Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Krebswachstum: wissenschaftliche Fakten

Vielleicht hattest Du auch schon diesen Gedanken: Deine täglichen Mahlzeiten ernähren nicht nur Deinen Körper. Du fütterst auch den Krebs. Die Idee klingt einleuchtend: Zucker ernährt den Krebs, also verhungert er ohne. Es stimmt, Krebs braucht Zucker, um zu wachsen.

Was die Forschung über Zucker und Tumorwachstum sagt

Glukose ist nicht nur die Hauptenergiequelle für Muskel- und Nervenzellen. Auch Tumorzellen verbrauchen enorme Mengen Zucker, um sich schnell vermehren zu können. Krebszellen benötigen viel Energie, um sich zu vermehren. Diese Energie liefert ihnen vor allem Glukose, auch bekannt als Traubenzucker. Krebszellen bauen mehr Glukosetransporter. Das sind Proteine, die Glukose aus dem Blut oder aus dem Gewebe in die Zellen transportieren.

Die ketogene Ernährung fußt auf dem Warburg-Effekt, benannt nach dem deutschen Biochemiker und Arzt Otto Heinrich Warburg: Krebszellen benötigen ungleich mehr Glukose als gesunde Körperzellen, denn ihr Zuckerstoffwechsel ist höchst ineffizient. Statt die Glukose mit hohem Energiegewinn in den Mitochondrien (den zellulären »Kraftwerken«) zu verwerten, bauen sie den Zucker zu Milchsäure ab. Das wirft deutlich weniger Energie ab - gesunde Zellen tun das nur bei Sauerstoffmangel.

Der PI3K-Weg könnte mitverantwortlich dafür sein, dass Menschen mit hohen Insulinspiegeln im Blut, wie bei einem Typ-2-Diabetes, ein 1,2- bis 1,7-fach erhöhtes Risiko für Brust-, Darm-, Harnblasen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs haben. Gelangt nach dem Essen viel Glukose ins Blut, schüttet die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin aus, das den Zucker aus dem Blut in die Körperzellen einschleust. Tumorzellen besitzen ebenfalls Insulin-Rezeptoren. Dockt das Hormon an, stößt es in den bösartigen Zellen eine Signalkette auf Molekülebene an, den Phosphoinositid-3-Kinase-Weg (PI3K), der das Tumorwachstum fördert.

Tierexperimente: Hinweise auf zuckerinduziertes Tumorwachstum

Die hohe Aufnahme an Zucker in unserer Ernährung erhöht möglicherweise das Risiko für Brustkrebs und Metastasen in der Lunge. Dies berichten Wissenschaftler vom MD Anderson Cancer Center (University of Texas) aktuell im Fachjournal Cancer Research. In der aktuellen Studie untersuchten die Wissenschaftler den Einfluss von Haushaltszucker auf Brustdrüsentumorentwicklung in mehreren Mausmodellen zusammen mit Mechanismen, die daran möglicherweise beteiligt sind.

Lesen Sie auch: Fondant-Probleme und ihre Behebung

Demnach traten im Alter von sechs Monaten bei lediglich 30 Prozent der Mäuse mit stärkehaltigem Futter messbare Tumore auf, während 50 bis 58 Prozent der Mäuse, die mit Saccharose angereichertem Futter gefüttert wurden, Brusttumore entwickelten. Diesen Effekt führen die Forscher zum Teil auf eine erhöhte Expression des Enzyms 12-Lipoxygenase (12-LOX) und einer verwandten Fettsäure, genannt 12-HETE, zurück. Beides beschleunigt das Tumorwachstum sowie die Metastasenbildung. Zusätzlich aktiviert verzehrter Zucker die 12-HETE-Bildung in den Brustkrebszellen.

Grafik: Schematische Darstellung der 12-LOX/12-HETE-Signalbahn und Tumorwachstum

Die vorliegende Studie lege nahe, dass Saccharose oder Fruktose die Produktion von 12-LOX und 12-HETE in Brusttumorzellen in vivo verursachen. Dies wiederum deute auf einen Signalweg hin, der für ein zuckerinduziertes Tumorwachstum bei Mäusen verantwortlich ist. In einer Presseinformation des MD Anderson Cancer Center geben die verantwortlichen Wissenschaftler an, dass in keinen früheren Studien die unmittelbare Wirkung des Zuckerverbrauchs auf die Entwicklung von Brustkrebs mithilfe von Tiermodellen untersucht wurde.

