Inspektor Morse — „Zuckerguss“ (Endeavour Staffel 6, Episode 3): Handlung, Einordnung und Hintergründe

Nach dem schockierenden und tragischen Finale der fünften Staffel sind dessen Auswirkungen für Endeavour Morse und sein ehemaliges Team noch immer spürbar. Die Cowley Police Station ist der Umstrukturierung zum Opfer gefallen und das einstige Team wurde in alle Winde verstreut. Der junge Inspektor Morse - Staffel 6 ist zweifellos die bislang packendste der bisherigen Reihe.

Rahmen und Ausgangslage der Staffel

Oxford im Sommer 1969. Acht Monate nach der Zusammenlegung der Oxford City Police Station und der Thames Valley Constabulary hat sich einiges verändert. Die Männer von Cowley sind mittlerweile in alle Winde verstreut. Der degradierte Fred Thursday (Roger Allam), der für den Tod des jungen DC George Fancy verantwortlich gemacht wird, arbeitet bei der neuen Castle Gate Police Station unter seinem ehemaligen Kontrahenten DCI Ronnie Box (Simon Harrison). Jim Strange (Sean Rigby) hat eine Führungsposition übernommen, versucht aber inoffiziell, die alte Truppe für die Untersuchungen an Fancys Tod wieder zusammenzubringen. Reginald Bright (Anton Lesser), einst aufrechter Leiter der Abteilung, wurde zur Verkehrspolizei zurückversetzt. Er wird gezwungen, Schülerlotsenfilmchen zu drehen, in denen er zum Beispiel einem Pelikan über die Straße hilft. Endeavour Morse (Shaun Evans) fristet sein Dasein unterdessen im ländlichen Woodstock.

Dieser Umstand ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Staffel über eine perfekt ausbalancierte Harmonie zwischen menschlicher Komponente, spannenden Kriminalfällen sowie folgenübergreifender Hauptgeschichte verfügt und damit erstmals keinen dieser Aspekte in den Vordergrund rücken lässt. Gleichzeitig ist der emotionale Faktor sehr hoch angesetzt, nicht nur durch die Ermittlungen im Falle des Mordes an DC George Fancy, sondern auch durch die berufsbedingte Entfremdung und im Folgenden mühsame neue Annäherung der bekannten Figuren.

Episode „Zuckerguss“ (Originaltitel „Confection“) - Kurzdaten

OriginaltitelConfection
Deutscher TitelZuckerguss
Staffel / EpisodeStaffel 6, Episode 3
Erstausstrahlung UK24. Februar 2019 (ITV)
Erstausstrahlung DE23. Oktober 2020
RegieLeane Welham
HauptdarstellerShaun Evans (Endeavour Morse), Roger Allam (Fred Thursday), Sean Rigby (Jim Strange), Anton Lesser (Reginald Bright), James Bradshaw (Dr. Max DeBryn)

Handlung der Episode „Zuckerguss“

Im dritten Fall der Staffel „Zuckerguss“ (OT: Confection) bekommt es Morse mit dem Mord an einem Schokoladenhersteller zu tun. Der bekannte Schokoladenfabrikbesitzer Greville Creswell wird während einer Jagd ermordet. Beim Jagdreiten verschwindet der Schokoladenfabrikant Greville Creswell, der später erschossen im Wald aufgefunden wird. Seine Söhne Murray und Rupert sowie Murrays Frau Clemmie geraten unter Mordverdacht. Sofort drängt sich der Verdacht auf, dass Greville Creswell aufgrund von Erbschaftsstreitigkeiten umgebracht wurde. Die Familie scheint jedoch ein harmonisches Miteinander zu pflegen.

Endeavour (Shaun Evans) nimmt die Spur in das verschlafene Dorf Chigton Green auf und merkt, dass die süßen Schokoladenboxhütten und die idyllische Umgebung ein Trugschluss sind. In dem verschlafenen Nest Chigton Green gibt es wenige Attraktionen außer der Schokoladenfabrik. Das einst beliebte Konfekt der Fabrik ist ein wenig aus der Mode gekommen, aber alle erinnern sich gerne an die Sammelkarten in den Schachteln. Allerdings stolpert Morse bei seinen Nachforschungen zum Jagdunfall des Toten über unschönen Dorftratsch. Jemand verschickt anonym Botschaften mit den Fehltritten der Nachbarn.

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Überhaupt gefällt es Endeavour ganz gut in Chigton Green und er überlegt, sich hier ein Haus zuzulegen. Das hat nicht nur mit der reizenden alleinerziehenden Tochter des Dorfarztes zu tun. Ein wenig erinnert der Fall unter der Regie von Leane Welham an die Szenerie in dem beschaulichen fiktiven Örtchen Stepford. „Die Frauen von Stepford“ zeichnete 1972 als Roman und später als Film die dystopische Vision einer scheinbar idyllischen Gemeinde, in der alle ferngesteuert freundlich erscheinen. Doch die ländliche Beschaulichkeit tut der „Endeavour“-Serie gut, der vermeintliche Optimismus erfrischt, selbst wenn letztlich wieder Etliches davon in Rauch aufgeht.

Kriminalistische Bewertung

Kriminalistisch ist „Zuckerguss“ der stärkste Fall der sechsten Staffel. In dem Fall verknüpfen sich Dorftheater, Familiengeheimnisse und Intrigen innerhalb einer vermeintlich beschaulichen Gemeinde. Die Ermittlungen führen Morse zu lokalen Gerüchten, anonymen Denunziationen und zur Frage, wer von den Angehörigen am meisten vom Tod des Fabrikanten profitiert.

Chigton Green: idyllisches Dorf mit Schokoladenfabrik (stilisierte Dorfansicht)

Verknüpfung mit Staffel-Arc und Atmosphäre

Die gesamte Staffel verfügt über eine perfekt ausbalancierte Harmonie zwischen menschlicher Komponente, spannenden Kriminalfällen sowie einer folgenübergreifenden Hauptgeschichte. Verstärkt wird dies zusätzlich durch die Einbindung komplexer Handlungsstrukturen, die letztendlich die Kriminalität in die höchsten Kreise Oxfords und sogar der Polizei selbst führen, wodurch zum ersten Mal die Fehlbarkeit - aber auch die Menschlichkeit - des gesamten Rechtssystems aufgezeigt wird. Die Serie wirkt damit weiterhin geschickt einer möglichen Eintönigkeit oder gar Stagnation entgegen und versorgt den Zuschauer erneut mit ausgeklügelten, ansprechenden Zusammenhängen sowie bewegenden Schicksalen.

Die Auftaktfolge punktet mit starker, aber gewöhnungsbedürftig trister Atmosphäre und gewohnt vertrackten Ermittlungen. Während sich die Welt die Mondlandung in Fernsehen anschaut, ermittelt Morse bei einem tödlichen Unfall. Die Staffel führt die höhere Gewaltbereitschaft der Gesellschaft in Verbindung mit expliziten Leichenaufnahmen fort, erstmals aufgegriffen in der fünften Staffel, während die gesamte Serie weiterhin stets auf das aktuelle Zeitgeschehen und die Entwicklungen der damaligen Epoche Bezug nimmt.

Charakterentwicklung und zwischenmenschliche Aspekte

Fred Thursday wurde nach dem Tod des jungen DC George Fancy degradiert und untersteht nun dem energischen DCI Ronnie Box, während er Zuhause kaum noch Zugang zu seiner Frau findet und seine Ehe deshalb in einer tiefen Krise steckt. Jim Strange arbeitet inzwischen in einer Führungsposition am Schreibtisch der Obrigkeit, versucht aber inoffiziell, die alte Truppe für die Untersuchungen an Fancys Tod wieder zusammenzubringen. Selbst der ehemalige Leiter der Cowley Police Station Reginald Bright wird mittlerweile als einfacher Verkehrspolizist eingesetzt.

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Die berufsbedingte Entfremdung und im Folgenden mühsame neue Annäherung der bekannten Figuren ist zentral für die Staffel. Die persönliche Komponente wird nicht vernachlässigt: Thursday als verletzlicher Vater und gepeinigter Kriegsveteran, Joans Lebenslust und späteres Trauma, Morses Unbeholfenheit in Liebesdingen und seine innere Zerrissenheit - all das macht die Figuren menschlich und die Serie emotional stark.

Morse in Woodstock: Uniform und Schnauzbart als Zeichen innerer Veränderung

Visuelle und technische Umsetzung

Visuell ist die Serie gekonnt umgesetzt und schafft eine stilechte Sechziger-Jahre-Atmosphäre. Musik und Visualisierung sind perfekte Reflektionen der Vergangenheit. Auch die DVD zeigt sich erneut von ihrer besten Seite und liefert ein scharfes, durchaus schön detailliertes Bild bei gut eingestelltem Kontrast und stilbedingt leicht entsättigter Farbgestaltung. Lediglich feines Korn sowie gelegentliches Banding sind auszumachen, diese trüben aber nicht den ansonsten positiven Gesamteindruck. Die Tonspur liegt, wie erstmals bei der Vorgängerstaffel, in einer Dolby Digital 5.1 Abmischung vor und zeichnet sich durch eine dynamische, saubere Wiedergabe bei klarer Kanaltrennung aus.

Einordnung im Serienkosmos und Rezeption

In Gänze betrachtet ist damit auch die sechste Staffel wieder absolut gelungen und leistet weiterhin Überzeugungsarbeit für Endeavour Morse und seine Kollegen, die - zumindest in Großbritannien - bereits in eine siebte Staffel gestartet sind. Die gesamte Staffel steuert erneut auf ein Finale zu, das die gesamte Anspannung der vorangegangenen Episoden mit einem Paukenschlag entlädt und damit einen hervorragenden Schlussakkord liefert, der sogar befriedigend genug für ein Serienfinale wäre.

Die britische Krimiserie mit dem eigenwilligen Inspector Morse erfreut sich in ihrem Heimatland sehr großer Beliebtheit. Hierzulande jedoch kennen die charmante und kluge Serie, die in den 1960er Jahren in Oxford spielt, nur wenige. Die DVD-Veröffentlichungen und die Ausstrahlung auf ZDFneo haben die Chancen erhöht, dass mehr Zuschauer:innen die Serie entdecken.

Trailer und Szenen: Endeavour Staffel 6 - Episodenmix und Interviews

Warum „Endeavour“ weiterhin überzeugt

  • Ausgeklügelte, ansprechende Zusammenhänge und bewegende Schicksale sowohl bei Opfern als auch Tätern.
  • Starke Besetzung: Shaun Evans als melancholischer, brillanter Morse; Roger Allam als Fred Thursday; James Bradshaw als Dr. Max DeBryn; Anton Lesser als Superintendent Bright.
  • Stilvolle Inszenierung mit stimmigem Zeitkolorit, exzellentem Soundtrack (Barrington Pheloung) und atmosphärischer Bildsprache.
  • Ein überzeugender Staffel-Arc (die Fancy-Affäre), der emotionale Tiefe und einen roten Faden bietet.

Weitere Fälle in Staffel 6 - kurzer Überblick

  1. „Unschuldig“ (OT: Pylon) - Auftakt mit Mord an einem Schulmädchen, Morse findet die Leiche bei der Suche nach einem entflohenen Schimmel.
  2. „Apollo“ (OT: Apollo) - Todesfall um einen jungen Astrophysiker und eine inszenierte Manipulation am Auto; Shaun Evans führte erstmals Regie bei dieser Episode.
  3. „Zuckerguss“ (OT: Confection) - Mord an Greville Creswell, führt Morse nach Chigton Green.
  4. „Wolkenschloss“ (OT: Degüello) - Finale, das Leitmotive zusammenführt und in einem westernhaften Showdown mündet.

Fazit zur Episode „Zuckerguss“

„Zuckerguss“ zählt zu den stärksten Fällen der Staffel: stimmige Dorfatmosphäre, dichte Charakterzeichnung und ein Kriminalfall, der Familiengeheimnisse mit sozialer Dekadenz verknüpft. Die Episode bringt zudem Morses innere Zwiespalte und seine möglichen Zukunftspläne in Chigton Green überzeugend zur Geltung und fügt sich nahtlos in den übergeordneten Fancy-Plot der Staffel ein.

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