Ist Rübenzucker (Isomaltulose) für Diabetiker geeignet?

Der natürliche Zweifachzucker Isomaltulose besteht wie Haushaltszucker aus Trauben- und Fruchtzucker, ist für Menschen mit Typ-2-Diabetes aber anscheinend besser geeignet: Nach dem Verzehr von Isomaltulose steigt der Blutzuckerspiegel weniger stark an als nach dem Verzehr von Haushaltszucker, obwohl beide Zuckerarten aus denselben Einfachzuckern aufgebaut sind und im Dünndarm komplett verdaut und aufgenommen werden.

Was ist Isomaltulose (Palatinose)?

Isomaltulose wird aus Rübenzucker hergestellt und auch ein natürlicher Bestandteil von Honig oder Zuckerrohr. Isomaltulose ist zahnfreundlich, weil die Bakterien im Mund daraus keine Säure bilden können. Isomaltulose hat genauso viele Kalorien wie Zucker, wird aber langsamer verstoffwechselt, der Blutzucker steigt deshalb weniger stark an als bei normalem Haushaltszucker. Eingesetzt wird Isomaltulose z. B. in Wellness- und Schlankheitsdrinks und in Energieriegeln. Auch als reinen, körnigen Zucker gibt es Isomaltulose (Markenname: Palatinose) zu kaufen.

Isomaltulose-Molekül und Vergleich mit Saccharose

Studienlage: Was zeigen Untersuchungen bei Typ‑2‑Diabetikern?

Dass Isomaltulose (Markenname: Palatinose) den Blutzucker weniger stark ansteigen lässt als normaler Haushaltszucker, ist durch Untersuchungen belegt. Daher untersuchten die DIfE-Wissenschaftler die Stoffwechselwirkung von 50 g Isomaltulose bzw. 50 g Haushaltszucker im Rahmen einer Studie an 10 Erwachsenen, die von Typ-2-Diabetes betroffen sind. In der aktuellen Studie ließ Isomaltulose im Vergleich zum Haushaltszucker die Blutzuckerwerte der Probanden durchschnittlich um 20 Prozent weniger ansteigen. Die freigesetzten Insulinmengen verringerten sich sogar um 55 Prozent.

Erschienen in: Das Wissenschaftlerteam um Farnaz Keyhani-Nejad und Andreas F. H. Pfeiffer vom DIfE publizierte seine Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift Diabetes Care (Keyhani-Nejad et al. 2016; 39:e1-e2; DOI: 10.2337/dc15-1891).

Welche Hormone und Mechanismen sind beteiligt?

Ebenso stiegen die Spiegel des Darmhormons GIP im Blut nur sehr wenig an und erreichten erst nach 60 Minuten einen Maximalwert. Nach Aufnahme des Haushaltszuckers erhöhten sich dagegen die GIP-Spiegel bereits nach 15 Minuten um mehr als das Doppelte und fielen dafür aber auch schon nach etwa 60 Minuten sehr stark ab. Auch hinsichtlich der Freisetzung eines weiteren Darmhormons, des GLP-1, beobachteten die Wissenschaftler Unterschiede in der Wirkung der beiden Zucker. Nach dem Verzehr der Isomaltulose stieg der GLP-1-Spiegel bei den Probanden stärker und länger anhaltend an als nach der Aufnahme des gebräuchlichen Zuckers.

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Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die unterschiedlichen Stoffwechseleffekte der beiden Zweifachzucker, die aus je einem Molekül Trauben- und Fruchtzucker zusammengesetzt sind, auf die chemisch unterschiedliche Bindung zwischen den beiden Einfachzuckern zurückzuführen ist. Während die Verdauungsenzyme Haushaltszucker recht rasch in Trauben- und Fruchtzucker spalten, dauert dieser Vorgang bei Isomaltulose länger.

Hierdurch passiert ein großer Teil der Isomaltulose ungespalten die oberen Abschnitte des Dünndarms, in dem sich die GIP-produzierenden K-Zellen befinden, und kann so die GIP-Freisetzung nicht wesentlich stimulieren. Die GLP-1-produzierenden L-Zellen befinden sich dagegen in den unteren Darmabschnitten und setzen aufgrund der erst jetzt vermehrt vorliegenden Einfachzucker verstärkt das Darmhormon frei.

