Die Geschichte und Herstellung der DDR-Nougatstange – Vom Café Viebahn zur Viba Nougat-Welt

Die DDR-Nougatstange aus Schmalkalden gilt heute als legendäre Spezialität und ist untrennbar mit der deutschen Süßwarengeschichte verbunden. Ihre Wurzeln, Rezeptur und Faszination reichen bis ins ausklingende 19. Jahrhundert zurück, wo alles mit der Gründung eines kleinen Cafés in Thüringen begann. Von den Anfängen als handwerkliche Delikatesse entwickelte sie sich zum Kultprodukt, das selbst in Mangelzeiten heiß begehrt war und nach der Wende weltweite Aufmerksamkeit erregte.

Von den Ursprüngen zum Nougatchampion - Historische Entwicklung

Am 15. Juli 1893 gründete der Konditormeister Willy Viebahn gemeinsam mit seiner Schwester Anna Reim das Café Viebahn in Schmalkalden. Nach dem Tod von Willi Viebahn im Jahr 1913 übernahm Anna Reim mit ihren Kindern Edith und Paul die Verantwortung für die Firma. Nach dem ersten Weltkrieg investierten Anna Reim und ihr Sohn in eine kleine Fabrik, da ihr Nougat im Café sehr beliebt war. Ein eigenes Vertreternetz wurde in Deutschland aufgebaut, die Süßwaren wurden bald im ganzen Land vertrieben.

Blick auf das historische Café Viebahn in Schmalkalden

Die Geburtsstunde der Nougatstange

1920 begann zusätzlich die Produktion von Nougat und Marzipan, das deutschlandweit angeboten wurde. Die rasant ansteigende Nachfrage nach Nougat konnte bald nicht mehr gedeckt werden. Eine automatische Packmaschine musste her. Die rettende Idee lieferte ein befreundeter Zigarrenfabrikant: Mit einer umfunktionierten Zigarrenpackanlage wechselte die Nougatform vom Block in die heutige Stangenform. So konnten 30 Nougatstangen pro Minute in Stanniol verpackt werden und der Nachschub war gesichert! Heute sind es 155 Stangen pro Minute.

Industrielle Blütezeit und Krisenjahre

1927 wurde eine eigene Fabrik errichtet, die bereits 1935 rund 350 Mitarbeiter beschäftigte und über 500 Produkte herstellte. In den dreißiger Jahren stand allerdings nicht die Nougatstange, sondern ein umfangreiches Sortiment von Marzipanfiguren im Mittelpunkt, die deutschlandweit erfolgreich vertrieben wurden. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg führten zu einem starken Rückgang der Industrieproduktion und zu Rohstoffknappheit. Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Unternehmen Kunsthonig, Füllungen und Backmassen statt Nougat gefertigt, da die Versorgung mit Kakao, Haselnüssen und Mandeln erschwert war.

Historisches Werksfoto der Nougat- und Marzipanfabrik in Schmalkalden

Neuanfang in der Nachkriegszeit und Verstaatlichung

Mit einer Tagesmenge von rund 600 Kilogramm Nougat kam die Produktion nach dem Krieg wieder in Schwung. Ab 1958 wurde das traditionsreiche Unternehmen teil- und 1972 vollverstaatlicht und trug dann den Namen „VEB Nougat- und Marzipanfabrik Schmalkalden“. Der Import und die Zuteilung von Rohstoffen wie Haselnüssen und Kakao wurden fortan staatlich reguliert. Für die Nougatfertigung konnten nun jährlich meist nur etwa 100 Tonnen Haselnüsse beschafft und ca. 250 Tonnen Nougat hergestellt werden. Die Produktionsmengen konnten die Nachfrage nie decken.

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Aus Parteikreisen wurde mehrfach gefordert, die teuren Haselnüsse mit Erdnüssen zu strecken. Der verantwortliche Produktionsleiter Ernst Linde widersetzte sich diesem Ansinnen jedoch denkbar resolut. So blieb die Rezeptur während der gesamten DDR-Zeit unverändert und unverwechselbar im Geschmack.

Nougatstangenherstellung - Haselnüsse im Röster

DDR-Zeit: Die heiß begehrte „Bückware“

Nougat aus der Thüringer Fabrik avancierte zu einer gefragten Rarität, der sogenannten „Bückware“. Lieferungen wanderten nicht normal in die Regale, sondern wurden oft von der Kassiererin unter der Kasse versteckt. Für bevorzugte Kunden gab es die Nougatstange also „unterm Ladentisch“ zum Preis von 1,44 Mark, was bei einem durchschnittlichen Monatslohn von ca. 600 Mark nicht billig war.

Die Kaugummiproduktion wurde auf Anforderung der DDR-Wirtschaftsplaner 1978 nach Bernburg (Sachsen-Anhalt) verlagert. Während der DDR begann daneben auch die Produktion von Fruchtriegeln - mit Beteiligung von Sportmedizinern und Nationaltrainern der DDR.

Die Herstellung: Handwerk, Technik und Originalrezeptur

Bis heute ist das Rezept für die Nougatstange weitgehend unverändert. Die Produkte werden aus hochwertigen und durch Steinwalzen extrem fein gemahlenen und frisch gerösteten Haselnüssen, bestem Kakao und kalifornischen Mandeln gefertigt.

