Die Geschichte und Besonderheiten der Schokoladenmanufaktur Wernigerode

Schokolade! Einst Herrschern und Adel vorbehalten, heute ein ganz selbstverständliches Stück vom Paradies für jedermann. Die Geschichte der Schokolade ist eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen und technischen Innovationen verknüpft. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich Schokolade von einer exotischen Kostbarkeit zum beliebten Massenprodukt, dessen Herstellung auch im Harzstädtchen Wernigerode bedeutende Spuren hinterlassen hat.

Historische Schokoladenherstellung und alte Fabrikgebäude in Wernigerode

Einführung: Von der Luxusware zum Alltagsgenuss

Schokolade (bzw. zunächst Kakao) gelangte über die südamerikanischen Besitzungen zuerst ans spanische Herrscherhaus, später an den französischen Königshof und wurde auch in Deutschland zum Symbol des Müßiggangs der vornehmen adligen Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert trat die „süße Versuchung“ dank des Booms in der Industrie ihren Siegeszug durch alle Gesellschaftsschichten an. Anteil daran hatte auch Wernigerode mit seiner weit überregional bedeutsamen Schokoladenproduktion, die sich teilweise bis in die Gegenwart erhalten konnte.

Der industrielle Aufstieg von Wernigerode als Schokoladenstadt

Im benachbarten Deutschland schossen Schokoladenfabriken wie Pilze aus dem Boden. Sechs Betriebe gab es allein in Wernigerode. "Das war ein bedeutender Wirtschaftszweig. 1.500 Leute waren dort beschäftigt - die Schokoladenfabriken waren der größte Arbeitgeber in Wernigerode, mehr noch als die metallverarbeitenden Werke", sagt Christian Juranek, Geschäftsführer der Schloss Wernigerode GmbH.

Die Ergebnisse der Spurensuche, auf die sich Juranek gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Jürgen Will begeben hat, werden in zahlreichen Ausstellungen und Büchern präsentiert. Eine Einführung zur Geschichte von Kakao und Schokolade, detailreiche Schilderungen zur Entwicklung der Schokoladenindustrie in der Harzstadt, zu Aufstieg und Fall namhafter Fabrikanten und Betriebe sowie eine opulente Bildausstattung bieten einen sinnlichen Zugang zu diesem Thema.

Historischer Überblick zur Schokoladenherstellung in Deutschland und speziell in Wernigerode

Technische Innovationen und Durchbrüche

In seiner Amsterdamer Fabrik tüftelte Coenraad Johannes van Houten an einem neuen Verfahren, um den Fettgehalt der Kakaomasse um die Hälfte zu reduzieren. Damit ließ sich ein Pulver herstellen, das haltbar und leicht wasserlöslich war. 1828 ließ van Houten seine Maschine patentieren. Solche Innovationen prägen auch die regionale Entwicklung: Dank technischer Neuerungen wurde die Schokoladenherstellung in Wernigerode effizienter und die Stadt entwickelte sich zu einem Zentrum der Schokoladenproduktion.

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Die Fabrikanten und Traditionsunternehmen

Ferdinand Karnatzki baute 1916 eine Schokoladenfabrik in Wernigerode auf. Doch bereits 1928 übernahm Rudolph Karstadt das Unternehmen, das 1935 in der Firma Argenta Schokoladenwerke aufging. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus 1951 der VEB Argenta Süßwarenfabrik Wernigerode. Im Zuge der Wiedervereinigung sicherte sich die Stuttgarter Friedel Süßwarenfabrik 1991 die Anteile.

An jeder Ecke fand man Schokoladengeschäfte. In vier großen und zwei kleinen Fabriken wurde das beliebte Produkt hergestellt. Doch die Blütezeit ging rasant ihrem Ende entgegen: Schon ein Jahr später, 1927, waren die meisten Betriebe insolvent. Am Schluss schaffte nur die Ferdinand Konatzki AG, 1916 in Hasserode gegründet, das wirtschaftliche Überleben.

Historische Werbeplakate und Verpackungen von Schokoladenherstellern in Wernigerode

Argenta und Brockensplitter: Regionale Kultmarken

Das Unternehmen ließ den Namen „Argenta“ als Marke für eine edle Tafelschokolade schützen, die in den Confiserieabteilungen seiner Kaufhäuser zu haben war. Ein besonders bekanntes und heute noch populäres Produkt sind die „Brocken Splitter“ - kleine, in Dreiecksform gegossene Zartbitterecken mit hohem Haselnusskrokant-Anteil. Sie wurden erstmals 1922 verkauft und werden bis heute in Wernigerode hergestellt.

Das Sortiment bei Wergona setzt sich aus verschiedenen Schokoladenerzeugnissen zusammen. Im Mittelpunkt stehen Saisonartikel sowie die eigene Marke Brockensplitter. Geliefert werden die Erzeugnisse nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in mehr als fünfzig Länder in Europa, Amerika und Asien.

Kunst und Werbung: Schokolade als Kulturgut

In den 1920er Jahren entwarf ein führender deutscher Plakatgestalter Werbezeichnungen für die Schokolade aus Wernigerode. Die Stadt konnte mit Werbemotiven geradezu wuchern: Die „Harzgrafenschokolade“ etwa zierte das Schloss, und die Hersteller der „Burgmühlen-Schokolade“ spielten gern mit Harzer Motiven. Verpackungen und Plakate künden nicht nur vom Werbefeldzug für ein süßes Produkt, sie zeigen auch gesellschaftliche Entwicklungen auf - in Kaiserreich, NS-Diktatur und DDR-Zeit.

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Nicht nur das Design spielte eine große Rolle, auch Blechdosen aus dem 19. Jahrhundert und ein Schokoladenautomat sind als Exponate erhalten geblieben. Aus der ältesten Wernigeröder Schokoladenmanufaktur gibt es sogar noch schokoladige Exponate, die allerdings nicht mehr genießbar sind.

Historische Blechdosen und Schokoladenautomaten aus Wernigerode

Schokolade in der DDR und bis zur Gegenwart

Wie in ganz Deutschland waren auch im Osten zahlreiche Betriebe der Schokoladenbranche zerstört oder im Krieg zu Rüstungsbetrieben umgebaut worden. So war eine schnelle Wiederaufnahme einer kontinuierlichen Produktion, auch wegen fehlender Rohstoffe, nicht möglich. Die Trennung von den anderen Besatzungszonen schuf zusätzliche Probleme.

Mit dem „Volksentscheid in Sachsen“ vom 30. Juni 1946 begann man in der Deutschen Demokratischen Republik damit, die meisten Betriebe in Volkseigentum umzuwandeln. Mangels Rohstoffen wurden in den Nachkriegsjahren oft Ersatzschokoladen hergestellt. Ab 1953 kommt auch wieder richtige Schokolade in die Geschäfte der DDR - Qualität und Menge der in der DDR angebotenen Schokoladenwaren hingen stark von der Verfügbarkeit der Rohstoffe ab.

Waren Schokoladenersatzprodukte im Westen längst verschwunden, gab es sie im Osten bis zum Ende der DDR. Das bekannteste Produkt war die „Schlager Süßtafel“ von Zetti, die ganz ohne Kakaobestandteile auskam. Mit dem Ende der DDR 1989/1990 wurden zahlreiche Betriebe geschlossen, von Firmen aus dem Westen aufgekauft oder privatisiert.

Erst einige Jahre später kamen mit der „Ostalgie“ ehemalige DDR-Marken zurück auf den Markt. Die folgende Tabelle zeigt, was aus Firmen im Osten Deutschlands geworden ist:

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Ursprüngliche Firma Nach 1946 / DDR-Zeit Heute
Most-Mignon Süßwarenfabrik „Halloren“, Halle Halloren Schokoladenfabrik AG
Berger Süßwarenfabrik „Berggold“, Pößneck Berggold GmbH
Mauxion Süßwarenfabrik „Rotstern“, Saalfeld Rotstern GmbH
Oehler Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik „Zetti“, Zeitz Zetti GmbH

Die Ausstellung und das Sammeln von Schokoladengeschichte

Die Geschichte der Schokoladenherstellung lässt sich im Wernigeröder Schloss in bunten Bildern verfolgen. 300 Exponate von etwa 180 Schokoladenherstellern sind zu sehen. Seine Sammlung umfasst mittlerweile zweieinhalb bis dreitausend Objekte - von alten Rechnungen über Pralinenschachteln und Werbeschildern bis hin zu Einwickelpapieren.

Chronologisch gegliedert, erzählt die Ausstellung von der Gründung der ersten deutschen Schokoladenfabrik 1756, der Entwicklung Dresdens zum Zentrum der Produktion und beleuchtet deutsche Geschichte auch anhand bunter Schachteln und Verpackungen. Das Farbintensive im Schokoladenboom, Werbemotive mit lachenden Kindern und heroischen Covern bis hin zu Wehrmachtsschokolade erinnern an bewegte Epochen.

Jürgen Will zeigt die unterschiedlichen Entwicklungen in beiden deutschen Staaten: das schmale Sortiment im Osten, das große und preiswerte Angebot im Westen bis hin zu neuen Trends. Heute ist das Angebot riesig. „Es wird stark mit Gewürzen experimentiert. Und Nachhaltigkeit ist ein Thema.“

Sonderausstellung im Schloss Wernigerode mit historischen Schokoladenobjekten, Plakaten und Verpackungen

Wernigerode heute: Tradition und Innovation

Heute stehen Saisonartikel wie Weihnachts- und Osterschokolade, aber auch die Kultmarke Brockensplitter im Mittelpunkt, die nicht nur regional, sondern in mehr als fünfzig Länder exportiert werden. Das Werk des Unternehmens steht noch immer am Stammsitz in Wernigerode.

Die Stadt Wernigerode kann stolz auf ihre Schokoladentradition und die Bewahrung kulinarischer Spezialitäten zurückblicken. An die ereignisreiche Geschichte erinnern nach wie vor Ausstellungen, Fachliteratur und die lebendige Produktion vor Ort, bei der altes Wissen auf neue Entwicklungen trifft.

Moderne Produktion und Export der Brockensplitter sowie aktuelle Trends in der Schokoladenmanufaktur Wernigerode

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