Schokoladen Mohr Uetersen — Geschichte und Produkte
Sarotti war mal ein großer Name: Aus Berlin kam vor und nach dem zweiten Weltkrieg einer der größten Schokoladenhersteller Deutschlands. Am Mehringdamm ist Sarotti groß geworden. 1883 zog es den vormaligen Schokoladenladen aus der Friedrichstraße nach Kreuzberg, hier bekam es auch seinen Markennamen. Die Schoko-Küche in der Mohrenstraße war zu klein geworden, größere Räume fanden sich in einem Fabrikgebäude an der Belle-Alliance-Straße 81 (heute Mehringdamm 57). 20 Jahre später hatte Hoffmann die beiden Nachbargrundstücke dazugekauft. Dort mischte und walzte man bis 1921 Schokolade.
Für seinen Laden hatte Neumann den Namen Sarotti ausgewählt - wie er darauf gekommen sein soll, erzählen mehrere unbelegte Geschichten. Im Jahre 1868 hatte der in Paris zum Konditor ausgebildete, damals 24 Jahre alte Hugo Hoffmann aus Stuttgart in der Mohrenstraße 10 die Produktion edler Pralinen nach französischen Rezepten aufgenommen. Um seine feinen Produkte in angemessener Umgebung zu verkaufen, übernahm der Konditor 1878 die „Confiseur-Waren-Handlung Felix & Sarotti“.
Wachstum, Produktion und Rohstoffe
Der Produktionsstandort wuchs am Fuße des Kreuzbergs bis 1913 auf eine Größe von mehr als 1.000 Mitarbeitern an. Auch wenn ein Teil der Fabrik noch in der Bauphase in den 1920er Jahren ausbrannte: In der Spitze arbeiteten hier rund 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Belieferung mit Kakao erfolgte über den Teltowkanal, zum Beispiel aus Hamburg, wo viele Güter aus den damaligen deutschen Kolonien per Schiff ankamen.
Denn Kakao war eine Kolonialware. Sarotti bezog den Rohstoff für die Schokoladenproduktion nach allem, was man weiß, zu einem erheblichen Teil aus Kamerun. Das Land war Anfang des 20. Jahrhunderts unter den deutschen Kolonien die mit dem höchsten Kakao-Export. Auszüge aus mehreren Kolonial-Handelsadressbüchern dieser Zeit dokumentieren, dass die "Sarotti Schokoladen- und Kakaoindustrie Aktiengesellschaft" aus Berlin unter anderem "Kamerun-Kakao" verwendete. Die große Menge kaufte man in Portugiesisch-Westafrika und Südamerika zu.
Um 1880 lag der Kakaoverbrauch bei 0,06 Kilogramm pro Kopf. 1884 begann Deutschland, sich als Kolonialmacht in Afrika auszubreiten. 1912 konsumierten die Deutschen 0,81 Kilogramm pro Kopf (derzeit etwa drei Kilo) und importierten etwa 52.000 Tonnen Kakao. Die Produktion der deutschen Kolonien lief allerdings schleppend an, nur ein Bruchteil kam von dort: Kamerun lieferte 5265 Tonnen, Samoa 890 Tonnen, Togo 335, Neu-Guinea 741 Tonnen.
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Werbung, Ikone und „Schokolonialismus“
Besonders an Sarotti ist aber vor allem die außergewöhnlich stark von kolonialen Klischees und rassistischen Bildern geprägte Werbung, die das Unternehmen bekannt machte. Die schon beschriebene Sarotti-Figur ist eines der bekanntesten Beispiele für die Art der Werbung mit der Kolonialwaren wie Kakao jahrzehntelang beworben wurden. Bis vor wenigen Jahren war hier auch noch die alte Werbefigur abgebildet, mit der Sarotti in den 1920er Jahren bekannt wurde: der "Sarotti-Mohr". Eine Schwarze Person, die in einem angeblich exotischen Outfit abgebildet, das an einen Diener erinnert.
