Kinderarbeit im Kakao: Ursachen und Folgen für den Unterricht
Wer ein Stück Schokolade isst, dem ist selten bewusst, dass für die Erzeugung des Rohstoffs im grossen Ausmaß Kinder ausgebeutet werden. Die Schokoladenindustrie hat sich vor über 20 Jahren vertraglich verpflichtet, bis 2007 keine Kinderarbeit mehr auf den Kakaoplantagen zuzulassen. Doch halten sich die Konzerne daran?
Ausmaß und Verbreitung von Kinderarbeit im Kakaoanbau
In Ghana und der Elfenbeinküste, den zwei größten Erzeugerländern von Kakao in Westafrika, produzieren rund 2,5 Millionen Kakaobauern etwa 60 Prozent des Weltkakaos. Heute arbeiten 1,56 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren in Ghana und der Elfenbeinküste im Kakaosektor, dies ergab eine Untersuchung der Universität Chicago. Es wird geschätzt, dass allein in Westafrika mehr als zwei Millionen Minderjährige in diesem Bereich tätig sind, manche von ihnen gerade einmal 5 Jahre alt. Gut zwei Drittel der in Deutschland verbrauchten Kakaobohnen stammen aus Ghana und der Elfenbeinküste. Die Kinderarbeit ist sogar angestiegen: zwischen 2008/09 und 2018/19 um 14 Prozent, die gefährliche Kinderarbeit um 13 Prozent, bei einem Anstieg der Kakaoproduktion um rund 60 Prozent.
Tätigkeiten der Kinder auf den Plantagen
Kinder führen auf Kakaoplantagen die gleichen Tätigkeiten wie Erwachsene aus. Bis zu 14 Stunden täglich müssen sie dabei schuften. Sie benutzen Macheten, versprühen Pestizide ohne Schutzkleidung und schleppen schwere Lasten. Später steigen sie auf Leitern, um die Kakaoschoten mit scharfen Geräten von den Bäumen zu schneiden. Anschließend müssen sie sie mit gezielten Schlägen öffnen und die Kakaobohnen entfernen. Danach verladen sie sie in Säcke und tragen sie anschließend in weit entfernte Lagerstätten durch den Dschungel.
Gefahren und gesundheitliche Folgen
Die Arbeit in der Kakaoindustrie ist physisch äußerst belastend. Kinder müssen täglich unzählige Stunden in sengender Hitze verbringen und laufen dabei Gefahr zu dehydrieren. Zudem wirkt sich die starke Sonneneinstrahlung negativ auf Körper und Kreislauf aus. Die Kinder leiden unter Schwindel, Übelkeit und Kopfschmerzen. Der Umgang mit scharfen Messern oder Macheten führt immer wieder zu Schnittverletzungen. Wenn Kinder auf hohe Leitern steigen, besteht Sturzgefahr. Die Säcke mit Kakaobohnen, die Kinder nach der Ernte vom Feld transportieren müssen, wiegen bis zu 100 Pfund - viel zu viel für die nicht ausgewachsenen Körper von Minderjährigen. Die Folge sind bleibende Rücken- und Haltungsschäden. Da Kinder bei der Anwendung von Pestiziden keine Schutzkleidung tragen, vergiften sie sich mit den schädlichen Chemikalien. Dabei können sie Lungen- und Atemwegserkrankungen davontragen.
Kinderhandel, Zwangsarbeit und extreme Formen der Ausbeutung
In Westafrika werden Kinder für die Arbeit auf Kakaoplantagen an Menschenhändler verkauft - manchmal von Farmern, in einigen Fällen aber auch von ihrer eigenen Verwandtschaft. In den schlimmsten Fällen werden Kinder sogar von Menschenhändlern aus Staaten wie Mali oder Burkina Faso entführt und dann an Kakaobauern verkauft. Später hausen sie oftmals in fensterlosen, kleinen Unterkünften, schlafen auf Holzplanken und haben weder Zugang zu fließendem Wasser noch zu adäquaten, sanitären Einrichtungen. Nur selten können diese Kinder jemals eine Schule besuchen. Geschätzte 10.000 Kinder sind außerdem Opfer von Kinderhandel und Sklaverei.
