in Ratingen geboren und bei der Geburt wurde ihr das männliche Geschlecht zugewiesen. Schon als Kind merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Als sie mit zehn Jahren heimlich die Kleidung ihrer Mutter anzog und dabei erwischt wurde, verbrannten die Eltern die Sachen im Küchenofen. Dadurch erschien ihr die Situation als Kind ausweglos. Sie wurde als Junge erzogen und lebte fortan als Mann - Frauenkleidung trug sie nur privat.

Die ganze Familie war in ihrer Heimat Ratingen in der katholischen Kirchengemeinde eingebunden, sie selbst war als Georg in der Pfarrjugend aktiv. Einige Freundinnen und Freunde, die sie dort fand, weihte sie früh in ihr Geheimnis ein. Auch wenn sie sich heute als „nicht mehr religiös“ bezeichnet, kommt sie in ihrem Buch immer wieder auf ihre katholischen Wurzeln zu sprechen.

Georgine Kellermann schrieb bereits vor dem Abitur für die Lokalredaktion Ratingen der Rheinischen Post. Ihr Studium brach sie ab, weil sie lieber für den WDR arbeiten wollte. Sie begann ihre journalistische Karriere 1983, kurz nach Start des WDR-Abendmagazins Aktuelle Stunde, als Regionalkorrespondentin für Duisburg und den Niederrhein.

Georgine Kellermann als junge Journalistin beim WDR

1992 wurde Kellermann Redakteurin des ebenfalls gerade gestarteten ARD-Morgenmagazins und berichtete als Korrespondentin aus Washington und Paris. 1997 zog sie nach Washington, um von dort zusammen mit Claus Kleber, Tom Buhrow und Sabine Reifenberg als Korrespondentin für die ARD zu berichten. 2002 ging Kellermann für fünf Jahre als ARD-Korrespondentin nach Paris, führte ab 2006 das ARD-Studio in Bonn und wurde am 2. Juni 2014 Studioleiterin des WDR-Studios in Duisburg. Am 1. Juni 2019 übernahm sie die Leitung des WDR-Studios in Essen.

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Ein Leben zwischen den Identitäten: Das Doppelleben

Sie führte über vier Jahrzehnte ein Doppelleben, denn privat lebte Georgine Kellermann schon lange als Frau: Sie fuhr in Pumps mit dem Auto bis in die Tiefgarage und war im Büro dann wieder Georg. 36 Jahre davon allerdings mit anderem Vornamen und entsprechender Kleidung: als Georg Kellermann.

Das Coming-out plante sie zunächst für den Tag ihrer Pensionierung. Erst mit 62 Jahren traute sich Georgine, die sich bislang nur wenigen Menschen privat gezeigt hatte, auch mit Frauenkleidung in die Öffentlichkeit. „Der liebe Gott hat die falsche Verpackung für mich gewählt“, beschreibt sie die Herausforderung ihres Lebens scherzhaft.

Symbolbild Befreiung: Die beiden Identitäten von Georgine Kellermann

Das Coming-out und der gesellschaftliche Wandel

Im Herbst 2019, während eines USA-Urlaubs, outete sie sich gegenüber ihren Kolleginnen, später auch öffentlich, als Frau. Seitdem erlebt sie, dass die Gesellschaft schon viele Schritte weiter als in den 80ern ist. Damals habe sie sich nicht getraut, mit ihrer Geschlechtsidentität an die Öffentlichkeit zu gehen. Der 31. März ist der Transgender-Sichtbarkeitstag, bei dem es um Respekt und Gleichberechtigung von trans Menschen geht. Für die Journalistin Georgine Kellermann ist dies „ein Tag zum Feiern“. Dadurch werde sichtbar, was lange Zeit nicht sichtbar war.

Und auch heute gebe es noch viele trans Menschen, die Sorgen und Angst haben sowie diskriminiert werden. Seit sie sich offenbart hatte, erlebe sie sehr viel Wertschätzung, Respekt und Zustimmung. „Aber es gibt auch einige, die Menschen wie mich hassen.“ Diesen Hass bekämen trans Menschen manchmal voll ab.

Diskriminierung und Herausforderungen im Alltag

Jeder ihrer öffentlichen Auftritte weckt Aggressionen bei Menschen, die nicht akzeptieren wollen, wer sie ist. Auch im Alltag wird sie regelmäßig beleidigt und bedroht. Von Ruhestand kann bei dieser Rentnerin also keine Rede sein. Nach ihrem „langen Weg zu sich selbst“ ist Georgine jetzt für andere unterwegs, will Bewusstsein schaffen. „Es gibt viele, viele, die so sind wie ich“, sagt sie.

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Transparenz und Sichtbarkeit bei Demonstrationen

Kritik und Falschmeldungen - Marmelade Hintergrund und Social Media

„Komisch, wie Frau Georgine Kellermann bei einer Türkendemo rumläuft. Tägliche Genderfluidität?“, heißt es in einem rassistischen und transfeindlichen Tweet vom 11. Februar. Das Foto im Tweet soll die Journalistin nach ihrem Coming-out bei der Berichterstattung wieder als Mann zeigen. Darauf ist Kellermann bei einer Demonstration zu sehen, im Hintergrund wehen türkische Flaggen.

Die Beiträge in Sozialen Netzwerken legen mehr oder weniger explizit nahe, Kellermann habe sich vor Übergriffen durch die Demonstrierenden gefürchtet und sei deswegen nicht als Frau aufgetreten. Doch es stimmt nicht, dass Georgine Kellermann für die Berichterstattung über eine aktuelle Demonstration als Mann aufgetreten ist. Das Foto entstand am 16. Juli 2016 während einer Sendung von „WDR extra“, wie Medien berichteten. Die damalige WDR-Sendung ist online nicht mehr zu finden, aber ein Vergleich der beiden Aufnahmen zeigt: Sie sind am selben Ort entstanden. Kellermann trug dasselbe Hemd. Sie selber wies darauf hin, dass es keine aktuelle Aufnahme sei.

