Lindt Schokolade: Ethische Herkunft des Kakaos und Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette
Schokolade macht glücklich - zumindest diejenigen, die sie konsumieren. Kakaobäuerinnen und -bauern leiden jedoch häufig unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen bei viel zu niedrigem Lohn. Fair-Trade- und Nachhaltigkeits-Siegel sollen Abhilfe schaffen: Sie garantieren, dass die gesamte Lieferkette Mindeststandards bei der Entlohnung und Nachhaltigkeit einhält. Zumindest in der Theorie.
Woher kommt der Kakao für Lindt?
Die Realität sieht jedoch so aus, dass 70% der weltweit angebauten Kakaobohnen aus der Elfenbeinküste und Ghana stammen. Lindt & Sprüngli bezieht den Hauptanteil seiner Kakaobohnen aus Ghana, die es in Kilchberg und weiteren Fabriken weltweit zu Schokoladentafeln, Ostereiern und Pralinés weiterverarbeitet. Mit über 61.000 ghanaischen Kakaobauern und -bäuerinnen arbeitet das Unternehmen nach eigenen Angaben zusammen. Rund 90 Prozent davon stammen aus Ghana und der Côte d’Ivoire.
Die Kakaowirtschaft: Strukturen und Probleme
Etwa fünf bis sechs Millionen Kleinbauernbetriebe mit einer Größe von weniger als fünf Hektar produzieren 90 % des weltweiten Kakaos. Auf zwei Länder, Ghana und Elfenbeinküste, entfallen rund 60 % der weltweiten Kakaoproduktion. Die Landwirte verkaufen die Kakaobohnen an Sammelstellen, die sie in großen Mengen aus verschiedenen Regionen abholen, um sie an Händler und Börsen zu verkaufen, bevor sie von den Verarbeitern erworben werden. Für Hersteller, Marken und Einzelhändler ist es dann eine Herausforderung, die Ware bis zu ihrer Ursprungsplantage zurückzuverfolgen.
Druck auf Preise und die schwankende Nachfrage machen Kakaobauern anfällig für ein unsicheres Einkommen. In den 1970er Jahren erhielten Kakaobauern 50% des Wertes einer Tafel Schokolade. Heute ist dieser Wert jedoch auf nur noch 6% gesunken. Ein durchschnittlicher Kakaobauer in Ghana und der Elfenbeinküste verdient 40% des lokalen Mindesteinkommens, das zur Deckung der Grundbedürfnisse eines Haushalts erforderlich ist.
Armut, Existenzsicherung und Kinderarbeit
In der Elfenbeinküste und in Ghana arbeiten etwa 2,1 Millionen Kinder auf Kakaofarmen, von denen die meisten wahrscheinlich den schlimmsten Formen der Kinderarbeit ausgesetzt sind. Die meisten Kinder, die auf Kakaofarmen arbeiten, sind zwischen 12 und 16 Jahre alt, aber Reporter*innen haben auch von Kindern im Alter von 5 Jahren berichtet. 40% dieser Kinder sind Mädchen, und einige arbeiten bis ins Erwachsenenalter auf den Kakaofarmen.
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Obwohl Kinderarbeit in Ghana und der Elfenbeinküste illegal ist, ist sie immer noch eine wesentliche Säule der Kakaoproduktion. Die Kinder werden gezwungen, über ihr Alter zu lügen. In einer Untersuchung der Washington Post gab ein Kakaoarbeiter namens Abou Traore zunächst an, 19 Jahre alt zu sein, doch als der Bauer, der ihn beaufsichtigte, nicht hinsah, verriet Abou, dass er in Wirklichkeit 15 war.
Formen und Risiken der Kinderarbeit
Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) definiert Kinderarbeit als „Arbeit, die Kinder ihrer Kindheit, ihrer Möglichkeiten und ihrer Würde beraubt und die ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung schadet“. Kinder, die in der Kakaoproduktion arbeiten, können verschiedenen Risiken ausgesetzt sein:
- Lange Arbeitszeiten - manche müssen bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten.
- Gefährliche Werkzeuge - Kinder benutzen Kettensägen oder Macheten, klettern auf Bäume.
- Schweres Heben - gefüllte Säcke können mehr als 100 Pfund wiegen.
- Exposition gegenüber Agrarchemikalien - Kinder sprühen Gifte ohne Schutzkleidung.
- Fehlender Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln, sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und Bildung.
In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Kinder, die auf den Kakaofarmen landwirtschaftlichen Chemikalien ausgesetzt sind, enorm gestiegen: von 15% auf etwa 50%.