Nach Kakaomangel und Produktionsrückgang wollte die Firma ihr 50-jähriges Bestehen feiern - mit dem Auftritt des Sarotti-Mohren am 27. August 1918. Sein Schöpfer Julius Gipkens (1883-1969) gehörte zu den Pionieren der modernen deutschen Plakatwerbung. Zum werblichen Geniestreich geriet das runde schwarze Gesicht mit knallroten Lippen und großen Kulleraugen, dazu die Babyproportionen - überdimensionierter Kopf und knuddelig kurze Gliedmaßen. Die Figur entsprach perfekt dem Kindchenschema, das der Verhaltensforscher Konrad Lorenz erst 1943 so benennen sollte. Das von der Evolution im Stammhirn eingebrannte Bild des Schutzbedürftigen funktionierte zuverlässig, Kundinnen riefen beim Anblick des Mohren unwillkürlich: „Oh, wie süß! Oh, wie niedlich!“
Am 22. November 1922 ließ Sarotti die Einzelfigur als Markenzeichen amtlich eintragen. Für Jahrzehnte wohnte der Sarotti-Mohr auf Schokoladentafeln, Pralinenschachteln sowie in den Herzen der Berliner und der Kundschaft weit darüber hinaus. Dass Schwarze dienend dargestellt wurden, wird den Generationen von Sarotti-Mohr-Liebhaberinnen und -Liebhabern nicht sonderbar vorgekommen sein. Hierarchie als Grundkonstellation der Gesellschaft stellten nur wenige infrage.
Das heutige Auge entdeckt an der Werbefigur Sarotti-Mohr alle Klischees, die einen Menschen aus dem Orient charakterisieren sollen: indischer Turban, osmanische Pluderhose, 1000-und-eine-Nacht-Schnabelschuhe. Mit Afrika hat diese Staffage nichts zu tun. Die Kombination der Kulturen nimmt die Orientalismusmode des 17. und 18. Jahrhunderts auf.
Kontinuität, Kritik und Umbenennung
Sarotti-Produkte wurden als edel vermarktet, hatten eine filigrane Prägung und behielten stets ihr "exotisches" Werbebild. Viele Menschen, die die Sarotti-Figur noch aus ihrer Kindheit kennen, verbinden sie noch heute mit sehr positiven Erinnerungen, sagt Johanna Strunge. Sie ist eine der Kuratorinnen der Ausstellung "Schokolonialismus" im Museum Tempelhof.
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"Die Figur ist der Freund und Wegbegleiter, der uns die Tafel Schokolade reicht, so die Erinnerung. Das liegt auch daran, dass nie aufgearbeitet wurde, dass das eben genau das Bild ist, was die Werbeindustrie Anfang des 20. Jahrhundert verbreitete", so die Einschätzung, die in der Ausstellung thematisiert wird. Genau das soll unter anderem mit der Ausstellung geschehen. Die Aufarbeitung der regionalen Kolonialgeschichte wird vom Land Berlin gefördert. Die Ausstellung Schokolonialismus ist ein Teil davon.
Die Marke Sarotti nutzt ihre alte Figur offiziell seit spätestens 2004 nicht mehr - zumindest nicht als Hauptlogo. Nach wiederholtem öffentlichen Druck wurde sie damals ersetzt durch einen "Sarotti-Magier", der allerdings immernoch wesentliche Merkmale der ursprünglichen Figur aufweist. Die Kleidung ist dieselbe wie früher, sodass jeder, der die alte, kolonialistisch-rassistische Sarotti-Figur kannte, zwangsläufig Assoziationen zu dieser herstellen wird. Noch 2022 war sie auf die Wand in den "Sarotti-Höfen" gemalt. Und sie tauchte über die Jahrzehnte auch immer wieder auf sogenannten "Nostalgie"-Editionen auf.
Sarotti im Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Auch in der NS-Zeit blieb Sarotti eine der führenden Schokoladen-Marken. Mutmaßlich aufgrund guter Verbindungen zum Nazi-Regime. Das legen Recherchen des Berliner "Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit" und ein firmeneigenes Fotoalbum, welches im Museen Tempelhof-Schöneberg zu sehen, ist nahe. Sarotti durfte selbst während des zweiten Weltkriegs weiter Süßwaren produzieren.
Dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zufolge musste Sarotti 1941 zwar rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Rüstungsindustrie abgeben, bekam dafür aber Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und Tschechien. Nach dem Krieg verlagerte sich der Hauptsitz schnell von Berlin ins Rheinland. In einem kleinen Werk in Marienfelde wird aber noch immer Schokolade für Stollwerck produziert.
