Heu bedampfen oder wässern: Auswirkungen auf Zuckergehalt, Nährstoffe und Pferdegesundheit

Wer ein Pferd mit Hufrehe‑Risiko oder Equinem Metabolischen Syndrom (EMS) hat, muss ganz besonders penibel auf den Zuckergehalt im Heu achten. Der relevante Grenzwert lautet: ESC + Stärke unter 10 % auf Frischmasse‑Basis. ESC steht für ethanol‑lösliche Kohlenhydrate, also die einfachen Zucker, die im Dünndarm resorbiert werden und die Insulinausschüttung direkt antreiben.

Warum Heu behandeln?

Viele Pferdebesitzer bedampfen oder weichen Heu ein, um den Gehalt an sogenannten nicht‑strukturellen Kohlenhydraten (non‑structural carbohydrates, NSC) zu reduzieren, zu denen auch die wasserlöslichen Kohlenhydrate (water soluble carbohydrates, WSCs) gehören, da eine hohe Aufnahme dieser Kohlenhydrate durch die Nahrung für manche Pferde schädlich sein kann. Ziel der Heubehandlung ist außerdem die Reduktion lungengängiger Staubpartikel und die Hygienisierung des Futters, insbesondere bei empfindlichen Atemwegen oder Atemwegserkrankungen.

Wässern (Einweichen) - Mechanismus und Effekte

Wässern funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Wasserlösliche Kohlenhydrate gehen vom Heu ins Einweichwasser über. Mit dem Einweichen werden wasserlösliche Kohlenhydrate und damit eine Vielzahl an Zuckerverbindungen aus dem Heu herausgelöst. Dieser Effekt verstärkt sich, je länger das Heu im Wasser liegt.

In einer Studie konnten Forscher den Gehalt an nicht strukturierten Kohlenhydraten (NSC) von 13,8 auf 8,6 Prozent verringern, wenn das Heu für 60 Minuten lang ein Wasserbad nahm. Elf Stunden später hatte sich der Anteil gar auf 4,8 Prozent verringert. Ein beachtliches Ergebnis. In einer Studie wurden britische Heuproben mit einem Zuckergehalt von 12,3-23 % bis zu 16 Stunden in Wasser von etwa 8 °C eingeweicht. So hat in den letzten Jahren die Heuwässerung und -bedampfung in vielen Ställen Einzug gehalten.

Praktisch bedeutet das aber: Wässern ist wirkungsvoll um den Zuckergehalt und lungenfähigen Partikel zu reduzieren - kann aber auch die Keimbelastung drastisch erhöhen. Ein weiterer Nachteil ist die schlechtere Verdaulichkeit von gewässertem Heu, wie Dr. Dorothe Meyer von iWEST Tier‑Ernährung erklärt: „Nasses Heu stört ein zusammenhängendes System - das Pferd produziert weniger Speichel und kann dadurch das Futter schlechter verdauen.“

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Nährstoffverluste beim Wässern

Allerdings lassen sich nicht nur Zuckermoleküle herauswaschen - auch andere Nährstoffe gehen beim Einweichen verloren, darunter lebenswichtige Mineralien wie Kalium und Natrium. Eine andere Studie zeigte, dass bereits nach 15 Minuten Einweichen Rohprotein um bis zu 17 % und Aminosäuren um bis zu 35 % sinken, die metabolisierbare Energie reduziert sich um 5-15 %. 30 Min. warm / 60 Min. Wässern ist eine sinnvolle Notmaßnahme, wenn der Zuckergehalt moderat überhöht ist und kein geeignetes Heu verfügbar ist. Längeres Einweichen verbessert die Zuckerreduktion kaum noch, die Nährstoffverluste steigen aber weiter.

ParameterVerluste durch 15‑min Wässern
Dünndarmverdauliches Eiweiß und Aminosäurenbis -35 %
Wasserlösliche Kohlenhydrate und Fruktane-25 %
Umsetzbare Energie-5 bis -15 %

Beim Wässern sinkt der Zucker auf ein nicht vorhersehbares Level. Dafür sinken Protein und Mineralstoffe ebenfalls - all das sind sehr essentielle Bestandteile einer bedarfsgerechten Ration, die nach dem Wässern fehlen. Wenn du ein hufrehegefährdetes oder an EMS erkranktes Pferd hast und Hilfe dabei brauchst, mit zu zuckerreichem Heu umzugehen, melde dich gerne für eine individuelle Futterberatung.

