Ist roher Honig giftig für Säuglinge?
Schon vor langer Zeit haben die Ärzte in Ägypten, Griechenland und Rom auf die heilende Kraft von Honig gesetzt. Noch heute gehört eine warme Milch mit Honig zu den beliebtesten Hausmitteln, wenn Kinder unter Halsschmerzen oder Husten leiden. Doch was bei älteren Kindern einen erholsamen Schlaf und die Genesung fördern kann, bringt Babys im ersten Lebensjahr unter Umständen in Lebensgefahr. Darauf verweist die Stiftung Kindergesundheit in einem aktuellen Newsletter.
Warum Honig für Kinder zum Gift werden kann
Der Grund für die Warnung: Als Naturprodukt mit variierender Zusammensetzung kann Honig auch Sporen des hochgefährlichen Bakteriums Clostridium botulinum enthalten. Die Sporen des bedrohlichen Bakteriums können durch die Bienen in den Honig eingetragen werden. Die Sporen des Bakteriums Clostridium botulinum können als natürliche Kontaminanten in Honig vorkommen - auch bei sorgfältigster Arbeit der Imker. Die Bakterien stammen aus den Pollen oder dem Verdauungstrakt der Honigbiene, aber auch Staub und Erde kommen als Übertrager in Betracht.
Wenn Kinder vor ihrem ersten Geburtstag derart verunreinigten Honig konsumieren, besteht die Möglichkeit, dass sich das Bakterium im Darm ansiedelt, dort auskeimt und das Nervengift Botulinumtoxin produziert. Beim Säuglingsbotulismus infiziert sich der Säuglingsdarm mit dem Bakterium Clostridium botulinum. Die Sporen können im Darm auskeimen und ein muskellähmendes Gift produzieren. Die Darmflora eines Babys und auch die Immunabwehr sind jedoch in den ersten Lebensmonaten noch nicht vollständig entwickelt. Die Darmflora ist bei einem Baby noch nicht so weit entwickelt, als dass sie krank machende Keime wie Clostridien in Schach halten könnte. Deshalb sollten Säuglinge und Kinder im ersten Lebensjahr ebenso wie auch erwachsene Personen mit einem geschwächtem Immunsystem auf den Verzehr von naturreinem Honig verzichten.
Was ist Clostridium botulinum und das Botulinumtoxin?
Das Bakterium Clostridium botulinum zählt zu den klassischen Erregern von Lebensmittelvergiftungen. Das Bakterium bildet in verdorbenen Lebensmitteln die giftigste Substanz, die überhaupt bekannt ist: das Botulinumtoxin. Dabei handelt es sich um eines der stärksten bekannten Nervengifte. Es ist eine Million Mal giftiger als Zyankali. Unter sauerstofffreien Bedingungen in Lebensmitteln kann das Bakterium das Gift Botulinumtoxin produzieren.
Ausgelöst wird der Botulismus durch Botulinum-Neurotoxin (BoNT/Botox). Dieses Nervengift, das in der Kosmetikindustrie auch gegen Faltenbildung eingesetzt wird, hemmt die Signalübertragung zwischen Muskel und Nerven. Das Botulinumtoxin blockiert die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin an der Schnittstelle zwischen Muskel und Nerv. Das kann zu Muskelschwäche und Lähmungen führen. Die Neurotoxine selbst sind jedoch hitzeempfindlich und werden bei Temperaturen über 80 Grad zerstört.
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Symptome und Verlauf des Säuglingsbotulismus
Beim sogenannten Säuglingsbotulismus beträgt die Inkubationszeit ungefähr zehn Tage. Erste Anzeichen können eine Trinkschwäche, Schluck- und Sprachstörungen, eine Verstopfung oder eine Muskelschwäche sein. Letztere macht sich bei Babys beispielsweise dadurch bemerkbar, dass sie den Kopf kaum halten können. Darüber hinaus können Röcheln und Schnarchgeräusche auf Schwierigkeiten beim Atmen hindeuten. Bei Babys führen die Gifte zu lebensgefährlichen Nervenlähmungen. Diese fallen zunächst durch Verstopfung auf, später kommen Schlucklähmungen, Sehstörungen und Muskelschwäche hinzu.
Da die Symptome zu Beginn sehr unspezifisch sind, ist es für den behandelnden Arzt oft schwer, anhand der Beschwerden Botulismus zu diagnostizieren. Bei Säuglingsbotulismus können sowohl im Serum als auch in einer Stuhlprobe Erreger oder Gift nachgewiesen werden, weil die Bakterien im Darm besiedeln und fortlaufend Gift ausschütten. Da bei Botulismus die Atemlähmung droht, müssen Menschen mit einer Botulinumvergiftung auf der Intensivstation überwacht und behandelt werden. Bei Verdacht und nach Abwägen von Nutzen und Risiko kann ein Antitoxin verabreicht werden. Unter Umständen benötigen die Betroffenen eine künstliche Beatmung. Betroffene Babys müssen sofort intensiv-medizinisch versorgt werden. Wichtig zu wissen: Schon der Verdacht auf Botulismus muss dem Gesundheitsamt gemeldet werden.
Ist Honig in Säuglingsnahrung sicher?
