Hintergrundinformationen: Lindt & Sprüngli, Kinderarbeit und Kakao – Herausforderungen und Initiativen

Die Schokoladenindustrie ist ein globales Milliardenbusiness, in dem jährlich laut der Marktforschungsagentur IBIS World 226 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Lindt & Sprüngli ist Teil dieser Branche und bezieht den Hauptanteil seiner Kakaobohnen aus Ghana, einem der weltweit wichtigsten Kakaoproduzenten. Doch hinter dem Genuss der berühmten Lindt-Produkte steckt eine komplexe Lieferkette, die von sozialen und ökologischen Herausforderungen geprägt ist: Kinderarbeit, Umweltzerstörung und prekäre Lebensbedingungen für Kakaobäuer:innen gehören zu den Kernproblemen des Kakaoanbaus in Westafrika, insbesondere in Ghana und der Côte d’Ivoire.

Kakaoplantagen Westafrika, Kinderarbeit, Kakaoernte

Kakaoanbau in Ghana: Krise auf den Plantagen und ökologische Herausforderungen

Der Kakaoanbau in Ghana steckt derzeit in einer beispielslosen Krise. Die Böden sind durch Trockenheit, Monokulturen und vom Einsatz synthetischer Dünger und Pestizide ausgelaugt. Durch die Klimakrise haben sich Phasen mit täglichen Höchsttemperaturen von über 32 °C im letzten Jahrzehnt um drei Wochen pro Jahr verlängert. Viele Böden sind durch den Kakaoanbau in Monokulturen und den zunehmenden Einsatz von Düngern und Pestiziden ausgelaugt. Der illegale Goldabbau («Galamsey») zerstört ganze Landstriche, vergiftet Flüsse mit Quecksilber und Schwermetallen und dringt zunehmend in Kakaoanbaugebiete ein. Zudem sind viele Farmen mittlerweile vom «Swollen shoot»-Virus befallen, einem Virus, das bis zu 50 Prozent der Ernte vernichtet und später die Bäume absterben lässt. Ein Mittel dagegen gibt es nicht.

Westafrika produziert 70 Prozent des weltweiten Kakaos. Ghana ist nach der Côte d’Ivoire der zweitgrößte Kakaoproduzent und produziert jährlich rund 800.000 Tonnen Kakao. Rund 850.000 Familien in Ghana sind vom Kakaoanbau abhängig; es ist das wichtigste landwirtschaftliche Exportgut des Landes.

Pestizideinsatz und gesundheitliche Risiken

Im Rahmen des Nachhaltigkeitsprogramms von Lindt & Sprüngli nutzen ghanaische Kakaobäuer:innen Pestizide, die in der EU und der Schweiz verboten sind - und gefährden damit ihre Gesundheit. Die Insektizide «Confidor» und «Akate Master», die von den Ecom-Agronom:innen auf Williams Farm gebracht wurden, enthalten Wirkstoffe, die in der EU und der Schweiz verboten sind, weil sie die menschliche Gesundheit und die Umwelt gefährden. Diese werden vom «Pesticide Action Network» (PAN) als «highly hazardous pesticides» (HHP) eingestuft. Bestimmte HHPs sind dafür bekannt, akute und chronische Gesundheitsschäden zu verursachen und können die Funktion des Nervensystems sowie die Fortpflanzungs- und Entwicklungsfähigkeit beeinträchtigen.

PestizidWirkstoffEU/Schweiz StatusRisiken
ConfidorImidacloprid (Neonicotinoid)verbotenGefährlich für Bienen, reichert sich in Böden & Umwelt an
Akate MasterThiamethoxam (Neonicotinoid)verbotenGefährlich für Bestäuber, Umweltgefahren
ParaForceParaquat (Herbizid)verbotenTödlich, billiger Erwerb möglich
King KongGlyphosat (Herbizid)eingeschränkt, voraussichtlich krebserregend laut WHOKrebsrisiko

Teilweise werden hochgiftige Pestizide mit bloßen Händen gemischt. Die Befragten setzten bis zu 13-mal mehr Pestizide ein, als es von den Herstellern empfohlen wird. Eine Studie von 2014 hat Konzentrationen des Wirkstoffs Imidacloprid in Ghanas Böden von 4.3 bis 251.4 ng/g gefunden - sehr hohe Werte im Vergleich zu Europa. Auch Rückstände von Aldrin, Lindan und Endosulfan wurden in Kakaobohnen nachgewiesen - diese stehen auf der Verbotsliste internationaler Vereinbarungen.

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Sozioökonomische Faktoren: Einkommen und Bürokratie

Die Kakaobäuer:innen in Ghana spüren vom Preisanstieg praktisch nichts, anders als Bäuer:innen in Südamerika. Das liegt unter anderem an der Kakaobürokratie in Ghana: Das staatliche Ghana Cocoa Board (Cocobod) legt den Preis, den die Kleinbäuer:innen pro Sack Kakao erhalten, jeweils ein Jahr im Voraus fest. Über 30 Prozent der Exportpreise streicht die Behörde für Marketing, Qualitätskontrolle, Steuern und Sprayprogramme selbst ein. Viele Bäuer:innen beklagen sich über Ineffizienz und Korruption bei Cocobod. Das Geld, das ihnen zustehen würde, versickert in der Bürokratie.