Hygienerisiken und Handhabung

Einer der größten Nachteile des Einweichens ist seine Auswirkungen auf die mikrobielle Belastung des Futters. Ohne eine anschließende thermische Aufbereitung in einer Trocknungsanlage oder einem Bedampfer können sich Bakterien und Pilze - abhängig von der Umgebungstemperatur und der Dauer bis es verzehrt wird - dramatisch vermehren. Gewässertes Heu sollte daher unmittelbar nach dem 15‑minütigen Wässern gefüttert werden. Ein längeres Wässern sollte (aufgrund der Gefahr exponentiellen Wachstums von Keimen) unterbleiben. Spätestens nach 6 Stunden, noch besser nach 3 Stunden, sollten Reste von nassem Heu deshalb entsorgt werden. In Sommermonaten empfehlen wir die genannten Zeiten noch weiter zu verkürzen.

Bedampfen (Steaming) - Mechanismus und Effekte

Bedampfen erhitzt das Heu auf etwa 80-100 °C. Schimmelpilze, Bakterien, Hefen und Milben werden dabei abgetötet und lungengängige Partikel gebunden. Beim Heu bedampfen müssen Temperaturen von über 90°C erreicht werden (bis in den Kern der Heuportion), damit unerwünschte Keime auch sicher abgetötet werden. Die besten Ergebnisse lassen sich mit einem kommerziellen Bedampfer (Eigenbauten haben hier klare Nachteile) erzielen, der das Heu für rund 60 Minuten Temperaturen von bis zu 100 °C aussetzt. Durch die hohen konstanten Temperaturen wird insbesondere die Keimbelastung reduziert.

Einen durchschlagenden Erfolg bringt das Bedampfen hingegen bei der Bekämpfung von Pilzsporen, Milben und Bakterien. Bei solchen Temperaturen machen nachweislich 99 Prozent der Keime schlapp. Gedämpftes Heu kann noch mit einem weiteren Vorzug punkten: Ähnlich wie bei dampfgegarten Gemüse bleiben auch im Heu die Nährstoffe großteils erhalten. Allerdings gilt das auch für Kohlenhydrate.

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Bedampfter Heuhaufen im Heubedampfer

Zuckerreduktion durch Bedampfen

Für die Zuckerreduktion bei EMS oder Hufrehe hilft es weniger gut. Studien zeigen, dass Bedampfen die wasserlöslichen Kohlenhydrate um lediglich 0-18 % reduziert, mit ähnlich hoher Variabilität wie beim Wässern, aber deutlich geringerem Effekt. Die Reduktion ist in der Regel deutlich geringer als beim Einweichen, bei Wiesenheu bewegte sich die Reduktion zwischen zwei und drei Prozent.

Der Mechanismus ist ein anderer als beim Einweichen: Zucker wird nicht ausgewaschen, sondern es werden Kohlenhydratstrukturen thermisch verändert. Übrigens: Schimmelbelastetes Heu bleibt auch nach dem Bedampfen toxisch, weil zwar Pilze abgetötet, aber keine bereits gebildeten Mykotoxine entfernt werden. Mineralstoffe bleiben beim Bedampfen dagegen weitgehend erhalten, und bedampftes Heu ist bis zu 24 Stunden lagerstabil.

Nährstoffverluste beim Bedampfen

In der Studie von Pisch et. al. (2022) sank nach einer Bedampfungszeit von 60 min. in einem konventionellen Heubedampfer die praecaecale Verdaulichkeit des Rohproteins von im Mittel 56% (im unbehandelten Heu) auf nur noch 35% im bedampften Heu. Der Anteil an praecaecal verdaulichen Aminosäuren sank beim Lysin sogar um -54%, bei Threonin und den schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystin um über -40%.

ParameterVerluste durch 60‑min Bedampfen
Dünndarmverdauliches Eiweiß und Aminosäurenbis -40 %
Lysin-54 %
Threonin, Methionin, Cystin-40 bis -45 %

Der Vorgang des Bedampfens mit Temperaturen bis zu 100°C, salopp als „Kochvorgang“ bezeichnet, hat somit unerwünschte Effekte auf das Heu. Bei dauerhaftem Bedampfen müssen die Verluste insbesondere an essenziellen Aminosäuren berücksichtigt werden.

