Fazer: Geschichte und Besonderheiten der finnischen Schokolade

Der 17. September 1891 war für den damals 25-jährigen Schweizer Konditor Karl Fazer der wichtigste Tag seines Lebens. Seine Ausbildung in St. Petersburg, Paris und Berlin hatte er abgeschlossen. Mit dem Kapital seines fachlichen Könnens eröffnete er - vor 126 Jahren - nun sein eigenes Unternehmen, eine französisch-russisch-schweizerische Konditorei im Zentrum der finnischen Hauptstadt Helsinki. Neben der feinen Konditorei, die Karl Fazer im Herbst 1891 eröffnete, befand sich hinter einem Samtvorhang das Fazer-Café, das schon bald zu einem beliebten Treffpunkt wohlhabender Damen wurde.

Karl wurde 1866 als jüngster Sohn von insgesamt acht Kindern in Helsinki geboren. Karl wollte gegen den Willen seines Vaters eine Konditorlehre beginnen. Zu der Zeit war es in Finnland noch nicht möglich, so dass er nach St. Petersburg gehen musste. Autodidaktisch eignete sich Karl Fazer das Handwerk des Zuckerbäckers an. Da es damals in Finnland keine solchen Lehrstellen gab, verbrachte er seine Gesellenzeit unter anderem beim Schweizer Schokoladenfabrikanten Conradi sowie bei den Süsswarenherstellern Berrin und George Bormann in St. Petersburg. Obwohl das berühmte Schokoladen-Land Schweiz ironischerweise nicht auf seiner Agenda stand, hatte er sein Handwerk in den besten europäischen Konditoreien gelernt.

Tortenauslage im Stammhaus in Helsinki

Vom Café zur industriellen Schokoladenproduktion

Bereits 1894 begann Fazer mit der Fertigung von Schokoladetafeln und Konfekt, wofür die Konditorei bald zu klein war. Es wurde ein Gebäude erworben, in dem alsbald die industrielle Süsswarenproduktion in Finnland ihren Anfang nahm. Die erste Fazer-Bonbonfabrik wurde 1897 gegründet. Die Fazer-Bonbons erlangten schnell den Ruf, von höchster Qualität zu sein und durch ihr Aussehen zu beeindrucken. Die Produkte wurden in ganz Europa, aber auch in Marokko, Levanti, Ceylon und Niederländisch-Indien verkauft.

Zum Absatz im Inland gesellte sich schon in den Anfangsjahren der Export. Produktion und Auswahl wurden rasch grösser. Schon Karl Fazer hatte dem Export grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Im Jahr 1901 entwarf er Finnlands erste speziell für den Export entwickelte Verpackung: Auf dem Deckel der runden Schachtel mit Geleekonfekt befand sich eine Nachbildung der englischen Königskrone - nicht von ungefähr, wurde doch eben Edward VII. zum König gekrönt. Die gleiche Finlandia-Schachtel findet sich auch heute noch für dieses Geleekonfekt.

Die Marke «Fazerin Sininen» (Fazers Blaue)

Vor allem die seit 1922 gefertigte klassische Schokolade «Fazerin Sininen» - zu deutsch «Fazers Blaue» - mit ihrer blauen Verpackung ist in Finnland seit Jahrzehnten beliebt. Welche Finnin oder welcher Finne kennt sie nicht: Die Blaue von Fazer - Fazerin Sininen. Viele Jahre lang war sie die bekannteste Produktmarke in Finnland. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums wurde der Schriftzug in «Kiltteyttä» geändert, d.h. Freundlichkeit. Den Grund dafür findet man in der Entstehungsgeschichte des Produkts. Der Sohn des Firmengründers Karl Fazer, Sven Fazer, vermittelte seinem englischen Freund einen guten Augenarzt, der sein Augenleiden heilte. Als Dank für diesen hilfreichen Freundschaftsdienst schenkte sein Freund Sven Fazer das ursprünglich aus der Schweiz stammende Rezept für die Schokolade. So soll der aktuelle Schriftzug daran erinnern, wie Freundlichkeit die Welt verbessern kann.

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Wachstum, Diversifikation und Kriegsjahre

Die Kriegsjahre unterbrachen die Süsswarenproduktion, doch konnte Fazer mit Ersatzprodukten den Betrieb aufrechterhalten. Während des Zweiten Weltkrieges produzierte Fazer Makkaroni und Kekse für die finnische Armee. Ab den 1950er-Jahren betrieb das Unternehmen mehrere Brotfabriken, später auch eine Mühle. Das Backwarengeschäft wurde ausgeweitet. 1924 begann Fazer mit der Herstellung von Keksen und weitete die Produktion schnell aus.

Historische Fazer-Verpackungen und Geleekonfekt

Die bisherigen Produktionsstätten erwiesen sich bald als unzulänglich und technisch veraltet. 1955 wurde in Vaarala bei Helsinki der Grundstein für das Fazerila-Gelände gelegt. Die Produktionsstätten erstrecken sich heute über eine Fläche von 8,5 Hektaren. Ebenfalls in Vaarala befinden sich Fazer-Grossbäckereien. In Finnland betreibt das Unternehmen vier grosse Bäckereien, zwei Brot-Manufakturen sowie 40 Instore-Bäckereien. Fazer besitzt heute auch Bäckereien in Russland, Schweden und im Baltikum.

