Marc-Uwe Kling: Tiere im Kakao — Zusammenfassung und umfassende Informationen

Marc-Uwe Klings Werk um das kommunistische Känguru ist ein vielschichtiges, satirisches Projekt, das sich über mehrere Bücher, Hörspiele, Comics, Spiele und Verfilmungen erstreckt. Die Känguru-Tetralogie und das erweiterte Universum verbinden Gesellschaftskritik, Bühnenhumor und absurde Alltagsbeobachtungen zu einem eigenen literarischen Kosmos.

Grundidee und Hauptfiguren

Marc-Uwe Kling lebt mit einem Känguru zusammen. Das Känguru ist Kommunist und steht total auf Nirvana. Marc-Uwe ist ein Kleinkünstler der nicht Kleinkünstler genannt werden möchte. Im Prinzip eine klassische Wohngemeinschaft. Die Känguru-Chroniken berichten von den Abenteuern und Wortgefechten dieses Duos - und so bekommen wir endlich Antworten auf die drängendsten Fragen unserer Zeit.

Der Protagonist der Chroniken ist der Ich-Erzähler Marc-Uwe. Er wird als gebildeter, kritischer, selbstreflektierender Intellektueller in seinen späten Zwanzigern charakterisiert. Marc-Uwe ist Mitglied der Berliner Kleinkunstszene (u.a. Poetry Slam, Kabarett und Comedy). Das Geld ist meist knapp, das ändert sich auch nicht, wenn das Känguru einzieht, denn es verdient kein Geld und lässt Marc-Uwe alles bezahlen.

Das Känguru kämpfte angeblich im Vietnamkrieg auf der Seite des Vietcong, und kam nach Kriegsende als Vertragsarbeiter mit seiner Mutter in die DDR. Es ist ein unerbittlicher Kapitalismuskritiker und kämpft für eine gerechte Weltordnung, Brot für alle und das Verbot des so genannten Musikfernsehens. Es ist belesen, argumentiert radikal und konsequent, benimmt sich aber gleichzeitig kindisch, trotzig und zickig.

Satire, Topos des „Edlen Wilden“ und literarische Einbettung

Marc-Uwe Kling beweist in seiner Känguru-Tetralogie eine feinsinnige Beobachtungsgabe für politische und zwischenmenschliche Absurditäten. Dem Känguru fällt dabei die Rolle zu, alles besonders wörtlich zu nehmen und das so lange auf die Spitze zu treiben, bis die Lachtränen ungehemmt fließen. Kling benutzt dabei im Grunde einen in der Literatur seit Jahrhunderten durchaus bekannten Topos, nämlich den des „Edlen Wilden“, der mit unverfälschten, naiven Augen auf unsere Kultur und unsere sogenannten zivilisatorischen Errungenschaften schaut.

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Ganz klar übernimmt das Känguru bei Marc-Uwe Kling die Rolle des „Edlen Wilden“, der der Gesellschaft (und nahezu stündlich auch dem menschlichen Protagonisten Marc-Uwe) den Spiegel vorhält. Das Geniale an Klings Känguru-Charakter ist jedoch, dass Kling das Strickmuster „Edler Wilder“ mit satirischen Mitteln immer wieder unterläuft und so unendliche, sich ineinander verwindende satirische Schleifen dreht, dass diese sich einer Festlegung auf eine bestimmte Geisteshaltung dann doch wieder entziehen.

Aus heutiger, postkolonialer Sicht ist die romantische Verklärung und Exotisierung nichteuropäischer, nichtweißer Ethnien genauso rassistisch und von Vorurteilen geprägt wie die Praxis der Versklavung und Unterwerfung. Eine Verklärung und Idealisierung verstellt eben auch den Blick auf die realen Bedürfnisse von Menschen und presst sie in eine Schublade, in der sie selbst nicht sein wollen.

Die Rolle des Kängurus: Anarchist, (Anti-)Superheld und Egomane

Und so ist der eigentliche Anarchist in der Erzählung das Känguru, auch wenn die Label stets mit Känguru = Kommunist und Marc-Uwe = Anarchist benannt werden. Die Geschichte ist eben deswegen so witzig, weil das Känguru gerade kein Kommunist im eigentlichen Sinne ist und auch nicht streng nach sozialistischen Prinzipien lebt. Es ist anti-hierarchisch, will stets sein eigener Herr (pardon: Känguru) sein und hat einen unabhängigen Geist, der sich jeder Herrschaftsform entzieht, es dominiert alle Gruppen und will am Ende eigentlich am Liebsten immer Recht behalten.