Studien und aktuelle Forschung

In einer aktuellen Studie haben sich Wissenschaftler der Universität von Guelph in Ontario/Kanada dieser Frage erneut angenommen und einen Pilotversuch gestartet, um die Auswirkungen beider Behandlungsmethoden auf die Eigenschaften von Heu herauszufinden - und auch, wie insbesondere Leistungs‑ bzw. Sportpferde auf das behandelte Heu reagieren und welche Empfehlungen sich daraus ableiten lassen. Die kanadischen Forscher wollten nun verifizieren, ob die Fütterung von unterschiedlich behandeltem Heu (also eingeweichtem bzw. bedampften) auch unterschiedliche Auswirkungen auf die Blutzuckerreaktion der Pferde haben würde.

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Das Resümee von Autorin Tiana G. Owens: „Das Einweichen von Heu verringerte erwartungsgemäß den Gehalt an nicht strukturellen Kohlenhydraten in einem Timothy‑Luzerne‑Heu‑Gemisch (1. Schnitt). Sportpferde haben einen sehr hohen Energie‑ und Nährstoffbedarf, und das Bedampfen von Heu war eine wirksame Methode, um diese Nährstoffe zu konservieren und die Nährstoffaufnahme zu maximieren. Diese Pferde zogen es auch vor, bedampftes oder trockenes Heu anstelle von eingeweichtem Heu zu fressen, was ebenfalls die Empfehlung unterstützt, dass Bedampfen eine überlegene Methode zur Behandlung von Heu für Leistungspferde ist.»

Akzeptanz durch die Pferde

Aus der Praxis hört man aber hin und wieder, dass gewässertes Heu von Pferden nicht immer gerne gefressen wird, so dass das Heubedampfen als alternativer Ansatz angesehen wird. Einer Untersuchung des Kentucky Equine Research Centre zufolge wird Heu aus dem Steamer besonders sorgfältig gekaut - mehr sogar als unbehandeltes. Heu aus dem Steamer ist damit ideal für keimsensible Lungenpatienten, zumal auch lungengängigen Staubpartikeln in einem professionellen Bedampfer keine Chance haben.

Vergleich: Heuwässern vs. Heubedampfen - Praxis und Forschung

Praktische Empfehlungen und Entscheidungshilfe

  • Wer ein stoffwechselkrankes Pferd besitzt, für den steht die Reduktion von Zucker ganz oben auf der Prioritätenliste. In einem solchen Fall hat das Heuwässern ganz klar die besseren Karten.
  • Wenn der ESC + Stärke‑Ausgangswert deutlich über dem Grenzwert liegt, also zum Beispiel 15 % FM aufwärts, ist Wässern keine verlässliche Lösung. Die Reduktion ist zu variabel, um sicher unter 10 % zu kommen.
  • 30 Min. warm / 60 Min. Wässern ist eine sinnvolle Notmaßnahme, wenn der Zuckergehalt moderat überhöht ist und kein geeignetes Heu verfügbar ist.
  • Bei dauerhaftem Wässern empfiehlt sich daher eine genaue Rationsberechnung und ggf. gezielte Ergänzung fehlender Nährstoffe, denn die Analyse, auf der die ursprüngliche Ration basiert, gilt nach dem Wässern nicht mehr.
  • Für lungenkranke Pferde ist bedampftes Heu oft die beste Wahl, da es hygienisiert ist und gut akzeptiert wird. Bedampftes Heu kann bis zu 24 Stunden gelagert werden.
  • Wenn Heu via Bodentrocknung erzeugt werden muss und keine Möglichkeit der Nachtrocknung besteht, wird der Erntezeitpunkt oft vom Wetterbericht, Verfügbarkeit des Lohnunternehmers / der Erntehelfer etc. vorgegeben. Zur Produktion zuckerarmer Heukonserven sind frühe Schnitte geeigneter Pflanzen und moderate Düngung hilfreich.

