Politiker Torte ins Gesicht werfen: Geschichte und Hintergründe

Der Wurf einer Torte ins Gesicht von Politikerinnen und Politikern ist eine auffällige, medienwirksame Form des Protests, die in Deutschland wie international immer wieder auftaucht. Neben dem unmittelbaren Akt des „Tortens“ gehören Schlaglichter auf Motive, Medienwirkung und historische Entwicklung zum Verständnis dieser Protestform.

Aktuelle Vorfälle und Kontext

Im Kontext der gegenwärtigen Flüchtlingskrise sind PolitikerInnen erneut Opfer von Tortenattentaten (auch „Tortungen“ genannt) geworden: So trafen die AfD-Funktionäre Beatrix v. Storch und Albrecht Glaeser am 28. Februar 2016 in Kassel zwei Sahnetorten, während die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, am 28. Mai 2016 auf dem Magdeburger Bundesparteitag mit einer Schokoladentorte beworfen wurde.

Die Hintergründe beider diesjährigen Tortenwürfe liegen offenkundig in der öffentlichen Aushandlung der Flüchtlingspolitik: Das Berliner Künstlerkollektiv Peng! hatte das AfD-Bundesvorstandsmitglied v. Storch im Februar 2016 in Kassel bei einer Parteiveranstaltung mit zwei Torten attackiert, aufgrund von Äußerungen zum Schusswaffengebrauch an der deutschen Grenze gegen Flüchtende im Besonderen und der Politik der AfD im Allgemeinen.

Wer steckt hinter dem Angriff gegen Wagenknecht? Bekannt hat sich die Gruppe "antifaschistische Initiative Torten für Menschenfeinde" - eine Bezeichnung, die auf Mitglieder der antifaschistischen Szene hinweist. Ihre Mitglieder zogen nach dem Angriff johlend durch die Reihen der Messehalle und verteilten Flugblätter im Tagungssaal, wie SPIEGEL ONLINE berichtet.

Bei der jüngsten Konfrontation zwischen PolitikerInnen und Bürgern am Rand des Tages der Deutschen Einheit in Dresden blieb es indes bei verbalen Attacken gegenüber der Politik. Dort flogen keine Eier, Windbeutel oder Torten.

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Motivationen der Täter und politische Bezugspunkte

Auf was beziehen sich die Tortenwerfer? Nach den Übergriffen an Silvester in Köln hatte Wagenknecht gesagt: "Wer sein Gastrecht missbraucht, der hat sein Gastrecht eben auch verwirkt." Die Linksfraktion im Bundestag kritisierten die Aussagen ihrer Vorsitzenden damals. Ihre Aussage klang für viele nach dem Sprech der AfD. Diese lobte Wagenknecht auch prompt: "Frau Wagenknecht hat die Situation sehr schön auf den Punkt gebracht", sagte AfD-Vize Alexander Gauland.

Der Angreifer beim Linken-Parteitag begründete den Wurf mit ihren Äußerungen zur Flüchtlingspolitik. Der Angreifer hielt sich dran - und wählte Schoko. Die Linke reagiert mit Entrüstung. Von einer „asozialen“ Aktion sprach Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch, Parteichefin Katja Kipping nannte sie einen „Angriff auf uns alle“.

Öffentliche Reaktionen und rechtliche Folgen

Wagenknechts Partei-Kollegen Dietmar Bartsch und Katja Kipping hielten danach einen Pullover vor das Gesicht voller Kuchen, damit die TV-Teams es nicht filmen konnten. Bartsch nannte die Attacke "asozial", "hinterhältig" und "dumm". Gegen den Werfer selbst ermittelt nun die Polizei von amtswegen wegen versuchter Körperverletzung und Sachbeschädigung. Wagenknecht und die Parteispitze ließen offen, ob sie Anzeige stellen.

Das könnte teuer werden: Der Tortenwerfer auf Ba-Wü-Innenminister Gall etwa musste 1.000 Euro Geldstrafe zahlen. Dazu kamen 1.300 Euro Schmerzensgeld für Galls Personenschützer, der sich beim Einschreiten verletzte. Eine Studentin warf im November eine Torte auf Beatrix von Storch. Statt Geldstrafe wählte sie zwei Wochen Haft.