Ferner wird vereinzelt behauptet, dass Kellermann sich in einem Tweet trans- und rassistisch geäußert habe. Bewertung: Weder auf ihrem Account, noch in Internetarchiven ist der abgebildete Tweet von Georgine Kellermann zu finden. Die WDR-Journalistin dementierte außerdem selbst, dass sie sich so geäußert habe. Eine dpa-Recherche in Internetarchiven ergab keinen Hinweis auf einen möglicherweise gelöschten Tweet. Kellermann wies außerdem selbst zurück, dass sie den Tweet verfasst haben soll: «Ich habe das nicht geschrieben.»

Georgine Kellermann spricht über ihr Coming-out

Berufliches Engagement und Einsatz für Diversität

Georgine Kellermann arbeitet seit den 1980er-Jahren für die ARD und leitet seit 2014 Studios des Westdeutschen Rundfunks (WDR) - erst in Duisburg, dann in Essen. Seit 2019 leitet Kellermann das WDR-Studio in Essen. Mitte 2023 übernimmt sie beim WDR Aufgaben im Diversity Management. Seit ihrem Coming-out engagiert sie sich verstärkt für die Rechte und die Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transmenschen sowie intergeschlechtlichen und queeren Menschen.

Georgine Kellermann bei einer Lesung aus ihrem Buch
Position Jahr Ort
Regionalkorrespondentin WDR 1983 Duisburg/Niederrhein
Redakteurin ARD-Morgenmagazin 1992 Washington/Paris
ARD-Korrespondentin 1997-2002 Washington/Paris
Studioleiterin ARD/WDR 2006-2019 Bonn, Duisburg, Essen

Gesellschaftliche Verantwortung und Wandel

Georgine Kellermann reagiert engagiert auf die Frage nach ihrer Meinung: „Was muss sich tun in der Kirche, damit sich heute und in Zukunft viele Menschen gut aufgehoben fühlen in dieser Glaubensgemeinschaft?“ Sie trinkt einen Schluck Limonade und setzt an: „Ich glaube schon, dass sich Kirche nicht nach dem Zeitgeist richten darf. Aber es geht um gesellschaftliche Grundsätze. Da täte sie gut daran, ihre Haltung zu überdenken.“

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Durch ihre privaten und beruflichen besonderen Verbindungen zu den USA fällt ihr ein Vergleich ein: „Als Joe Biden kürzlich gesagt hat, er trete nicht mehr zur Präsidentschaftswahl an, da hat er das natürlich auch getan wegen des Drucks, den man auf ihn ausgeübt hat. Aber das ist ein faszinierendes Beispiel dafür, dass ein Mann - der mächtigste der Welt - Macht abgeben kann. Davon können sich manche eine Scheibe abschneiden.“

Zum Wandel fähig sein - ihrer eigenen Familie sei dies gelungen, sagt sie dankbar. Georgine Kellermann wird sich gleich wieder auf ihr Fahrrad schwingen. Am nächsten Tag steht eine Reise nach Sachsen an. Sie wird in verschiedenen Städten an queeren Demonstrationen teilnehmen und Lesungen aus ihrem Buch halten. Solche Fahrten sind kein reines Vergnügen.

Georgine Kellermann aktiv bei queeren Protesten

Politik und rechtliche Rahmenbedingungen

Die Pläne der Bundesregierung, das seit 1981 bestehende Transsexuellengesetz zu reformieren, begrüßt Kellermann. Die Einführung des Gesetzes sei für sie damals eine „Revolution“ gewesen. Menschen, die ihr Geschlecht ändern wollen, müssen ein langwieriges Gutachterverfahren durchmachen, erläutert die Journalistin. Das koste nicht nur eine Menge Geld, sondern es würden auch unerträgliche Fragen gestellt.

Infografik: Transsexuellengesetz und Reformbedarf

Bedeutung für die LGBTIQ-Gemeinschaft

Die englische Abkürzung LGBTIQ steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transmenschen, intergeschlechtliche und queere Menschen. Seit 2019 setzt sich Georgine Kellermann verstärkt für Sichtbarkeit und Gleichberechtigung innerhalb der LGBTIQ-Community ein. Für viele ist sie zu einer wichtigen Vorbildfigur geworden.

Wenn sie heute in die 80er-Jahre zurückblickt, sei die Gesellschaft viel weiter - damals habe sie sich nicht getraut, mit ihrer Geschlechtsidentität an die Öffentlichkeit zu gehen, und auch heute gebe es noch viele trans Menschen, die Sorgen und Angst haben sowie diskriminiert werden. Ihre komplette Befreiung als trans Frau nach über 60 Jahren beschreibt sie auch im im Sommer erschienenen Buch.

Interview mit Georgine Kellermann: Sichtbarkeit und Diversity

Die Lebensleistung und das Vermächtnis

Dass die Leichtigkeit, die sie ausstrahlt, eine beachtliche Lebensleistung ist, dürfte allen klar sein, die ihre Karriere verfolgt haben. Bevor Kellermann 2023 in Rente ging, war sie über 40 Jahre für den WDR im Einsatz, zum Beispiel in Washington und Paris oder als Leitung der Landesstudios in Duisburg und Essen. Auch heute ist für die engagierte Rentnerin von Ruhe keine Rede - sie bleibt für andere unterwegs, will Bewusstsein schaffen und für einen offenen Umgang mit Identität und Diversität einstehen.

Porträt: Georgine Kellermann - Inspiration für die LGBTIQ-Community

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