Kombinierte Verfahren

Es gibt verschiedene Angaben, Heu zu behandeln, um den Nährstoffgehalt oder den Hygienestatus zu beeinflussen: 15‑minütiges Wässern (Heu muss innerhalb weniger Stunden verfüttert werden), 60‑minütiges Bedampfen mit > 90 °C (rund 24 h lagerstabil) oder 15‑minütiges Wässern + anschließendes 60‑minütiges Bedampfen (macht gewässertes Heu rd. lagerfähig). Beim Einsatz für Pferde mit EMS bzw. Übergewicht ist die Reduktion des Energiegehalts im Heu ein erwünschter Effekt. Hier empfiehlt sich jedoch dann auch noch das zusätzliche Bedampfen des Heus (für 60 min) nach dem Wässern, um schädliche Mikroorganismen (z. B. Hefen) im Heu zu reduzieren damit das Heu für bis zu 24 h lagerstabil wird. Dies führt jedoch wiederum zu weiteren Nährstoffverlusten (insbesondere Aminosäuren).

Wenn kein sehr zuckerarmes Heu zur Verfügung steht

Für zuckerempfindliche Pferde mit Equinem Metabolischem Syndrom (EMS), Polysaccharid‑Speichermyopathie (PSSM) oder Pituitary Pars Intermedia Dysfunction (PPID, früher „Cushing“ genannt) können durch das Waschen von Heu die kritischen wasserlöslichen Kohlenhydrate um bis zu 25% reduziert werden. Auf gleiche Weise kann für kaliumempfindliche Pferde mit einer hyperkaliämischen periodischen Paralyse (HYPP) eine bessere Verträglichkeit von Heu erreicht werden, da durch das Wässern von Heu der Kaliumgehalt im Heu um fast 50% gesenkt werden kann.

Für übergewichtige Pferde wird gerne empfohlen, zuckerarmes Heu zu verfüttern. In der Praxis ist es allerdings schwierig, geeignetes Heu für adipöse Pferde zu finden, da die Heuchargen der letzten Jahre häufig hohe Zuckergehalte (insb. Fruktane) aufweisen. Durch Wässern kann der Gehalt an Einfachzuckern (auch Fruktan) im Heu gesenkt werden.

Langfristige Aspekte: Heuqualität, Ernte und Klima

Die jährliche Heuanalyse sollte frühestens sechs Wochen nach der Ernte durchgeführt werden. Dann sind Nacherwärmungs‑ und Fermentationsprozesse abgeschlossen, die Ballen haben ausgedünstet, einen stabilisierenden Konservierungsprozess durchlaufen und können verfüttert werden. Die Auswertung aller 2020 bei der LUFA Nord‑West eingegangen Heu‑ und Heulage‑Proben zeigt, dass die Fruktan‑ und Gesamtzuckergehalte seit 2016 steigen. Auch der Klimawandel trägt dazu bei, dass sich die Zuckergehalte im Grünfutter erhöhen.

Besonders geeignete Grasarten für zuckerarmes Heu sind Obergräser, wie das Wiesenlieschgras, der sehr früh reife Wiesenfuchsschwanz und das ausgesprochen trockentolerante Knaulgras. Versuche haben gezeigt, dass eine moderate Stickstoffdüngung von etwa 30 bis 60 kg N/ha, bei ansonsten identischen Wuchs‑ und Erntebedingungen, zu geringeren Zuckergehalten führt.

Fazit für die Praxis (Entscheidungshilfe)

  • Bei stoffwechselkranken Pferden steht die Zuckerreduktion im Vordergrund: Wässern ist die effektivere Methode zur Zuckerreduktion, aber mit hohen und teils unvorhersehbaren Nährstoffverlusten und Hygienerisiken verbunden.
  • Bei lungenkranken oder leistungsorientierten Pferden ist Bedampfen meist vorzuziehen, da es hygienisiert, gut akzeptiert wird und Nährstoffe weitgehend erhält, jedoch nur begrenzt Zucker reduziert.
  • Bei dauerhaftem Wässern oder Bedampfen ist eine Rationsanalyse und gezielte Supplementierung (insbesondere Protein und essenzielle Aminosäuren, Mineralstoffe) unerlässlich.
  • Schlechtes Heu wird weder durch Wässern noch durch Bedampfen hochwertig; Qualität und richtige Erntebedingungen sind grundlegend.

Wenn Sie unsicher sind, welche Methode für Ihr Pferd geeignet ist, empfiehlt sich eine individuelle Futterberatung unter Einbeziehung einer aktuellen Heuanalyse.

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