Medienwirkung und Rolle sozialer Medien

Folgt man Ruchts Ansicht, können die Attacken auf v. Storch und Wagenknecht als hochgradig massenwirksam bezeichnet werden: Sie wurden von einem Projektblog bzw. einem eher klassischen Flugblatt flankiert und konnten durch das Echo der Bilder in Massenmedien und Social Media die von den Aktivisten beabsichtigte breite Wirkung erzielen. Das Thema der Flüchtlingskrise trägt neben der Wahl der Protestform zu dieser Wirkung bei - auch wenn die Tortungen überwiegend scharf verurteilt worden sind.

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Seine besondere Dynamik im Vergleich zu anderen Protestformen gewinnt der Tortenwurf durch den vermehrten Einsatz von sozialen Medien beim symbolisch-körperlichen Angriff, der die PolitikerInnen in aller Öffentlichkeit bloßstellt.

Foto: Sahra Wagenknecht trifft Schokoladentorte auf Parteitag

Geschichte und kulturelle Einordnung

Zuerst in Stummfilmen als humoristisches Element verwendet, habe der Tortenwurf seine politische Bedeutung erstmals im Protest der Studentenbewegung der 1960er Jahre in den USA und Deutschland unter Fritz Teufel mit der Frankfurter „Tortenschlacht“ 1968 erhalten. Schon die 68-er um Fritz Teufel verübten in Hannover eine legendäre Tortenschlacht.

Der Protest- und Bewegungsforscher Dieter Rucht hat den Tortenwurf als neuere Protestform bereits 2012 wahrgenommen: Der Tortenwurf sei erst in einer „Überflussgesellschaft“ möglich geworden, denn in Zeiten von Lebensmittelknappheit habe es keine derartige Verschwendung von Lebensmitteln geben können. Diese Protestform zeichne sich laut Rucht durch die Provokation einer möglichst bildgewaltigen Reaktion der Schadenfreude beim Publikum aus - wobei die angegriffene Person durch die Torte eine „ironische Gabe“ erhalte.

Historische Beispiele in Deutschland und international

Lebensmittelattentate gegen Politiker sind dabei nichts Neues: So traf es bereits hochrangige Politiker wie den Ex-Bundeskanzler Kohl 1991, 1996 und 2000 oder den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff 2011, jeweils mit Geschossen wie Eiern oder Windbeuteln. Beim „Tortenangriff“ handelt es sich um eine etablierte Protestform.

Weitere Beispiele: Beim Bundesparteitag der Linken in Magdeburg wurde Sahra Wagenknecht von einem Studenten mit einer Torte beworfen. Beim „Tortenangriff“ auf Karl-Theodor zu Guttenberg stürmte eine kleine Gruppe in ein Café und klatschte ihm eine Schwarzwälder-Kirsch-Kreation ins Gesicht; die ganze Aktion wurde gefilmt. International rühmt sich der Belgier Noel Godin, in den letzten Jahrzehnten dutzende Politiker und Prominente getortet zu haben, darunter Bill Gates oder Nicolas Sarkozy. In den USA gab es mit der „Biotic Baking Brigade“ eine eigene Vereinigung.

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Tortenschlacht historische Fotografie 1968

Symbolik, Öffentlichkeit und politische Bedeutung

Der Tortenwurf kann als unkonventionelle Partizipationsform politischer Gewalt (gegen Personen) eingeordnet werden. Beim Tortenwurf handelt es sich um einen symbolisch-körperlichen Angriff, der die PolitikerInnen in aller Öffentlichkeit bloßstellt. Die Verwendung des Tortenwurfs als politische Protestform kann in Deutschland als unkonventionelle Partizipationsform politischer Gewalt (gegen Personen) eingeordnet werden.

Dass diese Vorkommnisse auch ein Indiz für einen steigenden Respektverlust gegenüber PolitikerInnen darstellt, kann jedoch bezweifelt werden: Fehlender Respekt gegenüber PolitikerInnen ist kein neues Phänomen; jedoch tritt er infolge der Flüchtlingsthematik, in deren Rahmen die Tortenangriffe zu betrachten sind, erneut und tagespolitisch verstärkt hervor.

Varianten und Weiterentwicklungen des Lebensmittelprotests

Viel Sahne, viel Braunes: Diesmal also war es eine Schokotorte. Vor allem nach der Attacke auf von Storch hatte die Torte einen Popularitätsgewinn in der linken Szene erhalten. In Berlin brachten Demonstranten auf eine Anti-AfD-Demo jüngst ein selbstgebautes Torten-Katapult - was umgehend von der Polizei beschlagnahmt wurde.