Kindermigration und Menschenhandel
Andere Arbeitskräfte stammen aus dem stetigen Strom von Kindermigranten, die von anderen Personen als ihren Eltern in die Elfenbeinküste gebracht werden. Mindestens 16.000 Kinder und möglicherweise noch viel mehr werden von anderen Personen als ihren Eltern gezwungen, auf westafrikanischen Kakaofarmen zu arbeiten. Häufig entführen Menschenhändler kleine Kinder aus Dörfern in Burkina Faso und Mali und verkaufen sie an Kakaobauern. Sobald sie zu den Kakaofarmen gebracht wurden, sehen die Kinder ihre Familien möglicherweise jahrelang nicht mehr.
Lindts Farming Program und die Praxis vor Ort
Das Lindt & Sprüngli Farming Program ist Teil der hauseigenen Nachhaltigkeitsstrategie und wurde entwickelt, um die Herkunft und Qualität der Kakaobohne zurückverfolgen zu können und einheimische Bauern - und ihre Gemeinschaften - bei einer erfolgreichen Entwicklung zu unterstützen. Lindt schreibt, das Programm wolle die Widerstandsfähigkeit der Kakaobäuerinnen und -bauern sowie ihrer Familien stärken und nachhaltigere Anbaumethoden fördern.
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Auf dem Papier ist Williams Farm ein „demo plot“, eine Demonstrationsfarm des Schokoladenproduzenten Lindt & Sprüngli. Das Schweizer Unternehmen bezieht den Hauptanteil seiner Kakaobohnen aus Ghana. Die Umsetzung in Ghana erfolgt durch mehrere Rohstoffhändler, die vor Ort aktiv sind. Ecom ist der wichtigste Partner von Lindt & Sprüngli in Ghana und setzt dessen Nachhaltigkeitsprogramm um.
Ecom-Agronom:innen brachten Sprayer, schnitten Bäume zurück und versorgten Bauern mit chemischem Dünger und Insektiziden. Die Ernten auf dem „demo plot“ waren gut; wesentlich besser als auf seinem restlichen Land. Ecom versammelte Kakaobäuer:innen aus der Umgebung für Trainings auf Williams Farm.
Kritik an Umsetzung und Transparenz
Recherchen zeigen jedoch, dass Lindt in Ghana weder über eine Niederlassung noch über Angestellte vor Ort verfügt, sondern das Programm an den Schweizer Rohwarenkonzern Ecom ausgelagert hat. Kinderarbeit ist ein Problem, das nicht nur Lindt, sondern zahlreiche Schokoladenkonzerne betrifft. Recherchen der «Rundschau» in Ghana zeigen Fälle von verbotener Kinderarbeit in Lindts Lieferkette; zum Beispiel schleppen sechs- bis achtjährige Kinder Kakaoschoten.
Seit 2016 führt der Konzern ein Kinderarbeitsmonitoring durch und setzt auf unangemeldete Besuche bei Kakaobauern. Bei 8.491 solcher Besuche im Jahr 2021 deckte Lindt 87 Fälle von Kinderarbeit auf. «Lächerlich wenig» findet ein ghanaischer Journalist: „Die Überwachung durch die Schokoladenfirma ist unzureichend.“ Zum Vergleich: Barry Callebaut hat im letzten Berichtsjahr 53.839 Fälle von Kinderarbeit bei seinen rund 250.000 Farmern in Westafrika festgestellt.
Pestizide, Gesundheit und Umweltstandards
Im Rahmen des Nachhaltigkeitsprogramms von Lindt & Sprüngli nutzen ghanaische Kakaobäuer:innen Pestizide, die in der EU und der Schweiz verboten sind - und gefährden damit ihre Gesundheit. Auf Williams Farm liegen leere Behälter von Insektiziden wie „Akate Star“. Die Insektizide „Confidor“ und „Akate Master“, die von Ecom-Agronom:innen gebracht wurden, enthalten Wirkstoffe, die in der EU und der Schweiz verboten sind, weil sie die menschliche Gesundheit und die Umwelt gefährden.
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Das „Pesticide Action Network“ (PAN) stuft bestimmte Wirkstoffe als „highly hazardous pesticides“ (HHP) ein. Sie können akute und chronische Gesundheitsschäden verursachen, die Funktion des Nervensystems sowie die Fortpflanzungs- und Entwicklungsfähigkeit beeinträchtigen. In Ghanas Kakaoanbau werden Wirkstoffe wie Bifenthrin, Imidacloprid und Thiamethoxam eingesetzt; Imidacloprid wurde in der EU wegen „inakzeptabler“ Risiken für Bienen 2018 verboten.
Wissenschaftliche Studien haben hohe Konzentrationen von Imidacloprid in Ghanas Böden nachgewiesen. Forschende fanden zudem Rückstände von Aldrin, Lindan und Endosulfan in Kakaobohnen - Wirkstoffe, die auf Verbotslisten internationaler Vereinbarungen stehen. Agrochemikalien werden oft falsch dosiert; Betriebe setzten bis zu 13-mal mehr Pestizide ein, als von den Herstellern empfohlen.
Zertifikate, Siegel und ihre Grenzen
Da die Industrie Schwierigkeiten hatte, ein eigenes System zur Überwachung von Kinderarbeit zu entwickeln, wandte sie sich zunehmend an Dritte: Fairtrade, UTZ und Rainforest Alliance kennzeichnen Produkte, die nach ihren ethischen Standards hergestellt wurden, zu denen auch ein Verbot von Kinderarbeit gehört. In den letzten zehn Jahren haben sich die Schokoladenunternehmen verpflichtet, immer mehr Kakao zu kaufen, der von einer dieser Gruppen zertifiziert wurde.
Die Wahrheit ist jedoch, dass Verbraucher heute keine sichere Möglichkeit haben, zu wissen, ob die Schokolade, die sie kaufen, in Sklaverei oder Kinderarbeit hergestellt wird. Zwischen einem Viertel und einem Drittel des gesamten Kakaos wird unter einem Zertifizierungssiegel angebaut; allerdings kann kein einziges Label garantieren, dass die Schokolade ohne ausbeuterische Arbeit hergestellt wurde. Externe Inspektoren müssen oft weniger als 10% der Kakaofarmen besuchen, Audits werden meist angekündigt, sodass Verstöße verborgen werden können.
Lindt & die Rainforest Alliance
Lindt gibt an, dass seit 2026 der gesamte Kakao von der Rainforest Alliance zertifiziert sei und dass das Farming Program auf dieser Zertifizierung aufbaut. Lindt nennt zudem Maßnahmen wie das Child Labor Monitoring and Remediation System (CLMRS), Pilotprojekte zur Agroforstwirtschaft und Investitionsziele, um existenzsichernde Einkommen zu fördern. Im Jahr 2025 startete Lindt ein Pilotprojekt zur Agroforstwirtschaft in der Elfenbeinküste mit 3.000 Hektar.
Marktcheck, Preise und Fairness
Die Verbraucherzentrale Hamburg hat stichprobenartig kleine und große Hersteller hinsichtlich ihres sozialen Engagements unter die Lupe genommen. Dabei zeigt sich, dass ein hoher Produktpreis nicht unbedingt für faire Bedingungen steht. Im Gegenteil: Günstige Eigenmarken und kleinere Unternehmen legen offenbar mehr Wert auf soziale Gerechtigkeit als die großen Player der Branche. Lindt & Sprüngli wurde im Report insbesondere kritisiert: Das Unternehmen ruft mit rund 37 Euro den höchsten Kilopreis der untersuchten Schokoladentafeln auf, investiere aber nicht ausreichend in soziale Gerechtigkeit.
In der Stichprobe garantieren nur wenige Anbieter existenzsichernde Löhne. Unter den überprüften Herstellern garantieren laut Verbraucherzentrale Hamburg nur die Marken Dennree, Rapunzel, Die Gute Schokolade und Tony’s Chocolonely nachweislich eine gerechte Beteiligung der Kakao-Bäuerinnen und -bauern. Fünf günstige Anbieter mit einem Kilopreis von rund zehn Euro weisen das unabhängige Fairtrade-Siegel auf.
Warum existenzsichernde Einkommen entscheidend sind
Das Hauptproblem für Bäuerinnen und Bauern ist die Bezahlung. Ein existenzsicherndes Einkommen deckt die Grundbedürfnisse der Produzenten ab, darunter Kleidung, gesunde Ernährung, Trinkwasser, Gesundheitsversorgung sowie die Möglichkeit, Ersparnisse anzulegen und Bildung zu finanzieren. Aktuell erhalten kakaoproduzierende Familien jedoch im Durchschnitt nur ein Drittel bis die Hälfte eines Einkommens, das als existenzsichernd gilt. Extreme Armut ist häufig die Folge.
Durch komplexe Lieferketten fühlen sich viele Schokoladenhersteller nicht für eine faire Entlohnung im unteren Teil der Kette verantwortlich. Sie könnten jedoch selbst mit den Produzenten verhandeln - man spricht dabei von Direct Trade. Dadurch werden Zwischenhändler und deren Gewinnmargen übersprungen und die Hersteller können die Arbeitsbedingungen der Produzenten direkt beeinflussen und verbessern.
Regulatorische Entwicklungen und Forderungen
Die Europäische Union verabschiedete eine Richtlinie zur Nachhaltigkeits-Due-Diligence von Unternehmen, die beeinflussen könnte, wie Arbeitspraktiken im Kakao verändert werden. Rückverfolgbarkeit und Transparenz bleiben für die Schokoladenindustrie chronische Probleme. Eine Untersuchung ergab, dass Mars nur 24% seines Kakaos auf Farmen zurückverfolgen kann; Hershey weniger als die Hälfte; Nestlé 49%.
Der UN-Sonderberichterstatter für toxische Substanzen und Menschenrechte empfahl der ghanaischen Regierung, sämtliche Importe von hochgefährlichen Pestiziden zu verbieten, die in den Herkunftsländern verboten sind. Es gehe um die Wahrung von Menschenrechten: „Jede Person in Ghana hat das Recht in einer sauberen, gesunden und nachhaltigen Umwelt zu leben.“
Was Verbraucherinnen und Verbraucher tun können
Informieren Sie sich über das Unternehmen, von dem Sie Schokolade kaufen. Achten Sie auf Zertifizierungen wie Fairtrade, UTZ oder Rainforest Alliance, aber prüfen Sie auch unabhängige Bewertungen und Berichte über die Praktiken des Unternehmens in Bezug auf Kinderarbeit. Bringen Sie Ihre Besorgnis über Kinderarbeit zum Ausdruck und fordern Sie Transparenz in der Lieferkette. Unterstützen Sie Kampagnen und Petitionen, die sich für Schokolade ohne Kinderarbeit einsetzen. Boykottieren Sie Produkte von Unternehmen, die sich nicht zu ethischen Praktiken verpflichten, und unterstützen Sie diejenigen, die dies tun.
Kleine und günstige Schokoladenhersteller setzen sich oft mehr für bessere Arbeitsbedingungen beim Kakaoanbau ein als die großen Marken. Das zeigt eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg. Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist die Vielzahl der Kennzeichnungen ein Problem: Die Label-Flut macht es im Supermarkt kaum möglich, eine Kaufentscheidung zugunsten fairer Anbieter zu treffen. Fairtrade bleibt eines der bekanntesten unabhängigen Labels und bietet verlässlichere Kriterien als unlabeled Produkte.
Handlungsoptionen beim Einkauf
- Bevorzugen Sie Produkte mit unabhängigen Siegeln (Fairtrade, Bio & Rainforest Alliance).
- Recherchieren Sie Herstellerberichte zur Rückverfolgbarkeit und zu existenzsichernden Einkommenszielen.
- Unterstützen Sie kleinere Marken und Programme, die nachweislich Bauernkooperativen stärken.
- Setzen Sie sich für politische Regelungen ein, die Transparenz und faire Preise entlang der Lieferkette erzwingen.
Tabelle: Vergleich ausgewählter Kriterien (vereinfachte Darstellung)
| Kriterium | Lindt (Angaben) | Fairtrade/Andere |
|---|---|---|
| Herkunft | Hauptsächlich Ghana, Côte d’Ivoire | Verschiedene Produzentenländer |
| Zertifizierung | Rainforest Alliance (ab 2026 für gesamten Kakao angegeben) | Fairtrade, Rainforest Alliance, UTZ (variabel) |
| Child Labor Monitoring | CLMRS für Teilnehmer am Farming Program | Freiwillige Kontrollsysteme, unabhängige Audits |
| Existenzsicherndes Einkommen | Ziel bis 2027 Projekte für 5.000 Bauern | Fairtrade: Mindestpreis + Prämie, oft nicht existenzsichernd |
Die Herausforderung bleibt groß: Während Schokoladenhersteller in Europa und den USA mit Kakao Milliardenumsätze machen, bleiben die Produzent:innen in Westafrika oft in Armut. Solange Rückverfolgbarkeit, transparente Bezahlung und unabhängige Kontrollen nicht flächendeckend umgesetzt werden, bleibt die Frage nach der ethischen Herkunft des Kakaos zentral für bewusste Konsumentinnen und Konsumenten.
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