Rückgang und Markenwandel
In den 1960er Jahren begann dann der Niedergang Sarottis, als sich der Schokoladenmarkt wandelte und die Firma Trends verpasste. Im Jahr 2025 ist Sarotti längst keine große Marke mehr in der Welt der Süßigkeiten. Und Berlin ist auch kein besonders wichtiger Ort mehr auf dem globalen Schokoladenmarkt.
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Die Markeninhaber beugten Ärger vor - seit 2004 trägt der Knabe ein goldenes Gesicht, heißt „Magier der Sinne“ und jongliert auf goldener Mondsichel mit Sternen. Die Firma Stollwerck und ihr Dachkonzern Baronie reagierten auf eine rbb-Anfrage zum Thema bislang nicht.
Kontext: Kolonialismus, Kakao und Gesellschaft
Die wirtschaftliche Entwicklung Sarottis, der Aufbau von Reichtum aus Kolonialwaren, ist nur ein mögliches Beispiel für die Ausbeutung der Kolonien des frühen 20. Jahrhunderts. Die deutschen Kolonien in Asien, Afrika und der Südsee bildeten 1914 das an Fläche drittgrößte Kolonialreich nach dem britischen und französischen. Gemessen an der Bevölkerungszahl lag es an vierter Stelle nach den niederländischen Kolonien.
Deutschland sah Kolonien als Auswanderungsziel für Siedler, als Rohstoffquelle und potenziell interessante Absatzmärkte. Reichskanzler Otto von Bismarck nannte die deutschen Kolonien „Schutzgebiete“ - eine beschönigende Bezeichnung für unverkennbar koloniale Strukturen. Die militärischen Einheiten nannte man „Schutztruppe“. Offiziell „schützte“ das Reich die Interessen privater deutscher Handelsunternehmen. Zur Bekämpfung von Aufständen entsandte das Reich auch reguläre Soldaten.
Der Geist: Ein Erlass des Deutschen Kolonialbundes formuliert die rassistische Grundhaltung: „Jeder Farbige hat einen Weißen als höherstehend zu betrachten. Die Herrlichkeit aus Kakao, Milch und Zucker steht exemplarisch für Wohlstandszuwachs und zunächst auch für die Aussicht auf „deutschen“ Kakao aus deutschen Kolonien. Die Spanier entdeckten [den Kakaobaum] nach ihrer blutigen Eroberung Mexikos. Die Azteken hatten die Pflanze bereits verwendet für ein bitteres Getränk.
Nachdem Kakao und Schokolade auch in Europa immer beliebter wurden, begannen die Kolonialmächte, die Pflanze in den tropischen Kolonien Afrikas anzubauen. Das geschah unter größtenteils menschenunwürdigen Bedingungen bis zur Versklavung. Die deutsche Kolonialzeit war kurz und enorm gewalttätig. Völkermord an den Herero, blutige Niederschlagung von Aufständen allenthalben - das war zu viel. Die Verdrängung schwindet nur langsam.
Ausstellung, Erinnerung und Aufarbeitung
Die Ausstellung "Schokolonialismus" will genau diese Verknüpfung von Genuss, Werbung und kolonialer Ausbeutung thematisieren. Die Aufarbeitung der regionalen Kolonialgeschichte wird vom Land Berlin gefördert. Die Ausstellung Schokolonialismus ist ein Teil davon. Genau das soll unter anderem mit der Ausstellung geschehen.
Wer könnte heute die deutschen Kolonien zumindest aufzuzählen? Viele Leute waren neugierig, wussten aber wenig über die Verhältnisse in Afrika, Nahost und Asien. Ihr Bild speiste sich aus Abenteuererzählungen wie den Fantasien von Karl May, aus dem Besuch von Völkerschauen oder aus Bildgeschichten wie dem populären Neuruppiner Bilderbogen.
Produkte, Nostalgie und Gegenwart
Wöchentlich solle in den 1920er Jahren rund 1,5 Millionen Tafeln über die Fließbänder in der Teilestraße gegangen sein. 1896 verkaufte Sarotti allein von seinem Erfolgsprodukt „Sahnen-Creme-Chokolade“ sechs Millionen Tafeln. Der Genuss von exotischen Waren entwickelte sich zur Massenerscheinung - da musste die passende Werbung her, sinnlich, verführerisch.