Andererorts ist der Torten-Widerstand noch etablierter. In England soll die Lebensmittelkette Tesco vor Jahren wegen wiederholter Attacken ihre Sahnetorten auf ihre Verletzungsgefahr geprüft haben. Der Schuhwurf auf George W. Bush ist ein Beispiel dafür, wie Wurfaktionen in anderen Kontexten ebenfalls zu Protestsymbolen werden können.

Infografik: Entwicklung des Tortenwurfs als Protestform

Reaktionen aus Politik und Gesellschaft

Die Linke reagierte mit Entrüstung: Die Linkstrotzkisten „Klasse gegen Klasse“ jubelten: „endlich“. Sachsens Grünen-Chef Jürgen Kasek sagte dagegen, der Aufschrei zeige, dass der Tortenwerfer „ins Schwarze getroffen“ habe. Die Reaktionen spiegeln die politische Polarisierung wider: Während Teile der Politik und Öffentlichkeit die Tat als asozial und hinterhältig verurteilen, sehen andere die Aktion als legitimen symbolischen Protest gegen bestimmte Positionen.

Der Tortenwurf geriet zum größten Politikum auf dem Linken-Parteitag. Dabei dürfte die Protestform der bewegungsaffinen Partei nicht unbekannt sein. Vor allem nach der Attacke auf von Storch hatte die Torte einen Popularitätsgewinn in der linken Szene erhalten.

Tabelle: Auswahl bemerkenswerter Lebensmittelattentate gegen Politiker

Jahr / Ereignis Opfer Art des Angriffs Kontext / Motiv
1968 Studentenproteste (Fritz Teufel) Tortenschlacht Studentenbewegung
1991, 1996, 2000 Helmut Kohl Eier, Tomaten, Farbbeutel Proteste gegen Regierungspolitik
2011 Christian Wulff Rohe Eier Demonstration vor dem Landtag
2012 Karl-Theodor zu Guttenberg Sahnetorte Kritik an Berufung als Internetberater
2016 (Feb) Beatrix von Storch 2 Sahnetorten Äußerungen zur Flüchtlingspolitik
2016 (Mai) Sahra Wagenknecht Schokoladentorte Äußerungen zur Flüchtlingspolitik
Reportage: Tortenangriffe als politischer Protest - Zusammenfassung und Analyse

Bewertung: Protestwirkung vs. Delegitimierung

Was bedeuten diese Beispiele nun für die Eignung von Tortungen als einer politischen Protestform? Der Tortenwurf als politische Protestform besitzt einen vergleichsweise neuartigen Charakter und erzielt durch bildstarke Aktionen und Verbreitung via Medien und Social Media eine hohe Sichtbarkeit. Diese Sichtbarkeit macht ihn für Aktivistengruppen attraktiv, die mit relativ geringem Aufwand mediale Aufmerksamkeit erzielen wollen.

Gleichzeitig führt die symbolische Körperverletzung oft zu scharfer Verurteilung und rechtlichen Konsequenzen. Politisch decken die Reaktionen ein breites Spektrum ab: Empörung, juristische Ahndung, aber auch Zustimmung von Teilen der radikalisierten Szene oder Sympathie aus dem Publikum, das die bloßstellende Wirkung teilt.

Ausblick auf die Praxis politischer Aktionen

Die Bedeutung des Tortenwurfs als Protestmittel hängt maßgeblich von gesellschaftlichem Umfeld, politischem Thema und medialer Resonanz ab. Während in Zeiten knapper Ressourcen die Verschwendung von Lebensmitteln kaum denkbar gewesen wäre, ist der symbolische Einsatz in der „Überflussgesellschaft“ inzwischen etabliert. Ob solche Attacken langfristig Respektverlust gegenüber PolitikerInnen signalisieren, bleibt offen; sie sind jedoch ein Indikator für die Intensität politischer Auseinandersetzungen in bestimmten Themenfeldern.

Die öffentliche Debatte um Tortenwürfe zeigt, dass diese Aktionsform mehr ist als bloßer „Spaß“: Sie ist ein bewusst gewähltes Mittel zur medialen Inszenierung politischen Protests, mit klarer Symbolik, oft starken Emotionen auf beiden Seiten und rechtlichen Konsequenzen für die Täter.

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