Milch und Kakao an Grundschulen: Ernährung, Pädagogik und Kontroverse

Schulmilch gehört für Millionen Kinder zum Schulalltag - am liebsten, wenn sie nach Schokolade schmeckt. Auf Initiative von Verbraucherschutzministerin Ursula Heinen-Esser hat heute in Düsseldorf der Fachdialog „Fakten zur Schulmilch“ stattgefunden. „Ich bin mir mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Schulmilch-Dialogs einig: Wir müssen uns dafür einsetzen, dass jedes Kind ein gesundes Frühstück bekommt. Dazu gehört auch die Zufuhr von Calcium, das beispielsweise in Milch und auch in Kakao steckt.

Warum Milch und Kakao in der Schule verfügbar sind

Als Teil einer ausgewogenen Ernährung sind sie für ein gesundes Aufwachsen und die Gesundheit im späteren Leben wichtig. Durch das EU-Schulprogramm erhalten Kinder in Grundschulen und Kitas regelmäßig Obst und Gemüse und/oder Milch und Milchprodukte von regionalen Lieferantinnen und Lieferanten. Das Programm besteht aus zwei Komponenten: der Verteilung der Produkte an die Kinder zum einen und der pädagogischen Begleitung zum anderen. Es hat sich bewährt, eine Ansprechperson für das EU-Schulprogramm in der Einrichtung zu benennen.

Grundschulkinder beim Schulfrühstück

Ernährungswissenschaftliche Perspektiven: Vorteile und Einwände

Die geistige Leistungsfähigkeit wird wesentlich durch die Ernährung beeinflusst. Die Energieversorgung des Gehirns erfolgt durch Glukose über den Blutkreislauf. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass der Schulkakao die geistige Leistungsfähigkeit bei Kindern signifikant erhöht. Fertig gemixter Schulkakao aus dem Päckchen basiert in der Regel auf fettarmer Frischmilch und enthält einen vergleichsweise geringen Zusatz an Industriezucker - durch die Kombination mit dem natürlichen Milchzucker sorgt der Schulkakao für eine sanft ansteigende und lang anhaltende Steigerung der mentalen Leistungsfähigkeit.

Fruchtsäfte, Eistees, Limonaden und auch Energydrinks lösen dagegen eine so genannte Hypoglykämie aus, die Kinder nach einem kurzen Zucker-Überschuss eher unkonzentriert und heißhungrig auf Süßes macht. Und was ist mit den Zähnen? Aktion Zahnfreundlich e.V.: Fitmachende Ernährung und fitte Zähne - passt das zusammen?

Präferenzen von Kindern und die Realität in den Schulen

Resultat: Kakao ist mit großem Abstand der klare Favorit: In der Grundschule bevorzugen 73% der Kinder Kakao. Kinder lieben Süßes, wie dieser Grundschüler in Düsseldorf. In seiner Schule haben die Kinder die Wahl: Sie können pure Milch oder Kakao bestellen, zu einem vergünstigten Preis, im Rahmen des EU-weiten Schulmilch-Programms.

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Kakaopackung und Milchflasche nebeneinander

Öffentliche Förderung, Regelungen und Kritik

Die EU fördert mit 250 Mio. Euro pro Jahr eine gesunde Verpflegung in Europas Schulen und Kitas. Deutschland bekam für sein Schulmilch-Programm allein 2016/17 aus dem EU-Fördertopf Zuschüsse in Höhe von 10,5 Millionen Euro. Die Landesregierung stellt für das Schulmilchprogramm im Schuljahr 2018/2019 circa 2,6 Millionen Euro aus EU-Mitteln und 370.000 Euro aus Landesmitteln bereit. Hierbei liegt die Priorisierung klar auf Trinkmilch, für die eine mindestens dreifache Beihilfe gewährt wird im Vergleich zu Kakao.

Die Europäische Union hat die Förderung für gezuckerte Milchprodukte allerdings inzwischen eingestellt. Bestandteil des Europäischen Schulmilchprogramms ist lediglich noch die Förderung für einen Viertelliter ungezuckerte Milch für Kinder. Alle deutschen Bundesländer außer NRW haben die Schul- und Kita-Verpflegung mittlerweile der neuen Ausrichtung aus Brüssel angepasst: Kakao und andere gezuckerte Milchgetränke wurden aus dem Förderprogramm gestrichen. Nur NRW bleibt bislang mit Hilfe einer landesrechtlichen Sonderregelung bei der gezuckerten Schulmilch und fördert damit den gesundheitsschädlichen Zuckerkonsum und damit auch die Fehlernährung von Kindern und Jugendlichen.