Österliche Sonderausführung: Sarotti-Mohr um das Jahr 2000 mit zu öffnendem Ei. Viele Menschen, die die Sarotti-Figur noch aus ihrer Kindheit kennen, verbinden sie noch heute mit sehr positiven Erinnerungen. Als Werbefigur taugt er nicht in einem sensibler werdenden Markt. Die Markeninhaber beugten Ärger vor - seit 2004 trägt der Knabe ein goldenes Gesicht, heißt „Magier der Sinne“ und jongliert auf goldener Mondsichel mit Sternen.
Bezug zu lokalen Herstellern: Wildbach Schokolade (Uetersen/Region)
Wildbach Schokolade - Fair. Ehrlich. Unsere erlesenen Schokoladenkreationen beinhalten nur ausgewählte Zutaten. Beste Kakaobohnen, überwiegend Trinitario aus Kolumbien. Faire Erntebedingungen. Keine Kinderarbeit. Lebenskunst/-kultur, echtes und bewusstes Genießen und damit auch Schokolade stand für uns schon immer im Mittelpunkt.
Wir entwickelten eigene Trinkschokoladen, ergänzten unser Sortiment mit Edelbränden, Tee, Wein und erweiterten um eine Espressobar. Zusammen mit den Chocolatiers unserer Manufaktur, Meister ihres Fachs, stellen wir unsere Produkte nach klar gesetzten Maßstäben her: höchste Qualität, beste Rohstoffe, keine künstlichen Zutaten und sonstige Fremdstoffe, und eine Herstellung von Hand.
2015 haben wir für Sie wieder die Kelle geschwungen und durch einen kreativen Schaffensprozess außergewöhnliche Sorten gezaubert - eine wahre Gaumenfreude für alle Schokoladenliebhaber. Egal ob mit leckeren Früchten veredelt oder durch unkonventionelle Füllungen aufgewertet, ein Geschmackserlebnis der besonderen Art wird bei unseren zahlreichen neuen Sorten auf jeden Fall garantiert.
2021: Am 01.07.2021 haben wir die Nachfolge geregelt und Wildbach an Andreas Mohrs weitergegeben. Andreas hat seit über 10 Jahren große Erfahrung im Bereich Schokolade und hat sein Unternehmen Chocion - Finest Chocolate aufgebaut. 2022: Im idyllischen Allgäu gründeten wir im Jahr 2022 eine Likörmanufaktur mit einer klaren Vision: Exzellente und hochwertige Liköre herzustellen, die nicht nur den Gaumen verwöhnen, sondern auch ethische Werte hochhalten.
Anfang 2024 wurde ein weiterer wichtiger Meilenstein erreicht: Wir sind nun eine „Bean to Bar“-Manufaktur! Dies bedeutet, dass wir den gesamten Herstellungsprozess von der Bohne bis zur fertigen Tafel, in unserer eigenen Hand haben. Besonders stolz sind wir darauf, dass wir jetzt auch unsere Kakaobutter selbst pressen. 2025: Erfolgreicher Start unserer Wildbach Kuvertüren. Ein Highlight des Jahres war die Einführung unserer Salted Caramel Kuvertüre.
Tabelle: Vergleich historischer Sarotti-Punkte und Wildbach-Modernisierung
| Aspekt | Sarotti (historisch) | Wildbach (aktuell) |
|---|---|---|
| Standort | Mehringdamm / Berlin | Allgäu / Bayern (Bean-to-Bar, Kuvertüren) |
| Rohstoffbezug | Kamerun, Kolonialwaren, internationale Importe | Ausgewählte Bohnen, überw. Trinitario, fair gehandelt |
| Werbung | Mohrenfigur, koloniale Klischees | Keine rassistischen Motive, Fokus auf Qualität & Fairness |
| Herstellung | Große Fabriken, Massenproduktion | Handwerklich, Bean-to-Bar, eigene Kakaobutterpresse |
| Soziale Aspekte | Einbindung kolonialer Strukturen, Zwangsarbeiter im Krieg | Faire Erntebedingungen, keine Kinderarbeit |
Die Geschichte von Sarotti zeigt exemplarisch, wie enge Verflechtungen von Genussindustrie, Werbung und kolonialer Ausbeutung zusammenwirken können. Gleichzeitig demonstriert der Wandel moderner Manufakturen wie Wildbach, wie heutiger Schokoladenbau verantwortlicher, transparent und qualitativ hochwertig gestaltet werden kann - mit Fokus auf fairen Rohstoffen, handwerklicher Fertigung und nachhaltigen Prozessen.
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