Der nach außen behauptete Kommunismus ist also nur eine Verschleierungstaktik dafür, dass das Känguru im Grunde ein größenwahnsinniger Egomane ist - wenngleich ein besonders liebenswerter -, der sich aber genau wie Marc-Uwe tagtäglich mit dem eigenen Idealismus ein Bein stellt und sich in seinem Leben so gemütlich eingerichtet hat, dass es am Ende viel zu faul ist, um tatsächlich die Weltherrschaft zu wollen.

Zu dieser Verschleierungstaktik gehört auch die ständig wiederholte Behauptung des Kängurus, Mitglied der Vietcong gewesen zu sein. Und wird in den amerikanischen Filmen, die unser Verständnis von den Vietcong geprägt haben, als besonders brutal, wild und gefährlich inszeniert. Das alles passt einfach sehr gut zu den systemkritischen Auffassungen des Kängurus und es gefällt ihm, sich selbst nach außen als latent gefährlich zu beschreiben. Was es im übrigen auch ist: die Kinnhaken des Kängurus sind spektakulär und führen zu einer immensen Ausfallquote unter Nazis wie auch im hauseigenen Boxclub in Marc-Uwes Wohnzimmer.

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Das Känguru wird dabei mehr und mehr, ganz genau wie die sprechenden Tiere in Animationsfilmen und Comics, zum komischen (Anti-)Superhelden: es ist übermenschlich stark und stets auf höchst unschuldige Weise gewaltbereit, setzt diese Kraft aber immer nur zu edlen Zwecken ein, etwa um Nazis zu verprügeln, den Überwachungsstaat auszuhebeln oder um Marc-Uwe zu retten.

Humor, Stilmittel und Erzähltechnik

Die Kolumnen sind eloquent, amüsant und temporeich. Kling schreibt subtil überspitzt und radikal direkt. In Bezug auf seinen Humor sind die Bücher nicht nur alternativlos, sondern auch konkurrenzlos. Legendär sind die absichtlich "falsch" zugeordneten Zitate, die das Känguru teilweise mit Graffiti-Spray auf Wänden oder Scheiben verewigt.

Die Geschichten wurden ursprünglich als wöchentlicher Podcast "Neues vom Känguru" auf dem Berliner Radiosender Fritz ausgestrahlt. Im Jahr 2010 wurde der Podcast mit dem Deutschen Radiopreis in der Kategorie "Beste Comedy" ausgezeichnet. Viele der Texte sind ja als reine Lesebühnentexte entstanden, ohne dass eine Publikation ursprünglich beabsichtigt war.

Jedes Kapitel ist eine in sich abgeschlossene Kurzgeschichte, aber sie bauen aufeinander auf. Die verbindenden Elemente, Running Gags und die rückwirkende Umdeutung von Situationen aus den Anfangskapiteln in späteren Geschichten sind wiederkehrende Stilelemente. So kristallisieren sich bestimmte Konturen der Figuren erst über die ständige Feedbackschleife mit dem Publikum in der Live-Interaktion auf Lesebühnen heraus.

Geschlechtsdarstellung und Identität

Das Känguru erfährt im Verlauf der eine Art rückwirkender Umdichtung seines Geschlechts. „Männlich ... weiblich ... Dit sind doch bürgerliche Kategorien!“ ruft Herta, schon ganz känguruisiert, als Marc-Uwe ihm vorhält, „Leute sagen, du hättest ja einen Beutel, würdest dich aber so männlich verhalten.“

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Und so hat auch das Känguru wie immer eine schlagfertige Antwort parat: „Nur weil ich einen Beutel habe, soll ich ein rosa Tutu anziehen und Wendy lesen, oder was? Soll ich mir ein Überraschungsei für Mädchen kaufen? Soll ich öfter mal heulen, wenn wir uns streiten? Worauf willst du hinaus?“. Und schon sind alle Zweifelnden ihrer Argumente beraubt, das Känguru ist nichtbinär, warum auch nicht. Das Geschlecht des Kängurus ist nicht wichtig, Hauptsache das Tier ist witzig in seinen Eigenschaften.

