„Neue Schuhe zum Dessert“: Bedeutung, Herkunft und warum der deutsche Titel in die Irre führt
Der deutsche Buchtitel „Neue Schuhe zum Dessert“ sorgt seit Jahren für Stirnrunzeln - nicht zuletzt, weil er Erwartungen weckt, die Inhalt und Originaltitel nicht einlösen. Der englische Titel "The Other Side of the Story" erklärt schon ganz gut den Reiz des Buches (und passt viel besser als der idiotische deutsche Titel). Wie das Buch zu seinem deutschen Titel kam, ist rätselhaft. Zumindest bei der Hörbuchversion, denn da werden keinerlei Schuhe gekauft.
Gleichzeitig lebt die deutsche Sprache von Redensarten rund um Fuß und Schuh - und genau hier wird die Sache spannend: Die Formulierung hat sehr alte Wurzeln. Auch viele Sprichwörter und Redewendungen verwenden das Bild von Fuß und Schuh: „Fuß fassen“, „auf eigenen Füßen stehen“, „auf die Füße kommen“, „mit beiden Füßen/Beinen im Leben stehen“, „auf großem Fuß leben“, „sich einen Schuh (nicht) anziehen“ handeln von der substanziellen Geste des Besitzergreifens, Zuständigseins, aus der auch der Erstlingsschuh seine Symbolkraft schöpft.
Warum „Neue Schuhe zum Dessert“ semantisch stolpert
Der englische Titel "The Other Side of the Story" erklärt schon ganz gut den Reiz des Buches (und passt viel besser als der idiotische deutsche Titel). Der Titel "Neue Schuhe zum Dessert" ist übrigens dem Originaltitel völlig entfremdet worden. Im Original heißt der Titel nämlich "Other Side of The Story", was doch erheblich weniger nach "Frauenroman" klingt. Man kennt immer nur die Seite der Autoren und nicht die der Verleger oder wie in diesem Fall die der Agenten.
Diese Diskrepanz wird auch in Rezensionen sichtbar: Der Roman begleitet die drei Frauen über etwa ein Jahr durch gute und schlechte Phasen. Das Buch hat 718 Seiten und ich muß sagen, mehr hätten es auf keinen Fall sein dürfen. Wie üblich erzählt Marian Keyes von den Irrungen und Wirrungen ihrer Protagonistinnen mit einer gelungenen Mischung aus Einfühlungsvermögen, Humor und ein klein wenig Überzeichnung. Das liest sich trotz vereinzelter Längen ziemlich unterhaltsam und vergnüglich und es gibt zwar Wendungen, die man schon früh kommen sieht, aber auch so einige Überraschungen und am Ende ist gottlob auch nicht alles kitschig Friede-Freude-Eierkuchen.
Herkunft der Redensarten mit Schuhen: Von Antike bis Alltag
Die Herkunft dieser Redensart wird häufig mit einer Geschichte aus der Antike verbunden. Der Feldherr Paulus Aemilius soll von Freunden gefragt worden sein, warum er sich von seiner schönen und treuen Frau trennen wolle. Daraufhin zeigte er auf seine Schuhe und erklärte sinngemäß, dass diese zwar schön seien, aber nur er wisse, wo sie ihn drücken. Diesen Satz verwenden wir, wenn wir wissen wollen, wo genau ein Problem liegt. Gemeint ist also nicht nur der Schuh selbst, sondern ganz allgemein das, was jemanden belastet.
Lesen Sie auch: Überblick über Ritter Sport Schokoladen
Eine verbreitete Erklärung führt in das Mittelalter zurück. Damals übernachteten fahrende Gesellen häufig gemeinsam in Schlafsälen. Wenn einer von ihnen etwas gestohlen hatte, versteckte er das Diebesgut manchmal in den Stiefeln eines anderen. Diese Redensart bedeutet, dass jemand für etwas verantwortlich gemacht wird, obwohl er gar nichts damit zu tun hat. Noch heute wird sie genau in diesem Sinn verwendet.