Fructose: besondere Risiken und Mechanismen

Welche Auswirkungen hat der Konsum von Fruchtzucker auf Krebszellen? Dies wurde in einer Studie aus den USA ergründet. Die Ergebnisse sind eindeutig. Studie sieht Fruchtzucker als Wachstumstreiber für Krebszellen. Konkret ging es um Melanome (Hautkrebs), Brustkrebs und Gebärmutterhalskrebs. In der Studie wurden Mäuse und Zebrafische längerfristig mit Futter, das viel Fruchtzucker (Fructose) enthielt, ernährt. Die Tiere trugen bereits einen Tumor in sich. Parallel wurde das Wachstum der Tumore gemessen. Mitunter vergrößerten sich die bösartigen Zellen mehr als zweimal so schnell wie sonst.

Wie die Autoren schreiben, gelangt der Fruchtzucker nicht direkt zu den Krebszellen. Im Grunde ist die Leber Schuld. Denn diese sorge im Vorfeld für einen Stoffwechsel, der das Tumor-Futter herstellt. Erst durch ein Enzym in der Leber wird ein Stoffwechsel - die Fructolyse - in Gang gesetzt. Im Rahmen dieser entstehen verschiedene Fette (Lipide). Eines dieser Lipide ist für die Krebszellen besonders wichtig. Es gelangt über das Blut zu diesen. Und diese verwenden es wiederum als Nahrung, um weiterzuwachsen.

Illustration: Wie die Leber Fructose in Lipide umwandelt, die Tumoren nutzen

In einem weiteren Experiment außerhalb des Körpers, in dem Tumorgewebe direkt mit Fructose gefüttert wurde, wurde der Effekt nicht nachgewiesen. Dass der Metabolismus für das Wachstum verantwortlich ist, werteten die Autoren deshalb besonders hoch.

Lesen Sie auch: Warme Milch für Kakao

Was Tierstudien bedeuten - und wo ihre Grenzen liegen

Wie immer gilt jedoch: Was an Tieren getestet wurde, muss am Menschen erst nachgewiesen werden. Die Ergebnisse aus den Mausstudien lassen sich allerdings nicht einfach auf Menschen übertragen. In Versuchen mit Mäusen konnten Forscher zwar zeigen, dass eine ketogene Kost tatsächlich Tumoren in den Nagern schrumpfen ließ. Bei genauerer Betrachtung relativieren sich diese Ergebnisse jedoch: Der positive Effekt bestehe nur, wenn die Mäuse insgesamt weniger zu fressen bekämen - unabhängig von der Diät.

Die Idee, den Tumor »auszuhungern«, ist daher nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragbar: Warburg machte seine Entdeckungen allerdings nicht an Menschen, sondern unter Laborbedingungen. »Die Schlussfolgerung, die aus dem Warburg-Effekt abgeleitet wird, ist im menschlichen Körper so nicht umsetzbar«, erklärt Jutta Hübner, Professorin für integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena. Solange der Organismus lebt, können wir die Tumorzellen nicht von der Zuckerzufuhr in unserem Körper abschneiden. Der menschliche Körper aber ist genauso wie die Krebszellen auf ihn angewiesen und bastelt ihn sich aus Fettsäuren und Eiweißen selbst, wenn er nicht ausreichend mit der Nahrung aufgenommen wird. »Das heißt, wir können unseren Zucker gar nicht in einen kritischen Bereich absenken«, sagt Hübner. Zudem ernähre sich auch der Tumor gerne von den Ketonkörpern und verhungere daher nicht so leicht.

Klinische Studien und Ernährungstherapien beim Menschen

Es gibt vielversprechende Studien und Forschung, die den Glukose-Stoffwechsel der Krebszellen als Angriffsziel nutzen wollen. Doch im Selbstversuch zu Hause mit einer „Diät“ kannst Du keine positiven Effekte erreichen. Wenn Dich eine kohlenhydratarme, eiweißreiche Diät nachhaltig interessiert, kannst Du Dich bei Deiner Onkologin oder Deinem Onkologen über eine Studie zu ketogener Diät erkundigen. Einige Forscherinnen und Forscher haben untersucht, wie sich Krebsdiäten auf die Therapie auswirken. Die einzelnen Studien wurden meist mit wenig Probanden durchgeführt. Zudem hatten sie auch ansonsten methodische Einschränkungen.