Das frisst die Vorteile der Subventionen auf. Den Zuschüssen gegenüber stehen die Mehraufwände für kleine Verpackungseinheiten und die aufwändige Logistik (tägliche Lieferungen kleiner Mengen an zahlreiche Schulen). Ergebnis: Wollen Eltern ihren Kindern täglich Milch oder Kakao geben, können sie dies mit dem Einkauf im Laden günstiger erreichen als über die „vergünstigte“ Schulmilch, wie ein Preisvergleich von foodwatch ergab.

Debatte in NRW: Fakten, Fehler und politische Kontroverse

Anlass für die Debatte im Düsseldorfer Landtag war ein Antrag der AfD-Fraktion. Schon darin geht es drunter und drüber: Das Dokument enthält veraltete Zahlen sowie unpräzise oder schlicht falsche Beschreibungen des Schulmilchprogramms und widersprüchliche Forderungen. In der Debatte selbst zeigten sich Rednerinnen und Redner von CDU, SPD, FDP und AfD schlecht informiert oder wenig faktentreu, die zuständige Landesverbraucherministerin Ursula Heinen-Esser wiederholte zudem eine sehr geschönte Darstellung des Schulmilchprogramms.

„Tatsächlich liefern wir im Augenblick nicht nur Schulmilch subventioniert an die Schulen, sondern auch Milchmischprodukte, also Kakao, Vanillemilch oder Erdbeermilch“, sagte der AfD-Abgeordnete Dr. Martin Vincentz. Das ist falsch - zwar wird der zuckrige Kakao in NRW weiterhin mit Steuergeldern bezuschusst, die ebenfalls gesüßten Erdbeer- und Vanillemilchprodukte werden jedoch seit dem laufenden Schuljahr nicht mehr subventioniert.

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Die genannten „4 %“ sind lediglich der zugesetzte Zucker, wie ihn das NRW-Verbraucherministerium als durchschnittlichen Wert für die geförderten Kakao-Produkte angibt. Richtig ist: Der Zuckergehalt des geförderten Schulkakaos liegt deutlich höher. Die weit verbreitete Landliebe-Schokomilch etwa hat einen Zuckergehalt von 8,7 % (in der fettarmen Variante) und liegt damit - in dieser Kategorie - fast im Bereich von Fanta. Als „zuckerreduziert“ lässt sich der Kakao auch nicht ernsthaft bezeichnen.

Gesundheitliche Warnungen und Forderungen

"Zucker trägt mit bei zur Adipositasepidemie und damit zu den lebensverkürzenden Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und orthopädische Erkrankungen," so Dr. Josef Kahl, Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, heute in Düsseldorf. Schulen sollten Vorreiter bei der Erziehung zu einem gesunden Lebensstil sein. Stattdessen tragen sie mit gezuckerter Milch dazu bei, Kinder an Süßes zu gewöhnen. Das ist unverantwortlich. Es widerspricht zudem den offiziellen, von der Bundesregierung initiierten Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

"Es ist für die Kinder überhaupt kein Problem, wenn sie ab und an einen Kakao mit Zuckeranteil verzehren, aber wir sollten nicht das, wovon sie ohnehin schon zu viel haben, noch mit Steuergeldern fördern. Als GEW erwarten wir jetzt von der Landesregierung, dass sie den gezuckerten Kakao aus dem Programm raus nimmt, dem Beispiel von 13 anderen Bundesländern folgt," sagt Martin Rücker.

Ärztliche Warnung vor zu viel Zucker

Pädagogische Begleitung: Chancen für Ernährungsbildung

Die pädagogische Begleitung ist ein wichtiger Baustein des EU-Schulprogramms. Dadurch lernen Kinder mehr über das frische Obst und Gemüse sowie der leckeren Milch und Milchprodukte und darüber hinaus über deren Herkunft. Kinder erfahren, wie sie sich ausgewogen ernähren können, lernen die Vielfalt der Produkte kennen und schulen wichtige Alltagskompetenzen im Umgang mit Lebensmitteln. Gemeinsam ein köstliches Buffet in der Schule oder Kita zubereiten und genießen, den Wochenmarkt oder einen landwirtschaftlichen Betrieb besuchen oder die Lebensmittel mit allen Sinnen kennen lernen - sind einige spannende Beispiele.

