Elbflorenz Schokolade – Geschichte, Produktion und Schicksal eines DDR-Süßwarenbetriebs
Wer heute durch Dresden läuft, ahnt kaum noch, dass diese Stadt einst das Zentrum der deutschen Schokoladenindustrie bildete. Vor dem Ersten Weltkrieg stammte fast jede dritte in Deutschland verzehrte Tafel Schokolade aus den Fabriken an der Elbe. Namen wie Hartwig & Vogel oder Riedel & Engelmann prägten ein goldenes Zeitalter, das eng mit der hiesigen Maschinenbauindustrie verknüpft war. Doch für die ostdeutsche Identität und die kollektive Erinnerung der Region wiegt die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schwerer.
Nachkriegszeit, Enteignung und Bildung des VEB Elbflorenz
Wie in ganz Deutschland waren auch im Osten zahlreiche Betriebe der Schokoladenbranche zerstört, oder im Krieg zu Rüstungsbetrieben umgebaut worden. So war eine schnelle Wiederaufnahme einer kontinuierlichen Produktion, auch wegen fehlender Rohstoffe nicht möglich. Auch die Trennung von den anderen Besatzungszonen schafft Probleme. Mit dem „Volksentscheid in Sachsen“ vom 30. Juni 1946 über die „Enteignung der Naziaktivisten und Kriegsverbrecher“ begann man in der Deutschen Demokratischen Republik damit die meisten Betriebe in Volkseigentum umzuwandeln.
Der VEB Dresdner Süßwarenfabriken Elbflorenz, auch VEB Elbflorenz, wurde 1946 aus der zwangsenteigneten Schokoladenfabrik Hartwig & Vogel sowie weiteren Süßwarenunternehmen, beispielsweise Riedel & Engelmann, Gerling & Rockstroh und „Dr. med. Sperber Dresdner Schokoladen- und Süßwarenindustrie“, gebildet. Der Hauptsitz des VEB befand sich auf dem früheren Betriebsgelände von Hartwig & Vogel an der Rosenstraße 32, Ammonstraße 86 und Freiberger Straße 25-29 (Werk I, auch Werk „Tell“).
Produktionsprogramm und besondere Erzeugnisse
Der VEB Elbflorenz stellte unter anderem den bekannten „Tell-Apfel“, Schocarrés (ostdeutsche Schogetten), Apfelkorn-Pralinen, Schoko-Ostereier, Schokoladenblumen, bunt gefüllte Dragees und „Silva-Bonbons“ her. Die Marzipanprodukte von Elbflorenz, etwa Marzipanbrote, -kartoffeln und -früchte, waren Exportschlager, die teilweise extra für westdeutsche Firmen hergestellt wurden.
Gearbeitet wurde außer sonntags in drei Schichten rund um die Uhr. Für die Beschäftigten änderte sich der Arbeitsalltag jedoch weniger durch die Ideologie als durch die Ressourcenknappheit. Für Männer wie Werner Mühle, der fast vier Jahrzehnte im Betrieb arbeitete und es bis zum Obermeister brachte, war die Arbeit an den Maschinen oft noch Vorkriegsmodelle oder Eigenentwicklungen des VEB Nagema; sie verlangte den Arbeitern viel ab. Es war eine körperliche, laute Arbeit, die jedoch eine starke soziale Kohäsion erzeugte. Der Betrieb war mehr als eine Produktionsstätte; er war sozialer Ankerpunkt, Ort für Feiern und das gemeinsame Bewältigen des Alltags.
Lesen Sie auch: Hype, Inhaltsstoffe und Qualität: Dubai-Schokolade im Vergleich
Rohstoffknappheit, Ersatzschokoladen und Qualität
Die Qualität und Menge der in der DDR angebotenen Schokoladenwaren hängt stark von der Verfügbarkeit der Rohstoffe ab. So stehen nicht immer ausreichend Devisen zum Import von Rohkakao zur Verfügung. F.O. Mangels Rohstoffen wurden in den Nachkriegsjahren oft Ersatzschokoladen hergestellt. Recht erfolgreich war die ab 1953 erhältliche Vitalade, hergestellt unter anderem aus Haferflocken, Braumalz, Sojamehl und gehärtetem Pflanzenfett. Kaum war wieder richtige Schokolade verfügbar, ging der Absatz der Ersatzschokoladen schnell wieder zurück.
Noch bevor im Westen die Produktion wieder aufgenommen werden konnte wurde im Osten die erste Nachkriegsschokolade produziert. Die Firma Berger in Pößneck konnte 1948/49 für einen niederländischen Händler Schokolade produzieren. Den Rohkakao dafür lieferte der Händler. Dem Unternehmen gelang es eine höhere Kakaoausbeute zu erzielen und so konnte aus dem restlichen Kakao die erste Schokolade für den Inlandsmarkt produziert werden. Ab 1953 kommt auch wieder Schokolade in die Geschäfte der DDR.
Sind genug Rohstoffe vorhanden, liefert die ostdeutsche Süßwarenindustrie die gleiche Qualität wie die Nachbarn im Westen. Waren Schokoladenersatzprodukte im Westen längst verschwunden, gab es sie im Osten bis zum Ende der DDR. Das bekannteste Produkt war die „Schlager Süßtafel“ von Zetti, die ganz ohne Kakaobestandteile auskam.