Rezeption, Adaptionen und multimediale Ausbreitung

Die Texte erschienen in gedruckter Form und als Hörbücher in den Bänden Die Känguru-Chroniken, Das Känguru-Manifest, Die Känguru-Offenbarung sowie Die Känguru-Apokryphen. Die Känguru-Bücher wurden zu Bestsellern; Marc-Uwe Kling ist schnell auf den Bestseller-Listen gelandet.

Im März 2020 kam die Filmkomödie in die Kinos. Es handelt sich um eine Kombination aus Realfilm und Computeranimation. Der Film ist ein moderater Abklatsch der Bücher, die Liebesgeschichte bleibt unterkühlt, der Humor beruht meistens auf billigen Klamauk, und insgesamt wird der "Stil" der Chroniken nicht annähernd erreicht. Dennoch ist der Film nach einer kurzen Eingewöhnungsphase doch recht charmant, hat sympathische Charaktere mit an Bord und trumpft mit so manch berauschendem Moment auf.

2022 folgte Die Känguru-Verschwörung als weiterer Film, zu dem es auch ein Storyboard-Comic gibt. 2020 und 2022 erschienen Filmadaptionen; 2022 gab Kling sein Debüt als Regisseur. Seit Ende 2020 veröffentlichte Zeit Online werktäglich seine Känguru-Comics, die von Bernd Kissel gezeichnet wurden.

Weitere Werke, Spiele und Projekte von Marc-Uwe Kling

Neben der Känguru-Reihe hat Kling diverse Romane, Kinderbücher, Comics und Spiele veröffentlicht: QualityLand und QualityLand 2.0, Der Spurenfinder, VIEWS sowie zahlreiche Kinderbücher wie Das NEINhorn. Spieleprojekte wie Game Of Quotes, More Game of Quotes, Halt mal kurz, Die Känguru-Eskapaden (EXIT-Version) und Kartenspiele erweitern das Werk und vernetzen Leserschaft, Spieler und Live-Publikum.

Die Känguru-Comics 2. Du würdest es eh nicht glauben (2023) enthält alle Comicstrips aus 2022 und 2023 sowie exklusives Bonusmaterial, exklusiv illustriert von Bernd Kissel. Wer über Klings Webshop kauft, unterstützt mitunter wohltätige Organisationen wie Sea Shepherd Deutschland e.V. oder Fridays for Future-Aktivitäten.

Realität, Fiktion und die Inspiration durch echte Känguru-Pflege

Chris „Brolga“ Barnes, genannt „Kangaroo Dundee“, rettet Baby-Kängurus aus den Beuteln ihrer Mütter, die bei Autounfällen getötet wurden, und zieht sie mit der Flasche auf. Beim Anschauen der Dokumentationen über Brolga wird deutlich, wie genial Marc-Uwe Kling diesen Tiercharakter entwickelt hat, der all die Eigenschaften aufweist, die sich einem Känguru tatsächlich zuschreiben lassen. Diese Diskrepanz zwischen Fiktion und Wirklichkeit erzeugt den eigentlich Witz, denn es enstehen zahlreiche absurde Situationen aus genau dieser känguruhaftigkeit des Kängurus.

In der Filmfassung der Känguru-Chroniken ist das animierte Känguru in etwa so groß wie der Marc-Uwe-Darsteller Dimitrij Schaad. Beim Anhören der Tetralogie hatte ich allerdings ganz andere Bilder im Kopf: die vom Roten Riesenkänguru, dessen männliche Exemplare bis zu 1,80 m und 90 kg schwer werden können. Mit aufgepumpten Muskeln möchte man diesen Tieren wahrlich nicht im Dunkeln begegnen, geschweige denn mit ihnen zusammenwohnen.