Aufgrund der Gefahr eines Säuglingsbotulismus rät die Stiftung Kindergesundheit davon ab, Kindern unter einem Jahr Honig zu geben. Auch das Bestreichen der Brustwarze einer stillenden Mutter, des Schnullers oder des Trinkflaschen-Saugers mit Honig als Anreiz zum Trinken ist aus Sicht der Experten nicht empfehlenswert. Getränke für Babys sollten nicht mit Honig gesüßt werden.
Keine Gefahr sehen Experten allerdings in Säuglingsfertignahrung, Breien oder Keksen, die mit Honig gesüßt wurden. In diesen Produkten wird der Honig (bzw. Sirup) im Rahmen des Herstellungsprozesses in der Regel so hoch erhitzt, dass die gefährlichen Clostridium botulinum-Bakterien zuverlässig abgetötet werden. Theoretisch ist das Erhitzen von Honig, Ahorn- oder Maissirup möglich, allerdings müssten hierzu mindestens Temperaturen von 121 Grad Celsius erreicht werden, was in der häuslichen Küche nicht realistisch ist. In industrieller Herstellung ist das möglich, da dort strengere Vorgaben gelten.
Tabelle: Honigverwendung und Risiko für Säuglinge
| Produkt / Verwendung | Risiko für Säuglinge (<1 Jahr) | Begründung |
|---|---|---|
| Roher Honig (Löffel, Tee, Brei) | Hoch | Kann Sporen enthalten, Darmflora unreif → Keimung und Toxinbildung |
| Honig auf Schnuller / Brustwarze | Hoch | Direkter Kontakt führt zur Aufnahme von Sporen |
| Säuglingsfertignahrung mit Honig (industriell erhitzt) | Niedrig / unbedenklich | Herstellungsprozess tötet Bakterien in der Regel ab |
| Ahornsirup / Maissirup (roh) | Hoch | Ähnliche Kontaminationsgefahr wie Honig |
Weitere Risiken des Honigkonsums
Generell sollten auch ältere Kinder und Erwachsene Honig als Brotaufstrich oder als Süßungsmittel wegen des hohen Zuckergehaltes nur gelegentlich und in geringen Mengen verzehren, empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit. „Der im Honig enthaltene Zucker besteht zum Großteil aus den Einfachzuckern Fruktose und Glukose. Das sind für den Körper schnell verwertbare kalorienreiche Energielieferanten“, so Koletzko. Ihr regelmäßiger, hoher Verzehr begünstigt ebenso wie Rüben- oder Rohrzucker die Entstehung von Übergewicht und erhöht das Risiko für die Entstehung von Zahnkaries sowie der Stoffwechselkrankheit Diabetes mellitus.
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Praktische Empfehlungen für Eltern
- Geben Sie Babys unter einem Jahr keinen Honig, keinen Ahornsirup und keinen Maissirup.
- Bestreichen Sie weder Brustwarze, Schnuller noch Flaschensauger mit Honig.
- Bei industriell hergestellten Babynahrungsmitteln mit Honig besteht in der Regel kein Risiko.
- Beachten Sie bei Hauskonserven die doppelten Erhitzungsempfehlungen und entsorgen Sie aufgeblähte Dosen.
- Bei Verdacht auf Botulismus sofort ärztliche Hilfe suchen und das Gesundheitsamt informieren.
- Als natürliche Süßungsmittel für Babys eignen sich reife Früchte wie Banane besser und sind unbedenklicher.
Beruhigende Worte und Ausblick
Botulismus ist eine seltene Krankheit, die in Deutschland ausgesprochen selten vorkommt. Wir wollen dir aber auch ein paar beruhigende Worte mitgeben: Du musst jetzt nicht in Panik verfallen, weil nicht jeden Tag sauber gewischt wurde. Dein Baby hat schon wieder eine Portion Sandkuchen aus dem Sandkasten gegessen? Halb so wild. In der Regel kannst du deinem Kind nach seinem ersten Geburtstag etwas Honig anbieten. Wichtig hierfür ist, dass sich die Darmflora gut aufgebaut hat. Wenn das Verdauungssystem deines Kindes reif genug ist, kann es auch langsam die Vorteile von Honig genießen. Schließlich hilft dieser wunderbar bei Husten oder Erkältungen.
Die Stiftung Kindergesundheit und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte betonen gleichermaßen: Für Kinder und Erwachsene besteht die Gefahr einer Vergiftung nicht mehr, sobald die Darmflora stabil genug ist, um die Vermehrung von Clostridien und ihrer giftigen Produkte zu verhindern. Nach Ablauf des ersten Lebensjahres dürfen Kinder Honig in angemessenen Mengen konsumieren.
Das Stillen bleibt die natürlichste Möglichkeit, Ihr Kind ausgewogen zu ernähren, optimal vor Krankheiten zu schützen und ihm von Anfang an Geborgenheit zu bieten. Nach wie vor gilt Muttermilch im ersten Halbjahr als optimale Säuglingskost. Das beeinflusst auch das spätere Essverhalten, zumal es die meisten Nahrungsmittel überhaupt noch nicht kennengelernt hat, bevor es schon an Süßes gewöhnt ist.
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