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Ursachen: Warum Kinderarbeit im Kakao so weit verbreitet ist
Armut und Kinderarbeit hängen unmittelbar miteinander zusammen: Die meisten Kakaofarmer verdienen weniger als einen Dollar pro Tag. Sie leben in extremer Armut, da der Preis für ihre Ware viel zu niedrig ist. Die Kakaobäuerinnen und -bauern sind so arm, dass sie sich keine bezahlten Erntehelfer*innen leisten können, deshalb sind sie gezwungen, auf die kostenlose Arbeitskraft ihrer Kinder zurückzugreifen. Eine typische Kakaobauernfamilie in Ghana verdient 155 Euro im Monat, das ist die Hälfte dessen, was sie für ein existenzsicherndes Einkommen bräuchten. Das Geld, das sie für die rund 500 Kilogramm Kakaobohnen des einen Hektars bekommen, reicht hinten und vorne nicht.
Die internationale Aufteilung der Wertschöpfung verschärft das Problem: Gerade mal eine Handvoll Konzerne kaufen weltweit 5,5 Millionen Kleinbauern Kakaobohnen ab. Drei dieser Konzerne, Barry Callebaut, Cargill und Olam, vermahlen zwei Drittel der weltweiten Kakaoernte zu Kakaomasse. Das Institut Südwind hat ermittelt, dass die sechs Konzerne Mars, Mondelez, Nestlé, Ferrero, Meiji und Hershey’s zusammen drei Viertel des weltweiten Schokoladenmarkts kontrollieren. Diese Marktmacht hat dazu geführt, dass vom durchschnittlichen Preis einer Tafel Schokolade nur sechs Prozent an die Kakaobauern gehen.
Versprechen der Industrie und deren Versagen
Schon 2001 hatte die Schokoladenindustrie versprochen, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit auf Kakaoplantagen zu beenden. Am 19. September gibt es nichts zu feiern. An diesem Tag jährt sich zum 20. Mal das Versprechen der wichtigsten Vertreter der Schokoladenindustrie, Kinderarbeit beim Kakaoanbau bis 2005 zu beenden. Sie haben ihr im sogenannten „Harkin-Engel-Protokoll“ niedergeschriebenes Versprechen nicht gehalten, haben die Frist zuerst verschoben, auf 2008, dann auf 2010 und schließlich in Aussicht gestellt, bis 2020 die Kinderarbeit um 70 Prozent zu verringern. Auch das gelang den Schokoladenkonzernen nicht. Eine Studie im Auftrag der US-Regierung belegte im Oktober 2020, dass die Industrie dieses Versprechen gebrochen hat. Das Ziel wurde deutlich verfehlt.
Welche Maßnahmen existieren und wie wirksam sind sie?
Zwar gibt es inzwischen mehr zertifizierten Kakao, staatliche Vereinbarungen, sektorweite Kooperationen und nationale Multi-Stakeholder-Plattformen. Doch es mangelt an Rechenschaftspflichten, Transparenz und der rechtlichen Durchsetzung eingegangener Verpflichtungen, wie der Kakaobarometer 2020 kritisiert. Die Nachhaltigkeitssiegel UTZ und Rainforest Alliance schreiben keine Mindestpreise für Kakao vor. Das Fairtrade-Siegel verbietet Kinderarbeit und schreibt einen Mindestpreis vor, doch der ist nach Ansicht der entwicklungspolitischen Organisationen zu niedrig. Mehrere Studien zeigen, dass die meisten Fairtrade-zertifizierten Kleinbauern ebenfalls weit unter der Armutsgrenze ihr Dasein fristen.
Die internationale Arbeitsorganisation ILO fördert im Auftrag der Vereinten Nationen soziale Gerechtigkeit und Arbeitsrechte. 1999 definierte die ILO die schlimmsten Formen der Kinderarbeit und verpflichtete ihre Mitglieder dazu, diese unverzüglich zu beseitigen. Generell gilt bei der ILO 15 Jahre als Einstiegsalter für Arbeit.
