Johanniskraut und Schokolade: Wie entstehen gefährliche Wechselwirkungen?
Die gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut und Schokolade klingt auf den ersten Blick harmlos, doch dahinter verbergen sich komplexe und teils schwerwiegende Wechselwirkungen. Viele Menschen unterschätzen, dass pflanzliche Präparate wie Johanniskraut und alltägliche Genussmittel wie Schokolade die Wirkung von Medikamenten massiv beeinflussen können - mitunter mit lebensgefährlichen Folgen.
Warum sind Kombinationen mit Johanniskraut kritisch?
„Pflanzen sind doch harmlos“, denken viele, doch gerade Johanniskraut (Hypericum perforatum) gilt als Paradebeispiel für ein pflanzliches Präparat mit weitreichenden Arzneimittel-Interaktionen. Obwohl die Arzneipflanze rezeptfrei erhältlich ist, bringt sie es auf eine beachtliche Zahl von Wechselwirkungen. Bereits seit Jahren ist bekannt, dass Johanniskraut sowohl Cytochrom-P-450-Isoenzyme, vor allem CYP3A4, als auch P-GP induziert. Dadurch werden andere Medikamente schneller um- und abgebaut.
Diese Effekte, so zeigen klinisch relevante Interaktionsstudien, haben gravierende Folgen für die Wirkung von gleich eingenommenen Arzneimitteln: So kann Johanniskraut den Blutspiegel des Herzmedikaments Digoxin um ein Drittel senken. Vom Blutfettsenker Simvastatin fanden Wissenschaftler nach Einnahme eines Johanniskraut-Präparats nur noch weniger als die Hälfte im Blut der Studienteilnehmer. Auch Hormonpräparate wie die Antibabypille können durch die beschleunigte Metabolisierung an Wirkung verlieren - was zu ungewollten Schwangerschaften führen kann.
Gerade ältere Patientinnen und Patienten, die ohnehin mehrere Medikamente einnehmen (Polymedikation), sind besonders gefährdet. „Je nach Menge verursacht Johanniskraut drastische Wechselwirkungen“, sagt Prof. Dr. Wehling. Die Wahrscheinlichkeit für eine Digoxinvergiftung steige, ebenso das Risiko für eine Herz- oder Nierenabstoßung nach einer Transplantation.
Überblick besonders betroffener Arzneimittelgruppen:
- Immunsuppressiva (Cyclosporin, Tacrolimus): Risiko einer Abstoßung nach Organtransplantation
- Herzglykoside (Digoxin): Wirkungsminderung, Gefahr akuter Komplikationen
- Statine (zum Beispiel Simvastatin, Atorvastatin): Wirkungseinbußen, Gefahr erhöhter Cholesterinwerte
- Hormonpräparate (Antibabypille): Versagen der Empfängnisverhütung
- Antidepressiva (insbesondere MAO-Hemmer): Gefahr lebensbedrohlicher Blutdruckkrisen
Schokolade, MAO-Hemmer und das Risiko schwerer Zwischenfälle
Viele Antidepressiva - sogenannte MAO-Hemmer - hemmen den Abbau von Tyramin, einem Stoff, der in Lebensmitteln wie Schokolade, gereiftem Käse, Rotwein, Trockenfrüchten oder Salami enthalten ist. Kommt in der Ernährung viel Tyramin vor, drohen bei MAO-Hemmern schwere, teils lebensbedrohliche Blutdruckkrisen („Cheese-Effect“).
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Ein berühmter Extremfall ist aus der medizinischen Literatur bekannt: Nach dem Genuss großer Mengen Schokolade während der Einnahme eines MAO-Hemmers starb ein Patient an einem Hirnschlag. Schuld war das im Kakao enthaltene Tyramin.
Daher sollten insbesondere Patienten mit Depressionen, die MAO-Hemmer wie Tranylcypromin oder Moclobemid einnehmen, unbedingt auf tyraminreiche Kost und damit auch auf Schokolade, Rotwein, gereiften Käse und ähnliche Lebensmittel verzichten. Zwischen der Einnahme von Antidepressiva und dem Kaffeekonsum sollte mindestens eine Stunde Zeit liegen.
| Medikamentenklasse | Risikolebensmittel | Mögliche Nebenwirkungen |
|---|---|---|
| MAO-Hemmer | Schokolade, Käse, Rotwein, Trockenfrüchte | Bluthochdruckkrise, Schlaganfall |
| SSRI/Trizyklika | Kaffee, Tee, Wein | Abgeschwächte Medikamentenwirkung |
Johanniskraut - unterschätztes Wechselwirkungspotenzial
Johanniskraut, häufig in (nach) Prüfungsphasen als Stimmungsaufheller genutzt, mindert nachweislich die Wirkung vieler Medikamente. Neben den erwähnten Veränderungen bei Herzmitteln und Antidepressiva nimmt die Liste an Interaktionen fast von Jahr zu Jahr zu. Unter anderem können Immunsuppressiva, orale Antidiabetika, Statine, Antikoagulanzien und Antikonvulsiva betroffen sein.