Hübner hat sich eingehend mit der ketogenen Ernährung beschäftigt: In ihrem 2021 erschienenen Artikel haben die Ärztin und ihr Team bisherige Studien zur Wirkung dieser Ernährungsweise analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich anhand der Datenlage weder Antitumoreffekte noch lebensverlängernde Effekte nachweisen lassen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin rät in ihrer aktuellen Leitlinie von einseitigen Diäten wie der ketogenen Ernährung ab.

Risiken einseitiger Diäten für Krebspatienten

Viele angebliche Krebsdiäten erhöhen das Risiko von Mangelernährung und Gewichtsverlust. Bei Problemen suche die Hilfe von Fachleuten. Während einer Krebstherapie ist ein Gewichtsverlust jedoch nicht hilfreich. Im Gegenteil: Deine Chancen auf eine Heilung werden dadurch nachweislich geringer. Der Energie- und Substanzverlust kann in der Regel nicht wieder aufgeholt werden. Erkrankten fällt die richtige Ernährung eh schon schwer. Viele Krebspatientinnen oder Krebspatienten leiden aufgrund ihrer Erkrankung unter Appetitmangel und Schmerzen. Ursachen können beispielsweise Entzündungsreaktionen nach einer Chemo- oder Strahlentherapie sein. Das kann dazu führen, dass Krebspatienten ungewollt Gewicht verlieren und es sogar zu einer Mangelernährung kommt.

Lesen Sie auch: Probleme bei der Herstellung von Maiwipferlsaft

Das Gewicht zu halten ist oft ein Problem bei Krebspatienten, vor allem bei denjenigen, die einen Krebs am Verdauungsapparat haben. Da ist oft die Selbstbehandlung am Ende; eine professionelle Ernährungsberatung ist dann sehr wichtig. Manchmal klappt es einfach nicht mit der normalen Ernährung. Dann kommt Formula-Kost ins Spiel. Man nennt das etwas flapsig auch Astronautenkost. Solche Dinge kann auch der Hausarzt verordnen. In diesen Fällen muss man genau schauen, wie man die Ernährung optimieren kann.

Praktische Empfehlungen für Patientinnen und Patienten

Zucker und Kohlenhydrate sind wichtige Energielieferanten und gehören zu einer ausgewogenen Ernährung - auch für Krebspatienten. Denn: Ausreichend Kalorien und Nährstoffe sind wichtig, um Mangelernährung vorzubeugen. Eine ausreichende Versorgung mit allen Nährstoffen - das ist das wichtigste Ernährungsziel bei einer Krebstherapie. Eine professionelle Ernährungsberatung kann dabei unterstützen. Eine ausgewogene Ernährung stärkt Deinen Körper und hilft ihm, die Belastungen einer Krebstherapie zu überstehen.

In der Therapie: Jetzt ist es sehr wichtig, dass Du Dein Gewicht stabil hältst und Du möglichst nicht abnimmst. Dann ist es ok und in einigen Fällen vielleicht sogar sehr hilfreich, süße und kalorienhaltige Speisen zu essen. Sind Deine Therapien abgeschlossen und der Krebs erfolgreich zurückgedrängt, ist es sinnvoll, wenn Du den kurzkettigen Zucker, so gut es geht, reduzierst. Genieße Süßes nur in Maßen. Denn: Studien zeigen, dass Zuckerkonsum viele Krankheiten begünstigt wie Diabetes mellitus und Übergewicht. Vor allem Übergewicht ist bei einigen Krebsarten ein Risikofaktor.

Sport und Bewegung können das Risiko für einen Muskelabbau reduzieren und mögliche Krankheitsfolgen verringern. Neben einer ausreichenden Eiweißzufuhr können Krebspatientinnen und Krebspatienten auch selbst aktiv werden, um einen Muskelabbau zu verhindern: Mit angepasster körperlicher Bewegung stärken sie ihre Muskulatur. Experten empfehlen Patienten, im Rahmen ihrer Möglichkeiten körperlich aktiv zu sein - in jeder Phase ihrer Krebserkrankung.

