Ist Fingerhut Honig giftig? Risiken, Pflanzenkunde und Hintergrundwissen

Der Fingerhut (botanisch Digitalis) ist in Mitteleuropa stark verbreitet und gilt als eine der giftigsten Pflanzen unserer Landschaften. Seine auffallenden Blüten machen ihn für Spaziergänger gut erkennbar, weswegen Vergiftungen selten sind - allerdings endet der Verzehr sämtlicher Pflanzenteile tödlich. Trotzdem wird Fingerhut seit Jahrhunderten als Zier- und Heilpflanze kultiviert. Im Zentrum der Frage „Ist Fingerhut Honig giftig?“ stehen die giftigen Inhaltsstoffe des Fingerhuts, die sich auch im Nektar befinden könnten - und damit theoretisch in den Honig gelangen. Doch ist das tatsächlich relevant für Honigliebhaber?

Digitalis purpurea mit Blütenstand und Bienen

Die Giftigkeit des Fingerhuts (Digitalis)

Der Fingerhut enthält in allen Pflanzenteilen gefährliche Giftstoffe, die in den Blättern am höchsten konzentriert sind. Bereits geringe Mengen führen bei Verzehr zum Tod. Die verheerende Wirkung des Fingerhuts beruht auf stark giftigen Glykosiden, darunter Digitoxin, Gitaloxin und Gitoxin. Die Pflanze enthält in ihren Samen aber auch das giftige Saponin Digitonin. Die Konzentration der Inhaltsstoffe variiert je nach Jahres- und Tageszeit, vormittags etwa ist sie niedriger als nachmittags, in den Blättern ist sie aber stets am höchsten.

Da die Wirkstoffe des Fingerhuts allgemein sehr bitter schmecken, ist ein zufälliger Verzehr aber unwahrscheinlich. Selbst Tiere meiden die Giftpflanze in der Regel. Alle Digitalis-Arten sind giftig für Pferde, Rinder und Kühe, Ziegen, Hunde und Katzen, Hasen und Kaninchen, Meerschweinchen und Hamster sowie für Vögel. Vergiftung zeigt sich in Erbrechen, blutigem Durchfall, Taumeln, Herzrhythmusstörungen und kann zum Herzstillstand führen.

Standort, Verbreitung und Erscheinungsbild

In Deutschland ist vor allem der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea) verbreitet - 2007 wurde er zur "Giftpflanze des Jahres" gekürt. Neben Digitalis purpurea gibt es noch den Großblütigen Fingerhut (Digitalis grandiflora) mit hellgelben Blüten sowie den Gelben Fingerhut (Digitalis lutea) und den Wolligen Fingerhut (Digitalis lanata). Der Fingerhut wächst auf Waldlichtungen, an Kahlschlägen sowie an Waldrändern und gedeiht am besten auf sandigem, stickstoffhaltigem Lehmboden. Sein Verbreitungsgebiet ist West- und Mitteleuropa.

Verbreitungskarte Fingerhut in Europa

Der Rote Fingerhut erreicht 30 - 150 cm Höhe und blüht von Juni bis August. Die Blüten sind glockig, etwa 5 cm lang und gefleckt im Schlund, sie hängen in einer Traube am oberen Teil des Stängels. Die Grundblätter stehen in einer Rosette und sind eiförmig bis lanzettlich, an ihrer Unterseite filzig behaart.

Lesen Sie auch: Gesundheitliche Lage von Heinz Hoenig im Detail

Fingerhut als Heilpflanze - das medizinische Risiko

Das gleichnamige "Digitalis" ist weltweit das bekannteste Medikament gegen Herzinsuffizienz. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass Fingerhut bereits im sechsten Jahrhundert als Heilpflanze verwendet wurde. Dass die Digitalis-Glykoside Digoxin und Digitoxin von medizinischer Bedeutung sind und bei Herzerkrankungen erfolgreich eingesetzt werden können, ist erst seit dem 18. Jahrhundert wissenschaftlich belegt.

Sie lassen sich zur Therapie von Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen einsetzen und stärken den Herzmuskel - wenn man sie richtig dosiert. Und das genau ist die Krux an der Sache. Fingerhut ist bei zu geringer Dosierung wirkungslos, bei zu hoher tödlich. Herzstillstand ist die unweigerliche Folge einer Überdosierung.

Symptome einer Vergiftung mit Fingerhut

  • Übelkeit und Erbrechen - meist erste Symptome
  • Durchfall, Kopf- und Nervenschmerzen
  • Sehstörungen bis hin zu Halluzinationen
  • Herzrhythmusstörungen und letztendlich Herzstillstand

Bei Kindern stellen die rot gefärbten Blüten eine Gefahr dar - das Risiko besteht besonders, wenn beim Spielen Blätter oder Blüten in den Mund genommen werden. Auch für Tiere ist Fingerhut gefährlich; sie meiden die Pflanze, doch bei Aufnahme zeigt sich schnelle Vergiftung.

Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Vergiftung

  1. Sofort Notarzt alarmieren
  2. Versuchen, die giftigen Stoffe zu erbrechen
  3. Einnahme von Aktivkohle und Zufuhr von Flüssigkeit
Erste-Hilfe-Infografik bei Pflanzengift

Fingerhut Honig: Gibt es giftigen Honig durch Digitalis?

Die Frage, ob der Nektar des Fingerhuts tatsächlich giftigen Honig produziert, wird in Fachkreisen und Literatur differenziert betrachtet. Hallo, ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass Bienen vergifteten Nektar sammeln, aber in der Lage sind, das Gift aufzunehmen und nur gesunden Nektar in die Waben zu schaffen. Pflanzen haben ein sehr hohes Bestreben, dass ihre Blüten bestäubt werden, und zwar mit exakt dem Pollen ihrer eigenen Art.