Organisation, Erweiterung und Vernetzung
1982 wurde der VEB Vadossi Radebeul als Werk 2 dem VEB Elbflorenz angegliedert. Produkte wie Nudossi wurden bei VADOSSI hergestellt; die genaue Rezeptur blieb oft ein wohlgehütetes Geheimnis. Spätestens mit der großen Enteignungswelle von 1972, als die letzten halbstaatlichen Betriebe in Volkseigentum überführt wurden, verschwanden die traditionsreichen Familiennamen endgültig hinter der Fassade des VEB Elbflorenz.
Arbeit, Anspruch und „Weltniveau“ trotz Beschränkungen
Es ist eine in der Rückschau oft übersehene Nuance der DDR-Arbeitswelt: Der Anspruch, trotz begrenzter Rohstoffe „Weltniveau“ zu produzieren. Werner Mühle und seine Kollegen orientierten sich weniger an politischen Parolen als an der Qualität des Endprodukts. Die Diskrepanz zwischen dem, was technisch und handwerklich möglich war, und dem, was im Konsum-Regal landete, gehörte zur Normalität. Produkte wie die Nuss-Nougat-Creme Nudossi, 1968 eingeführt, waren zwar beliebt, aber aufgrund der Rohstoffsituation teuer und limitiert.
Lesen Sie auch: Schnelle Schokoladenhärtung
Der Zusammenbruch nach 1989 und das Ende des VEB Elbflorenz
Mit dem Ende der DDR 1989/1990 werden zahlreiche Betriebe der Schokoladenindustrie geschlossen, von Firmen aus dem Westen aufgekauft oder privatisiert. Der Absatz ging enorm zurück, keine Bank gab einen Kredit, sodass schließlich Geld für Wareneinkauf und Löhne fehlte. Anfang April 1990 erhielten zunächst 300 von 530 Mitarbeitern die Kündigung. Bereits im Frühsommer waren alle Rohstoffe aufgebraucht, sodass die Mitarbeiter die Produktion einstellten.
Vom 1. Juli 1990 bis 30. September 1991 wickelte eine kleine Gruppe langjähriger Beschäftigter den VEB Elbflorenz ab. Die erst 1988 von einer Schweizer Firma aufgestellten Verpackungsmaschinen wurden demontiert, historische Technik an Sammler verkauft, das gesamte Werk entkernt. Die Grundstücke gingen an die neugebildete Elbflorenz Grundstücksgesellschaft. Im Herbst 1991 rückten Abrissbagger an und machten das gesamte Firmengelände dem Erdboden gleich. Dort entstand anschließend das World Trade Center.
Nachwirkungen, Ostalgie und heutige Erinnerungskultur
Ostdeutsche Schokoladenprodukte verschwinden zunächst völlig vom Markt der jetzt von westdeutschen und internationalen Marken beherrscht wird. Erst einige Jahre später kommen mit der „Ostalgie“ ehemalige DDR-Marken zurück auf den Markt. DDR-Süßigkeiten wie Zetti, Argenta, Rotstern und Halloren sind weiterhin beliebt und erhältlich. Bekannte Produkte sind Knusperflocken, Halloren Kugeln, Bambina, Schlagersüsstafel, Brocken-Splitter, Katzenzungen und Russisch Brot. Diese Produkte sind in Supermärkten und Online-Shops zu finden.
Interessanterweise schließt sich der Kreis heute nicht durch große industrielle Komplexe, sondern durch eine Rückbesinnung auf das Handwerk. Wenn heute in kleinen Manufakturen wie bei Susan Tutzschky wieder alte DDR-Maschinen des Typs Nagema laufen, dann geschieht dies nicht aus nostalgischer Verklärung. Diese massiven Anlagen aus Gusseisen werden geschätzt, weil sie langlebig sind und Ergebnisse liefern, die moderne Hochleistungsanlagen kaum erreichen. Die Schokolade in Dresden ist heute wieder ein Genussmittel und kein politikum mehr, doch in den Rezepturen und den ratternden Walzwerken lebt die industrielle DNA der Region fort.
Wichtige Firmen und Marken aus der Region - Kurzüberblick
| Firma / Marke | Kurzinfo |
|---|---|
| Hartwig & Vogel | Traditionsbetrieb, zwangsenteignet; Teile gingen in VEB Elbflorenz auf. |
| Riedel & Engelmann, Gerling & Rockstroh, Dr. med. Sperber | Weitere Vorgängerbetriebe, in Elbflorenz integriert. |
| VEB Vadossi Radebeul | Als Werk 2 1982 dem VEB Elbflorenz angegliedert; Hersteller u. a. Nudossi. |
| Zetti / Goldeck | Bekannt für Schlagersüsstafel; produzierte Ersatz- und Nostalgieprodukte. |
| Halloren (Halle) | Älteste aktive Schokoladenfabrik Deutschlands; bekannt für Halloren-Kugeln. |
Quellenhinweis und weiterführende Literatur
Für weitere umfangreiche Informationen und Quellen zur Geschichte von Schokolade und Süßwaren in der DDR ist das Buch „Geschichte der Süsswarenindustrie der DDR“ von Dr. Michael Heinemann sehr zu empfehlen. Es beleuchtet alle Aspekte der Süßwarengeschichte, von Politik und Wirtschaft bis hin zu Konsumenten und Arbeitern der Süßwarenindustrie. Jürgen Helfricht: Der Nudossi Code. Backrezepte & Kochideen. Die Geschichte der Nuss-Nougat-Crème. Husum 2012. S. bietet ergänzende Einblicke in Produkte wie Nudossi.
Lesen Sie auch: Alles über Camondas Dubai Schokolade
tags: #Elbflorenz #Schokolade #DDR #Geschichte