2024 verdienen Kakaobäuer:innen in Ghana durchschnittlich rund 2000 US-Dollar pro Jahr. Über 90 Prozent der ghanaischen Kakaobäuer:innen verdienten 2024 weniger als die 4315 US-Dollar, die zum Abdecken der Grundbedürfnisse und für ein Leben ohne Armut nötig wären (Adjusted Living Income Benchmark). Viele sprechen dabei von einer «poverty trap», einer Armutsfalle.

Struktur des Kakaoanbaus in Ghana, Arbeitskräfte, Bürokratie

Lindt & Sprüngli: Lieferkette, Nachhaltigkeitsprogramme und Kinderarbeit

Lindt & Sprüngli arbeitet nach eigenen Angaben mit über 61.000 ghanaischen Kakaobauern zusammen und bezieht rund 90 Prozent des Kakaos aus Ghana und der Côte d’Ivoire. Das Unternehmen hat das «Lindt & Sprüngli Farming Program» als Teil seiner Nachhaltigkeitsstrategie etabliert. Ziel des Programms ist es, die Widerstandsfähigkeit der Kakaobäuerinnen und -bauern sowie ihrer Familien zu stärken und nachhaltigere Anbaumethoden zu fördern. Das Logo des «Lindt & Sprüngli Farming Programs» (eine gelbe Kakaoschote auf braunem Hintergrund) findet sich auf den meisten Lindt-Produkten und soll dafür bürgen, dass der Kakao nachhaltig und fair produziert wurde.

Die Umsetzung in Ghana erfolgt über Rohstoffhändler wie Ecom, die vor Ort aktiv sind. Die Agronom:innen von Ecom bringen Schulen, Bohrlöcher, Bodenproben, chemischen Dünger und Insektizide auf die Farmen. Lindt finanziert Schulbau und die Renovierung von Wassersystemen - seit 2008 wurden laut eigenen Angaben 41 Schulen gebaut oder renoviert und 224 Wassersysteme installiert.

Nachhaltigkeit, Zertifizierungen und Kontrollen

  • Seit 2020 sind laut Unternehmensangaben 100% der Kakaobohnen rückverfolgbar und extern verifiziert.
  • Bis 2025 sollen alle Kakaoprodukte über Nachhaltigkeitsprogramme bezogen werden.
  • Seit 2026 ist der gesamte Kakao von Lindt & Sprüngli Rainforest Alliance zertifiziert.
  • Die Rainforest-Alliance-Zertifizierung dient als Grundlage, ergänzt durch eigene Investitionen und Maßnahmen zur Lösung wesentlicher Herausforderungen im Kakaosektor wie Kinderarbeit, existenzsicherndes Einkommen, Emissionssenkungen und Waldschutz.

Ein firmeninterner Supplier Code of Conduct verpflichtet alle Lieferanten, keine Kinderarbeit zuzulassen und die strengsten nationalen und internationalen Standards einzuhalten - dazu gehören unter anderem die ILO-Konventionen. Wo Risiken festgestellt werden, organisiert Lindt zusätzlich Kontrollen bei den Bauern selbst (internes Monitoring und externe/unabhängige Verifizierung).

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Soziales Engagement und Infrastrukturprojekte

Lindt & Sprüngli hat eigene Programme zur Förderung des Schulbesuchs und zur Infrastrukturverbesserung gestartet. So wurde beispielsweise in Ghana der Bau von 29 Schulen begonnen, um 3.034 Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen. Nach eigenen Angaben werden Familien ermutigt, dem Schulbesuch ihrer Kinder Priorität einzuräumen und nicht während der Schulzeit auf den Farmen arbeiten zu lassen.

Lindt Farming Program: Schulbau & Infrastruktur, Ghana

Kinderarbeit: Problem und Maßnahmen im Kakaoanbau

Kinderarbeit ist ein lange bekanntes, weitverbreitetes Problem. Laut einer Studie der Abteilung für internationale Arbeit des US-Arbeitsministeriums müssen über 1,5 Millionen Kinder auf den Kakaoplantagen Ghanas und der benachbarten Elfenbeinküste arbeiten. Die beiden Länder decken 60 Prozent des internationalen Kakaobedarfs. Kinderarbeit ist ein strukturelles, systemisches Problem - der niedrige Lohn der kleinen Farmen gehört zu den Hauptgründen.

Eine aktuelle Auswertung der NGO «Public Eye» zeigt, dass EU-Mitgliedsländer 2024 den Export von fast 122.000 Tonnen Pestiziden genehmigten, die auf eigenem Gebiet wegen inakzeptabler Risiken für Gesundheit oder Umwelt nicht zugelassen sind. Der UN-Sonderberichterstatter Marcos Orellana empfiehlt der ghanaischen Regierung, sämtliche Importe von hochgefährlichen Pestiziden zu verbieten, die in den Herkunftsländern verboten oder eingeschränkt sind.