Es gibt m.W. keine Pflanzenart, die ihre Bestäuber umbringt (von den fleischfressenden mal abgesehen). Die Pflanzen hätten absolut nichts davon, wenn Bienen nach der Nektaraufnahme tot zu Boden fallen oder nicht mehr nach Hause finden. Daraus dürfen wir getrost schließen, dass der Nektar auch für sie unschädlich ist. Demzufolge nach wie vor der Nektar auch für sie unschädlich ist.

Lesen Sie auch: Herstellungsprozess von Blaue Biene Honig detailliert erklärt

Ich hab diverse für Menschen giftige Pflanzen hier, aber daraus gibt es keine Massentrachten, oder hat schon mal wer Eisenhut- oder Fingerhuthonig geerntet?

Giftstoffe im Honig: Reale Gefahr oder Mythos?

Laut Werner von der Ohne gibt es in Deutschland vier Pflanzenfamilien, deren Nektar zumindest für den Menschen giftig ist und bei denen sich die Gifte auch im Honig wiederfinden: Natternkopf, Borretsch, Wasserdost und Senecio-Arten (z.B. das berüchtigte Jakobskreuzkraut). Die vom Bundesinstitut für Risikobewertung vorgegebenen Grenzwerte könnten bei regional größeren Flächen solcher Pflanzen überschritten werden, sodass man den Honig tatsächlich nicht essen sollte.

Pyrrolizidin-Alkaloide und Honig - Expertenwissen

Pyrrolizidin-Alkaloide kommen zwar im Nektar giftiger Pflanzen wie Jakobskreuzkraut vor, werden aber in der Regel nicht in Mengen in den Honig eingetragen, sodass er gesundheitsschädlich wäre. In den meisten deutschen Honigen kommen keine oder nur sehr wenige PA vor. Das Kompetenzzentrum Jakobskreuzkraut konnte außerdem nachweisen, dass sich PA im Honig mit der Zeit abbauen.

Honig aus giftigen Pflanzen: Historische Beispiele

Der griechische Schriftsteller Xenophon berichtet, wie griechische Soldaten im Jahr 401 vor unserer Zeitrechnung in der Nähe der Stadt Trapezunt Waben aus lokalen Bienenstöcken verspeisten: Stunden später wurde ihnen übel, sie litten unter Durchfall, einige verloren vorübergehend die Orientierung. Noch schlimmer erging es dem römischen Heer von Gnaeus Pompeius Magnus im Jahr 67 vor Christus: Die Perser legten Waben mit dem sogenannten Pontischen Honig als Lockmittel aus - und machten sich dann über die außer Gefecht gesetzten Römer her.

Dies ist das bekannteste Beispiel für Honig mit tatsächlicher Giftwirkung - allerdings stammt dieser von Rhododendron-Arten, nicht von Fingerhut.

Lesen Sie auch: Natürliches Heilmittel bei Erkältung

Praxiserfahrung und Bewertung

Der Honig, den Bienen hauptsächlich aus dem Nektar von Digitalis sammeln könnten, ist unrelevant - Massentrachten gibt es nicht, sodass Fingerhuthonig extrem unwahrscheinlich ist. Da die Wirkstoffe des Fingerhuts sehr bitter sind und den Bestäuber nicht schädigen sollen, findet sich das Gift nicht in Honig in relevanter Menge. Schädliche Wirkung durch Fingerhuthonig ist bislang nicht dokumentiert.

Tabelle: Giftige Pflanzen und Honigrisiko

Pflanzenfamilie Giftstoffe Risiko im Honig Beispiele
Natternkopf Pyrrolizidin-Alkaloide Bei Massenvorkommen, Grenzwert möglich Echium vulgare
Borretsch Pyrrolizidin-Alkaloide Reale Gefahr bei massiver Honigbildung Borago officinalis
Wasserdost Pyrrolizidin-Alkaloide Gelegentlich relevant Eupatorium spp.
Senecio/Greiskraut Pyrrolizidin-Alkaloide Honig mit PA möglich Jakobskreuzkraut (Senecio jacobaea)
Fingerhut Digitalis-Glykoside Unwahrscheinlich, keine Massentracht Digitalis purpurea
Rhododendron Grayanotoxin Pontischer Honig: historisch giftig Rhododendron ponticum

Zusammenfassung: Gefahr durch Fingerhut-Honig?

Im Gegensatz zu anderen giftigen Pflanzen ist Fingerhut zwar hochgiftig und kann bei Kindern und Tieren zu schweren Vergiftungen führen, Honig aus Fingerhut ist aber praktisch nicht zu finden. Bienen meiden in der Regel den bitteren Nektar, und eine Massentracht von Fingerhut kommt nicht vor. Imker müssen deswegen keine besonderen Vorkehrungen treffen - bei anderen Pflanzen wie Jakobskreuzkraut ist hingegen Vorsicht angebracht. Honigkonsumenten können sich schützen, indem sie zwischen verschiedenen Honigsorten wechseln. Honige aus dem Frühjahr oder Sortenhonig enthalten in der Regel keine giftigen PA.

Bienen suchen Nektarquellen - Blütenvielfalt

Es bleibt dabei: Fingerhut ist für Honig keine reale Gefahr. Für Gärten, in denen sich Kinder oder Haustiere aufhalten, ist die Pflanze hingegen gänzlich ungeeignet, da sie in allen Teilen stark giftig ist.

tags: #ist #Fingerhut #Honig #giftig

Populäre Artikel: