Die Schoko Bande St Pauli: Geschichte und Hintergründe des Hamburger Rotlichtmilieus
St. Pauli und die Reeperbahn sind weltweit bekannte Begriffe, die mit Vergnügen, Zwielicht, Sex und Kriminalität verknüpft sind. Doch hinter der schillernden Fassade verbirgt sich eine bewegte Geschichte, die von schillernden Persönlichkeiten, erbitterten Machtkämpfen und tiefgreifenden Veränderungen geprägt ist. Besonders die sogenannten Schoko- oder Nutella-Bande stand im Zentrum eines der turbulentesten Kapitel des Hamburger Rotlichtmilieus. In diesem Artikel beleuchten wir die Hintergründe, die Entwicklung der Nutella-Bande und ihren Einfluss auf St. Pauli sowie die wichtigsten Akteure und Rivalitäten.
Der Kiez: Ursprung und Entwicklung des Amüsierviertels
Das Gebiet St. Pauli, insbesondere der Hamburger Berg, war seit dem Mittelalter für Gewerbe reserviert, das in der Stadt nicht gern gesehen wurde. Tranbrennereien, Ölmühlen und ein Krankenhof siedelten sich hier an, für die Seilmacher entstanden bereits im 17. Jahrhundert lange Reeperbahnen. Mit dem Status einer Vorstadt ab 1830 und dem regen Ausflugsverkehr bot sich eine herrliche Aussicht über die Elbe, mobile Schausteller, Seiltänzer und Gaukler traten auf, und 1795 wurde der Spielbudenplatz erstmals erwähnt.
Die Hamburger Stadtverwaltung legte 1840 Bauplätze für feste Gebäude an, sodass finanzkräftige Schausteller ihre Programme wetterunabhängig anbieten konnten. Es entstand ein Boom: 1840 wurden Theater und Zirkusgebäude errichtet, exotische Stimmungen und Illuminationen lockten Besucher. Auch andere Branchen entdeckten das Gebiet für sich, darunter der Ursprung des Tierparks Hagenbeck.
Der Wandel zum Rotlichtmilieu
Mit der Gewerbefreiheit ab 1865 wuchs das Viertel weiter, das Unterhaltungsgewerbe und die Prostitution etablierten sich. Die Herbertstraße wurde um 1900 zur Wohnanlage umgewandelt, in der sich nun nur noch Bordelle befanden, während die bürgerliche Moral Prostitution als verwerflich ablehnte, sie jedoch duldete. Das Vergnügungsviertel gewann einen Ruf weit über Hamburg hinaus.
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte St. Pauli seinen hohen Bekanntheitsgrad erreicht, das Lied „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ wurde 1911 erstmals gesungen und zur Hymne. Selbst politische und wirtschaftliche Widrigkeiten konnten den Ruf nicht brechen.
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Die Entstehung der Zuhälterkartelle auf St. Pauli
In den 60er und 70er Jahren entwickelte sich mit den Kartellen wie GMBH und Nutella-Bande ein neues Milieu auf der Reeperbahn. Wilfried Schulz, der „Pate vom Kiez“, war in den 70er Jahren der uneingeschränkte Herrscher, lenkte die Geschäfte mit Prostitution und Spielsalons und vertrieb die Wiener Zuhälter 1965. Sein Einfluss ging mit seinem Rückzug Anfang der 80er Jahre verloren, und neue Gruppen entstanden.
Das erste große Zuhälterkartell auf St. Pauli war die sogenannte GMBH, benannt nach den Vornamen der Beteiligten: Gerd, Mischa, Beatle und Harry. Sie dominierten das Geschäft mit typischen Symbolen wie große Autos, teure Uhren und gepflegtes Äußeres.
| Kartell | Bekannte Mitglieder | Hauptquartier |
|---|---|---|
| GMBH | Gerd Glissmann, Michael Luchting, Beatle Vogeler, Harry Voerthmann | Zum Silbersack |
| Nutella-Bande | Klaus Barkowsky, Thomas Born, Peter Töpfer, Horst Reinhardt | Herbertstraße/Reeperbahn |
Die Nutella-Bande: Aufstieg und Organisation
Mitte der 1970er Jahre formierte sich die Nutella-Bande, indem sich zehn bis dahin zumeist eigenständig tätige Zuhälter zusammenschlossen, um ihre wirtschaftlichen Interessen besser gegen das damals auf St. Pauli dominierende Kartell GMBH durchsetzen zu können. Gründungsmitglieder waren unter anderem Klaus Barkowsky („Lamborghini-Klaus“), Peter Töpfer und Horst Reinhardt.
Der Name „Nutella-Bande“ entstand, weil die älteren Kiezgrößen den Jüngeren geraten haben, erst noch ein paar Nutella-Brote zu essen, bevor sie versuchen könnten, die Reeperbahn zu erobern. Die Organisation hatte im Allgemeinen einen „jüngeren und frischeren“ Ruf als die bis dato dominierende GMBH und galt zudem als humanere Gruppe, was den Umgang mit Prostituierten anging.
Organisationsstruktur und Einfluss
Die Nutella-Bande war auf Arbeitsteilung ausgelegt: Es gab sogenannte Poussierer, die für das Anwerben neuer Prostituierten zuständig waren, und Bordellwirtschafter, die das Tagesgeschäft leiteten. Schon nach kurzer Zeit kontrollierte der Zuhälterring fast hundert Prostituierte, die überwiegend im Großbordell „Eros Center“ arbeiteten. Ihren Zenit erreichte die Bande Anfang der 1980er Jahre, als sie etwa 80 Zuhälter mit circa 120 Prostituierten in elf Bordellen und drei Peepshows beschäftigte.
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Zu den schillerndsten Persönlichkeiten gehörten Klaus Barkowsky, auch „Schöner Klaus“ genannt, und Thomas Born („Karate-Tommy“), der als Vize-Europameister im Kickboxen und ehemaliger Matrose für die Abteilung Stress zuständig war. Barkowsky war für seinen auffälligen Stil und seinen Lamborghini bekannt, Born sicherte das Revier und trieb Schutzgeld ein.
Die Mitglieder pflegten ein glamouröses Image: Hochwertige Maßanzüge und luxuriöse Rolex-Uhren gehörten zur Berufskleidung. Die Organisation vereinte Charme und Härte, kombinierte einen auffälligen Lebensstil mit skrupelloser Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen.
Während die GMBH den Ruf besonderer Brutalität hatte, versuchten die Nutellas, durch ein moderneres Image und besseren Umgang mit ihren Frauen zu punkten. Mitte der 80er-Jahre zählte die Nutella-Bande rund 80 Mitglieder, zehn davon zur oberen Führungsriege.
Konflikte, Machtkämpfe und Mordserien
Mit dem Aufstieg der Nutella-Bande zu einer der GMBH zumindest ebenbürtigen Organisation kam es zu einer weitgehenden reviermäßigen Aufteilung der Prostitution rund um die Reeperbahn. Doch ab Ende der 1970er Jahre musste sich die Nutella-Bande gegen die neu aufstrebende Chikago-Bande zur Wehr setzen.
Bis Anfang der 1980er Jahre wurden Konflikte zwischen den rivalisierenden Banden meist durch unbewaffnete Kämpfe oder gewaltlose Zahlungen gelöst. Erst nach der verstärkten Verbreitung von Kokain und dem Auftreten ausländischer Gangs setzte eine Spirale der Gewalt ein. Die Mordserie begann am 28. September 1981 mit dem Tod von "Chinesen-Fritz", der in der Gaststätte „Ritze“ erschossen wurde.
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Ein weiteres Beispiel war die Schießerei am 21. Oktober 1982 im Salon Bel Ami im Eros-Center. Nach einem Streit zwischen Prostituierten eskalierten die Spannungen; Thomas Born betrat das Bordell, bereit für eine Schlägerei, doch stattdessen wurden Waffen verwendet. Born wurde angeschossen, seine Begleiter Klaus „SS-Klaus“ Breitenreicher und Jürgen „Angie“ Becker kamen ums Leben. Wenig später fand man den „Schönen Mischa“ stranguliert - ein Indiz dafür, dass der Ehrenkodex, keine Waffen zu benutzen, endgültig Vergangenheit war.
Die Gewaltspirale wurde durch die internationale Konkurrenz und die Verbreitung von Drogen weiter verstärkt. Viele Zuhälter konsumierten die „weiße Dame“, wie Kokain genannt wurde, selbst und verloren die Kontrolle. Neben den Zuhälterkartellen mischten auch die Hells Angels, die Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Menschenhandel betrieben, das Milieu auf. In den Folgejahren wurde die Nutella-Bande durch Fahndungsdruck und Mordserien geschwächt, viele Mitglieder kamen in Haft oder starben, darunter Stefan Mitroi, Waldemar Dammer und Ralf „Corvetten-Ralf“ Kühne.
Die Mitglieder der Nutella-Bande
- Klaus Barkowsky ("Schöner Klaus"/"Lamborghini-Klaus"): Gründer und Anführer, verstarb 2023.
- Thomas Born ("Karate-Tommy"): Ex-GMBH-Mitglied, Vizeeuropameister im Kickboxen.
- Horst Reinhardt ("Bongo"): Gründungsmitglied, lebte ab 2004 auf der Flucht.
- Peter Töpfer: Ehemaliger Matrose, Gründungsmitglied.
- Stefan Mitroi: Bordellwirtschafter, zu 15 Jahren Haft verurteilt.
- Waldemar Dammer ("Neger-Waldi"): schillernde Persönlichkeit, erschossen 1985.
- Ralf Kühne ("Corvetten-Ralf"): Bordellwirtschafter, erschossen im Zuge der Gewaltspirale.
- Siegfried "Siggi" Träger: Bordellwirtschafter, ebenfalls in Mordserien verwickelt.
Das Ende der Nutella-Bande und die neuen Generationen
In den Folgejahren ging der Einfluss der Nutella-Bande zurück. 1981 kehrte das Gründungsmitglied Peter Töpfer der Bande den Rücken, nachdem er aufgrund seines Sinneswandels ausstieg. Nach polizeilichen Maßnahmen und Ermittlungserfolgen löste sich die GMBH in den späten 1980ern auf; die Nutella-Bande wurde zum Synonym für eine Ära, in der Glamour und Gewalt das Kiezleben bestimmten.
Der Rückgang der Prostitution durch die AIDS-Welle und der zunehmende Drogenhandel destabilisierten das Milieu weiter. Die Chikago-Bande und internationalisierte Gangs teilten sich fortan das Rotlichtgeschäft. Die Brutalität und Unberechenbarkeit nahmen weiter zu.
Mythen, Legenden und heutige Bedeutung
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Die Konzentration einer Vielfalt von Vergnügungen - auch anrüchiger und illegaler Art - auf einem relativ kleinen Raum scheint bis heute in der Welt einmalig zu sein. Theater, Musikclubs, das Reeperbahn-Festival, Touristenbusse und Themenführungen zeigen das ungebrochene Interesse an St. Pauli und seiner Geschichte. Die Geschichten rund um die Nutella-Bande, ihre Mitglieder und ihre Taten sind auch heute noch faszinierend und Teil jeder authentischen Führung auf dem Kiez.
Die Nutella-Bande verkörpert den Aufstieg und Fall des Hamburger Rotlichtmilieus in einer Zeit, die von Glamour, Macht und Gewalt geprägt war. Ihr Name ist bis heute ein Synonym für eine Ära, in der das Rotlichtmilieu St. Pauli seine internationale Bekanntheit erlangte - ein Erbe, das den Kiez und seine Menschen weiterhin prägt.
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