Recherchen der «Rundschau» in Ghana zeigen Kinderarbeit bei Kakaobauern, deren Kakao bei Lindt & Sprüngli landet. Für Lindt & Sprüngli hat die Bekämpfung von Kinderarbeit «höchste Priorität» - so das Marketingversprechen. Doch die Realität zeigt: In den Kakaoplantagen rund um Tepa sind Fälle von verbotener Kinderarbeit dokumentiert, in denen Kinder Kakaoschoten schleppen und während der Ernte den Unterricht versäumen.

Lindt bezieht Kakao von rund 80.000 Bäuerinnen und Bauern in Ghana und ist damit einer der wichtigsten Abnehmer von Kakao dieses Landes. Seit 2016 führt Lindt ein Kinderarbeitsmonitoring durch, das auf unangemeldete Besuche bei den Kakaobauern basiert. Bei 8.491 solcher Besuche im Jahr 2021 deckte Lindt 87 Fälle von Kinderarbeit auf - im Vergleich zu 53.839 Fällen bei Barry Callebaut.

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UnternehmenAnzahl BauernFälle Kinderarbeit (2021)Monitoring-System
Lindt & Sprüngli80.00087Unangemeldete Besuche, CLMRS
Barry Callebaut250.00053.839CLMRS-System

Das Child Labor Monitoring and Remediation System (CLMRS) ist grundlegendes Instrument der Sorgfaltspflicht. Bei identifizierten Fällen von Kinderarbeit werden Gespräche mit den Eltern gesucht und Lösungen erarbeitet - von Ermahnungen bis Sensibilisierungstrainings. Kakaobauern bekommen Alternativen zur Plantagenarbeit angeboten und Kinder werden registriert, um Schulbücher oder den Schulbesuch zu ermöglichen.

Doch Kritik bleibt: Lindt verfügt in Ghana weder über eine Niederlassung noch über Angestellte vor Ort, sondern hat das Programm an Ecom ausgelagert. Die Überwachung durch die Schokoladenfirma gilt als unzureichend. Ein Vergleich der Überwachungssysteme der Hersteller zeigt unterschiedliche Zahlen, auch weil die Methoden divergieren.

Rainforest Alliance und Zertifizierung: Bemühungen und Grenzen

Auf vielen Schokoladenpackungen prangt das Siegel der Rainforest Alliance, das für ökologische und soziale Nachhaltigkeit stehen soll. Die Organisation gibt zu, dass sie zwar gegen Kinderarbeit kämpfe, nicht aber garantieren könne, dass Produkte mit ihrem Siegel frei von Kinderarbeit sind.

Eine Broschüre von Lindt & Sprüngli erklärt die Funktionsweise ihres CLMRS-Systems: Wenn Lieferanten Kinderarbeit entdecken, müssen diese Kinder registriert und Alternativen zur Plantagenarbeit angeboten werden. Die Namen, Aufenthaltsorte und Alternativpläne werden in Listen dokumentiert - jedoch gab es Fälle, in denen überprüft wurde, ob die Schüler tatsächlich den Unterricht besuchen, und vor Ort gab es oft Abweichungen zwischen den Listen und der realen Anwesenheit der Kinder in Schulen.

Die Realität des Kakaoanbaus: Kinderarbeit und Zertifizierungen

Ausblick: Herausforderungen und Initiativen für bessere Bedingungen

Der Lindt & Sprüngli 2030 Sustainability Plan legt Ziele und Kennzahlen fest, anhand derer die Fortschritte der Gruppe im Bereich Nachhaltigkeit gemessen werden. Das Ziel ist, bis Ende 2025 in Ländern mit erhöhtem Risiko von Kinderarbeit 100 Prozent des Kakaos von Bauern zu beziehen, die vom CLMRS-System abgedeckt sind. Lindt & Sprüngli investiert gezielt in Prävention und Infrastruktur. Ein Pilotprojekt zur Agroforstwirtschaft wurde in der Elfenbeinküste gestartet, um Anbausysteme diversifizieren und ökologisch verträglich zu gestalten.

Doch trotz aller Bemühungen zeigt die Realität auf vielen Plantagen, wie etwa in Bisakrom, dass die Kinderarbeit im Kakaoanbau weiterhin ein großes Problem bleibt und bestehende Systeme oft Lücken aufweisen. Die Schweiz ist ein globales Schwergewicht im Kakaohandel, und die Verantwortung für nachhaltige und faire Lieferketten bleibt im Fokus der öffentlichen Kritik - sodass sich Initiativen und Kontrollen weiterentwickeln müssen, um die Lebensumstände der Kakaobauern und ihrer Familien langfristig zu verbessern und Kinderarbeit dauerhaft zu verhindern.

Lindt & Sprüngli Schokoladentempel, Home of Chocolate, Unternehmensgeschichte

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