Der „freie Fuß“ stand ursprünglich sinnbildlich für Bewegungsfreiheit. Wer nicht gefesselt oder eingesperrt war, konnte sich frei bewegen. Diese Redensart wird bis heute vor allem im rechtlichen Zusammenhang verwendet. Sie bedeutet, dass jemand nicht in Haft ist oder wieder freigelassen wurde.
Weitere geläufige Wendungen: Kälte, Pantoffeln und der falsche Fuß
Wenn jemand kalte Füße bekommt, zieht er sich plötzlich zurück oder verliert im entscheidenden Moment den Mut. Eine bekannte Erklärung führt in die Welt verbotener Glücksspiele zurück. Weil Kartenspiele um Geld untersagt waren, trafen sich Spieler früher angeblich heimlich in dunklen, kalten Kellern. Wer schlechte Karten hatte und aussteigen wollte, konnte die Kälte als Vorwand nutzen und behaupten, er habe kalte Füße bekommen.
Wer mit dem falschen Fuß aufsteht, startet schlecht gelaunt oder unglücklich in den Tag. Eine ältere Erklärung führt ins bäuerliche Leben zurück. Wer sehr früh und noch halb verschlafen aufstehen musste, schlüpfte womöglich falsch in die Pantoffeln. Trat man mit dem linken Fuß in den rechten Pantoffel oder umgekehrt, konnte das unbequem werden oder sogar zu einem unglücklichen Tritt führen. Das Bild ist bis heute sehr verständlich. Die Redensart ist noch heute sehr gebräuchlich.
Diese Redensart klingt heute eher humorvoll und meint einen Mann, der sich zu Hause stark von seiner Partnerin bestimmen lässt. Der Ausdruck geht auf eine Zeit zurück, in der Schuhwerk und Füße symbolisch oft mit Macht und Herrschaft verbunden waren. Während Männer im öffentlichen Leben dominierten, galten Pantoffeln eher als Zeichen des häuslichen Bereichs, der traditionell Frauen zugeschrieben wurde.
Lesen Sie auch: Inspirationen für neue Keksrezepte
„In jemandes Fußstapfen treten“: Tradition und Vorbild
Heute ist die Bedeutung viel weiter gefasst. Diese Redensart nutzen wir, wenn jemand den Weg einer anderen Person weitergeht oder ihrem Vorbild folgt. Besonders oft wird sie im familiären oder beruflichen Zusammenhang verwendet. Bereits im Neuen Testament findet sich das Bild, den Spuren eines Vorbilds zu folgen. Auch in anderen Kulturen, etwa in asiatischen Tempeln mit symbolischen Fußabdrücken Buddhas, taucht diese Vorstellung auf. Die Formulierung hat sehr alte Wurzeln.
Der kulturelle Hintergrund: Erstlingsschuhe als Symbol und Talisman
Er bietet stabilen Halt auf dem Weg in die Selbstbestimmung und dient als Schutzpatron zur Abwehr von Dämonen: der Erstlingsschuh. Fuß und Schuh spielen in vielen alten Bräuchen, in Mythen, Märchen und im Volksglauben eine wichtige Rolle. Die Formulierung „unter jemandes Pantoffel stehen“ drückt dies ebenso aus wie der alte Jägerbrauch, stolz den Fuß auf das erlegte Wild zu setzen.
Erstlingsschuhe, am Automobilrückspiegel platziert, besetzen damit ziemlich eindeutig die Funktion eines Talismans als Glücksbringer, der auch mit den magischen Kräften eines Amuletts - Abwehr von Dämonen, alias Unfällen - ausgestattet ist. Der moderne Mensch, so darf man schließen, zeigt sich bis heute nicht volllständig überzeugt von der ausschließlichen Zuständigkeit moderner Wissenschaft für sein Wohl und Wehe und knüpft halb emotional, halb instinkthaft an alte Vorstellungs- und Bildwelten an, die in sein kollektives kulturelles Gedächtnis eingeschrieben sind. Auch Erstlingsschuhe als Abwehrzauber und ein materalisiertes „Schutzpatronat“ gehören hierher.
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist eine andere. Erstlingsschuhe bezeichnet die Schuhe, in denen das Kleinkind seine ersten Schritte tut, üblicherweise im Alter von ein bis zwei Jahren - als ein Urakt menschlicher Selbstbestimmung, der schon vor Freud die mythisch-magische Vorstellungswelt der Menschen beschäftigt hat. Den ersten Laufschuh des Kindes als Unterpfand vitaler kindlicher Machtergreifung mit besonderer Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Anhänglichkeit zu bedenken, erscheint mit Blick darauf nicht weiter überraschend.
Vom Aberglauben zur Anatomie: Wie Kinder- und Laufschuhe sich wandelten
Seit dieser Zeit ist die paarige Form Standard der Fertigung geworden. Ein Paradigmenwechsel der Schuhgeschichte, der in seinen Auswirkungen auf Fußgesundheit und Tragekomfort kaum überschätzt werden kann. Darüber hinaus machten Kinderschuhe im Laufe des 20. Jahrhunderts auch ein paar Wissenschaftsmoden mit. Unter anderem befürworteten Wissenschaftler eine Zeitlang starre Sohlen. Heute haben sich weiche, biegsame Sohlen allgemein als kindgerecht durchgesetzt.
Lesen Sie auch: Zucker, Öl, Intransparenz: Kakaopulver im Test
Im Zusammenspiel dieser Errungenschaften können Kinderfüße heute weitgehend anatomiegerecht bekleidet werden. Im Prinzip noch ein Grund mehr, seinen Erstlingsschuhen ihren Ehrenplatz am Rückspiegel wiederzugeben.
Der Roman hinter dem Titel: Worum es tatsächlich geht
Gemma ist Eventmanagerin und von Berufs wegen schon dauergestresst, ganz zu schweigen von dem Tiefschlag, den sie erlitten hat, als ihre (ehemals) beste Freundin Lily ihr den Freund ausgespannt hat. Mindestens genauso sehr nagt an ihr, dass Lily nicht nur mit Anton glücklich zu sein scheint, sondern auch noch einen Überraschungsbestseller geschrieben hat. Zwar ist ihr Vater nicht tot, wie sie zunächst befürchtet hätte, aber dass er Knall auf Fall ausgezogen ist und jetzt mit einer viel jüngeren Frau zusammenlebt, wirft Gemmas Mutter komplett aus der Bahn und macht sie völlig unfähig, mit dem Alltagsleben umzugehen.
Lily lebt glücklich und zufrieden mit Anton und ihrer gemeinsamen Tochter Ema zusammen, als ihr das Glück einen Strich durch die Rechnung macht. Nach einem Bombenerfolg mit ihrem ersten Buch lernen sie und Anton schnell, wie schwierig es ist, mit Geld umzugehen. Auch das hat seine Folgen... Und auch Lilys toughe Agentin Jojo hat zu kämpfen. Die ehrgeizige Karrierefrau mit dem untrüglichen Riecher für den nächsten großen Hit auf dem Buchmarkt hat sich zu einer Affäre am Arbeitsplatz hinreißen lassen - ausgerechnet mit einem ihrer Vorgesetzten.
Ist man zunächst gemeinsam mit Gemma stinksauer auf Lily, die ihr einfach so den Kerl weggenommen hat, sieht man die Konstellation mit ganz anderen Augen, wenn sich die Erzählperspektive Lily zuwendet, und Jojo wirkt aus Lilys Blickwinkel ganz anders, als man sie in ihren eigenen Kapiteln wahrnimmt. Allen dreien gemeinsam ist allerdings, dass sie an Scheidewegen im Leben stehen, mit den Konsequenzen unvorhergesehener Ereignisse oder auch eigener wenig durchdachter Entscheidungen leben müssen und feststellen, dass vieles im Leben nicht so ist, wie es zunächst den Anschein hat.
Stimmen aus der Rezeption
- Neue Schuhe zum Dessert wurde insgesamt 21 mal bewertet.
- Der englische Titel "The Other Side of the Story" erklärt schon ganz gut den Reiz des Buches (und passt viel besser als der idiotische deutsche Titel).
- Das Hörbuch ist unterhaltsam. Allerdings konnte die Vorleserin Annette Krause mich nicht überzeugen. Ihre Stimme war mir zu scharf, zu hart irgendwie.
- Was mich allerdings in diesem schon 2004 erschienenen Buch ein wenig gestört hat, war der etwas herablassende Blick auf Frauen über 40.
Zwischen Redensart und Marketing: Was wir aus dem Titelstreit lernen
Man kennt nur die Seite der Verlassenen Ehefrauen oder die der Geliebten. Aber wie die Töchter damit umgehen, sich um ihre verlassene Mutter zu kümmern, die ihr Leben nicht mehr auf die Reihe bekommt. Oder die Seite des Paares die mit der Schuld leben müssen, jemand anderem das Herz gebrochen zu haben, um zusammen sein zu können. Der englische Titel "The Other Side of the Story" erklärt schon ganz gut den Reiz des Buches (und passt viel besser als der idiotische deutsche Titel).
Der Ausdruck geht auf eine Zeit zurück, in der Schuhwerk und Füße symbolisch oft mit Macht und Herrschaft verbunden waren. Die Formulierung „unter jemandes Pantoffel stehen“ drückt dies ebenso aus. In diesem Spannungsfeld wirkt der deutsche Titel wie eine ironische Brechung der langen Kulturgeschichte des Schuhs - allerdings ohne inhaltliche Deckung im Roman.
Tabellarische Übersicht: Redensart, Bedeutung, (angegebene) Herkunft
| Redensart | Bedeutung | Herkunftserklärung |
|---|---|---|
| „Wo der Schuh drückt“ | Frage nach dem genauen Problem/der Belastung | Paulus Aemilius zeigt auf seine Schuhe: nur er wisse, wo sie drücken |
| „Sich einen Schuh anziehen“ | Verantwortung übernehmen bzw. ablehnen | Fahrende Gesellen, verstecktes Diebesgut im Stiefel Unbeteiligter |
| „Auf freiem Fuß sein“ | Nicht in Haft, wieder freigelassen | „Freier Fuß“ als Sinnbild der Bewegungsfreiheit |
| „Kalte Füße bekommen“ | Mut verlieren, Rückzug im letzten Moment | Illegale Kartenspiele in kalten Kellern als Vorwand zu fliehen |
| „Mit dem falschen Fuß aufstehen“ | Schlechter Start in den Tag | Frühes Aufstehen, falscher Pantoffel - unbequemer Tritt |
| „In jemandes Fußstapfen treten“ | Vorbild folgen, Weg weitergehen | Bild im Neuen Testament; symbolische Fußabdrücke in Tempeln |
Fazit zur Bedeutung: Titel, der Erwartungen lenkt - aber Inhalt verfehlt
Nüchtern betrachtet bündelt der deutsche Titel modische und kulinarische Assoziationen, die dem Stoff nicht gerecht werden. Der englische Titel "The Other Side of the Story" erklärt schon ganz gut den Reiz des Buches (und passt viel besser als der idiotische deutsche Titel). Wie üblich erzählt Marian Keyes von den Irrungen und Wirrungen ihrer Protagonistinnen mit einer gelungenen Mischung aus Einfühlungsvermögen, Humor und ein klein wenig Überzeichnung. Man kennt immer nur die Seite der Autoren und nicht die der Verleger oder wie in diesem Fall die der Agenten.
Damit steht „Neue Schuhe zum Dessert“ als Etikett quer zur reich belegten Symbolik von Schuhen in Sprache und Kultur - vom Erstlingsschuh als Talisman bis zu Redensarten, die seit Jahrhunderten unser Sprechen prägen. Das Bild ist bis heute sehr verständlich. Die Redensart ist noch heute sehr gebräuchlich.
tags: #neue #schuhe #zum #dessert #bedeutung #herkunft


