Zuckerproduktion auf Mauritius: Geschichte und aktueller Export

Mauritius, eine Insel im Indischen Ozean mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einem Land mit niedrigem Einkommen zu einem mittleren Einkommen entwickelt. Ein wesentlicher Teil seiner Wirtschaftsgeschichte ist eng mit der Zuckerproduktion verbunden, die lange Zeit das Rückgrat der Inselökonomie bildete.

Historische Entwicklung der Zuckerindustrie

Die Zuckerindustrie auf Mauritius reicht zurück bis zur kolonialen Besiedlung. Die Holländer brachten das Zuckerrohr im 17. Jahrhundert erstmals auf die Insel. Unter französischer Herrschaft im 18. Jahrhundert wurde die Produktion intensiviert, während die Briten im 19. Jahrhundert den Ausbau der Zuckerproduktion weiter vorantrieben. Die Zuckerrohrkultur prägte die Landschaft und Gesellschaft der Insel nachhaltig.

Nach der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert benötigten die Plantagenbesitzer eine neue, preisgünstige Arbeitskraft. Deshalb wurden ab 1835 viele 'Indentured Labourers' (vertraglich verpflichtete Arbeiter) aus Indien importiert. Heute sind rund 70 % der Bevölkerung mauritisch-indischer Herkunft. Diese Bevölkerungsgruppen haben sich nur wenig vermischt, und die kulturellen Unterschiede sind weiterhin sichtbar, zum Beispiel in Orten wie Goodlands, das eine starke indische Prägung aufweist.

Zuckerrohrfelder auf Mauritius

Die Zuckerindustrie im 20. Jahrhundert

Bis 1980 war Mauritius fast vollständig vom Zuckerexport abhängig. In den 1960er Jahren trug die Zuckerindustrie etwa ein Drittel zum Bruttoinlandsprodukt bei und beschäftigte Mitte der 1970er Jahre rund 30.000 Menschen. Rund ein Drittel der Bevölkerung im ländlichen Raum war direkt oder indirekt von der Zuckerproduktion abhängig.

Die Zuckerproduktion lag Anfang der 2000er Jahre bei circa 540.000 Tonnen und wurde fast vollständig zu festen Preisen in die Europäische Union sowie in geringerem Umfang in die USA exportiert. Die Preise lagen dabei deutlich über den Weltmarktpreisen.

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Ein Rückgang aufgrund der EU-Zuckerreform

Seit 2005 drängte die Europäische Union auf eine Reform des Zuckerregimes. Mit dem ab 2006 eingeführten Multi-Annual Adaptation Strategy wurden die Handelspräferenzen schrittweise abgebaut. Das führte zu einem drastischen Preisverfall beim Zucker und veränderte die Zuckerindustrie auf Mauritius grundlegend.

Die Anzahl der Zuckerfabriken verringerte sich von elf auf nur noch vier. Tausende Arbeitnehmer und Kleinbauern verloren ihre Arbeitsplätze. Die Exporteinnahmen gingen um über 250 Millionen Euro pro Jahr zurück, was die Wirtschaft des Importlandes stark belastete.

Die EU unterstützte den Umbauprozess finanziell, unter anderem mit Frühverrentungsprogrammen (Voluntary Retirement Scheme), die den Sozialabbau abfedern sollten. Zuckerarbeiter erhielten Abfindungen in Form von Geld und Land, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Trotzdem gab es vielfache Kritik an den langsamen Kompensationsleistungen und der geringen Teilnahme der Zivilgesellschaft am Wandel.

Moderne Strukturen und Innovationen in der Zuckerindustrie

Die heutigen Zuckerproduzenten auf Mauritius haben sich stark modernisiert. Früher beschäftigte ein Arbeiter wesentlich mehr Menschen und produzierte weniger Zucker als heute. Mit modernisierter Technik kann heute ein Mitarbeiter ein Vielfaches produzieren.

Mehr als zwei Drittel der Produktion werden als veredelter weißer Zucker exportiert - insbesondere im Rahmen eines Partnerschaftsvertrags mit Südzucker, Europas größtem Zuckerunternehmen. Das Abkommen sichert höhere Einnahmen durch bessere Vermarktung auf dem europäischen Markt.

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Moderne Zuckerfabrik auf Mauritius

Eine herausragende Rolle spielt die Firma Omnicane (ehemals Mon Tresor & Mon Desert), die ihre Fabrik in La Baraque im Süden der Insel modernisierte und diverse innovativen Projekte initiierte. Mit Darlehen der Europäischen Investitionsbank (EIB) baute Omnicane eine Zuckerraffinerie, eine Destillerie für die Herstellung von Bioethanol aus Melasse sowie Anlagen zur Verwertung von Nebenprodukten, wie Kohlendioxid und Vinasse.

Diese Umwandlung ermöglicht es, Nebenprodukte der Zuckerherstellung sinnvoll weiterzuverarbeiten: Bioethanol als Kraftstoffzusatz senkt den Benzinverbrauch, Kohlendioxid wird als Getränkezusatz verkauft und die Vinasse könnte künftig zur Biomethanproduktion dienen.

Innovative Zucker- und Energieproduktion bei Omnicane

Diversifikation und Herausforderungen

Da die Zuckerpreise durch die EU-Reform sanken und die Konkurrenz weltweit zunahm, diversifizierte Mauritius seine Wirtschaft. Neben Zucker spielen heute die verarbeitende Industrie, vor allem die Textilwirtschaft, der Tourismus, Finanzdienstleistungen und die Kommunikationsindustrie eine wichtige Rolle.