Illustration eines satirischen Kängurus im Wohnzimmer

Aufbau der Tetralogie und wichtige Titel im Überblick

Titel Jahr Kurzbeschreibung
Die Känguru-Chroniken 2009 Ansichten eines vorlauten Beuteltiers; Beginn der WG-Geschichten in Berlin.
Das Känguru-Manifest 2011 Das politische Satirepotenzial wird ausgebaut, Ministerium für Produktivität und Asoziales Netzwerk.
Die Känguru-Offenbarung 2014 Weltreisen, Pinguin-Antagonisten und eskalierende Verschwörungshalluzinationen.
Die Känguru-Apokryphen 2018 Bonusmaterial, Comicstrips, neue Geschichten und apokryphe Erweiterungen.

Hörbücher, Lesebühnen und Live-Profile

Die Geschichten entstanden vielfach für die Bühne: Seit 2003 tritt Kling auf Berliner Bühnen auf. Wer sich länger in der Poetry-Slam-Szene bewegt, weiß nur allzu gut, dass man sehr viel für die Bühne lernt und frischen Wind in andere Bereiche bringen kann. Viele der Texte sind ja als reine Lesebühnentexte entstanden. Bestimmte Konturen der Figuren kristallisieren sich erst über die ständige Feedbackschleife mit dem Publikum in der Live-Interaktion auf Lesebühnen heraus.

Ich selbst habe die Känguru-Bücher vor allem als Hörbücher gehört - und da hat Marc-Uwe Kling den Style einfach raus. Es wundert mich auch nicht, dass er als eher außergewöhnlicher Charakter in der Literaturwelt schnell auf den Bestseller-Listen gelandet war.

Interview mit Marc-Uwe Kling über die Entstehung der Känguru-Geschichten

Wirkung, politische Dimension und gesellschaftliche Kommentare

Die Känguru-Bücher greifen Themen wie Kapitalismuskritik, Medienkritik, Überwachung, Popkultur und rechte Strömungen auf und verpacken sie in pointierte, humorvolle Dialoge. Selten war Gesellschaftskritik so geistreich und pointiert. Die Erzählungen handeln von Medien- und Sprachkritik über Kapitalismus, Lebens- und Glaubensfragen, zeitgenössische Protestkultur, Karl Marx, Bertolt Brecht, die Rote Armee Fraktion und den Vietcong.

Obwohl jede Kurzgeschichte für sich verständlich bleibt, beginnt Kling ab dem zweiten Band einen übergreifenden Handlungsstrang zu entwickeln. Ab dem zweiten Band werden verschiedene fiktive, quasi-realistische Organisationen und Institutionen eingeführt. Der Humor ist dabei oft radikal direkt und subtil überspitzt, was zu kontroversen, aber stets beachteten Diskursen führt.

Weiterführende Werke und aktuelle Projekte

Marc-Uwe Kling veröffentlichte neben den Känguru-Büchern zahlreiche Romane und Kinderbücher: QualityLand (2017), QualityLand 2.0 (2020), Der Spurenfinder (2023, gemeinsam mit seinen Töchtern), VIEWS (2024) und weitere Projekte. Außerdem entstehen regelmäßig Comics, Spiele und Bühnenprogramme. Seit Dezember 2023 moderiert Kling den Podcast Schreiben und Schreddern.

Die Känguru-Werke sind längst zu einer Marke geworden: Bücher, Hörbücher, Comics, Spiele, Filme und Live-Programme bilden ein eng verflochtenes Universum, das Leserinnen und Zuschauer unterschiedlicher Altersgruppen anspricht.

Empfehlungen für Einsteiger

  • Für den Einstieg: Die Känguru-Chroniken als Hörbuch oder Buch lesen - sie geben das Grundverständnis für Figuren und Stil.
  • Wer den politischen Satirekern schätzt, liest weiter mit Das Känguru-Manifest und Die Känguru-Offenbarung.
  • Für eine multimediale Erfahrung: Comics, Spiele wie Game of Quotes oder die Filmadaptionen ergänzen das Leseerlebnis.
  • Bei Live-Interesse: Lesungen und Lesebühnen-Auftritte vermitteln die volle Wirkung der performativen Texte.

Die Känguru-Geschichten funktionieren auf vielen Ebenen: als kurzweilige Satire, als Gesellschaftskommentar, als live-taugliches Bühnenformat und als Medienfranchise mit hohem Wiedererkennungswert.

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