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Beispiele für alternative Geschäftsmodelle
Vor diesem Hintergrund hat die Schokoladenfirma Tony’s Chocolonely mit Sitz in Amsterdam der Ausbeutung von Kindern den Kampf angesagt. Sie hat sich in wenigen Jahren von einer rein holländischen Firma zu einer globalen Marke entwickelt. Wir beziehen unseren Kakao von rund 8500 Bauern und ihren Kooperativen, denen wir höhere Preise zahlen. Zusammen mit unseren Partnerkooperativen spüren wir illegale Kinderarbeit mit einem umfassenden Monitoringsystem auf. Wir klären Eltern, Bauern und Lehrer unserer Partnerkooperativen über die illegale Arbeit Minderjähriger auf und tun alles, um sie aus der illegalen Beschäftigung zu holen. Im Jahr 2019/20 gab es bei uns 387 Fälle illegaler Kinderarbeit, in 221 Fällen haben wir es geschafft, für sie Alternativen zu schaffen.
Unsere Kakaobohnen sind zu 100 Prozent rückverfolgbar. Wir haben eine cloud-basierte Plattform entwickelt, den Beantracker, mit dem wir jeden einzelnen Kakaosack digital zurückverfolgen können. Außerdem wissen wir von unseren Partnerkooperativen, von welchem Kakaobauern unsere Bohnen stammen. Mit GPS-Satellitenbildern haben wir zudem fast alle Kakaofelder unserer Kooperativen erfasst. Damit garantieren wir, dass unsere Bauern nicht auf geschützten Flächen Kakao anbauen und Wälder zerstören.
Wir wissen, dass wir mit unserer jetzigen Produktion nicht die Schokoladenindustrie von Grund auf verändern können, wir brauchen Verbündete. Deshalb haben wir eine digitale Plattform eingerichtet, Tony’s Open Chain, auf der wir unsere Erfahrungen und Instrumente teilen. Sie steht allen Unternehmen offen, die eine gerechtere Kakaoindustrie wollen.
Politische Maßnahmen: Lieferkettengesetz und verbindliche Regeln
Regierungen müssen die Unternehmen gesetzlich verpflichten, etwas gegen moderne Sklaven- und illegale Kinderarbeit zu tun. Bereits 2011 haben Regierungen entschieden, dass Unternehmen für ihre Lieferketten verantwortlich sind, aber nur auf freiwilliger Basis. Solange das aber nur freiwillig ist, werden die Firmen kurzfristig Profite bevorzugen, anstatt dafür zu sorgen, die Menschenrechte in ihren Lieferketten durchzusetzen. Aber die Zeit für freiwillige Verpflichtungen ist vorbei. Wir benötigen klare Gesetze, mit denen die Firmen gezwungen werden, ihre volle Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es in ihren Lieferketten keine moderne Sklaven- und illegale Kinderarbeit gibt. Sonst wird sich grundlegend nichts ändern. Daher haben wir auch die Forderung nach einem deutschen Lieferkettengesetz unterstützt, mit einer klaren Sorgfaltspflicht für Menschenrechte und die Umwelt.
Gleichzeitig haben die Regierungen der Hauptanbauländer Schritte unternommen: Beispielsweise haben sie internationale Übereinkommen in nationale Gesetze zum Schutz vor Kinderarbeit umgesetzt. Auch sind ihre Investitionen in Bildung wichtig, um Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Ghana hat da große Fortschritte gemacht. Laut Weltkakao-Stiftung unterstützen die Konzerne die neue Mindestpreispolitik in Ghana und der Elfenbeinküste. Bauern sollen rund 1,2 Milliarden Dollar zusätzlich zum offiziellen Marktpreis erhalten. Die Regierungen garantieren inzwischen den Kakaobauern einen Ab-Hof-Preis von rund 1.840 Dollar pro Tonne für 2020/21.
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Konsequenzen für den Unterricht: Didaktische Anknüpfungspunkte
- Fachübergreifende Themen: Der Themenkomplex Kinderarbeit verbindet Geographie, Wirtschafts- und Sozialkunde, Ethik und Biologie (Pestizide, Gesundheit).
- Fallstudienarbeit: Nutzen Sie reale Berichte und Studien (z. B. Universität Chicago, Kakaobarometer 2020) für Quellenarbeit und kritische Analyse.
- Projekte und Handlungsorientierung: Schülerinnen und Schüler können Kampagnen entwickeln, Informationsmaterial gestalten oder Fairtrade-Produkte in der Schulkantine fördern.
- Mathematische Aufgaben: Rechenbeispiele zu Preisaufschlägen, Verteilung der Wertschöpfung und möglichen Preisänderungen, z. B. „Würde man den Bauern doppelt so viel bezahlen, würde die Tafel selbst nur wenige Cent teurer“.