Der Textilsektor leidet jedoch auch unter dem Abbau von Handelspräferenzen und der starken Konkurrenz aus Asien.

Es gibt zudem Vorschläge, die landwirtschaftliche Nutzung der Zuckerrohrplantagen zu verändern. Yann Hookoomsing von CARES plädierte für die Umwandlung von Zuckerrohrflächen zur Lebensmittelproduktion und besonders zur Solarenergieerzeugung, um nachhaltige ökonomische Alternativen für ehemalige Zuckerbauern zu schaffen. Trotz dieser Vision setzt die Regierung weiterhin auf Kohleverstromung, zum Beispiel am Bau eines Kohlekraftwerks mit Investitionskosten von etwa 200 Millionen Euro.

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Solarenergie und nachhaltige Landwirtschaft als Zukunftsvision

Kritik und soziale Aspekte

Die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen auf Mauritius kritisieren insbesondere den Prozess der Frühverrentung, die unzureichende Landkompensation sowie die mangelnde Beteiligung der Zivilgesellschaft am Veränderungsprozess. Auf einer wichtigen Konferenz 2012 zeigten Zuckerfabrikarbeiter, Kleinbauern und Landarbeiter ihre Unzufriedenheit über die langsame Umsetzung von Versprechen.

Vertreter wie Ashok Subron von CARES bemängeln, dass die EU-Hilfen hauptsächlich den großen Zuckerunternehmen zu Gute kamen und nicht den Menschen vor Ort. Die Chance, Zuckerrohrplantagen für alternative Zwecke (Lebensmittel, erneuerbare Energien) zu nutzen, wurde verpasst.

Außerdem führt der anhaltende Preisdruck viele Kleinbauern dazu, ihre Felder nicht mehr zu bewirtschaften. Ursachen sind steigende Kosten für Düngemittel, hohe Transportkosten sowie Naturereignisse wie Überflutungen und Schäden durch streunende Tiere. Die Gründung einer „Land Bank“ soll Kleinbauern künftig finanziell und beratend unterstützen.

Zuckersorten und kulturelle Bedeutung

Mauritius ist bekannt für vielfältige Zuckersorten, die sich in Farbe und Geschmack unterscheiden, insbesondere durch ihren Melasseanteil:

  • Muscovado: Unfiltrierter Vollrohrzucker mit intensivem Geschmack nach Lakritz und Karamell, weich und klumpig.
  • Demerara: Vollrohrzucker mit geringem Melasseanteil (ca. 3%), rieselfähig und knusprig, besonders geeignet für weiche Süßspeisen.
  • Golden Caster: Feinkörniger Zucker mit leichter Honignote.
  • Molasses Sugar: Dunkler, intensiver Zucker.

Der Chef-Patissier Stephane Labastide betont die besondere Bedeutung des Muscovado-Zuckers für traditionelle Süßspeisen wie den Babà au rhum, bei dem die Farbe und der Geschmack des Zuckers den Teig nicht verfärben sollen.

Organisation und Fairtrade-Initiativen

Das Mauritius Sugar Syndicate (MSS) ist seit 1919 der kommerzielle Arm des Zuckersektors und seit 1951 die einzige zugelassene Vermarktungsorganisation für Zucker aus Mauritius. Es wird von genossenschaftlich organisierten und unabhängigen Zuckerrohrproduzent:innen sowie Zuckermühlen verwaltet.

Das Demerara-Zuckerprojekt umfasst aktuell etwa 3.000 Fairtrade-zertifizierte Kleinbauern, welche in Kooperativen organisiert sind. Die Verarbeitung erfolgt in sechs Zuckerfabriken, wovon zwei Demerara-Zucker herstellen können. Die Kooperativen können bis zu 15.000 Tonnen Fairtrade-Zucker jährlich produzieren.

Merkmal Beschreibung
Anbaufläche Zu 70 % mit Zuckerrohr bebaut
Arbeitnehmer Zuckerindustrie Ca. 10.000 heute (früher ca. 30.000)
Produktion Zucker (ca.) ~500.000 Tonnen jährlich
Fairtrade-zertifizierte Kleinbauern 3.000 mit 1-3 Hektar Land
Verarbeitung Fairtrade Demerara Zucker 6 Fabriken, nur 2 geeignet
FAIRTRADE-Prämie 60 US$ pro Tonne, an Kooperativen ausgezahlt

Die Fairtrade-Prämie ermöglicht Investitionen in Infrastruktur, Saatgut und Saatgärten. Die Bezahlung der Produzenten erfolgt auf Basis des jährlichen MSS-Preises zuzüglich der Prämie. Der Transport der Ernte zur Mühle wird meist vom MSS organisiert.

Zucker und Tourismus - kulturelle Einbettung

Die Zuckerindustrie hat die gesamte Insellandschaft geprägt. Zuckerrohrfelder sind allgegenwärtig, und das „süße Erbe“ ist Teil des mauritischen Alltags. Touristisch interessant sind neben dem Botanischen Garten von Pamplemousses auch Museen wie „L'Aventure du Sucre“ in Beau Plan, die multimedial die Geschichte der Zuckerherstellung, die Sklaverei und die Einwanderung auf Mauritius darstellen.

Botanischer Garten von Pamplemousses

Die Vielfalt der Bevölkerungsgruppen spiegelt sich auch in kulturellen Bauwerken wider, etwa in hinduistischen Tempeln, christlichen Kirchen und weiteren Sehenswürdigkeiten, die neben dem Zuckerbausektor weitere Einblicke in die lebendige Inselkultur gewähren.

Dokumentation zur Zuckerproduktion und Geschichte von Mauritius

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