Experimentelle Ansätze: Nahrungsergänzungsmittel und spezifische Nährstoffe

Statt den Speiseplan ihrer Patienten einzuschränken, testen einige Wissenschaftler die Wirkung verschiedener Nahrungsergänzungsmittel an Mäusen: Der Zucker Mannose, den Forscher um Kevin Ryan von der University of Glasgow ihrem Mäusefutter 2018 zugesetzt haben, hat das Wachstum von Bauchspeicheldrüsenkrebs unter einer Chemotherapie ausgebremst. Da Mannose auf demselben Weg wie Glukose verstoffwechselt wird - ohne dabei Energie zu liefern -, blockiert das Molekül die Energieversorgung der Krebszellen und unterbindet damit ihr Wachstum. Zusätzlich verstärkt Mannose die Wirkung von Chemotherapien: Die Kombination aus dem Zucker und den starken Medikamenten führt dazu, dass weniger Schutzproteine gebildet werden, die normalerweise verhindern, dass sich die Zelle selbst tötet.

Bei Mäusen, die die Aminosäure Histidin zu fressen bekamen, schlug eine Chemotherapie mit dem Medikament Methotrexat besser an. Ohne Fruktose und die für die DNA-Synthese wichtigen Aminosäuren Methionin und Serin wuchsen einige Krebsarten in Tierversuchen weniger stark, wie ein Team um Jason Locasale 2019 zeigen konnte. Bisher wurden die Versuche in Menschen nicht bestätigt. Auch diese Ansätze bergen die Gefahr, dass Patienten Gewicht verlieren - und gerade bei eiweißarmen Diäten Muskelmasse.

Fazit aus der wissenschaftlichen Evidenzlage

Die Frage nach Zucker bei der Krebsernährung ist sehr alt, weil man lange dachte, man sollte den Krebs vielleicht aushungern. Die Idee, den Krebs durch Entzug von Zucker zu bekämpfen, ist jedoch zu einfach. Krebszellen sind ein Teil von Deines Körpers und zapfen bei Zuckermangel Deine Reserven an. Krebszellen „verbrennen“ Glukose ohne Sauerstoffzufuhr. Bei Spitzenbelastungen wie bei einem Sprint für kurze Zeit. Doch das kostet viel Energie. Trotzdem nutzen die meisten Krebszellen diese Form der Energiegewinnung rund um die Uhr. Damit erhöhen sie den Glukosebedarf enorm.

Aktuellere Übersichtsarbeiten sehen weniger den Zucker allein als Gefahr, sondern eher die Kalorienbilanz insgesamt. Das heißt aber noch nicht, dass Zucker an sich ein direkter Risikofaktor ist und Krebs verursacht. Die Datenlage zeigt: Tierstudien liefern Hinweise auf Mechanismen und mögliche Ziele, aber belastbare, groß angelegte Studien beim Menschen, die klare Empfehlungen für restriktive Diäten bei Krebspatienten erlauben, fehlen bislang.

Interview mit Onkologin über Ernährung und Krebs

Worauf es in der Praxis ankommt

  • Gewicht stabil halten: In der Therapie ist es zentral, nicht abzunehmen.
  • Ausgewogene Ernährung: Kohlenhydrate, Proteine und Fette liefern notwendige Kalorien und Bausteine.
  • Professionelle Beratung: Ernährungsberatung kann helfen, Mangelernährung zu verhindern.
  • Bewegung: Angepasste körperliche Aktivität reduziert Muskelabbau und stärkt die Lebensqualität.
  • Vorsicht vor einseitigen Diäten: Ketogene oder streng zuckerfreie Diäten können Nebenwirkungen und Gewichtsverlust verursachen.

Wichtige Erkenntnisse kurz

  1. Zucker liefert Energie, die Krebszellen nutzen; das allein erlaubt aber keine einfache Diätlösung.
  2. Tierstudien deuten auf Mechanismen (z. B. 12-LOX/12-HETE, Fructose-bedingte Lipidbildung), die tumorfördernd wirken können.
  3. Die Übertragbarkeit von Maus- auf Menschenergebnisse ist begrenzt; belastbare klinische Belege fehlen.
  4. Während der Krebstherapie steht die ausreichende Kalorien- und Nährstoffversorgung im Vordergrund.

Wenn Dich eine kohlenhydratarme, eiweißreiche Diät nachhaltig interessiert, kannst Du Dich bei Deiner Onkologin oder Deinem Onkologen über eine Studie zu ketogener Diät erkundigen. Bei Problemen suche die Hilfe von Fachleuten.

tags: #Zusammenhang #zwischen #Zuckerkonsum #und #Krebswachstum #wissenschaftliche

Populäre Artikel: