Ohne gleichen Kekse Bedeutung: Die Geschichte und kulturelle Bedeutung der Bahlsen‑Marke

Der Begriff „Ohne gleichen“ ist eng mit der Geschichte der Firma Bahlsen und ihrer Produktgestaltung verknüpft. Von Anfang an hat die Firma Künstler als Gestalter von Dosen für bunte Waffelmischungen oder leckere „Ohne Gleichen“ eingebunden. „Ich kenne keine andere Firma, die so stringent und konsequent 100 Jahre lang mit Künstlern zusammengearbeitet hat“, sagt die Ausstellungskuratorin Alexandra Panzert. Im Jahr 1915 seien sogar 15 Künstler parallel tätig gewesen.

Vom Gründungsjahr bis zur Markteinführung des Leibniz-Kekses

1889 legte Hermann Bahlsen in Hannover den Grundstein für sein Unternehmen, mit dem er die britische Cakes-Kultur nach Deutschland holte. 1889 wurde die Hannoversche Cakesfabrik durch Übernahme des Fabrikgeschäftes engl. Cakes und Biscuits gegründet und hatte zu dem Zeitpunkt zehn Mitarbeiter. 1891 wurde der Leibnizkeks erfunden und 1894 auch in den USA hergestellt. Bahlsen nannte 1891 seine Kekse mit Buttergeschmack (Butter Cakes) in der Art der seit 1886 von Lefèvre-Utile in Nantes produzierten Petit Beurre LU nach dem langjährigen hannoverschen Hofbibliothekar und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der seinerzeit bei der Suche nach einer haltbaren Verpflegung der Soldaten auf Zwieback gestoßen war.

Markenzeichen, Verpackung und der Begriff „TET“

Im Jahr 1903 wurde das seit 1896 als Markenzeichen eingetragene springende Pferd durch das TET-Zeichen ersetzt, das der Grafiker Heinrich Mittag entworfen hatte. „TET“ steht auf den Packungen in Anspielung auf die ägyptische Hieroglyphe für „ewig dauernd“. Die ägyptische Hieroglyphe ḏt (dschet, von Bahlsen „tet“ transkribiert), zusammengesetzt aus den Zeichen I10 (Kobra), X1 (Brotlaib) und N16 (Land, Erde, Ewigkeit) der Gardiner-Liste bedeutet „ewig dauernd“, ein Hinweis auf die durch Verpackung in Wachspapier noch gesteigerte Haltbarkeit des Dauergebäcks. Luftdicht wie eine Mumie im Sarkophag sollte das massenhaft ausgelieferte und auf diversen Weltausstellungen beworbene Gebäck verpackt sein. 1904 kam die erste TET-Packung mit Leibniz-Cakes für 30 Pfennig (das entspricht heute etwa 2 Euro) auf den Markt.

Leibniz‑Keks in historischer TET‑Packung

Werbung, Künstlerdosen und Reklamemarken

Ein besonderes Element der Werbung bildeten die künstlerischen Reklamemarken, die von Bahlsen in den Jahren 1912 bis 1914 herausgegeben wurden. Es gab insgesamt acht Serien von Künstlermarken, die von verschiedenen Künstlern, wie Heinrich Vogeler oder Otto Obermeier, gestaltet wurden. Die Reklamemarken waren beliebte Sammelobjekte. Hauptperson und Erzähler der Bildergeschichte auf den Marken ist ein geflügelter Putto. Die Marken dieser Serie zeigen die erforderlichen Zutaten, den Herstellungs- und Verpackungsprozess und die weltweite Verbreitung des Produkts. Die Reklamemarken wurden den Kunden gegen Einsendung von Gutscheinen, die den Kekspackungen beigefügt waren, zugeschickt. Von Anfang an hat die Firma Künstler als Gestalter von Dosen für bunte Waffelmischungen oder leckere „Ohne Gleichen“ eingebunden.

Künstler und Designgeschichte

Emanuel Josef und Ella Margold, Protagonisten der Wiener Werkstätten, entwarfen zahllose Verpackungen. Ein Münchener Kunstprofessor dekorierte Blechdosen mit Märchenmotiven. In den zwanziger Jahren schuf Martel Schwichtenberg mit der eleganten „Angora-Dose“ - mit einem stilisierten Kätzchen als Motiv - einen Dosenklassiker. Sammler legen heute dafür mehrere Tausend Euro auf den Tisch. Mehr als 200 bunte Keksverpackungen zeigen im Bröhan-Museum in Berlin, einem der Jugendstil- und Art-déco-Epoche und modernem Design gewidmeten Spezialmuseum, dass sich in Verpackungen des 125 Jahre alten hannoverschen Traditionshauses gleich mehrere künstlerische Epochen spiegeln: vom floralen Jugendstil über den Expressionismus bis zur psychedelischen Pop- und Op-Art.

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Historische Bahlsen‑Dosen: Jugendstil bis Pop‑Art

Produktion, Expansion und Firmenchronik

Bahlsen produzierte 2020 ca. 130.000 Tonnen Gebäck. Im Jahr 2000 wurde die Verwaltung wegen Asbestbelastung in den früheren Hauptsitz zurückverlegt. 1889 legte Hermann Bahlsen in Hannover den Grundstein für sein Unternehmen, mit dem er die britische Cakes-Kultur nach Deutschland holte. 1899 hatte das Unternehmen 300 Mitarbeiter, und 1905 fand die erste Fließbandproduktion in Europa statt. 1911 entstanden rund um die ältere Fabrikanlage im hannoverschen Stadtteil List ein Verwaltungsgebäude an der Podbielskistraße sowie ein Fabrikationsgebäude an der Lister Straße. Im Verwaltungsgebäude gibt es neben dem Foyer den kleinen und den großen Sitzungssaal, die dekorativ im Jugendstil ausgestattet sind. Mehrfach tauchen an der prunkvoll gearbeiteten Natursteinfassade aus Langensalzaer Travertin die Darstellungen des Leibniz-Kekses auf. Heute werden am ursprünglichen Firmensitz keine Backwaren mehr produziert. Der große Gebäudekomplex ist renoviert und umgewandelt worden.

Internationale Expansion und Unternehmensstruktur

1967 wurden Bahlsen of North America sowie Vertriebsgesellschaften für Luxemburg und den Niederlanden gegründet, 1969 folgte eine Vertriebsgesellschaft für Belgien. 1972 richtete Bahlsen vermehrt Verkaufsgesellschaften und Auslieferungslager im europäischen Ausland ein, so 1972 in Spanien und dem Vereinigten Königreich. 1980 wurde die Austin Quality Foods Company in Cary (North Carolina) übernommen und damit die Produktion in den USA aufgenommen. 1987 wurde die Produktion im Stammwerk Hannover aufgegeben und ins nahe Barsinghausen verlagert. 1993 fand in der Gruppe eine Umstrukturierung statt; dabei wurde zwischen den zwei Unternehmensbereichen „süß“ und „snack“ unterschieden, die getrennt produzierten. 1999 teilte sich die Bahlsen KG nach familiären Problemen in drei Sparten: süß (Bahlsen), salzig (Lorenz Bahlsen Snack-Gruppe, 2001 in The Lorenz Bahlsen Snack-World umbenannt) sowie Immobilien mit den weiteren Marken der Gruppe.

Unternehmensführung, Eigentümer und jüngere Geschichte

Zwischen 1996 und 1999 gehörte das Unternehmen den drei Gesellschaftern Werner Michael Bahlsen, Lorenz Alexander Bahlsen, dem späteren Gründer der The Lorenz Bahlsen Snack-World, und Andrea von Nordeck († 1998) zu gleichen Teilen. Von 1999 bis 2018 war Werner Michael Bahlsen alleiniger Gesellschafter und zugleich Geschäftsführer. Er ist heute Verwaltungsratsvorsitzender. Der seit 2020 tätige und für die Neuausrichtung zuständige CEO Phil Rumbol verließ 2022 das Unternehmen. Als Interimslösung übernahm ein Management-Team, dem auch die Tochter von Werner M. Bahlsen, Verena Bahlsen, angehörte. Alexander Kühnen übernahm zum 1. Januar 2023 die Position des CEO.

Kontroversen, Aufarbeitung der NS‑Zeit und Erinnerungskultur

Ab 1940 mussten mindestens 200 Zwangsarbeiter aus sieben Ländern im Bahlsen-Werk arbeiten, vorwiegend Polinnen und Ukrainerinnen, die zwangsweise in Barackenlagern lebten. Diese waren aufgrund der damaligen Vorschriften u. a. bei der Bezahlung benachteiligt, standen aber auch auf anderen Ebenen hinter der deutschen Belegschaft zurück. Der Stundenlohn war ein drittel bis ein fünftel niedriger als der der deutschen Arbeiterinnen. Zwangsarbeiterinnen aus Polen mussten das stigmatisierende Polenabzeichen tragen, erhielten kleinere Lebensmittelrationen und eine schlechtere medizinische Versorgung. Sie waren in einem Barackenlager untergebracht und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Nach Bekanntgabe der neuen Forschungsergebnisse räumte die Fabrikantenfamilie Bahlsen Versäumnisse im Umgang mit der NS-Zeit ein. Sie erklärte ihr Bedauern über die mangelnde Aufarbeitung und kündigte ein Engagement des Unternehmens zur Erinnerungskultur an. Dazu zählen eine Gedenktafel und eine Ausstellung mit Dokumenten aus der NS-Zeit in der Firmenzentrale an der Podbielskistraße. Bei Geschichtsprojekten der Käthe-Kollwitz-Schule zu den Bahlsen-Zwangsarbeiterinnen ist eine Kooperation geplant. Die Studie von Hartmut Berghoff und Manfred Grieger wurde 2024 veröffentlicht.

Gedenkarbeit und Dokumente zur NS‑Vergangenheit

Werbung, Slogans und kulturelle Prägung

Der Werbeslogan für Bahlsens Butterkekse lautete 1898: „Was ißt die Menschheit unterwegs?“ Wenn einst die Bahlsen-Kekse aufgegessen waren, bewahrten Tanten und Schwestern Selbstgebackenes, Liebesbriefe oder Strumpfbänder in den hübschen Schatzkästchen auf. Vielfache Gebrauchspuren zeugen davon, dass die schönen Bahlsen-Dosen von Hand zu Hand und von Generation zu Generation wanderten. Im Billigsnackszeitalter kann man davon nur träumen. „Kunst und Keksdose. 125 Jahre Bahlsen“: bis 9. November, Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, in Berlin, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

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Produktwelt „Ohne Gleichen“ und Generationsbedeutung

Von Anfang an hat die Firma Künstler als Gestalter von Dosen für bunte Waffelmischungen oder leckere „Ohne Gleichen“ eingebunden. Wenn einst die Bahlsen-Kekse aufgegessen waren, bewahrten Tanten und Schwestern Selbstgebackenes, Liebesbriefe oder Strumpfbänder in den hübschen Schatzkästchen auf. Die schönen Bahlsen-Dosen wurden zu Gebrauchsgegenständen mit emotionalem Wert und trugen damit zur symbolischen Bedeutung von „Ohne gleichen“ bei: nicht nur als Geschmack, sondern als unvergleichliches, oft liebevoll aufbewahrtes Alltagsobjekt. Für Sammler jedoch sind sie Raritäten.

Ausstellung „Kunst und Keksdose. 125 Jahre Bahlsen“ - Museumsrundgang

Wirtschaftliche Kennzahlen und heutige Marktposition

Die Bahlsen GmbH & Co. KG ist ein deutsches Familienunternehmen der Backwarenbranche mit Sitz in Hannover. Für das Unternehmen werden Umsatzzahlen von rund 528,4 Mio. (angegeben) und ein Jahresumsatz von knapp 530 Millionen Euro genannt, womit sich das Familienunternehmen als global verankerter Keksriese präsentiert. Heute hat Bahlsen an mächtiger internationaler Konkurrenz hart zu knabbern. In Amerika und im mittleren Osten versucht das Unternehmen stärker Fuß zu fassen. Bahlsen produzierte 2020 ca. 130.000 Tonnen Gebäck.

Tabelle: Wichtige Stationen in der Geschichte von Bahlsen (Auswahl)

Jahr Ereignis
1889 Gründung der Hannoverschen Cakesfabrik
1891 Erfindung des Leibnizkekses
1904 Erste TET-Packung mit Leibniz‑Cakes
1905 Erste Fließbandproduktion in Europa
1912-1914 Künstlermarken und Reklamemarken
1940-1945 Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Werk
1967-1980 Internationale Expansion (Niederlassungen, Übernahmen)
1987 Verlagerung der Produktion nach Barsinghausen
1999 Aufteilung der Gruppe in drei Sparten
2013 Diebstahl des „goldenen Kekses“ an der Fassade
2024 Veröffentlichung der Studie zur Unternehmensgeschichte

Kulturelle Rezeption und Sammlermarkt

Für Sammler jedoch sind die historischen Bahlsen-Dosen Raritäten. Mehr als 200 bunte Keksverpackungen zeigen, dass sich in Verpackungen des Traditionshauses gleich mehrere künstlerische Epochen spiegeln. In den Keksdosen bewahrten Generationen persönliche Erinnerungsstücke auf; die Dosen überdauerten als kleine Schatzkästchen und trugen somit zur Popularisierung des Begriffs „Ohne gleichen“ bei. Die Reklamekunst der Keksfabrik Bahlsen hat in zahlreichen Publikationen und Ausstellungen Beachtung gefunden.

Sammler‑Exponate: Blechdosen und Reklamemarken

Fortschreibung der Marke und Gestaltung bis heute

Zwischen 2014 und 2025 veränderte Bahlsen insgesamt drei Mal den Auftritt sowie die Verpackungsdesigns der Marke Bahlsen. 2002 entstand die Zwei-Marken-Strategie; neben dem bekannten Unternehmens-Logo wurden zwei neue Logos für die beiden Produktmarken Bahlsen und Leibniz entwickelt und eingeführt. Bei der Neugestaltung von Packaging und Markenauftritt blieb die Verbindung von Kunst und Produktgestaltung ein wiederkehrendes Element. In der Jubiläumskeksdose aber, erhältlich im Museumsshop, empfiehlt sich das Familienunternehmen mit einem Jahresumsatz von knapp 530 Millionen Euro indes als global gleichmäßig verankerter Keksriese.

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