- Debatten: Sollten Unternehmen gesetzlich zur Verantwortung gezogen werden? Welche Rolle spielt Konsumverhalten?
- Empirische Lernaufgaben: Analysieren von Gütesiegeln, kritische Bewertung von Nachhaltigkeitsprogrammen und deren Reichweite.
Unterrichtseinheit: Beispielstruktur
- Einführung mit einer Reportage oder dem Interview (Video) und anschließender Quellenarbeit.
- Arbeitsgruppen: Ursachenanalyse (Armut, Marktstruktur, Preise), Folgen (Gesundheit, Bildung) und Maßnahmen (Zertifizierungen, gesetzliche Regelungen, faire Preise).
- Projektarbeit: Entwicklung einer Informationskampagne oder eines Aktionsplans für die Schule (z. B. Umstellung auf Fairtrade-Schokolade im Schulcafé).
- Reflexion: Ethik-Debatte und persönliche Handlungsoptionen für Schülerinnen und Schüler.
Praktische Tipps für Lehrkräfte und Schüler
- Nutzen Sie authentische Berichte: Beispielsweise Augenzeugenberichte und Untersuchungen von NGOs oder Universitäten.
- Vergleichen Sie Zertifikate: UTZ, Rainforest Alliance, Fairtrade - was wird tatsächlich garantiert und welche Mindestpreise existieren?
- Diskutieren Sie Alternativen: Produkte, die in den Herkunftsländern verarbeitet werden (z. B. Fairafric) oder Unternehmen, die höhere Preise zahlen (z. B. Gepa).
- Verknüpfen Sie lokale Aktivitäten mit globalem Lernen: Faire Beschaffung in der Schule, Informationsstände, Kooperationen mit Weltläden.
Konkrete Verbraucher- und Handlungstipps
Nur Schokolade mit dem Fairtrade-Siegel kaufen. Viele Kaufhäuser und Lebensmittelgeschäfte bieten solche Produkte an. Außerdem gibt es Weltläden, die Produkte anbieten, welche die Existenz der Erzeuger im Süden sichern. Sie sind alle fair gehandelt und viele stammen bereits aus ökologischer Produktion. Bewertungslisten, wie sie Green America vorschlägt, sind sehr hilfreich, weil sie dem Verbraucher sehr klar zeigen, welche Unternehmen ihre Verantwortung ernst nehmen und wirklich etwas verändern wollen.
Wichtige Fakten und Zahlen (Kurzüberblick)
| Thema | Zahl / Aussage |
|---|---|
| Anteil Ghana + Elfenbeinküste an Weltkakao | ca. 60 % |
| Anzahl Kinder in Kakaoanbau (Ghana + Elfenbeinküste) | rund 1,56 Millionen |
| Steigerung Kinderarbeit (2008/09-2018/19) | +14 % (Kinderarbeit), +13 % (gefährliche Kinderarbeit) |
| Durchschnittliches Einkommen Kakaobauer | ~0,78 USD am Tag (genannte Zahl) |
| Anteil des Verkaufspreises, der bei Bauern ankommt | ca. 6 % einer Tafel |
Quellen und weiterführende Materialien für den Unterricht
- Untersuchungen der Universität Chicago zum Thema Kinderarbeit in Ghana und der Elfenbeinküste.
- Kakaobarometer 2020: Kritische Analyse von Rechenschaftspflichten und Marktstrukturen.
- Berichte und Interviews von Tony’s Chocolonely und Fallbeispiele alternativer Geschäftsmodelle (Beantracker, Tony’s Open Chain).
- Materialien von NGOs: Inkota, FIAN, Weltläden und Fairtrade-Informationen.
Für den Unterricht bietet das Thema zahlreiche Zugänge: Es lässt sich lokal verankern (Konsum in Deutschland, Beispiel Supermärkte), global vernetzen (Lieferketten, Marktstruktur) und fachübergreifend bearbeiten (Ethik, Politik, Wirtschaft, Geographie). Das Ziel ist, dass Schülerinnen und Schüler die Verbindungen zwischen Konsum, Marktkräften und menschenrechtlichen Folgen verstehen und eigene Handlungsmöglichkeiten erkennen.
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