Warum sind diese Unterschiede für Menschen mit Typ‑2‑Diabetes relevant?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Isomaltulose im Darm die GIP-Freisetzung verringert, die GLP-1-Ausschüttung erhöht, aber gleichzeitig ein gewisses Maß der Insulinfreisetzung erhält, wodurch starke Schwankungen des Blutzuckerspiegels ausbleiben. „Dies ist besonders für Menschen mit Typ-2-Diabetes vorteilhaft, da bei ihnen die Blutzuckerspiegel leicht entgleisen. Hinsichtlich der Regulation des Zuckerstoffwechsels ist Isomaltulose also deutlich besser geeignet als der gebräuchliche Haushaltszucker“, sagt Endokrinologe Pfeiffer, der am DIfE die Abteilung Klinische Ernährung leitet.

Darmabschnitte mit K-Zellen und L-Zellen (Infografik)

Kalorien und Verbraucherverhalten: Wichtige Hinweise

„Dennoch sollte man wissen, dass sie (Isomaltulose) genauso viele Kalorien liefert wie andere Zuckerarten auch. Zudem schmeckt sie weniger süß, so dass man leicht verführt ist, mehr zu essen als vom Haushaltszucker. Wenn man die aufgenommene Energie nicht verbraucht, zum Beispiel durch ausreichend Bewegung, macht sie sich schnell in Form überflüssiger Pfunde bemerkbar“, gibt der Mediziner zu bedenken. Übergewicht mache empfänglicher für Herz-Kreislauf- und bestimmte Krebserkrankungen und fördere nicht zuletzt das Typ-2-Diabetes-Risiko. Dies sei durch zahlreiche Studien belegt, so Pfeiffer weiter.

Wie reiht sich Isomaltulose unter anderen Süßungsmitteln ein?

Herkömmlicher Zucker lässt sich durch Alternativen wie Kokosblütenzucker, Xylit oder Süßstoffe ersetzen. Zuckeraustauschstoffe gehören gemeinsam mit den Süßstoffen zu den sogenannten Süßungsmitteln. Im Gegensatz zu Süßstoffen sind sie jedoch chemisch gesehen mit „echtem“ Zucker verwandt und werden deswegen auch als Zuckeralkohole bezeichnet. Zu Blähungen und Durchfällen kommt es allerdings erst, wenn du täglich mehr als 20 Gramm (ca. ...) Zuckeraustauschstoffe zu dir nimmst. Abgesehen davon, weisen Sorbit (E 420), Xylit (E 967, „Birkenzucker“), Erythrit (E 968) und andere Zuckeraustauschstoffe bei Diabetes einige vorteilhafte Eigenschaften auf: Sie haben eine ähnliche Süßkraft wie Zucker, sind jedoch kalorienärmer und tragen nicht zur Entstehung von Karies bei - daher die häufige Verwendung in Kaugummis.

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Erythrit wirkt weniger abführend als Birkenzucker und ist der einzige Zuckeralkohol, der praktisch kalorienfrei ist. Xylit ist gleich süß wie Haushaltszucker, hat aber weniger Kalorien. Es wirkt gegen Karies und wird beispielsweise Zahnpasta und Kaugummis zugesetzt.

Was empfehlen Fachgesellschaften und Experten?

Die aktuellen Ernährungsempfehlungen für Personen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes weisen darauf hin, dass Haushaltszucker in der Kost von Diabetikern kein Tabu darstellt. Die Wirkung auf den Blutzucker (glykämischer Index) ist ähnlich wie nach dem Verzehr von Weißbrot, Kartoffelpüree oder Minutenreis. Haushaltszucker sollte (wie auch der nichtdiabetischen Bevölkerung empfohlen) von Personen mit Diabetes nur in moderaten Mengen verzehrt werden. Die Empfehlung lautet: Haushaltszucker sollte nicht mehr als 10% der täglichen Energie ausmachen. Bei einem Energiebedarf von 2000 Kcal/Tag wären dies maximal 50 g Zucker pro Tag.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, weniger als zehn Prozent der Energiegesamtaufnahme durch Zucker zu decken und hält eine Reduktion auf fünf Prozent für sinnvoll. Für einen Erwachsenen mit einem Kalorienbedarf von etwa 2.000 kcal entspricht dies maximal 50 Gramm Zucker pro Tag. Um gesundheitliche Vorteile zu erzielen, wäre es jedoch besser, die Zufuhr auf unter 5 Prozent (ca. ...).

Empfohlene maximale Zuckerzufuhr (Grafik)

Praktische Hinweise für Menschen mit Diabetes

  • Isomaltulose kann den postprandialen Blutzucker- und Insulinanstieg abmildern und ist daher eine interessante Alternative zu Haushaltszucker.
  • Isomaltulose liefert jedoch genauso viele Kalorien wie Saccharose; die Gesamtenergiezufuhr muss kontrolliert werden.
  • Bei der Verwendung von Zuckerersatzstoffen (Zuckeralkohole, Süßstoffe) sind Nebenwirkungen wie Blähungen oder Durchfall möglich; einige Süßstoffe haben sehr hohe Süßkraft und müssen dosiert werden.
  • Für Menschen mit Diabetes gelten die gleichen grundsätzlichen Ernährungsempfehlungen wie für Gesunde: ballaststoffreiche Lebensmittel, Vollkornprodukte, Gemüse und zuckerarme Obstsorten bevorzugen.
  • Blutzucker-Selbstkontrolle und ärztliche Beratung sind wichtig, besonders wenn Kohlenhydratportionen und Insulindosen abgestimmt werden müssen.

Tabelle: Kurzer Vergleich ausgewählter Süßungsmittel

Süßungsmittel Einfluss auf Blutzucker Kalorien Hinweise
Saccharose (Haushaltszucker) starker Anstieg 4 kcal/g „Leere Kalorien“, schnell wirksam
Isomaltulose (Palatinose) moderater, verzögerter Anstieg 4 kcal/g langsamer abgebaut, vorteilhaft bei Typ‑2‑Diabetes
Xylit (Birkenzucker) geringer Anstieg weniger als 4 kcal/g karieshemmend, abführend bei Überkonsum
Erythrit kaum Einfluss praktisch 0 kcal gut verträglich, sehr kalorienarm
Süßstoffe (z. B. Aspartam, Stevia) kein Einfluss kaum bis keine hohe Süßkraft, ADI beachten
Interview mit Endokrinologe Pfeiffer zur Studie über Isomaltulose

Mythen und Missverständnisse rund um Zucker

Der Begriff Zucker wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft mit Haushaltszucker gleichgesetzt, was jedoch stark vereinfacht ist. Denn im Prinzip gehören jegliche Kohlenhydrate zur Gruppe der sogenannten Zucker. Zur Gruppe der kurzkettigen Kohlenhydrate gehören Traubenzucker (Glukose) und Fruchtzucker (Fruktose). Sie bestehen jeweils nur aus einem Molekül (Einfachzucker). Die Verbindung von Traubenzucker und Fruchtzucker kennst du als Haushaltszucker (Saccharose). Er besteht ebenso wie Milchzucker (Lactose) aus zwei Molekülen (Zweifachzucker). Hingegen lassen langkettige Kohlenhydrate wie Stärke, die aus vielen Molekülen (Vielfachzucker) aufgebaut sind, den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen (niedrige glykämische Last).

Ballaststoffe sind meist unverdauliche Kohlenhydrate pflanzlicher Natur. So besteht Weißmehl zwar aus Stärke, enthält allerdings kaum Ballaststoffe, weshalb es eine hohe glykämische Last aufweist. Obst hingegen enthält zwar Einfachzucker, aber in der Regel auch Ballaststoffe, die die Blutzuckerwirkung verringern.

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Praktischer Tipp

Wer seinen Konsum von freiem Zucker senken möchte, ohne auf dessen süßen Geschmack zu verzichten, stößt schnell auf drei verschiedene Möglichkeiten: Zuckeralternativen, Zuckeraustauschstoffe und Süßstoffe. Sie sorgen für Süße, sollen allerdings gesünder sein als herkömmlicher Zucker.

Übersicht: Zuckerarten und ihre Quellen

Fazit für die Praxis

Isomaltulose stellt eine interessante Alternative zum herkömmlichen Haushaltszucker dar, weil sie den Blutzucker- und Insulinanstieg nach der Mahlzeit abmildern kann und günstige Effekte auf die Darmhormonsekretion zeigt. Dennoch muss beachtet werden, dass Isomaltulose genauso viele Kalorien liefert wie Haushaltszucker und dass eine ausgewogene Gesamtenergiezufuhr sowie Bewegung weiterhin zentrale Bausteine der Diabetesvorsorge und -therapie sind. Für die individuelle Anwendung empfiehlt sich die Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt oder einer Ernährungsfachperson.

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