Bestimmte Inhaltsstoffe des Johanniskrauts sind in der Lage, die Aktivität bestimmter Leberenzyme zu fördern, die im Körper für den Abbau von Arzneimitteln (und Giftstoffen) zuständig sind. Wenn diese Enzyme die Wirkstoffe zu schnell abbauen, kann das Medikament - in diesem Fall etwa die Pille - seine vorgesehene Funktion (teilweise) einbüßen.
Dass auch pflanzliche Arzneimittel, die in der Öffentlichkeit häufig als frei von Nebenwirkungen und Interaktionen gelten, unerwünschte Wechselwirkungen mit Arzneimitteln haben können, zeigen sorgfältige Studien, etwa eine Arbeitsgruppe der Charité in Berlin.
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Mögliche Folgen: Von Wirkungslosigkeit bis Lebensgefahr
- Herzrhythmusstörungen oder Muskelkrämpfe durch Wechselwirkung mit Statinen und Grapefruitsaft
- Blutgerinnungsstörungen durch gleichzeitige Einnahme von Antikoagulanzien mit Goji-Beeren, Knoblauch oder Granatapfelsaft
- Versagen der Empfängnisverhütung durch Johanniskraut-Präparate
- Schlaganfälle oder Herzstillstand durch Kombinationsfehler bei Schlafmitteln, Alkohol und bestimmten Lebensmitteln
Die Wechselwirkungen entstehen häufig durch Beeinflussung der Leberenzyme (z.B. CYP 3A4), die tagelang aktiv bleiben können. Das bedeutet, dass eine zeitversetzte Einnahme - wie oft empfohlen - meist nicht ausreicht, um die Gefahr zu bannen.
Die Wirkung vieler Arzneimittel kann auf diese Weise derart verstärkt oder abgeschwächt werden, dass der Patient im Extremfall sogar eine Über- oder Unterdosierung erfährt. Klinische Folgen können gefährlich niedriger Blutdruck, schwere Muskelschäden, Rhythmusstörungen, Atembeschwerden, Kopfschmerzen oder Schwindel sein.
Von vielen Studenten in (oft auch nach) der Prüfungsphase als kleiner Stimmungsaufheller genutzt, mindert die Pflanze die Wirkung vieler Medikamente. Ebenso setzt es unter Umständen auch Hormonpräparate wie die Pille außer Gefecht - und da hilft dann auch kein Johanniskraut mehr.
Was kann man tun? Tipps für sichere Medikamenteneinnahme
- Medikamente immer mit ausreichend Wasser einnehmen - niemals mit Milch, Grapefruitsaft, Kaffee oder Alkohol.
- Mindestens zwei Stunden Abstand zwischen der Einnahme von Medikamenten und riskanten Lebensmitteln halten; zum Beispiel bei Antibiotika und Milchprodukten oder bei Eisenpräparaten und Kaffee.
- Fragen Sie Apotheker oder Ärzte gezielt nach Wechselwirkungen - gerade bei Pflanzenpräparaten, Nahrungsergänzungsmitteln oder bei mehreren gleichzeitig eingenommenen Medikamenten.
- Nutzen Sie professionelle Beratungsangebote, wie computergestützte Interaktionsprüfungen in Apotheken.
Unsere Pharmazeuten haben die wichtigsten Wechselwirkungen für Sie zusammengestellt. Mit dem richtigen Wissen und professioneller Beratung können Sie sich schützen. Wechselwirkungen sind eine reale Gefahr - aber eine vermeidbare.
Die Rolle alltäglicher Lebensmittel
Etliche Lebensmittel können die Wirkung von vielen Medikamenten (lebensgefährlich) verändern. Schon gewöhnlicher Grapefruitsaft, Rotwein, schwarzer Tee, Kaffee oder Milch können in Verbindung mit bestimmten Arzneimitteln zu Problemen führen, indem sie deren Aufnahme oder Abbau im Körper hemmen oder beschleunigen.
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Deshalb gilt:
- Medikamente immer mit Wasser nehmen
- Beipackzettel sorgfältig lesen und Hinweise zu Lebensmitteln beachten
- Bei Unsicherheiten stets Rücksprache mit Ärztin oder Apotheker halten
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