Die Produkte des EU-Schulprogramms dürfen nicht im Rahmen der Mittagsverpflegung ausgegeben werden. Das Einrühren von Zusätzen wie Kakao, Zucker oder Süßungsmittel in Produkte des EU-Schulprogramms ist auch in der Einrichtung nicht zulässig. Jede Einrichtung ist verpflichtet pädagogische Begleitmaßnahmen durchzuführen, von der alle am EU-Schulprogramm teilnehmenden Kinder profitieren.

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Pädagogische Module zur Ernährungsbildung in Grundschulen

Praktische Umsetzung in Schulen: Organisation und Lieferanten

Um am EU-Schulprogramm teilnehmen zu können, brauchen Einrichtungen eine zugelassene Lieferantin bzw. einen zugelassenen Lieferanten für Obst und Gemüse und/oder Milch und Milchprodukte. Schulen und Kitas sind dafür verantwortlich, eine Lieferantin bzw. einen Lieferanten zu finden und mit ihr bzw. ihm einen Liefervertrag abzuschließen. Die Lieferantinnen und Lieferanten beantragen die EU-Förderung beim Regierungspräsidium Tübingen.

Folgende Überlegungen unterstützen Sie bei Ihrer Planung: Wo werden die Produkte gelagert? Wie kommen die Produkte zu den Kindern? Soll das Obst und Gemüse klein geschnitten werden oder erhalten die Kinder geeignete Obst- und Gemüsearten am Stück? Wer übernimmt die Zerkleinerung von Obst und Gemüse? Wer übernimmt die Portionierung von Milch und Milchprodukten? Wann essen die Kinder die Produkte? Wie wird die pädagogische Begleitung in der Einrichtung organisiert? Selbstverständlich richtet sich die Umsetzung vor Ort danach, wie es am besten in den eigenen Schul- oder Kitaalltag passt und welche Produkte die Einrichtungen von Ihrer Lieferantin bzw. Ihrem Lieferanten erhalten.

Tabelle: Wichtige Parameter des EU-Schulprogramms

Parameter Beispiel / Hinweis
Geförderte Produkte Vorrangig frisches Obst, Gemüse und Trinkmilch; Naturjoghurt, Quark, Käse
Portionsgrößen Obst/Gemüse 100 g, Schulmilch 250 ml, Naturjoghurt 150 g
Förderung Fester Betrag aus EU-Mitteln pro Portion; Restbetrag durch Einrichtung/Sponsor
Pädagogische Begleitung Obligatorisch; Infoflyer und Poster für Eltern und pädagogisches Personal

Alternative Angebote und Elternbeteiligung

Alternativen zur Schulmilch sind heute gefordert: Kinder sollen wählen dürfen. Es gibt tolle Alternativen wie zuckerreduzierte Fruchtsäfte oder Smoothies aus Obst und Gemüse, Mineralwasser mit Geschmack oder Drinks aus heimischem Getreide wie Hafer oder Soja. So versorgen wir unseren Nachwuchs mit passenden Vitaminen und Spurenelementen. Um Alternativen zur Kuhmilch anbieten zu können, sind die Eltern gefragt.

Oft sind wir ein wenig überrumpelt, so auch von der Bestellung für die Schulmilch. Dazu kommt das Kind, das meist das will, was die Mehrheit der Klasse auch bestellt. Eltern halten zusammen: Besonders wenn man selber Kinder hat, kann man „Produktionsbedingungen“ bei Milchkühen nicht tolerieren. Als Teil einer ausgewogenen Ernährung sind bunte Früchte und frische Milch lecker und machen fit für den Schul- und Kitaalltag.

Alternative Getränke: Smoothies und Pflanzendrinks

Fazit für die Praxis in der Grundschule

Die Entscheidung, Milch oder Kakao in der Schule anzubieten, ist nicht nur eine logistische, sondern vor allem eine ernährungs- und bildungspolitische Frage. Die pädagogische Begleitung des EU-Schulprogramms bietet eine Chance, Kinder an gesunde Lebensmittel heranzuführen und Ernährungswissen aufzubauen. Gleichzeitig müssen Politik und Schulen die Qualität und den Zuckergehalt geförderter Produkte kritisch prüfen und transparente, faktenbasierte Entscheidungen treffen.

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