Querschnitt durch eine klassische Viba-Nougatstange

Produktionsschritte im Überblick

  1. Nüsse rutschen säckeweise in den Röster.
  2. Die Masse aus gerösteten Haselnüssen, Mandeln und Kakao wird auf einem Förderband zur Walzstraße transportiert.
  3. Hier wird sie extrafein gewalzt, damit sie besonders cremig im Mund schmilzt.
  4. Die fertige Nougatmasse wird zu Stangen oder Riegeln geschnitten und gewogen.
  5. Anschließend erfolgt die Qualitätskontrolle.
  6. Am Ende werden die Stangen automatisiert in Stanniol verpackt.
Entstehung und Fertigung der Nougatstange - Betriebsbesichtigung Viba

Funktion und Varianten der Nougatstange

Nougat aus Thüringen war nicht nur als Snack beliebt, sondern konnte auch als Kuchenzutat oder Bestandteil von hausgemachtem Nussaufstrich verwendet werden. Ein spezielles Kochbuch verrät entsprechende Rezepte, und an dieser Tradition hält das Unternehmen auch heute noch fest: Es gibt Broschüren mit Backtipps und ein Rezeptforum auf der Unternehmenswebseite. Bäckereien und Restaurants beziehen Nougat als Rohmasse für die Tortenproduktion.

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Von der Treuhand zur Viba Sweets GmbH: Moderne und Globalisierung

Nach der Wende trat die Treuhandanstalt in den Betrieb ein. Ende 1992 drohte die Schließung, da kein Käufer für die Fortführung gefunden werden konnte. Schließlich übernahmen ein ehemaliger Unternehmensberater und ein früherer Produktionsleiter von Viebahn das Unternehmen, das 1996 in Viba Süßwaren GmbH und 2002 in Viba Sweets GmbH umfirmiert wurde.

Viba Nougat-Welt: gläserne Praline und touristische Attraktion

Seit 2004 baut das Unternehmen sein mittlerweile aus rund 44 Filialen bestehendes Verkaufsnetz aus. 2012 wurde nach 18 Monaten Bauzeit die Viba Nougat-Welt in Schmalkalden eröffnet - ein Besucher- und Erlebniszentrum, das jährlich etwa 130.000 Gäste anzieht.

Rekorde und Innovationen

Am 15. September 2000 stellte Viba die weltgrößte Nougatstange her - mit einem Durchmesser von 50 cm, drei Metern Länge und 750 kg Gewicht entsprach sie ca. 15.000 normalen Nougatstangen und erreichte einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Heute reicht die Palette von über 500 verschiedenen Viba-Produkten: Nougat und Marzipan, Pralinen, Schokolade, Dragees, Fruchtriegel und Zuckerkissen - darunter mehr als 30 feinste Nougat-Spezialitäten.

Vom Kultprodukt zum Exportschlager

Nougatstangen aus Südthüringen waren in der DDR eine heiß begehrte Süßigkeit. Inzwischen hat sich der Riegel erfolgreich gegen Twix, Snickers und andere Westprodukte behauptet. In den letzten Jahren wurden viele Produktinnovationen wie Ruby- oder Blonde-Schokolade erstmals von Viba auf den deutschen Markt gebracht. Das Unternehmen setzt bei der Qualität auf hausinterne Nachwuchsförderung - die Ausbildung zum „Nougatmeister“ dauert Jahrzehnte.

Unterschiedliche Sorten der Nougatstange aus Thüringen

Gegenwart und Zukunft

"Unser Kerngeschäft liegt zwar immer noch in den neuen Ländern. Aber wir wachsen stetig", beschreibt Viba-Sweets-Geschäftsführer Holger Storch die Marktentwicklung. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen einen Umsatz von sieben Millionen Euro. Bei einer Umfrage unter Küchenchefs und Patissiers von Großhotels errang Nougat aus dem Kreis Schmalkalden-Meiningen 2001 Bestnoten und verwies vier Konkurrenzprodukte auf die Plätze. 2016 übernahm Viba die Confiserie Heilemann im Allgäu; der summierte Umsatz der Gruppe stieg dadurch auf 50 Mio. Euro. Immer noch garantieren Originalrezeptur und traditionelle Handwerkskunst den Erfolg der Nougatstange, und ihre Beliebtheit ist - damals wie heute - ungebrochen geblieben.

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Tabelle: Meilensteine der Nougatstange aus Thüringen

Jahr Ereignis
1893 Gründung des Café Viebahn und Start der Süßwarenproduktion
1920 Beginn der Nougat- und Marzipanproduktion
1927 Bau der ersten Fabrik, Herstellung von 500 Produkten
1935 350 Mitarbeiter, Markenaufbau
1958/1972 Teil- und Vollverstaatlichung (VEB Nougat- und Marzipanfabrik)
1989/1992 Übernahme durch Treuhand, Privatisierung, Umbenennung zu Viba
2000 Herstellung der größten Nougatstange der Welt
2012 Eröffnung der Viba Nougat-Welt als Tourismusmagnet
2016 Übernahme der Confiserie Heilemann

Ihre Geschichte spiegelt eindrucksvoll deutsche Wirtschaftsgeschichte, Traditionsbewusstsein und Innovationskraft wider - und zeigt, dass der unverwechselbare Geschmack und die Form der DDR-Nougatstange Generationen begeistert.

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