Unternehmensentwicklung und internationale Präsenz

Aus Karl Fazers kleinem Unternehmen ist in 126 Jahren eine Unternehmensgruppe mit 14'876 Beschäftigten in acht Ländern und einem Jahresumsatz von 1,603 Milliarden Euro in 2016 geworden. Fazer ist ein finnisches Unternehmen, dessen Name in ganz Skandinavien, aber auch in den baltischen Ländern, Polen sowie Russland eine bekannte Marke für Tafelschokolade, Schokoriegel, Pralinen, Brot und andere Nahrungsmittel ist. Fazer exportiert seine Produkte in rund 40 Ländern. In den deutschsprachigen Ländern ist sie weniger bekannt.

Seit den 1990er-Jahren sind Niederlassungen, Zusammenschlüsse und die Übernahme anderer Unternehmen in Polen, Russland und Grossbritannien hinzugekommen. 1976 stieg Fazer im grossen Stil in das aufblühende Catering-Geschäft ein. Unter anderem für Schulen, Unternehmen und Behörden übernahm und betrieb er Kantinen und wurde in Fazer Food Services umbenannt. Heute exportiert Fazer seine Produkte in etwa 40 Länder weltweit.

Fazer Experience Visitor Centre Tour

Familie, Generationenwechsel und Führung

Der Familienkonzern befindet sich heute in der vierten Generation. Im Direktorium sitzt auch Majlen Fazer, die Urenkelin von Karl Fazer. Die gelernte Konditorin macht regelmässig Weiterbildungskurse in der Confiserie Sprüngli am Paradeplatz und beim Schweizer Zuckerspezialisten Ewald Notter, der heute in Miami, Florida, erfolgreich ist. Notter: «Majlen hat auch einen Kurs für ihre Angestellten in Helsinki organisiert und zudem einer Konditorin von Fazer eine Weiterbildung bei mir in Florida ermöglicht.»

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Das Zuckerziehen ist eine weitere Leidenschaft der schwedischsprachigen Finnin. Vor allem in Russland sieht Majlen Fazer ein potenzielles Marktgebiet. Ihr Glaube an eine süsse Zukunft ist jedenfalls ungebrochen. Geleitet wird die Gruppe vom früheren Maschinenbau-Manager Christoph Vitzthum. Im Oktober 2016 eröffnete Fazer bei ihrer Fabrik in Vantaa «The Fazer Experience Visitor Centre» mit Café, Ausstellungs- und Sitzungsräumen und anderen Attraktionen.

Produkte und Klassiker

  • Fazerin Sininen (Fazers Blaue) - klassische Milchschokolade, seit 1922 ein finnisches Kultprodukt.
  • Salmiakki - salmiakhaltige Pastillen, seit 1939 im Sortiment und Teil der finnischen Süßwarenkultur.
  • Pihlajanmarja - eine frühe Bonbonsorte (Brombeermarmelade), ab 1895 produziert und bis heute beliebt.
  • Geleekonfekt in der klassischen Finlandia-Schachtel - historische Exportware mit königlicher Verpackung.

Tabellarische Übersicht: Meilensteine

Jahr Meilenstein
1891 Eröffnung der Konditorei und des Fazer-Cafés in Helsinki
1894-1897 Beginn der Schokoladen- und Bonbonproduktion; erste Bonbonfabrik
1901 Erste Exportverpackung (Finlandia-Schachtel)
1922 Einführung von Fazerin Sininen
1955 Grundsteinlegung für Fazerila in Vaarala
1976 Wachstum im Catering-Geschäft (Fazer Food Services)
2016 Eröffnung des Fazer Experience Visitor Centre in Vantaa

Besonderheiten und kulturelle Bedeutung

Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass fast jeder Finne eine Art emotionale Verbindung zu dem kultigen Unternehmen und seinen Produkten hat. Vor allem in Finnland gehört «Fazers Blaue» bis heute zur nationalen Identität, ähnlich wie die Salmiakpastillen «Salmiakki». Das bis heute familiengeführte Unternehmen ist eine bekannte Marke in Skandinavien und darüber hinaus. Die Produkte von Fazer stehen sowohl für Tradition als auch für Qualität und ein bewusstes Design- und Marketingverständnis, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts sichtbar wurde, als Fazer Werbung in den Straßenbahnen von Helsinki schaltete.

Heute hat Fazer sein Sortiment erweitert und Produkte entwickelt, die den aktuellen Lebensmitteltrends entsprechen, wie z. B. Haferlakritz. Die Kombination aus historischer Verwurzelung, internationaler Expansion und Produktinnovation macht Fazer zu einem bemerkenswerten Beispiel für die Entwicklung einer lokalen Konditorei zu einem internationalen Nahrungsmittelkonzern.

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